Eine ganze Menge Dinge können „lukrativ“ sein: ein Geschäft, ein Auftrag oder auch ein Posten, auf den man befördert wird. Und das kommt auch nicht von ungefähr, denn das Wort hatte schon in der Antike ausschließlich mit einem finanziellen Gewinn zu tun.
Muss alles immer gewinnträchtig sein?
Über die Frage, ob alles immer finanziellen Gewinn bringen muss, kann man sich ausgiebig streiten. Ohne an dieser Stelle jetzt allzu sehr in fundamentale Kapitalismuskritik abzugleiten: Es gibt sicher eine ganze Menge Dinge, die man im eigenen Leben schätzt und die keinen monetären Gegenwert haben.
Ein Job, der zwar deutlich weniger Geld einbringt, aber vielleicht mehr Freizeit ermöglicht, die man mit Freunden und Familien verbringen kann: In gewisser Weise könnte das auch „lukrativ“ sein, nur eben nicht auf der finanziellen Ebene. Insofern könnte man sich schon fragen, ob man den Ausdruck „lukrativ“ nicht auch mal übertragen gebrauchen könnte. Aber fangen wir vielleicht erst mal vorne an: Woher kommt das Wort überhaupt?
Wieder mal Latein
Das deutsche Wort „lukrativ“ kommt über französische Vermittlung vom lateinischen lucrativus – gewinnbringend. Dahinter steckt das lateinische Substantiv lucrum, was so viel wie „Gewinn“ oder „Vorteil“ bedeutet. Das ist alles keine große Überraschung, denn es ist ziemlich deckungsgleich mit dem Bedeutungsbereich, in dem wir auch heute „lukrativ“ verwenden.
Das Adjektiv lucrativus kommt in der klassischen lateinischen Literatur relativ selten vor, wohl aber das Susbstantiv lucrum. Klar, auch schon die Gesellschaften der klassischen Antike waren größtenteils marktwirtschaftlich organisiert, und Gewinn spielte da eine große Rolle.
Heute wird darüber immer wieder in der einen oder anderen Form diskutiert. Das habe ich oben ja schon angerissen: Muss eigentlich alles immer einen finanziellen Nutzen haben? Diese Frage treibt viele Menschen um. Gab es das auch in der Antike schon?
Antike Kapitalismuskritik?
Ja, die Frage beschäftigte auch damals schon die Menschen. Aber in anderer Form als heute. Es gab keine „Kapitalismuskritik“ wie heute. Mal ganz davon abgesehen, dass der Begriff „Kapitalismus“ für die Antike schon an sich unangebracht ist, denn das ist ein Konzept aus dem 19. Jahrhundert. Marktwirtschaft wäre der bessere Begriff.
Kritik am Gewinnstreben gab es in der Antike aus unterschiedlichen Richtungen, zum Beispiel aus der Philosophie. Ganz vorne dabei wären die Kyniker, die allen unnötigen Besitz radikal ablehnten. Habgier, Wucher, übermäßiger Reichtum, das waren alles Dinge, die auch in vielen anderen Philosophenschulen wie der Stoa oder Platons Akademie kritisch beäugt wurden. Und damit natürlich auch das Streben nach Gewinn.
Und dann gibts es da noch in der römischen Literatur des späten ersten Jahrhunderts vor Christus ein paar sehr bekannte und prominente Werke, die ebenfalls persönliches Gewinnstreben ablehnen:
Divitias alius fulvo sibi congerat auro
[…]
Me mea paupertas vita traducat inerti
Dum meus adsiduo luceat igne focus
Soll doch ein anderer für sich Gold aufhäufen
[…]
mich kann gerne meine Armut durch ein ruhiges Leben tragen,
solange auf meinem Herd nur eine stete Flamme brennt.
Was im ersten Moment wie eine Verdichtung aller Klischees über die Gen-Z klingt, sind in Wahrheit drei Verse aus einer Elegie des römischen Dichters Tibull.1 Dahinter steckt (das sei der Vollständigkeit halber gesagt) nicht nur eine Kritik am Gewinnstreben, sondern überhaupt an allen möglichen Formen von persönlichem Ehrgeiz (und vor allem auch militärischer Ruhm).
Der Sprecher sehnt sich nach einem vermeintlich einfachen, ruhigen Landleben als Gegenentwurf zum Stress des realen Alltags. Auch an dieser Kritik kann man natürlich wieder ganz schön viel Kritik üben. Aber das hier ist nur ein „Fremdwort der Woche“, insofern müssen wir das wohl übergehen.
Was bleibt
Aber immerhin: Hinterfragt wurde Gewinnstreben also auch schon in der Antike. Und möglicherweise auch schon davor. Vielleicht ist das auch wieder so eine Frage oder ein Streitpunkt, der so alt ist wie die menschliche Zivilisation. Zum Glück ist es aber eine individuelle Entscheidung, wie weit man der Logik von Gewinn und Gewinnstreben folgt. Was für die einen lukrativ ist, muss es für andere nicht sein. Und das ist doch gut so.
- Tibull I,1 1 und 5-6 ↩


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