Stellt euch vor, ihr geht nachts alleine durch eine dunkle Gasse. Irgendwas fühlt sich komisch an. Ihr könnt es nicht genau benennen, aber irgendetwas in euch sagt: Lieber nicht. Ihr hört auf dieses Gefühl und biegt ab. War das Paranoia? Übervorsichtigkeit? Oder einfach nur euer Instinkt? Und was ist das überhaupt?
Instinkte sind überall
Der Begriff „Instinkt“ begegnet uns ständig. Manchmal meinen wir damit so etwas wie ein Bauchgefühl, manchmal sprechen wir von angeborenen Verhaltensweisen bei Tieren – der Lachs, der immer wieder in seinen Geburtsfluss zurückkehrt, der Zugvogel, der im Herbst gen Süden aufbricht, ohne je eine Wettervorhersage gesehen zu haben. Und manchmal sagt jemand schlicht: „Ich hab’s instinktiv gemacht.“ Was aber steckt eigentlich hinter dem Wort?
Das lateinische Wort instinctus bedeutet so viel wie „Antrieb“ oder „Anreiz“. Es leitet sich vom Verb instinguere ab, was „anstacheln“ oder „antreiben“ bedeutet. Wer also einem Instinkt folgt, wird im wörtlichen Sinne angetrieben – von innen heraus, ohne langes Nachdenken, ohne Umweg über den Verstand.
Was der Begriff in der Biologie meint
Interessant wird es, wenn man sich anschaut, wie der Begriff in der Wissenschaft verwendet wird – und wie sehr das von unserem Alltagsverständnis abweicht. In der Biologie und Verhaltensforschung bezeichnet Instinkt ein angeborenes, arttypisches Verhaltensmuster, das ohne vorheriges Lernen abläuft. Das Netz der Spinne, das Graben der Maulwurfsgrille, das Saugen des Neugeborenen an der Mutterbrust, all das sind klassische Beispiele. Kein Unterricht, keine Übung, einfach: machen.
Beim Menschen wird es komplizierter. Und das ist auch der Punkt, an dem Wissenschaftler seit Jahrhunderten streiten. Haben wir überhaupt echte Instinkte? Oder ist das, was wir so nennen, in Wirklichkeit eine Mischung aus erlerntem Verhalten, Erfahrung und unbewusster Mustererkennung?
Sigmund Freud zum Beispiel war großer Fan des Instinktbegriffs – für ihn war der Trieb (sein bevorzugtes Wort) die eigentliche treibende Kraft hinter menschlichem Verhalten.
Andere Psychologen sehen das nüchterner und sagen: Was wir „Instinkt“ nennen, ist meistens einfach sehr schnelles, unbewusstes Denken. Der Bauch entscheidet gar nicht – der Kopf ist nur schneller als wir glauben.
Instinkte im Alltag
Das ändert aber nichts daran, dass wir das Wort im Alltag munter weiterverwenden, und so falsch ist das auch eigentlich gar nicht, wenn man es mal pragmatisch sieht. Denn ob es nun „echter“ Instinkt ist oder blitzschnelle Mustererkennung – das Ergebnis ist dasselbe: Man handelt, bevor man weiß, warum.
Der Freund, den man in einem Sekundenbruchteil an der Schulter packt, weil er gerade auf die Straße tritt, ohne den Laster zu sehen, der gerade angeschossen kommt. Da denkt man nicht lange nach, man handelt einfach. Ein gutes Beispiel ist auch der Ball, der plötzlich aus dem Nichts angeflogen kommt und den wir instinktiv auffangen.
Und vielleicht ist das ja auch das Schönste am Instinkt: dass er uns daran erinnert, dass wir nicht nur rationale Wesen sind, die alles abwägen und durchdenken. Dass da noch etwas anderes in uns steckt – etwas Älteres, Schnelleres, vielleicht auch manchmal Klügeres. Etwas, das uns antreibt. Von innen heraus. So wie es das Wort von Anfang an versprochen hat.


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