Eine Sensation ist ein grandioses, überragendes, nie da gewesenes und meist auch überraschendes Ereignis. Wir alle haben sicher schon mal so eine Sensation erlebt. Einige sind sogar richtig sensationsgeil. Das finden wir dann meistens nicht so toll, wie zum Beispiel die Schaulustigen bei einem Unfall. Ursprünglich bedeutet der Begriff aber was ganz Anderes. Und das ist keine Sensation, sondern eigentlich eher langweilig.
Das Englische macht es vor
Die Sensation ist übrigens auch ein klassischer false friend im Englischen. Dort spricht man auch schon mal von sensations, aber seltener in dem Sinne, wie wir das Wort im Deutschen verwenden. Ja, auch im Englischen kann sensation ein aufsehenerregendes Ereignis bezeichnen. Ein Film zum Beispiel kann eine overnight sensation sein, ein „überraschender Erfolg über Nacht“.
Aber meistens sind im Englischen mit dem Wort sensation Sinneswahrnehmungen oder Gefühlsregungen gemeint. Und das entspricht tatsächlich der ursprünglichen Bedeutung im Lateinischen.
Eine Wortneuschöpfung des Mittelalters
Allerdings gibt es das Wort im klassischen Latein, also dem Latein der Antike, gar nicht. Das Wort sensatio stammt aus dem Mittelalter. Natürlich haben es sich nicht irgendwelche Mönche in ihren Schreibstuben einfach ausgedacht. Es geht schon zurück auf eine Wortfamilie im antiken Latein.
Da gibt es das Wort sentire, das „ etwas spüren“ bedeutet. Dazu gehört auch das Wort sensus für „Sinn“ oder „Empfindung“. Und genau diese Doppelbedeutung ist vermutlich der Grund dafür, weshalb man im Mittelalter ein weiteres Wort in diese Wortfamilie stellte.
Sensus bedeutet Sinn, wie wir „Sinne“ verwenden, also Sehsinn, Hörsinn, Geruchssinn und so weiter. In der Antike bedeutet es aber eben auch „Wahrnehmung“, „Gefühl“, sogar „Meinung“. Und das ist schon ein bisschen viel für ein Wort.
Solche großen Bedeutungsspektren stören vor allem da, wo es auf Präzision besonders ankommt: Wissenschaft. Heute sind wir daran gewöhnt, dass Fachbegriffe meist einfach aus anderen Sprachen importiert werden. Das muss aber nicht so sein. Auch Wortneuschöpfungen können eine Lösung sein. Oder mehr oder wenige kreative Varianten, wie zum Beispiel der grauenhafte Singular von „Eltern“ in der Biologie: „der Elter“.
Wie gesagt, sind solche Neuschöpfungen heute selten. Aber das Latein des Mittelalters war eine ziemlich lebendige Sprache, was solche Veränderungen anging.
Wie das Wort zur Sensation wurde
Wie kommt man nun aber im Deutschen von einer Sinneswahrnehmung zur Sensation? Ironischerweise waren daran ausgerechnet die beiden Sprachen das Vorbild, die das Wort heute in dieser Bedeutung nicht oder nur am Rande kennen, nämlich Französisch und Englisch.
In beiden Sprachen kann man eine „Sensation hervorrufen“, also eine starke Gefühlsregung, und somit Aufsehen erregen. Entsprechend bedeutete die deutsche Wendung „Sensation machen“ ebenfalls zunächst „Aufsehen erregen“.
Vor allem im 20. Jahrhundert wurde das Wörtchen dann zunehmend für den Auslöser verwendet, der für dieses große Aufsehen verantwortlich war. Das Deutsche ist hier einen Schritt weitergegangen. Und heute nutzen wir das Wort auch gar nicht mehr in seiner Urspungsbedeutung.
Aber diese kurze Rundreise durch das Latein des Mittelalters, das Französische und Englische macht vielleicht einen Aspekt noch mal deutlich: Sensationen rufen seelische, vielleicht auch körperliche Empfindungen hervor.
Und das ist vielleicht etwas, was man sich immer mal wieder bewusst machen sollte, wenn man süchtig nach Klatsch und Tratsch ist oder dauernd die neusten Nachrichten in der chaotischen Weltlage konsumiert: das macht was mit einem. Das Prinzip dahinter ist nämlich nicht neu. Man hätte sie früher als Sensationsgier bezeichnet, und es war auch schon früher nicht gesund. Heute nennt man es vielleicht Doomscrolling und ist noch viel gefährlicher, weil News und Schlagzeilen, Aufregung und aufsehenerregende Inhalte jederzeit verfügbar sind.


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