„Si vis pacem, para bellum“ – Ein antiker Spruch, der keiner ist

Es hört sich im ersten Moment paradox an, doch der Spruch „Wenn du Frieden willst, bereite den Krieg vor“ und der Gedanke dahinter spielte vor allem in der Zeit des Kalten Kriegs eine große Rolle. Und seit dem russischen Angriff auf die Ukraine ist er wieder da. Aber: Wo kommt er überhaupt her?

Antiker Ursprung – Ach nee, doch nicht.

Natürlich aus der Antike. Sonst gäbe es diesen Beitrag bei Einfach Antike nicht. Zumindest, müsste man sagen, wird der Spruch gelegentlich auf Latein zitiert: Si vis pacem, para bellum. In seiner lateinischen Version war der Spruch in der Neuzeit so bekannt, dass eine deutsche Waffenfirma eine ihrer Produktlinien für Pistolen und Gewehre sogar danach benannte: Parabellum. 

In dieser Form ist der Spruch aber in der Antike gar nicht belegt. Am nächsten kommt ihm eine Formulierung beim ziemlich wenig bekannten spätantiken Schriftsteller Vegetius. Der hat ein Fachbuch über das Kriegs- und Militärwesen verfasst, und da fällt an einer Stelle der Satz: Qui desiderat pacem, bellum praeparet. Zu deutsch: Wer den Frieden wünscht, der bereite den Krieg vor.1 

Da kann man jetzt sagen: Ja, ist doch praktisch dasselbe. Das stimmt auch. Sprachlich ist da kein großer Unterschied zu finden. Also Haarspalterei bei Einfach Antike? Nicht ganz, denn das Zitat sollte man sich trotzdem genauer anschauen, und zwar wegen des Kontexts. 

Vercigetorix kapituliert vor Caesar, Gemälde von Lionel Royer, 1899 (gemeinfrei)

Wie man das Zitat heute meist versteht

Bevor wir uns das genauer anschauen, sollte man aber vielleicht erst mal klären, was wir heute (meistens) bei diesem Zitat verstehen. Denn der Spruch an sich ist ja paradox formuliert. Wer Frieden will, sollte den Krieg vorbereiten? Klingt widersprüchlich. 

Man kann das ganz gut anhand der aktuellen politischen Situation in Europa erklären. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine rüsten die europäischen Staaten auf. Nicht weil sie sich Krieg wünschen, sondern weil sie sich dadurch eine Abschreckung erhoffen. Russland soll bitte nicht auf die Idee kommen, irgendwann im Baltikum oder an einer anderen Stelle weiterzumachen. 

Durch die Aufrüstung erreicht man Abschreckung, und diese Abschreckung stellt den Frieden sicher. Das ist die Logik, die man heute meistens aus dem Spruch „Wenn du Frieden willst, bereite den Krieg vor“ herausliest.

Übrigens werden wir hier nicht über Sinn und Unsinn dieses Spruchs diskutieren. Darüber wurde im 20. Jahrhundert (im Kalten Krieg) schon sehr intensiv gestritten und debattiert. Was nachvollziehbar ist, da man mithilfe des gewaltigen Nuklearwaffen-Arsenals dies- und jenseits des Eisernen Vorhangs die Menschheit gleich mehrmals hätte ausrotten können. Angesichts einer solchen Gefahr ist es wohl mehr als verständlich, dass man über Fragen der militärischen Aufrüstung und Abschreckung geteilter Meinung sein konnte. 

Geopolitik spielt bei Vegetius keine Rolle

Nun aber zurück zur Antike. Wie schon erwähnt, verfasste Vegetius ein Werk über Militär und Krieg. Im dritten Buch, aus dem unser Zitat stammt, geht es um Strategie und Taktik, und viele seiner Grundsätze galten bis weit in die Neuzeit als eine Art Standard des Kriegshandwerks.

Zu Beginn dieses Buchs geht es im vor allem um die Bedeutung des Trainings. Da lobt er als historisches Beispiel vor allem die Spartaner, bei denen militärisches Training der Jugend einen enormen Stellenwert hatte. Er führt noch weitere Beispiele an, bevor er dann zu seinem Satz kommt: Wer den Frieden wünscht, bereite den Krieg vor. 

Wie passt das jetzt zusammen? Ganz einfach: Vegetius geht es an dieser Stelle vor allem um die Ausbildung: Wer den Frieden sichern will, der sollte sich auf den Krieg vorbereiten. Die Betonung liegt auf „vorbereiten.“ Das möchte uns Vegetius an der Stelle sagen: Soldaten müssen gründlich ausgebildet werden. Es muss Institutionen geben, die sich darum kümmern, vielleicht eine Art Wehrpflicht, was auch immer. Das führt er dann im Folgenden aus. 

Geopolitik spielt bei ihm keine Rolle. Überhaupt geht es nicht um Politik: Sein Werk heißt „de rei militari“, also „über das Kriegswesen“. Das ist sein Schwerpunkt. Allerdings formuliert er den Gedanken mit der persönlichen Stärke durchaus am Rande: Niemand wagt es, jemanden zu provozieren oder zu beleidigen, von dem er erkannt hat, dass er der Stärkere im Kampf ist. 

Spartanischer Hoplit, 5. Jhd. v. Chr., Foto: Ticinese (CC BY-SA 3.0)

Der Gedanke dahinter ist dann aber doch antik

Wir halten also fest: Das Zitat bei Vegetius, das unserem modernen Zitat am nächsten kommt, stammt aus einem anderen Kontext als dem, in dem wir es heute in der Neuzeit verstehen. Vegetius deutet den Gedanken zwar an, aber nicht in einem politischen Kontext.

Das bedeutet aber nicht, dass der Gedanke der Abschreckung durch ein starkes Militär in der Antike nicht vorkam, ganz im Gegenteil. Da findet sich eine ganze Reihe von Belegen, nur bringen die den Gedanken eben nicht auf so eine prägnante Formel wie Vegetius bzw. die moderne Verkürzung seines Satzes. 

Wie oft, wenn man sich über so ganz grundsätzliche Fragen der Ethik Gedanken macht, landet man bei Platon. Der hat unter anderem ein Werk namens „Nomoi“ verfasst, in dem es um die Frage geht, was einen gerechten Staat ausmacht. Genauer: Wie seine Gesetze (Nomoi) gestaltet sein sollten. Und da kommt er auch auf das Thema Krieg und Frieden zu sprechen. 

Es geht nicht nur ums Militär

Platon lässt die Figuren, die in seinen Werken auftreten, ziemlich oft in Analogien sprechen. Auch den Staat als Ganzes mit einem Menschen oder einer Person zu vergleichen, das kommt schon mal öfter bei ihm vor. So macht er es auch an einer Stelle in seinen Nomoi.2

Wenn man (gemeint ist also erst mal eine Person) glücklich leben will, dann sollte man weder Unrecht tun und noch Unrecht erleiden. Kein Unrecht zu tun ist am einfachsten, denn das hat man ja selbst in der Hand. Aber wie verhindert man denn, dass einem Unrecht zugefügt wird? Indem man Stärke zeigt. 

Gemeint ist damit aber nicht (nur) körperliche Stärke, sondern auch charakterliche. Das griechische Wort an der Stelle ist „ἀγαθός“ (agathós), was knifflig zu übersetzen ist. Schlägt man ein Wörterbuch auf, steht da an erster Stelle wahrscheinlich „gut“. Man soll also gut sein, damit man kein Unrecht erfährt. 

Gemeint ist mit diesem „gut“ Vieles: Charakter, Werte, aber auch körperliche Stärke. Wenn man so darüber nachdenkt, dann ist da auch durchaus was dran. Der „unbekannte Athener“, der diesen Gedanken in Platons Werk ausspricht, überträgt ihn dann auf einen Staat. Auch ein Staat oder eine Gesellschaft mit einem klaren Wertekompass und militärischer Stärke wird respektiert und geachtet. 

Dieses „und“ ist ein wichtiges Wörtchen, das (und das erlaube ich mir dann doch mal als aktuellen politischen Kommentar) heute oft in der Diskussion verlorengeht. Wir sprechen viel über Aufrüstung in Europa. Man diskutiert auch viel über politische Werte und wie man sie in der heutigen, unruhigen Zeit geopolitisch vertritt. Dass beides aber zusammengehört, das wird oft vergessen. 

Der Weg in die Neuzeit

Der Gedanke, dass Stärke (in welcher Form auch immer) den Frieden sichert, taucht in der Antike noch an mehreren anderen Stellen auf. Allerdings steht er da in der Regel in einem spezifischen Kontext. Beim Biografen Nepos beispielsweise.3 Oder in Ciceros siebter Philippischen Rede. Platon ist jedoch derjenige, der den Gedanken auch philosophisch etwas genauer ausbreitet und ihm damit eine allgemeine politische Dimension gibt. 

Um noch mal kurz auf die Zeit des Kalten Krieges zurückzukommen: Es wäre sicher interessant zu wissen, wie die antiken Autoren mit dem Gedanken der Stärke eines Staates zur Friedenssicherung umgegangen wären, wenn sie von so etwas wie Atomwaffen gewusst hätten. In dem Moment, in dem solche Waffen im Spiel sind, wird die ganze Frage deutlich komplizierter. 

Wie schon erwähnt, blieb Vegetius’ Werk bis etwas zur Französischen Revolution eine Art Standardwerk für das Kriegswesen durch das Mittelalter hindurch bis in die Neuzeit. Mit der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert veränderte sich aber so einiges in den modernen Gesellschaften, und auch im Bereich des Kriegswesens mussten neue Antworten, neue Konzepte, neue Modelle gefunden werden. Vegetius geriet in Vergessenheit.

Was aber blieb, war die prägnante Formel „si vis pacem, para bellum“, die vermutlich durchaus auf ihn zurückgeht, aber eine verkürzte Form seines Gedankens darstellt. Wann diese verkürzte Form das erste mal auftauchte, lässt sich aber nicht mehr sagen. Der Klassische Philologe Eduard Wölfflin hielt 1888 fest, dass es keine antike Quelle für den Spruch in dieser Form gebe.4 Er hat übrigens auch sprachliche Argumente, die dafür sprechen, dass der Spruch kaum aus der Antike stammen kann. Aber das nur am Rande.5

Frieden durch Krieg im Nationalismus

Das 19. Jahrhundert ist in dem Zusammenhang ein gutes Stichwort, aber eins, bei dem man sich gut überlegen sollte, ob man das Fass hier wirklich aufmachen sollte. Ab dem späten 19. Jahrhundert bis Mitte des 20. Jahrhunderts fiel der Spruch „si vis pacem, para bellum“ jedenfalls auf einen ganz speziellen Nährboden, nämlich den des Nationalismus und Militarismus. 

Der hohe Stellenwert des Militärischen in den europäischen Gesellschaften der damaligen Zeit ist uns heute sehr fremd. Aber um die Gesellschaften des späten 19. Jahrhunderts und danach wirklich zu verstehen, muss man das zwingend im Hinterkopf behalten. Militärische Stärke war etwas, das man sich wünschte. 

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg dagegen war militärische Stärke in weiten Teilen der europäischen Gesellschaften, vor allem in der deutschen, sicher etwas, wovon man nach Möglichkeit nichts hören wollte. So kommt es, dass der vermeintliche Vegetius’-Spruch oder der Gedanke, den man dahinter sah, bei vielen Menschen eher in Verruf geriet.

Und heute?

Der Gedanke bleibt bis heute schwierig. Auf der einen Seite ist er für die meisten von uns wohl direkt einleuchtend: Klar, wer als stark angesehen wird, der wird nicht angegriffen. Trotzdem ist gerade die militärische Aufrüstung etwas, was man vor allem in Deutschland eher als etwas sieht, was „sein muss“. 

Da Atomwaffen aber auch heute nach wie vor Teil der Abschreckung sind, ist das Zögern bei Fragen der Aufrüstung und militärischen Stärke deutlich gewichtiger als vielleicht vor 100 oder 200 Jahren. 

Einen Gedanken sollte man vielleicht nicht ganz vergessen, und das ist der, den uns Platon mitgegeben hat: Dass nicht nur militärische Stärke eine Rolle spielt. Um Frieden (oder vielleicht sollte man sowieso besser von „Sicherheit“ sprechen) zu gewährleisten, ist auch das „Standing“ eines Staates (oder eines Staatenbundes wie der EU) sehr wichtig. Vielleicht sollten wir über diese Verbindung auch mal gründlicher nachdenken und diskutieren. 

  1. Vegetius, De re militari III (praefatio)
  2. Platon, Nomoi VIII, 829
  3. Nepos, Epaminondas V,4
  4. Eduard Wölfflin, Krieg und Frieden im Sprichworte der Römer, in: Sitzungsberichte der Philosophisch-Philologischen und der Historischen Klasse der Bayerischen Akademie der Wissenschaften zu München. Band 1., München 1888, S. 201
  5. Wer es doch genauer wissen will: Das lateinische Wort „wollen“ zieht selten ein Substantiv nach sich. Im Lateinischen wäre es unüblich „Frieden zu wollen“. Man sagt im klassischen Latein eher so was wie „Frieden erhalten wollen“ oder „Frieden sichern wollen“, jedenfalls wäre nur eine Formulierung mit irgend einem Verb stilistisch korrekt.

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