Kirche – Fremdwort der Woche

Auch wenn man das in christlichen Kreisen sicher nicht so gerne hört: Kirchen haben durchaus ein paar Gemeinsamkeiten mit Tempeln. Aber es gibt natürlich auch gewaltige Unterschiede. Und das alles verrät einiges über das Verhältnis von Mensch und Gott darüber, wie Glaube gelebt wird.

Die Unterschiede

In der letzten Woche haben wir uns mit dem Fremdwort „Mönch“ beschäftigt. Da ging es, zumindest im Ursprung, um einen zurückgezogenen Lebensstil, in dem die Abgeschiedenheit eine große Rolle spielt. 

Das Leben eines Pfarrers unterscheidet sich davon ganz grundsätzlich: Er tritt vor die Gemeinde und vermittelt Glaubensinhalte. Zudem ist er auch Seelsorger und steht den Mitgliedern seiner Gemeinde bei. 

Das ist schon der erste fundamentale Unterschied zu Tempeln, wie sie in der griechisch-römischen Antike existierten: Da gab es niemanden, der Glaubensinhalte predigte. Und Seelsorger gab es schon mal gar nicht. Die Verehrung von Gottheiten war eine persönliche Verpflichtung, von großen zentralen religiösen Festen und Umzügen einmal abgesehen. 

Nach weiteren Unterschieden muss man auch nicht lange suchen: Natürlich unterscheiden sich auch die Glaubensinhalte und die Abläufe von Gottesdiensten wesentlich von dem, was in der vor-christlichen Antike geglaubt und praktiziert wurde. Da kommen wir auch gleich noch mal drauf zurück.

Die Gemeinsamkeiten

Aber es gibt da eben auch ein paar Gemeinsamkeiten – oder vielleicht sollte man von Kontinuität sprechen, denn einige Elemente setzen antike Traditionen fort. Diejenigen von euch, die dem Christentum eng verbunden sind, kann ich aber beruhigen: Es geht (zumindest hier heute) nur um Äußerlichkeiten. 

Da wäre einmal die Tatsache, dass es überhaupt ein Gebäude für Gottesdienste gibt. Gut, es liegt nahe, dass man die nicht bei Wind und Wetter immer draußen feiern möchte. Die frühesten Christen nutzten dafür aber bereits vorhandene Gebäude, zum Beispiel Privaträume. Dass man spezielle Gebäude für Gottesdienste baute, hatte sicherlich praktische Gründe (nicht jeder kann eine ganze Gemeinde im eigenen Wohnzimmer unterbringen). 

Daneben spielte aber sicherlich auch die Tatsache eine Rolle, dass in der Antike überall gewaltige und imposante Tempel für die so genannten „paganen“ Gottheiten rumstanden. Da sollte der christliche Gott nicht nachstehen. 

Eine Wohnung für einen Gott

Der Begriff „Kirche“ verrät, dass man hier durchaus an eine Vorstellung anknüpfte, die für die griechisch-römische Religionspraxis typisch war. Das Wort stammt vom griechischen κυριακόν (kyriakón), was so viel bedeutet wie „zum Herrn gehörendes Gebäude“ oder kürzer „Haus des Herrn“. 

Dahinter steckt die Vorstellung, dass Gott in diesem Gebäude buchstäblich wohnt oder sich zumindest zeitweise dort aufhält. Das mag uns heute merkwürdig vorkommen. Viele von uns würden vielleicht eher von einer abstrakten Präsenz sprechen.

Das kommt aber nicht von ungefähr, denn das ist genau die Vorstellung, die die Menschen in der vor-christlichen Antike von ihren Tempeln hatten. Das waren Heimstätten der Gottheiten. Um gleich ein paar logische Probleme abzuräumen: Eine Gottheit kann selbstverständlich in Sekundenbruchteilen vom einen zum andern Ort (Tempel) wechseln. Sie kann vielleicht auch gleichzeitig an verschiedenen Orten sein. Gottheiten können so was.

Egal, wie die Menschen der Antike das für sich persönlich lösten: Unstrittig ist, dass diese Vorstellung vorherrschte und sich noch in der Bezeichnung widerspiegelt, die die frühen Christen für ihre Gotteshäuser wählten. 

Doch noch ein paar Unterschiede

Da enden die Gemeinsamkeiten aber auch schon. Kirchen haben heute (und hatten auch schon seit der Spätantike) eine ganz andere Architektur als Tempel. Und das ist tatsächlich ziemlich spannend. 

Tempel gehörten nicht den Menschen, sondern einer Gottheit. Daher fanden Opferkulte auch nicht im Innern statt, sondern draußen, vor dem Tempel. Folgerichtig standen Altäre auch immer vor einem Tempel und nicht im Innern. Dafür gab es aber außerdem auch einen praktischen Grund: Auf dem Altar wurden Opfergaben für die Gottheit verbrannt. So was macht man aus nachvollziehbaren Gründen besser draußen. 

Kirchen dagegen sind echte Versammlungsorte. Daher waren sie von Anfang an auch ganz anders gebaut als griechisch-römische Tempel. Hier werden keine Opfer verbrannt, also kann man den Altar nach drinnen verlegen und auch die Gemeinde ins Innere einladen. 

Interessant ist die Frage, warum es überhaupt einen Altar gibt. Aber das wäre jetzt ein Thema für Theolog*innen oder Kirchenhistoriker*innen. Kurz gefasst kann man sagen, dass die frühen Christen den Altar als Teil der Religionspraxis bewusst beibehielten und umdeuteten. 

Wenn man sich also ein wenig mit Tempeln und Kirchen befasst, wird klar, dass da ganz schön viele Überlegungen dahinterstecken. Und dass Orte der Verehrung von Gottheiten auch architektonisch eine ganze Menge darüber aussagen, wie ein Glaube aufgebaut ist und gelebt wird.

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