anonym – Fremdwort der Woche

Anonymität ist eine zweischneidige Sache. Einerseits genießen wir sie. Zum Beispiel im Internet, wo die Anonymität eine gewisse Sicherheit bietet. Andererseits hat sie aber auch Nachteile. Zum Beispiel, wenn es um Beleidigungen oder Straftaten im Internet geht. In der Antike dagegen war Anonymität fast immer etwas Schlimmes. 

Wo das Wort herkommt

Das Wörtchen „anonym“ setzt sich aus zwei altgriechischen Bestandteilen zusammen. Die Vorsilbe ἀ(ν)-  (an-) verneint etwas. Sie ist mit unserem deutschen un- vergleichbar (wie in „un-aussprechlich“). Der zweite Teil ist ὄνυμα (ónyma), was „Name“ bedeutet. 

Um diese beiden Bestandteile herum wurde im Altgriechischen das Adjektiv ἀνώνυμος (anónymos) gebaut. Wörtlich heißt das so was wie „un-namentlich“. Auch wenn das ein sehr seltsames Wort ist, kann man ungefähr erahnen, was es heißen soll, wenn man es im Deutschen einfach nachbaut. Wenn man es eleganter übersetzen will, kommt dabei „namenlos“ heraus. Aber das ist noch nicht alles. 

Ein ziemlich breites Bedeutungsspektrum

Zunächst mal: Keinen Namen zu haben, war in der Antike etwas Negatives. Wir heute genießen es, wenn wir nicht mit unseren Klarnamen ins Internet gehen müssen. Aber für die antiken Gesellschaften war es eine Strafe, wenn man nicht mit Namen angesprochen wurde oder der eigene Name aktiv verschwiegen oder ausgelöscht wurde. Name bedeutet Identität. 

Diese Vorstellung hallt auch heute noch in Resten nach. Wenn man jemanden abgrundtief verabscheut, machen manche das auch heute noch. Dann nennt man nicht mehr den Namen, sondern sagt zum Beispiel „diese Person“ oder so was. 

In der Antike ging das noch einen Schritt weiter. Das Prinzip „Sprache schafft Realität“ war auch damals schon bekannt. Daher konnte „anonym“ auch bedeuten: „nicht zu nennen“, „unaussprechlich (im Bezug auf den Namen)“. Kennen wir heute auch noch, aber eher aus der Fantasy: „er, dessen Name nicht genannt werden darf“. 

Dahinter steckt die Vorstellung, dass man durch das Aussprechen eines Namens eine Realität anerkennt. Erst durch die Benennung wird eine Figur oder Person real. 

Antike und moderne Gesellschaften

Die antiken Gesellschaften waren weitestgehend Face-to-Face-Gesellschaften. Man kannte sich, das soziale Netz hatte eine sehr große Bedeutung für jedes Individuum. Dass Anonymität auch etwas Positives sein könnte, das wäre den Menschen damals kaum eingefallen. 

Das ist heute grundsätzlich anders, aber wir leben auch in einer Gesellschaft, die in vielen Bereichen ganz anders funktioniert. Wir leben nicht mehr nur in unserem unmittelbaren familiären, beruflichen oder nachbarschaftlichen Umfeld. Anonymität bietet uns Schutz, vor allem online. 

Aber wir kennen heute auch die Kehrseiten der Anonymität. Im Internet ist es ziemlich schwierig, jemanden wegen Beleidigung oder sogar noch schlimmeren Dingen dingfest zu machen. Und im Alltag: Wir alle kennen traurige Berichte über zunehmende Einsamkeit, von Menschen, deren soziales Netz weggebrochen ist und die in extremen Fällen sogar versterben, ohne dass es irgend jemand merkt. 

Eine einfache Lösung dafür gibt es natürlich nicht. Wir müssen als Gesellschaft in vielen Fällen abwägen, was überwiegt: Der Wert der Anonymität oder ihre Nachteile. Und das ist gar nicht so leicht. 

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