Die Weltpolitik ist zur Zeit das reinste Chaos. Der Gemütszustand einer Person kann ebenfalls ein Chaos sein. Als Kind hat man das Wort sicher auch oft gehört: „In deinem Zimmer herrscht nur noch Chaos.“ Chaos ist in der Regel ziemlich unerwünscht. Heute meinen wir damit eine große Unordnung. Alles ist unübersichtlich, und jegliche Orientierung wird schwer bis unmöglich. Das ist erstaunlich, denn ursprünglich bedeutete der Begriff das komplette Gegenteil.
Chaos gab es schon immer
Das Chaos ist so alt wie die Menschheit. Mit Sicherheit waren auch schon die Menschen der Steinzeit sowie davor und danach gelegentlich unordentlich. Dass das Chaos die Menschen schon immer begleitet haben dürfte, ist aber mehr als einfach nur eine Binsenweisheit, denn „Chaos“ hat auch einen ziemlich prominenten Platz in der Mythologie und Religionsgeschichte. Wer sich ein bisschen mit dem Alten Testament auskennt, weiß vielleicht, dass dieses „Chaos“ nämlich ganz am Anfang stand, noch vor der Erschaffung von Menschen und Tieren.
Und auch in der griechisch-römischen Mythologie fängt alles mit dem „Chaos“ an. So beschreibt es der griechische Schriftsteller Hesiod in seiner Theogonie. Dieser Schriftsteller hat sich einen festen Platz in der Geschichte gesichert als derjenige, der die griechische Mythologie erstmals „systematisch“ aufschrieb, d. h. er beschrieb erstmals Verwandtschaftsverhältnisse zwischen Gottheiten, aber eben auch das Werden der Welt (die „Schöpfung“, wie man es im Christentum ausdrücken würde).
Chaos in den alten Sprachen
Und hier fällt auch unser Fremdwort, und es hat sich seit der Zeit Hesiods auch nicht verändert, abgesehen davon, dass wir es heute im Deutschen natürlich in lateinischen Buchstaben schreiben: χάος (cháos).
Im Alten Testament, um darauf noch mal kurz zurückzukommen, taucht dieser Begriff natürlich nicht auf. Genau genommen steht im im hebräischen Original ein etwas anderer Ausdruck:
תֹהוּ וָבֹהוּ
(tohu wabohu). Das klingt für unsere Ohren auch ziemlich vertraut. Wir haben im Deutschen ja heute auch noch das Fremdwort „Tohuwabohu“, was ziemlich das gleiche meint wie „Chaos“.
Aber da gibt es ein Problem. Das hebräische tohu wabohu bedeutet nämlich so viel wie „öd und leer“, manchmal findet man auch die Übertragung „wüst und leer“. Das ist aber noch nicht alles. Auch das griechische Wort χάος (cháos) bedeutet erst einmal „Leere“ oder „leerer Raum“.
Das genaue Gegenteil
Hä? Ein leerer Raum ist aber ziemlich genau das Gegenteil von einem chaotischen Kinderzimmer. Wir verstehen heute unter einem Chaos einen Zustand, in dem etwas gerade nicht leer ist, sondern vollgemüllt mit Gegenständen.
Bei einem emotionalen Chaos geht es vielleicht eher um einen Wust an Gefühlen und Gedanken. Und beim eingangs zitierten Chaos in der Weltpolitik um die vielen Konflikte mit einer scheinbar unüberschaubaren Zahl an beteiligten Interessengruppen, Verbindungen, Antipathien und so weiter. Wie kann es sein, dass ein Begriff heute das komplette Gegenteil von dem bedeutet, was damit ursprünglich ausgesagt wurde?
Um das zu verstehen, müssen wir weiter auf Spurensuche in der Mythologie- und Religionsgeschichte bleiben. Die Vorstellung, dass vor der Entstehung der Welt alles leer war, findet sich in vielen frühgeschichtlichen oder antiken Kulturen.
Leere und Materie
Für den Griechen Hesiod war das der Zustand, bevor Materie entstand. Diese Vorstellung entwickelte sich aber weiter, denn dass Materie aus dem Nichts entstehen kann – das ist ja schon ein Take, mit dem man gedanklich gewisse Probleme haben kann.
Daher gab es in der Antike auch die Vorstellung, dass am Anfang keine „Leere“ in dem Sinne stand. Materie war schon vorhanden, aber sie war ungeordnet und durchmischt. Sehr plastisch hat das der römische Dichter Ovid auf den Punkt gebracht, denn er definiert das Chaos am Anfang der Welt als „rohe und ungeordnete Masse“.
Das kann man sich nun deutlich leichter vorstellen. Da gab es also so eine Art Urmaterie, die sortiert und geordnet wurde. Das ist der eigentliche Schöpfungsakt. So kommt es, dass der Begriff „Chaos“ schon in der Antike als Zustand gedacht wurde, in dem alles strukturlos ist. Und da sind wir schon ganz nah an einem unaufgeräumten Kinderzimmer. Wo viel ist und nichts seinen Platz hat, spricht man von einem Chaos. Daher beschreibt das Wort heute praktisch das genaue Gegenteil von dem bedeutet, was es ursprünglich beschrieb.
Das Wörtchen „Chaos“ ist ein schönes Beispiel dafür, wie Wörter nicht ihre Etymologie konservieren, sondern die Weltanschauung ihrer jeweiligen Sprecher – und die hat sich von der Angst vor dem Leeren hin zur Angst vor dem Zuviel verschoben.


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