Herculaneum ist etwas Besonderes: eine Momentaufnahme, ein Schnappschuss einer antiken Stadt im Moment ihres Untergangs. Für die Archäologie und die Geschichtswissenschaft stellt sie einen unglaublichen Glücksfall dar. Gleichzeitig ist der Ort aber auch eine Momentaufnahme einer gewaltigen Tragödie
Nicht jede*r kann mit dem Namen Herculaneum etwas anfangen. Der Name der wesentlich bekannteren Nachbarstadt ruft sofort dagegen ein paar Bilder im Kopf auf: Pompeji. Diese Bilder zeigen Feuer, Asche, Zerstörung und Menschen, die in Panik fliehen.
Herculaneum ist, wie Pompeji, eine der Städte, die beim Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 n. Chr. zerstört wurden. Dass wir heute noch oft über dieses Ereignis sprechen, hat sicher viele Gründe. Da wäre zum Beispiel der römische Schriftsteller Plinius, der uns in zwei seiner Briefe einen dramatischen Augenzeugenbericht der Ereignisse hinterlassen hat.
Da sind aber auch die archäologischen Funde, denn beide Städte wurden unter einer dicken Schichte Asche und vulkanischem Material begraben und so konserviert. Während Pompeji jedoch schon in der Antike geplündert wurde, blieb Herculaneum fast 1.700 Jahre unter einer dicken Schicht Gestein begraben, bis es Menschen erstmals gelang, diese Schicht zu durchdringen und die römische Stadt zu erkunden.

Von Herakles gegründet?
Aber fangen wir vorne an. Gegründet wurde Herculaneum vermutlich im 6. oder 7. Jahrhundert vor Christus. Der Name deutet an, dass es sich um eine griechische Siedlung handelte. Tatsächlich wird der Ort das erste Mal vom griechischen Schriftsteller Theophrast im 4. Jhd. vor Christus unter dem Namen „Herakleion“ erwähnt.1 Sowohl der griechische Name Herakleion als auch der römische Name Herculaneum deuten auf den mythischen Helden Herakles bzw. Hercules hin. Aber auch der Grundriss der Stadt mit ihrem rechtwinkligen Straßensystem legt das nahe.
Klar: Wenn eine Stadt so einen Namen hat, dann legte man sich in der Antike einen passenden Gründungsmythos zurecht. So soll Herakles die Stadt einst gegründet haben.[Dionysios von Halikarnass, Antiquitates 1,44] In der Realität wird die Namensgebung wohl wesentlich profanere Ursachen haben. Welcher Grund genau die Gründer der Stadt bewogen haben, kann man aber nicht sicher sagen. Vermutlich stellte man sich mit diesem Namen bewusst unter den Schutz des Halbgottes Herakles.
Rückzugsort für die Reichen und Schönen
Herculaneum war nie besonders groß. Man schätzt, dass die Stadt um die 4.000 Einwohner*innen hatte. Sie lag direkt an der Küste, und wer schon mal am Golf von Neapel war, kann bestätigen: Das ist eine ziemlich malerische Gegend.
Wirtschaftlich war die Stadt vor allem durch den Fischfang, Ackerbau und lokales Handwerk geprägt. Das ist aber nicht alles. Es handelte sich nicht einfach um ein verschlafenes Fischerdorf in Kampanien.
Bei den Ausgrabungen fand man überproportional viele Villen und geräumige Häuser wohlhabender Personen. Herculaneum war eine Sommerresidenz für etliche Mitglieder der römischen Elite. Das war übrigens der gesamte Golf von Neapel. Auch in Pompeji, Stabiae und Oplontis findet man viele Villen.

Eine besondere Rolle spielte auch Baiae. Ebenfalls am Golf von Neapel gelegen, kann man sich Baiae in der römischen Antike wie eine Mischung aus Capri, Saint-Tropez und Ibiza vorstellen: Teure Immobilien, prominente Dauer- und Teilzeitgäste, und natürlich auch Gerüchte, Skandale und Affären.
Tanz auf dem Vulkan
Aber zurück zu Herculaneum. Die Stadt war also einer der Go-To-Places der Elite der römischen Gesellschaft. Das bedeutet aber natürlich nicht, dass wir dort nicht auch einzigartige Einblicke in das Leben der „ganz normalen“ Menschen des ersten Jahrhunderts nach Christus finden. Wohnen, Essen, Arbeit – wir finden in Herculaneum Räume, die Menschen in ihrem Alltag wirklich nutzten.
Dieser Alltag wurde jedoch im August (nach neueren Forschungen eher im Herbst) des Jahres 79 n. Chr. abrupt unterbrochen. Ohne allzu sehr in geologische oder vulkanologische Details abzurutschen:
Die malerische, hügelige und bergige Landschaft, die im Übrigen auch sehr fruchtbar war, verdankt bis heute ihre Vorzüge dem Vulkan Vesuv, der sich gut 1.200 Meter über den Golf von Neapel erhebt. Er gehört zu einer Klasse von Vulkanen, die besonders gefährlich und zerstörerisch sind.
Kurzer Ausflug in die Vulkankunde
Grob gesagt kann man zwei Hauptgruppen von Vulkanen unterscheiden. Da sind einmal die Vulkane, die regelmäßig oder sogar dauerhaft Lava ausstoßen, wie der Ätna auf Sizilien oder der Kilauea auf Hawaii. Diese Vulkane sind in in gewisser Weise harmlos. Ihre Eruptionen sind überschaubar. Sie sind sogar teilweise Touristenattraktionen.
Und dann gibt es solche Monster wie den Vesuv. Das hat mit der chemischen Beschaffenheit des Magmas zu tun, also des geschmolzenen Gesteins, das unter diesen Bergen aufsteigt. Das Magma unter dem Vesuv ist zähflüssig und vergleichsweise „kühl“. Es kann den Schlot verstopfen. Die Folge: Es baut sich Druck auf, genauer: Gase aus dem Magma können nicht entweichen.
Ein Vergleich hilft, um zu verstehen, warum das ein Problem ist: Denn was passiert, wenn man eine Sektflasche schüttelt und dann den Korken entfernt? Vulkane wie der Vesuv sind die Sektflaschen unter den Vulkanen. Wird der Druck in ihrem Innern zu groß, brechen sich die angestauten Gase Bahn.
Vulkane dieser Kategorie gehören zu den gefährlichsten überhaupt. Sie bleiben sehr lange ruhig, über Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende. Aber wenn sie ausbrechen, dann mit einem gewaltigen Knall.
Mit heutigen wissenschaftlichen Methoden ist es immerhin möglich, Anzeichen für einen erneuten Ausbruch zu erkennen. Die Flanken des Berges heben sich schon Tage vorher. Es gibt geologische Bewegungen, und es kann auch zu Erdbeben kommen.
Die Vorboten des Ausbruchs
Genau das war auch in der Region um den Vesuv der Fall. Schon im Jahr 62 wurden Pompeji, Herculaneum und die anderen Orte von einem schweren Erdbeben getroffen, das wahrscheinlich ein solcher Vorbote war. Die Schäden des Erdbebens waren bis zum Ausbruch des Vesuvs noch nicht einmal vollständig beseitigt.
Die Menschen der Antike erkannten diesen Vorboten jedoch nicht. Mit einiger Plausibilität kann man aber trotzdem davon ausgehen, dass einige von ihnen ahnten, dass etwas Schlimmes bevorstehen könnte.
Die Forschung konnte nachweisen, dass es kurz vor dem Ausbruch zu weiteren geologischen Aktivitäten kam: Bodenhebungen oder -absenkungen, vielleicht auch kleinere Erdstöße. Es ist wahrscheinlich, dass in der Stadt Gerüchte die Runde machten, dass es einige Menschen gab, die aus Angst bereits die Stadt oder die Region verließen.
Für die Menschen der damaligen Zeit war das aber natürlich eine völlig unübersichtliche Situation, die sie nicht einschätzen konnten: auf der einen Seite das Geraune in den Straßen über eine große Katastrophe, die bevorstehe. Auf der anderen Seite aber die Frage: Soll ich wirklich aufgrund von Gerüchten und Erzählungen mein Haus, meinen Besitz zurücklassen?
Der Ausbruch
Der Vesuv brach gegen 13 Uhr aus, an einem ganz normalen Herbsttag. Eine gewaltige Säule aus heißer Asche erhob sich in den Himmel. Anfangs war es auch nur diese heiße Asche, die langsam auf die Stadt herabregnete. Das bedeutet: Eine Flucht war noch möglich. Lange Zeit ging die Forschung davon aus, dass dies auch fast allen Personen gelang, die sich in Herculaneum aufhielten. Doch dazu gleich mehr. Über Stunden regneten Asche und kleine Bimssteine auf Herculaneum herab.
Erst in der Nacht kollabierte die gewaltige Aschewolke und rollte sich in einem so genannten pyroklastischen Strom den Berghang hinab. Ein pyroklastischer Strom oder Glutwolke ist ein Gemisch aus heißen Gasen, Vulkanasche und Gesteinsfragmenten. Ein solcher Strom ist äußerst gefährlich. Er ist 350-1.000° C heiß und bewegt sich mit einer enormen Geschwindigkeit (300-1.000km/h). Ihm zu entkommen, ist praktisch unmöglich, auch heute.

Und jetzt wird es unschön. Denn was passiert, wenn man nicht entkommt? Der Tod tritt sofort ein, und zwar durch die enorme Hitze. Herz und Atmung versagen. Der Körper wird nicht verbrannt, sondern schlagartig so erhitzt, dass Weichteile verdampfen und Knochen explosionsartig aufbrechen können.
Das ist einerseits eine grauenvolle Vorstellung, aber andererseits auch tröstlich: Wer von einem pyroklastischen Strom erwischt wird, leidet nicht. Dafür hat man gar keine Zeit.
Die Opfer…
Und damit sind wir bei den Opfern, denn ja, es gab sie auch in Herculaneum. Und sie starben anders als ihre Leidensgenossen in Pompeji. Pompeji blieb von der Glutlawine verschont. Die Menschen dort wurden langsam von der Asche und dem Bimsstein eingeschlossen und erstickten.
In den 1980er Jahren öffnete man die so genannten Bootskammern in Herculaneum. Dabei handelt es sich um halbrunde Gewölbe direkt am Strand der Stadt. Und dort fand man die Opfer, die man lange Zeit im restlichen Stadtgebiet nicht entdeckt hatte. Damit war die alte Forschungsmeinung überholt, dass es den allermeisten Menschen in Herculaneum gelungen sei, sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen.

Einige von ihnen hatten sich in diese Bootshäuser zurückgezogen. Warum, weiß man nicht. Vielleicht wollten sie mit Booten über das Meer fliehen. Vielleicht versammelten sie sich hier erst im Laufe der Nacht, als eine Flucht über den Landweg aus welchen Gründen auch immer nicht mehr möglich war. Vielleicht warteten sie auch auf eine Rettungsmission durch Schiffe.
… und was sie uns erzählen können
Inzwischen wurden in den Bootskammern und am Strand vor den Kammern rund 340 Skelette gefunden und untersucht. Es fanden sich darunter Männer, Frauen, alte Menschen und Säuglinge, mutmaßliche Sklav*innen und wohlhabende Menschen. Wir finden dort also tatsächlich einen Querschnitt durch die römische Gesellschaft der Stadt.
Die meisten männlichen Skelette fand man außerhalb der Kammern am Strand, während man die Frauen und Kinder in den Kammern zu schützen versuchte.

Skelette verraten durch Abnutzung etc. zum Beispiel viel über den Lebensstandard, über körperliche Arbeit und Belastungen, auch Erkrankungen. Isotopenuntersuchungen verraten uns, dass sich Männer mehr von Fisch ernährten, während Frauen mehr Fleisch, Eier und Milchprodukte zu sich nahmen.
Eine Momentaufnahme
Alle diese Menschen sind für uns im Moment ihres Todes gewissermaßen eingefroren, so wie die ganze Stadt. Denn der pyroklastische Strom hatte auf andere Materialien einen gegenteiligen Effekt, nämlich einen, der für einen ziemlich guten Erhaltungszustand sorgte. Gemeint sind damit Textilien und Holz.
Man konnte in Herculaneum Holzbalken, Türen, Treppen, sogar Möbel und ganze Bettgestelle finden und sichern – alles Dinge, die wir sonst so gut wie nirgendwo finden können, da sie aus organischen Stoffen bestehen, die sich in der Regel zersetzen. Man muss sich das kurz klarmachen: Dabei handelt es sich wirklich um 2.000 Jahre alte Originalmöbel und Objekte.

Das klingt im ersten Moment paradox: Menschen wurden in Sekunden eingeäschert, aber ausgerechnet Holz hat sich erhalten? Das kann man natürlich erklären. Eine Glutwolke ist extrem heiß, aber sauerstoffarm. Und die Einwirkung der Hitze dauert außerdem nur kurz.2
Menschen bestehen aus wasserhaltigem Gewebe. Wasser und Hitze sind eine schlechte Kombination. Der hohe Wassergehalt sorgte dafür, dass das Gewebe praktisch sofort verdampfte.
Holz enthält wenig Wasser. Es wurde durch die Hitze verkohlt und anschließend luftdicht unter Asche und Gestein eingeschlossen. In einigen Küchen fand man sogar verkohlte Stücke Brot, Getreide und Eierschalen. Man braucht nicht viel Fantasie, um sich darum eine Geschichte zu basteln. Die Menschen gingen ihrem ganz normalen Alltag nach, doch mit dem Ausbruch blieb die Zeit in Herculaneum mit einem Mal stehen.

Ein ganz besonderer Fund
Einen ganz besonderen Fund machte man in der so genannten „Villa dei Papiri“: eine ganze Bibliothek verkohlter Papyrusrollen.
Wissenschaftler*innen arbeiten seit Jahrzehnten an Verfahren, um an den Inhalt dieser Rollen zu gelangen. Denn einfach Ausrollen wäre eine schlechte Idee. Sie würden sofort zu Staub zerfallen. Hier fallen dann so komplizierte Begriffe wie „Röntgenfluoreszenzanalyse“. Da gehen wir mal besser nicht ins Detail, nur so viel:
Mit Hilfe dieser Verfahren kann man in die Rollen hineinschauen, ohne sie zu öffnen. Es werden Schichtaufnahmen angefertigt und mithilfe von Messungen die Stellen identifiziert, an denen sich Tinte befindet. So kann man die Texte lesbar machen. Und trotzdem ist bisher nur ein kleiner Bruchteil der Papyri entziffert.
Darüber hinaus vermuten Forscher*innen, dass sich in der genannten Villa noch weitere Papyri in den Bereichen befinden könnten, die noch nicht ausgegraben wurden. Doch diese Grabungen wurden auf unbestimmte Zeit verschoben.
Wie Herculaneum wiederentdeckt wurde
Die Glut- und Aschewolke ist damit ein Grund, weshalb Herculaneum für die archäologische und historische Forschung so wertvoll ist: Weil es so viel mehr zeigt, als beispielsweise die Nachbarstadt Pompeji.
Ein weiterer ist aber auch die 20 Meter hohe Schicht aus Gestein und Asche, die die Stadt begrub. Sie konservierte die Stadt zum einen sehr gut, zum anderen sorgte sie aber auch dafür, dass sie fast 1.700 Jahr lang unberührt blieb.
Pompeji wurde „nur“ unter vier Metern Material begraben. Viele Häuserdächer waren danach noch sichtbar und zugänglich. Die Menschen kehrten zurück und holten ihr Hab und Gut aus den Häusern. Dächer und obere Etagen waren außerdem dem Wind und dem Wetter ausgeliefert.
Herculaneum dagegen blieb unberührt. Erst im Jahr 1709 stieß ein Bauer durch Zufall beim Bau eines Brunnenschachts auf das Theater von Herculaneum, und erst ab diesem Zeitpunkt rückte die Stadt wieder in den Fokus der Forschung.
Herculaneum in der Neuzeit
Zunächst interessierte man sich natürlich für die zahlreichen Kunstschätze, die in Herculaneum die Jahrtausende überdauert hatten. Und das waren einige, denn immerhin lebten in der Stadt sehr viele wohlhabende Menschen.
Aber auch die Architektur ist in Herculaneum unglaublich gut erhalten. Villen, einfache Häuser, Tempel, das Forum… Wenn man heute durch die Ruinen der Stadt läuft, kann man sehr gut erahnen, wie sich das Leben in einer römischen Kleinstadt im ersten Jahrhundert nach Christus angefühlt haben muss.
Und dann sind da eben die vielen, kleinen Alltagsobjekte: Möbel, Schmuckstücke, sogar Brot und andere Lebensmittel. Man hat unweigerlich das Gefühl, eine Zeitreise zu machen und fast schon direkt mit dem Menschen der damaligen Zeit in Kontakt zu treten. Man läuft über dieselben Straßen, sieht dieselben Gebäude und kann (zumindest theoretisch) ein Brot anfassen, das vor 2.000 Jahren ein Bäcker aus seinem Ofen holte.
Ein Reisetipp zum Schluss?
Umso erstaunlicher ist es eigentlich, dass Herculaneum den meisten Menschen heute viel weniger ein Begriff ist als Pompeji. Aber dafür gibt es natürlich einen ganzen Haufen an Erklärungen. Pompeji ist größer. Die Stadt war außerdem viel früher zugänglich für die neuzeitliche Archäologie und fand somit auch früher ihren Weg in die Populärwissenschaft und Popkultur.
Ich will aber an dieser Stelle auf keinen Fall beide Orte gegeneinander ausspielen. Wer mal einen Urlaub in Kampanien plant, sollte sich auf jeden Fall beides anschauen. Aber meine persönliche Meinung: Herculaneum wird euch mehr beeindrucken.
So beeindruckend und faszinierend Pompeji, Herculaneum oder auch Oplontis aber sein mögen: Wir verdanken diesen Schnappschuss der antiken Welt einer Katastrophe, die viele Menschen das Leben gekostet hat. Das sollte man nicht vergessen.
- Hist. plant. 9,16,6 (wobei umstritten ist, ob damit wirklich Herculaneum gemeint ist) ↩
- Ein Kuriosum ist übrigens der Mann „mit dem verglasten Gehirn“. Offenbar war in seinem Fall die Einwirkung der Hitze so kurz, dass sein Gehirn und Teile seines Rückenmarks zu Glas wurden: https://www.deutschlandfunknova.de/nachrichten/herculaneum-raetsel-des-verglasten-gehirns-geloest ↩

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