Die Sirenen – Totengeister mit verführerischer Stimme

Die Geschichte von den Sirenen gehört zu den bekanntesten Abenteuern des Odysseus. Viele kennen die Sage von ihrem betörenden Gesang, der vorbeifahrende Seeleute in den Untergang riss. Doch diese Variante, die der griechische Dichter Homer erzählt, ist eine ziemlich harmlose. Denn die Sirenen haben einen sehr viel düstereren Ursprung.

Auf seiner Irrfahrt von Troja nach Hause erlebt der griechische Held Odysseus so einige Abenteuer, darunter die bekannte Begegnung mit den Sirenen. Dabei handelt es sich um Mischwesen aus Menschen und Vögeln, also ihr Körper ist der eines Vogels, der Oberkörper der einer menschlichen Frau. Und diese Wesen wohnen auf einer blumigen Wiese am Strand, irgendwo im Mittelmeer. 

Und sie sind gefährlich. Ihr Gesang betört vorbeifahrende Seemänner, sodass sie auf ihrer Insel landen und zu Tode kommen. Wie genau, sagt Homer nicht. Aber als Odysseus und seine Gefährten daran vorbeifahren, sehen sie Haufen von Knochen auf der Wiese, auf der die Sirenen sitzen. 

Odysseus und die Sirenen, attischer Stamnos, um 475 v. Chr., Foto: ArchaiOptix (CC BY-SA 4.0)

Odysseus gelingt es jedoch, die Insel zu passieren.  Seine Gefährten stopfen sich Wachs in die Ohren, um den Gesang nicht zu hören. Er selbst lässt sich an den Mast fesseln, denn er möchte den Gesang zwar hören, aber nicht die Möglichkeit haben, den Kurs des Schiffes zu ändern.1

Mythen kann man durchaus analysieren

Das ist die Geschichte, wie sie die meisten kennen. Man kann sich mythologischen Figuren auch mit den Mitteln der Vernunft nähern und sich ein paar Fragen stellen: Welche Bedeutung hatte der Glaube an diese Wesen im Alltag? Oder: Haben diese Wesen eine bestimmte Bedeutung in der Glaubenswelt der Menschen gehabt? Und natürlich kann man sich auch fragen: Was sagt mir dieser Mythos oder diese Sage heute noch?

Zunächst mal: Das Bild der Sirenen bei Homer ist stark verengt. Und auch wenn er für uns am Beginn der griechischen Literaturgeschichte steht, wissen wir, dass der Glaube an die Sirenen älter ist als seine literarische Darstellung.

Dass seine Darstellung verkürzt ist, merkt man vor allem daran, dass er einige entscheidende Dinge weglässt: Woher kommen diese Sirenen? Wie sterben ihre Opfer überhaupt genau? Und was ist ihre Natur? Gemeint ist damit: Sind das Gottheiten? Naturgeister? Dämonen?

Diese Fragen werden von Homer nicht beantwortet, und das lässt vor allem einen Schluss zu: Er musste diese Fragen nicht beantworten, weil seinem Publikum die Antworten bereits  bekannt waren. Und das ist der Moment, an dem es interessant wird. 

Warum haben die Sirenen Flügel?

Die Flügel beziehungsweise der Vogelkörper sind das auffälligste Feature der Sirenen. Man findet ihn nicht nur in der Literatur, sondern auch in bildlichen Darstellungen, zum Beispiel auf Vasen. Und diese Darstellungen erinnern erstaunlich an Bilddarstellungen benachbarter Kulturräume, nämlich Ägypten und Mesopotamien. 

In beiden Kulturen findet man ähnlich Bildnisse. Vor allem in Ägypten hat es damit aber eine besondere Bewandtnis auf sich. Es handelt sich um so genannte Seelenvögel, also um bildliche Darstellungen eines Teils der menschlichen Seele als Vogel, der nach dem Tod davonfliegt (und auch wieder zurückkehren kann). 

ägyptischer Seelenvogel, der so genannte „Ba“, Darstellung im „Totenbuch des Tehenena“, 18. Dynastie, unbekannter Fotograf, gemeinfrei

Diese Vorstellung kennen wir auch aus der griechischen Vorstellungswelt. Dass die Seele nach dem Tod den Körper verlässt und davonfliegt, kommt auch schon bei Homer vor.2

Lustigerweise kennen wir aus der griechischen Kunst auch Darstellungen von Sirenen mit Bart, die die Seele eines Mannes repräsentieren. 

Sirenen auf Grabsteinen

In diesem Zusammenhang ist es wenig überraschend, dass man Darstellungen von Sirenen auf Grabsteinen findet. Sie repräsentieren damit die Seele des Toten. Dementsprechend freundlich wirken diese Darstellungen meist. 

attische Marmor-Statuette einer Sirene aus einem Gräberfeld bei Athen, um 370 v. Chr., Fotograf: Marsyas (CC BY-SA 2.5)

Aber Totengeister können auch ungemütlich werden. Das zeigt nicht nur die Stelle bei Homer, in der die  Sirenen verführen und für den Tod von Seeleuten verantwortlich sind. Auch die griechische Kunst hält Darstellungen bereit, die klarmachen, dass die Sirenen Unheil bringen. 

So kennt man Vasenbilder, auf denen Sirenen Minenarbeiter überfallen. In einigen etruskischen oder römischen Bilddarstellungen halten sie menschliche Köpfe in ihren Klauen. Es handelt sich also, wie wir heute sagen würden, um Todesdämonen. Mit ihnen möchte man möglichst nicht in Kontakt treten. 

Musik und Totenklage

Auffällig ist, wie oft die Sirenen mit Musik in Verbindung gebracht werden. Sie werden nicht selten mit einem Instrument dargestellt.3 In der Odyssee spielt ihr unwiderstehlicher Gesang eine entscheidende Rolle. 

In einer Tragödie des Euripides werden sie als unterweltliche Klagewesen dargestellt. Das passt zu dem Bild der Sirenen, wie wir es an Grabmonumenten finden. Die Sirenen als Darstellungen der Seelen Verstorbener klagen musikalisch über den Tod. 

Doch bei Homer findet sich noch eine Erweiterung. Denn dort werden sie auch als allwissend beschrieben. Dieser Punkt ist nicht ganz unwichtig, denn häufig werden die Sirenen mit Figuren wie der Loreley verglichen oder anderen Meereswesen, die durch ihren Gesang betören, sodass Seeleute ihre Schiffe an Klippen zerschellen lassen und so den Tod durch Ertrinken finden. 

Das Wissen der Sirenen

Das ist bei den Sirenen anders. Zum einen wissen wir nicht, wie die Menschen tatsächlich zu Tode kommen. Das wird bei Homer nicht gesagt, und zumindest einige Vasenbilder (man denke an die abgetrennten Köpfe) lassen den Schluss zu, dass es blutig werden konnte. 

Zum anderen geht es zunächst nicht um einen erotischen Reiz wie bei bei der Loreley oder irgend welchen Meerjungfrauen. Die Sirenen locken mit etwas anderem:

Komm, viel gepriesener Odysseus, du großer Ruhm der Achaier,
lass dein Schiff anlanden, damit du unsere Stimme hörst!
Noch keiner fuhr mit schwarzem Schiff an diesem Ort vorbei,
bevor er nicht dem süßen Gesang aus unseren Mündern gelauscht hatte.
Vielmehr segelte er voll Freude davon, nachdem er Neues erfahren hatte.
Wir wissen nämlich alles, was den Achäern und Troern
nach dem Rat der Götter auf dem Schlachtfeld vor Troja widerfuhr.
Wir wissen alles, was irgendwo auf der viel ernährenden Erde geschieht!
4

Dieses Wissen ist es, das Odysseus anzieht. An diese Stelle könnte man eine ganze literaturtheoretische Abhandlung über die Verbindung von Musik und Wahrsagekunst anschließen. Aber nur so viel: In der archaischen griechischen Gesellschaft verstanden sich Sänger und Musiker als Sprachrohr einer göttlichen Eingebung. 

Dieses Denken hielt sich noch bis weit in die Zeit der Klassik. Erst mit dem Hellenismus tritt auch der Sänger oder Dichter als Individuum in den Vordergrund. 

Diese enge Verbindung finden wir auch bei den Sirenen. Sie haben als Sängerinnen Anteil an göttlichem Wissen, in diesem Fall vor allem ein umfassendes Wissen über alles, was in der Welt geschieht. Für jemanden wie Odysseus, der sich auf einer Irrfahrt befindet und nach Hause gelangen will, hat ein solcher Wissensschatz natürlich eine ganz besondere Bedeutung. 

Auch Totengeister müssen sterben

Bei Homer selbst erfahren wir es nicht, aber die spätere Literatur hat die Szene von Odysseus’ Begegnung mit den Sirenen weiter ausgebaut. Beim Dichter Lykophron5 findet sich die Angabe, dass sich die Sirenen nach dem missglückten Versuch, Odysseus und seine Gefährten zu betören, in den Tod stürzten.

Auch wenn das im ersten Moment widersinnig erscheint: Die Sirenen haben einen klaren Auftrag und eine Funktion. Ihr Schicksal ist in dem Moment verwirkt, als ihr Anschlag auf Odysseus scheitert. 

Wenn man das alles einmal zusammenfasst, dann ergibt sich ein (nach wie vor sehr lückenhaftes) Bild von der Vorstellung, die die Menschen in der griechischen Gesellschaft von den Sirenen hatten. Es handelte sich um eine Repräsentation der Seelen Verstorbener. Neben ihrer Funktion als Klagewesen der Unterwelt hatten sie aber auch eine sehr düstere Seite, denn sie brachten den Menschen auch den Tod. Und wie einige Vasenbilder zeigen, war das kein sehr schöner Tod. 

Deutungen des Mythos in der Antike

Schon die antiken Literaturwissenschaftler und Philosophen befassten sich mit solchen Vorstellungen und versuchten, den Mythos (oder zumindest Teile davon) mit den Mitteln der Vernunft zu erklären.

Der Tod der Seeleute wird dort teilweise unblutig erklärt: dass sie nämlich schlicht und ergreifend verhungerten oder verdursteten, während sie dem Gesang der Sirenen lauschten.6 Erst in römischer Zeit findet sich dann auch eine Art Loreley-Motiv, dass die Seeleute nämlich Schiffbruch erlitten, dann aber nicht ertranken, sondern von den Sirenen gefressen wurden.7

Auch übertragene Deutungen wurden bemüht, indem man die Sirenen als Symbol für Hetären deutete und Odysseus als den willensstarken Mann, der ihren Verführungen widersteht.

Diese moralische Deutung wurde später auch im Christentum aufgegriffen. Dort sind die Sirenen ein Symbol für das Böse in der Welt und Odysseus der standhafte Gläubige, der diesen bösen Einflüssen widersteht.8 

Aber es gab durchaus auch noch wesentlich komplexere Deutungen der Geschichte von den Sirenen. Für die Pythagoreer repräsentierten die Sirenen die kosmische Harmonie. Allerdings können wir uns ohnehin von den Lehren der Pythagoreer nur teilweise ein Bild machen. 

Und was machen wir heute daraus?

Das ist eine Frage, die man sich bei der Begegnung mit antiker Literatur und Mythologie ja durchaus stellen kann. Für die meisten von uns mag die Geschichte von Odysseus und den Sirenen nicht mehr als ein unterhaltsames Abenteuer sein. Und das ist ja auch völlig ok. 

Genauso kann man sich aber sicher die Frage stellen: Was sagt mir persönlich diese Geschichte? Ein paar Denkanstöße sind sicher dabei, die uns auch heute noch interessieren könnten. Das Bild von jemandem, der standhaft einer Verführung widersteht (welcher Art auch immer), ist sicher eins, mit dem Menschen zu allen Zeiten etwas anfangen können. 

Dass Totengeister Jagd auf Menschen machen und ihnen die Köpfe abreißen oder ihre Schiffe auflaufen lassen, um sie dann zu fressen – ja, kann auch ne spannende Idee sein. Aber das wäre jetzt eher Material für Albträume als eine Inspiration oder ein Denkanstoß für das eigene Leben. 

Die Sache mit dem Wissen

Aber dann gibt es ja da noch den Aspekt mit dem Wissen: Die Sirenen nicht sind nicht gefährlich, weil sie so gut singen. Sie sind gefährlich, weil sie wahr sind. 

Und vielleicht ist das der spannendste Punkt der Geschichte: Wissen ist verlockend, aber es kann auch gefährlich werden. Das weiß jede*r, der oder die schon mal das Tagebuch des Partners, der besten Freundin oder einer anderen nahestehenden Person in der Hand hatte. 

Auch wenn einem hoffentlich höchstens metaphorisch der Kopf abgerissen wird, wenn man in einem fremden Tagebuch herumschnüffelt: Es ist selten eine gute Idee. Und so etwas kann auch ziemlich ungut enden. 

Manche Dinge möchte man vielleicht auch einfach gar nicht wissen. Die privaten Chats der Person, mit der man in einer festen Beziehung ist, gehören auch dazu.  Oder ihr Browserverlauf. Den eigenen Standort mit anderen Personen zu teilen, kann auch für böses Blut sorgen. Einige von uns sollten auch besser nicht nach medizinischen Symptomen googlen, bevor man mit einem Arzt gesprochen hat. 

Kurz: Es gibt auch heute in unserem Alltag noch ganz schön viele Dinge, an denen die Sirenen ihre helle Freude hätten. Und vielleicht sollte man in solchen Momenten, in denen die Versuchung groß ist, einfach mal an die fiesen Totengeister aus der Antike denken, die mit engelssüßer Stimme singen und rufen – und sich bewusst machen: Das geht selten gut aus. 

  1. Homer, Odyssee 12, 39–54; 166–200
  2. zum Beispiel Ilias 16, 856 oder 22, 362
  3. Euripides, Helena 167-175
  4. Homer, Odyssee 12,179-191
  5. Alexandra 712-715
  6. Aristophanes von Byzanz, Scholion zu Od. 12,43
  7. Servius zu Aeneis 5,864
  8. Tzetzes schol. Lyk. 653

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