Autogramm – Fremdwort der Woche

„Kannst du hier grad mal dein Autogramm druntersetzen?“ – „Nee sorry, hab grad keine Zeit, einen Roman zu schreiben.“ So oder so ähnlich könnte eine schlichte Frage nach einer Unterschrift enden, wenn wenn man sich mit Nerds (sprich: Altsprachler*innen) unterhält. Schreckliche Vorstellung, aber wir erklären mal kurz, wie das kommt.

„Autogramm“ ist eigentlich ein relativ unspannendes Fremdwort, zumindest auf den ersten Blick. An sich ist die Wortbildung nämlich schnell erklärt. Das Wort setzt sich aus den beiden altgriechischen Bestandteilen αὐτός (autós) für „selbst“ und γράμμα (grámma) für „Schriftzeichen“ oder auch „Schriftstück“ zusammen. 

Eine Sache ist aber komisch. Ein Autogramm ist ja die Unterschrift einer Person. Und, schon klar, die hat sie selbst geschrieben. Ergibt alles irgendwie Sinn. Aber warum heißt dieselbe Sache auf Englisch eigentlich „autograph“? 

Und da fängt es an, interessant zu werden. Denn, um es kurz zu machen: Die Engländer*innen haben recht. (Und natürlich auch die Amerikaner*innen und so weiter.) Recht haben bedeutet hier: Das Wort „autograph“ ist viel sinnvoller gebildet, und was wir als „Autogramm“ bezeichnen, ist eigentlich keins. Verwirrend? Keine Sorge, wir erklären’s euch.

Der erste Teil von „autograph“ ist natürlich dasselbe αὐτός (autós) wie bei uns. Für den zweiten Teil kommt aber ein anderer Wortteil zum Einsatz, nämlich -γραφος (-graphos), was „Schriftzug“ bedeutet. Ein „autograph“ ist ein „selbst geschriebener Schriftzug“. Das kennen von woanders auch: Ein Paragraph ist ein „daneben geschriebener Schriftzug“, weil Paragraphen ursprünglich neben dem Text standen, um ihn zu gliedern. 

Und warum ist „Autogramm“ jetzt falsch? Weil das kleine Wörtchen γράμμα (grámma) so ziemlich alles heißen kann, nur nicht „Schriftzug“. Es kann „Linie“ bedeuten, auch „Buchstabe“.

Und wenn man noch größer denkt, dann kommt sofort die Bedeutung „Dokument“. Demnach kann ein Autogramm also zum Beispiel ein handschriftlicher Brief oder das Manuskript eines Romans sein, aber so gut wie nie ein einzelner Schriftzug. 

Da war man im englischen Sprachraum wohl etwas aufmerksamer als bei uns. Aber was soll’s. Man kann den Leuten ja jetzt ihr gewohntes „Autogramm“ nicht mehr verbieten. Die deutsche Sprache ist eh verhunzt und steht kurz vor dem Untergang. Das haben wir ja aus den quälenden Diskussionen um Gendersternchen und weibliche Berufsbezeichnungen im Duden ja gelernt. 

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