Orientierung – Fremdwort der Woche

Manche Menschen haben eine gute Orientierung. Aber auch die sind manchmal desorientiert. Und das ist nicht nur unbedingt örtlich gemeint. Manchmal ist man auch beruflich oder privat ein bisschen orientierungslos. Und das hat meist eher keinen religiösen Kontext, obwohl der historisch eine große Rolle spielt.

Orientierung an Wegmarken…

Um das erst mal ein bisschen zu sortieren: „Orientierung“ oder „sich orientieren“ sind in der Grundbedeutung natürlich erst mal Begriffe, die sich auf Orte oder örtliche Gegebenheiten beziehen. In einer fremden Stadt muss man sich zum Beispiel erst mal orientieren. 

Aber da geht es schon los, denn was ist damit eigentlich gemeint? Das ist schon so ein bisschen schwammig. Meistens meint man damit, dass man erst mal markante Wegpunkte sucht, die Wiedererkennungswert haben. Der Dom in Köln zum Beispiel eignet sich ganz gut dafür. Den kann man von vielen Ort aus sehen und abschätzen, wo das Stadtzentrum ist und wie weit man davon weg ist. 

Orientierung kann aber auch aus einer ganzen Reihe von Wegpunkten bestehen. „Ach ja, da ist der Edeka, an dem wir vorhin schon vorbeigekommen sind, also müssen wir jetzt rechts. Da kommt dann diese hässliche alte Tankstelle…“

… und was Himmelsrichtungen damit zu tun haben

Echte Expert*innen dagegen halten sich gar nicht erst an solchen Banalitäten auf. Für sie spielen Himmelsrichtungen die entscheidende Rolle, und sie orientieren sich am Sonnenstand. Es ist 15 Uhr und die Sonne steht da drüben? Dann ist da ungefähr Südwesten und wir müssen nach Osten. Irgendwie so was. 

Und damit sind solche echten Könner ganz nah am Kern des Begriffs, denn in „Orientierung“ steckt eine Himmelsrichtung, und zwar nicht nur irgend eine. 

Ex oriente lux

Das Wort „orientieren“ kommt vom lateinischen oriens, was so viel wie „Osten“ bedeutet. Wenn man „sich orientiert“, heißt das also ursprünglich, dass man versucht herauszufinden, wo Osten ist. So kann man dann alle anderen Himmelsrichtungen bestimmen. 

Aber warum denn gerade Osten? Eigentlich ist es doch viel einfacher, den Süden zu bestimmen. Man wartet einfach bis mittags, bis die Sonne am höchsten steht. In dieser Richtung ist dann eben Süden. 

Die meisten von uns würden das vermutlich heute so machen. Das liegt vielleicht aber auch daran, dass wir heute einfach alle viel zu lange pennen und den Sonnenaufgang im Osten gar nicht erst mitkriegen. Da müssen wir dann halt auf die nächste Station im Sonnenlauf warten. Oder nicht?

Das mag durchaus ein Grund sein, warum wir heute oft eher auf den Süden schauen bei der Orientierung anhand von Himmelsrichtungen. Über Jahrtausende war es für Menschen durchaus üblich, mit dem Sonnenaufgang aufzustehen. Insofern war es auch einfacher zu wissen, wo Osten ist. 

Dazu kommt eine symbolische Bedeutung: Im Osten geht die Sonne auf. Der Tag beginnt. Auch das ist ein Grund, weshalb dem Osten als Himmelsrichtung eine besondere, positive Bedeutung zugemessen wurde. Ex oriente lux, aus dem Osten kommt das Licht.   

Himmelsrichtungen und Religion

Es gibt aber noch eine religiöse Komponente, die vor allem mit dem Christentum eine besondere Bedeutung bekam. Im Osten (von Mitteleuropa aus gesehen), liegt auch eine ganz wichtige Region, nämlich die Region um Israel und Palästina. Der Geburtsort Jesu. 

Man kennt es aus dem Islam, dass sich die Menschen zum Beten Richtung Mekka wenden. Ein ganz ähnliches Phänomen gab es aber auch im Christentum, nur eine Nummer größer. Da wurden nämlich ganze Bauwerke gen Osten gedreht. 

Diese Bauwerke waren Kirchen. Wer mal genau drauf achtet, wird feststellen, dass die allermeisten Kirchen orientiert sind, das heißt: Sie sind nach Osten ausgerichtet. Die Apsis, also der halbrunde Abschluss des Chorraums hinter dem Altar, liegt bei traditionellen Kirchenbauten immer Richtung Osten. So blickt die gesamte Gemeinde beim Gebet nach Osten und Richtung Sonnenaufgang. 

Wie erwähnt, gilt das für sehr viele Kirchenbauten, aber nicht für alle. Vor allem in jüngerer Zeit (das heißt in dem Fall: so in den letzten 200-300 Jahren) wurden Kirchen auch oft pragmatischer ausgerichtet, also wie es gerade am besten passte. 

Bleibt noch die übertragene Bedeutung

Bisher ging es die ganze Zeit um Geografie, aber der Begriff „Orientierung“ wird natürlich heute auch übertragen verwendet. Zum Beispiel auf eine Berufswahl oder ganz allgemein „das Leben“ bezogen: Was will ich? Was sind meine Ziele? Und wie erreiche ich sie? 

Für manchem Menschen ist auch da der Glaube ein wichtiger Fixpunkt. Für andere sind es Werte und Ideale. Aber in jedem Fall versucht man, Richtungen und Wegpunkte zu finden, die einem Entscheidungen erleichtern sollen oder nötige Schritte vorgeben. 

Mit einem geografischen Osten hat unsere Orientierung also heute nur noch selten buchstäblich was zu tun. Aber das ist ja auch in Zeiten von GPS und Smartphones wirklich nur noch selten nötig. Und das ist sicher ein großer Fortschritt.

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