Am 10 Januar 49 vor Christus überquerte Caesar einen Fluss in Norditalien. Was unspektakulär klingt, hatte gewaltige Folgen für die Geschichte Roms, denn damit begann der römische Bürgerkrieg. Der Rubikon war nicht nur ein Fluss, er war eine rote Linie, ein Point of no Return.
Dessen war sich Caesar bewusst und prägte eins der bekanntesten Sprichwörter aus der Antike: „Die Würfel sind gefallen.“ Jetzt gab es kein Zurück mehr. So wird der Satz auch heute noch verwendet. Dabei war der Spruch ursprünglich ganz anders gemeint.
Der Ausspruch „Die Würfel sind gefallen“ ist auch heute noch im Alltag gängig. Wie schon erwähnt, benutzt man ihn, wenn man sagen will: „Damit ist die Entscheidung klar.“ Häufig geht es dabei um eine Entscheidung mit einer gewissen Tragweite und Folgen, die unbequem sein werden oder zumindest sein könnten.
Ein bisschen was zu Caesar
Das war in der historischen Situation, auf die der Spruch zurückgeht, auch der Fall. Caesar hatte in den 50er-Jahren vor Christus Gallien unterworfen. Er war aber nicht nur ein erfolgreicher Feldherr und begnadeter Politiker. Wenn man im ersten Jahrhundert vor Christus in der römischen Republik erfolgreich sein und bis an die Spitze gelangen wollte, dann brauchte man auch eine gehörige Portion Schläue und Skrupellosigkeit.
Böse Zungen behaupten, dass er seinen Feldzug in Gallien vor allem aus zwei Gründen durchführte: um einerseits den Gerichtsprozessen zu entgehen, die in Rom gegen in angestrengt wurden. Und andererseits kann man Länder, die man gerade unterwirft, auch wunderbar ausplündern und sich bereichern. Caesar konnte mit dem Feldzug also auch seine Finanzen sanieren.
Das klappte aber nur so halb. Die Gerichtsprozesse warteten in Rom weiterhin auf ihn. Vor allem einer, den sein Rivale Pompeius gegen in anstrengte. Solange Caesar ein Amt bekleidete, war er immun und hatte nichts zu befürchten. Aber seine Statthalterschaft in Gallien lief aus. Er brauchte ein neues Amt. Warum nicht für das Amt des Konsuls kandidieren?
Das war das höchste Amt in der römischen Republik, und Caesar sah sich sicherlich geeignet, es zu übernehmen. Es gab da aber ein Problem: Wie kandidiert man für ein Amt in der Hauptstadt, wenn man noch in Gallien sitzt? Mal kurz nach Hause fliegen, das war in der Antike nicht möglich. Das Problem war aber noch größer: Er durfte es auch gar nicht. Ein Provinzstatthalter hatte in seiner Provinz zu bleiben. Es war ihm nicht gestattet, nach Rom zu reisen.

Gemälde von Lionel Royer (1899, gemeinfrei)
Komische Regeln und wie man sich darüber hinwegsetzt
Für einen karrierebewussten Machtmenschen war das eine blöde Regel, eine Stolperfalle auf dem Weg zur Macht. Man lehnt sich nicht weit aus dem Fenster, wenn man Caesar den Hang zu hemdsärmeligen oder „pragmatischen“ Lösungen bescheinigt. Es passt durchaus zu seinem Charakterbild, das man aus den vielen antiken Quellen vorsichtig herausschälen kann, dass er einfach trotzdem Richtung Rom aufbrach.
Caesar war sich dabei aber bewusst, dass seine zahlreichen Gegner in der römischen Oberschicht ihn als Bedrohung sahen. Ihm war auch bewusst, dass sie nicht einfach tatenlos zusehen würden, wenn er nach Rom reisen würde. Also nahm er ein paar Soldaten mit. 5.300, um genau zu sein.1 Damit wirkte sein Zug nach Rom natürlich noch bedrohlicher, zumal seine Gegner offenbar dachten, er komme mit einer ganzen Streitmacht.
Der Fluss Rubikon im Norden Italiens bildete dabei eine rote Linie. Er bildete nämlich in der Antike die Grenze Italiens.
Kurzer Ausflug in die Geografie
Auch heute noch gibt es einen Fluss namens Rubicone in Italien, in der Nähe von Rimini. Er liegt damit heute nicht mehr an der Nordgrenze Italiens, sondern fast schon mittendrin. Das liegt daran, dass der ganze Teil nördlich davon, also die Region um Venedig, die Lombardei, Piemont und das Aosta-Tal nach antikem Verständnis nicht zu Italien gehörten.
Ob der Fluss Rubicone tatsächlich der antike Rubikon ist, ist übrigens umstritten. Dass er so heißt, hat er nämlich einem Dekret von Benito Mussolini im Jahr 1933 zu verdanken. Das war keine ganz willkürliche Entscheidung, denn es gibt durchaus ein paar Hinweise, dass das tatsächlich stimmen könnte.

Foto: Stefano Bolognini (attrib.)
Andererseits sollte man vorsichtig sein, wenn Diktatoren und Autokraten per Dekret die Schauplätze bedeutender historischer Ereignisse festlegen. Die Entscheidung könnte nämlich vielleicht auch damit zu tun haben, dass Mussolini ganz in der Nähe zufällig eine Strandvilla besaß.
So oder so wird der Rubikon aber ungefähr auf der dieser geografischen Höhe gelegen haben. Dass Italien für die Römer weiter südlich begann als der moderne Staat Italien, das ist unstrittig.
Eine historische Situation mit großer Nachwirkung
Der Moment, an dem Caesar mit seinen Truppen am Rubikon steht, gehört zu den bekanntesten der antiken Geschichte. Es gibt eine ganze Reihe historischer Gemälde, die diese Situation zeigen.
Und die Situation hat uns nicht nur den Spruch von den gefallenen Würfeln beschert, sondern auch den Ausdruck „den Rubikon überschreiten“. Auch der kommt gelegentlich im Alltag vor, und zwar dann, wenn man sagen möchte, dass da jemand eine rote Linie überquert.
Die Situation war deswegen so brisant, weil Caesar ganz klar ein Gesetz übertrat: Es war ihm nicht erlaubt, Italien zu betreten. Er tat das aber eben nicht nur als Einzelperson, sondern mit einer Legion.
Und das wiederum bedeutet: Er wandte sich gegen Rom. Man muss keine größeren gedanklichen Verrenkungen unternehmen, um nachzuvollziehen, dass man das als Kriegserklärung an den römischen Staat verstehen konnte. Die Folge waren anderthalb Jahre Bürgerkrieg zwischen Caesar und seinen Gefolgsleuten auf der einen und Pompeius und dem römischen Senat auf der anderen Seite.
Eine schwere Entscheidung
Man kann durchaus davon ausgehen, dass selbst Caesar diese Entscheidung nicht ganz leichtfertig traf. Er war sicherlich nicht dumm und anders als sein großes Vorbild (Alexander der Große) neigte er nicht unbedingt zu impulsiven Entscheidungen.
Ihm war sicherlich klar, dass es schlimmstenfalls zu einem Bürgerkrieg kommen würde, bei dem Römer gegen Römer kämpften. Millionen Gallier bei einem Feldzug abzuschlachten und ein ganzes Land zu entvölkern, war eine Sache. Aber Römer gegen Römer ins Feld zu führen, das war noch mal was ganz anderes.
Caesar musste ja auch das Danach bedenken. Sicher: Ein Teil seiner Gegner würde das Ganze nicht überleben. Aber er würde sie nicht alle töten können. Er ging mit der Überquerung des Rubikon also mehrere Risiken ein: Zum einen war nicht ausgemacht, dass Caesar siegen würde. Zum anderen schuf er sich auch Probleme für die Zukunft. Er würde einen großen Teil seiner Gegner irgendwie einbinden müssen. Da war Fingerspitzengefühl gefragt.
„Die Würfel sind gefallen“, lautet also der Spruch, den er angeblich bei der Überquerung gesagt haben soll. Er hatte sich entschieden. Für und Wider abgewogen. Und er war zu dem Schluss gekommen, dass er es wagen würde. Ein echter Macher eben.
Hat er das wirklich gesagt?
Dieser Abschnitt muss an der Stelle natürlich sein. Aber ich fasse es kurz: Kann sein. Kann aber auch sein, dass es komplett erfunden ist – im Nachhinein von ihm selbst, vielleicht auch von späteren Autoren.
Was spricht denn dagegen, dass Caesar diesen Spruch tatsächlich sagte? Wenn man mal so darüber nachdenkt: Nicht viel. Dass ein Heerführer sich für „den Moment“ einen griffigen Spruch zurechtlegt, ist überhaupt nicht unplausibel.
Andererseits: Der Spruch passt aber auch einfach zu gut. Er funktioniert vor allem ex eventu ziemlich gut, das heißt: im Nachhinein, in der Rückschau. Caesar war eben der Macher. Das macht den Spruch verdächtig.
Egal, ob man ihn nun für echt hält oder nicht: Es gibt da noch ein Problem. Der Spruch lautete nämlich ursprünglich ganz anders.
Erst mal zum Kontext
Die deutsche Version „Die Würfel sind gefallen“ geht zurück auf das lateinische Zitat „iacta alea est“. Und dieses Zitat finden wir beim Biografen Sueton (70 n Chr. bis nach 122 n. Chr.). Im Lateinischen steht ein Singular: „der Würfel ist gefallen“. Aber das soll uns nicht weiter wundern. Kann vorkommen und macht für den Sinn des Spruchs keinen wirklichen Unterschied.
Was schon eher eine Rolle spielt, ist die Tatsache, dass er ein bisschen aus dem Kontext gerissen ist. Denn laut Sueton sagte Caesar:2
Eatur quo deorum ostenta et inimicorum iniquitas vocat. Iacta alea est.
Wir müssen an den Ort gehen, den uns die Zeichen der Götter und das Unrecht unserer Feinde zeigen. Der Würfel ist gefallen.
Das klingt schon nicht mehr ganz so bestimmt und selbstsicher. Die Götter und das „Unrecht der Feinde“ weisen den Weg. Sie sind dafür verantwortlich dafür, dass Caesar das tun muss, was er tut. Das klingt nach jemandem, der auf äußere Umstände reagieren muss. Außerdem schwingt eine gewissen Unsicherheit über die Zukunft mit. Und das hat auch was mit dem Würfel zu tun.
Würfel und Götter
Denn wie kommt Caesar überhaupt auf dieses Ding mit dem Würfel? Wir heute denken dabei an (Glücks-)Spiele, was auch einen guten Sinn ergibt. Wenn man einen Würfel wirft, ist das Ergebnis nicht vorhersehbar. Aber: Es ist am Ende eindeutig. Etwas hochtrabend formuliert: Das ist unser kultureller Kontext, in dem wir den Spruch verstehen.
In der Antike gab es aber noch einen Bereich, in dem Würfel eine wichtige Rolle spielten, nämlich Orakel. Und die sind überhaupt nicht klar und eindeutig.
Bei einem Würfelorakel wurden Zahlen gewürfelt und diese Zahlenfolge interpretiert. Im besten Fall verrieten die Zahlenfolgen etwas über den göttlichen Willen und damit über die Zukunft. Diesen Aspekt muss man mitdenken.
Kleine antike Sprachverwirrung
Wir sind aber an der Stelle noch nicht fertig. Bisher haben wir den lateinischen Spruch „iacta alea est“, den wir im Deutschen heute aufgrund unseres kulturellen Kontextes etwas anders verstehen als die Menschen der Antike. Während wir heute an eine klare Entscheidung nach einem Würfelwurf denken, dachte man damals eher an ein Orakel und eine unklare Lage, die erst interpretiert werden musste.
Nun ist es aber so, dass Caesar im entscheidenden Moment gar nicht Latein sprach, sondern Griechisch.3 Das klingt für uns vielleicht erst mal irritierend, aber ist absolut nicht unplausibel. Caesar konnte als Angehöriger der römischen Oberschicht selbstverständlich Griechisch.
Das ist in etwa so, wie heute manche Menschen für griffige Formulierung vielleicht ab und zu ins Englische wechseln. Das macht längst nicht jede*r, aber es ist problemlos denkbar.
Die griechische Version überliefert uns jedenfalls der Biograf Plutarch. Und bei ihm klingt der Spruch ganz anders.
Auftritt Plutarch
Plutarch lebte ein bisschen früher als der Römer Sueton, nämlich von 45 bis ca. 125 n. Chr. Das allein macht ihn aber überhaupt nicht zu einer glaubwürdigeren Quelle als Sueton, wenn es um die korrekte Wiedergabe des Spruchs geht.
Es ist vielmehr die Tatsache, dass er im Zusammenhang mit der Geschichte um die Überquerung des Rubikons explizit einen Mann namens Asinius Pollio erwähnt. Der war bei der ganzen Sache nämlich dabei, also ein Augenzeuge:4
πολλὰ δὲ καὶ τῶν φίλων τοῖς παροῦσιν, ὧν ἦν καὶ Πολλίων Ἀσίνιος, συνδιηπόρησεν, ἀναλογιζόμενος ἡλίκων κακῶν ἄρξει πᾶσιν ἀνθρώποις ἡ διάβασις, ὅσον τε λόγον αὐτῆς τοῖς αὖθις ἀπολείψουσι.
Lange überlegte er (Caesar) mit seinen Freunden, die ihn begleiteten – unter ihnen war auch Asinius Pollio – hin und her. Er kalkulierte, welches Unheil die Überquerung für alle Menschen bedeuten würde und wie das Urteil (darüber) über die Nachwelt ausfallen würde.
Die Tatsache, dass Plutarch ihn explizit erwähnt, macht es wahrscheinlich, dass er sein (verlorenes) Geschichtswerk als Quelle konsultierte und dies durch die explizite Erwähnung im Text deutlich macht.
Schon bei Sueton haben wir gesehen, dass Caesar hier nicht einfach der „Macher“ war, und dieses Bild bestätigt sich auch hier bei Plutarch: Caesar berät sich lange und überlegt mit seinen Vertrauen „hin und her“.
Der entscheidende Moment
Dann aber entscheidet Caesar, und auch das klingt lange nicht mehr so selbstsicher und souverän, wie man sich Caesar gemeinhin vielleicht vorstellt:
τέλος δὲ μετὰ θυμοῦ τινος ὥσπερ ἀφεὶς ἑαυτὸν ἐκ τοῦ λογισμοῦ πρὸς τὸ μέλλον, καὶ τοῦτο δὴ τὸ κοινὸν τοῖς εἰς τύχας ἐμβαίνουσιν ἀπόρους καὶ τόλμας προοίμιον ὑπειπὼν…
Am Ende aber ließ er die Überlegungen mit einer gewissen Erregung fallen und sagte folgenden Spruch, den Leute sagen, die sich auf ein ungewisses Schicksal und Wagnisse einlassen: …
So, wie Plutarch es beschreibt, ist das Caesars „Scheiß drauf, ich mach’s jetzt einfach“-Moment. Aber was sagt er denn nun?
ἀνερρίφθω κύβος
Der Würfel sei in der Luft!
Ok. Was bedeutet das? Zum einen: Das Ganze ist eine Befehlsform, man könnte auch sagen: „Soll der Würfel doch in der Luft sein!“ Und zum anderen: Mehr Unklarheit geht ja gar nicht, auch für uns heute mit unserem modernen kulturellen Kontext vom Würfelspiel.
Ein Missverständnis über drei Sprachen hinweg
Wenn wir mitgehen, dass Plutarchs Version glaubwürdiger ist, da er sich direkt auf einen Augenzeugen beruft, dann hat Caesar also gesagt: Jetzt geht’s los, und es ist völlig unklar, was passieren wird. Der Würfel ist in der Luft.
Und bei Sueton haben wir dann die bekannte Version: Der Würfel ist gefallen, was mehr nach einer Entscheidung klingt, auch wenn eine gewisse Unsicherheit mitschwingt, da man in der Antike auch den Kontext der Orakel mitdachte.
Hat Sueton also bei seiner Übersetzung ins Lateinische Mist gebaut? Und wenn ja: Warum und wieso konnte das passieren? Die Sueton-Fans da draußen (gibt es die überhaupt?) kann ich beruhigen: Nein, das kann man so auch nicht sagen.
Griechisch kann mit seinen Verbformen ganz schön kompliziert werden. Manche lassen sich, wenn man es denn ganz präzise machen will, nur kompliziert übersetzen. Griechische Verbformen können relativ feine Nuancen ausdrücken, für die wir im Deutschen (aber auch im Lateinischen) Füllwörter oder Umschreibungen brauchen. Genau genommen steht bei Plutarch:
ἀνερρίφθω κύβος
Der Würfel soll hochgeworfen werden und damit noch in der Luft sein, weil wir sagen wollen, dass der Vorgang des Werfens begonnen hat, aber noch nicht abgeschlossen ist.
Ja, man muss es wirklich so umständlich machen, wenn man genau sein will. Da steht man unweigerlich vor der Frage: Wie übersetzt man so was elegant?
Oben habe ich mich für die Variante entschieden, aus der die Unsicherheit ganz klar deutlich wird: „Der Würfel soll in der Luft sein.“ Dabei geht natürlich auch eine Sache völlig verloren: Dass er vorher hochgeworfen wurde. Diese Information fehlt. Meine Übersetzung könnte man auch so verstehen, dass sich der Würfel Star-Trek-mäßig per Teleporter plötzlich in der Luft materialisiert. Außerdem drückt sie einen Zustand aus, obwohl eine Bewegung gemeint ist.
Wir sind selbst schuld
Vor dem gleichen Problem stand auch Sueton. Er entschied sich für „der Wüfel wurde geworfen“. Geworfen ja, aber das heißt nicht zwangsläufig, dass er auch schon gelandet ist. Im Deutschen muss man das explizit dazusagen, wenn man das ausdrücken will. Und das ist im Lateinischen ähnlich. Die lateinische Version ist missverständlich.
Sueton hat sich nicht die Mühe gemacht, das sprachlich deutlich zu machen. Er hat sich für die griffige Form entschieden, was man ihm nicht verübeln kann. Er war schließlich Schriftsteller.
Aber dann kommt das klassische Schullatein. Man lernt nämlich im Lateinunterricht, dass das lateinische Perfekt (und darum handelt es sich bei der Wortform iacta est) oft das Resultat einer Handlung bezeichnet.
Und was ist normalerweise das Resultat, wenn man etwas wirft? Dass es am Ende irgendwo hinfällt. Und genau dieser Gedankengang stand hier im Hintergrund: Der Würfel wurde geworfen und ist als Resultat am Ende gefallen.
Und genau so kann man das lateinische Perfekt in einigen Fällen auch übersetzen, nämlich mit „ist gefallen“ statt „wurde geworfen“. Das ist nicht selten sogar eine sehr elegante Variante der Übertragung ins Deutsche. Aber eben nicht immer. Caesars berühmter Spruch gehört leider zu den Beispielen, bei denen so etwas schiefgehen kann.
Sueton hat im Grunde nicht wirklich was falsch gemacht. Und wer auch immer für die Übertragung vom Lateinischen ins Deutsche ursprünglich verantwortlich war, war ebenfalls nicht dumm. Im Ergebnis aber wurde der Spruch aber bei jeder Übertragung ein weiteres Stück weit verfälscht.
Wir laufen mit einem falschen Spruch durch die Gegend
Das Ergebnis ist, dass wir heute im Alltag einen Ausspruch Caesars benutzen, der in seiner modernen deutschen Form fast das Gegenteil von dem aussagt, was ursprünglich gemeint war.
„Die Würfel sind gefallen“ klingt endgültig. Die Entscheidung ist da, jetzt geht es los. Der weitere Verlauf der Geschichte ist ab jetzt unabänderlich und vorherbestimmt. Es gibt kein Zurück mehr.
Das gab es für Caesar in seiner tatsächlichen historischen Situation auch nicht. Also, theoretisch sicherlich schon. Er hätte sicher auch einfach wieder umkehren können. Aber sagen wir mal: Praktisch war das ausgeschlossen. Er konnte nur noch weiter nach vorn.
Siegessicher war er in der Situation aber keineswegs. Und auch die Folgen seines Handelns konnte er nur bedingt absehen, vor allem die späteren Auswirkungen auf die römische Politik und Gesellschaft, wenn sich der Staub nach dem Bürgerkrieg erst mal gelegt hätte.
Diese ganze Unsicherheit drückt er in nur einem Wörtchen aus, das eine ganz schön komplexe Gemengelage an Informationen transportiert: ἀνερρίφθω (anerríphto). Vielleicht hat er sich auch genau deswegen entschieden, den Spruch auf Griechisch zu sagen, weil es nur in dieser Sprache möglich war, das Ganze komplex, aber trotzdem in zwei griffigen Worten zum Ausdruck zu bringen.
Wie das Ganze ausging
Caesar war am Ende erfolgreich. Anderthalb Jahre nach der Überquerung des Rubikon besiegte er seinen Rivalen Pompeius in der Schlacht bei Pharsalos. Und tatsächlich agierte Caesar danach sehr klug, da er viele seiner ehemaligen Gegner verschonte.
Kriege haben immer Langzeitfolgen. Besonders bei Bürgerkriegen aber besteht das Problem, dass es zu einer Spaltung innerhalb der eigenen Bevölkerung kommt. Diese Gruppen müssen jedoch nach einem Bürgerkrieg Wege der Verständigung finden.
Für die siegreiche Partei, in dem Fall also Caesar und seine Leute, ergibt sich da ein kompliziertes Spannungsfeld. Zum einen muss man die Gegenseite besiegen und so schwächen, dass sie für die Zukunft keine Bedrohung mehr darstellt. Zum anderen muss man aber die Spaltung überwinden und sollte alles dafür tun, die Gräben nicht noch tiefer werden zu lassen.
Caesar ist das auf den ersten Blick geglückt. Ihm gelang es durchaus, die Lage zu beruhigen. Aber gleichzeitig ist Caesar auch das beste Beispiel dafür, wie sehr man sich verschätzen kann. Seine Ermordung im Jahr 44, also knapp vier Jahre nach dem Sieg bei Pharsalos, war nicht unbedingt eine direkte Folge des Bürgerkriegs. Da spielten viele Faktoren mit hinein.
Aber ausgerechnet einer der Hauptverschwörer gegen ihn war Brutus, den er nach der Schlacht bei Pharsalos verschont hatte und sogar zu einem seiner engsten Vertrauten gemacht hatte. Am Ende also könnte man auch sagen: Caesar war vielleicht doch gar nicht so erfolgreich.
Ebenso komplex, wie die Ereignisse im und nach dem Bürgerkrieg waren, war also auch die Entscheidung, den Rubikon zu überschreiten. Das ahnte oder wusste Caesar. Und das wollte er der Nachwelt mit einer einzigen komplizierten griechischen Verbform mitgeben.
Zum Weiterlesen
- Ernst Baltrusch. Caesar und Pompeius, Darmstadt 2004
- Luciano Canfora, Caesar. Der demokratische Diktator, München 2001
- Klaus Martin Girardet, Januar 49 v. Chr: Caesars Militärputsch. Vorgeschichte, Rechtslage, politische Aspekte, Bonn 2017


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