Brutus – Der Freund, der zum Mörder wurde

Es gibt Tage, die die Welt verändern. Der 15. März 44 v. Chr. ist einer davon. An diesem Morgen betrat Gaius Iulius Caesar die Halle des Pompeius-Theaters in Rom – und verließ sie nicht mehr lebend. Zwanzig Senatoren hatten Dolche unter ihren Togen verborgen. Einer von ihnen war ein enger Freund. Wer war Brutus und was brachte ihn zu seiner Tat?

Et tu, Brute?

„Auch du, Brutus?“ ist eines der bekanntesten antiken Zitate überhaupt. Er wurde Caesar in den Mund gelegt, als er verblutend auf dem Boden lag, umringt von seinen Mördern und unter ihnen seinen Freund Brutus erkannte. 

Diese Tatsache hat die Nachwelt stark beschäftigt: Wie konnte es dazu kommen, dass ausgerechnet Brutus einer der Anführer der Verschwörer war, die Caesar ermordeten? Er galt als Freund und Vertrauter Caesars. 

Zunächst mal: Der Spruch „Et tu, Brute?“ („Auch du, Brutus?“) stammt gar nicht aus der Antike, sondern von Shakespeare.1 Die antiken Quellen überliefern stattdessen einen griechischen Satz: καὶ σύ τέκνον; – „Auch du, mein Kind?“2

Es ist aber relativ müßig, sich über die neuzeitliche oder die antike Variante dieses Spruchs weiter auszulassen, denn letztlich darf man berechtigte Zweifel haben, ob Caesar im Todeskampf tatsächlich noch einen druckreifen Spruch für die Nachwelt auf den Lippen hatte. 

War er Caesars leiblicher Sohn?

Aber die antike Variante lenkt den Blick stärker auf die persönliche Bindung zwischen Caesar und Brutus. Denn der war vielleicht Caesars Sohn, zumindest gab es Gerüchte in diese Richtung. Allerdings muss man da vorsichtig sein, denn zur Zeit von Brutus Geburt war Caesar gerade 15. 

Das macht es natürlich nicht unmöglich, dass er Brutus’ Vater gewesen sein könnte. Aber dass er es mit 15 geschafft haben soll, eine Affäre mit einer verheirateten Frau der römischen Oberschicht anzufangen, das ist schon einigermaßen suspekt. 

Geboren wurde Marcus Iunius Brutus nämlich vermutlich um 85 v. Chr. als Sohn von Servilia, die mit ihrem Mann Marcus Iunius Brutus (dem Älteren) verheiratet war. 

Dass Caesar grundsätzlich so einige Affären hatte, ist sicher. Und ein paar davon lesen sich wie das Who is Who seiner Zeit. Um nur mal zwei zu nennen: Man denke an Cleopatra. Oder König Nikomedes von Bityhnien, wobei letzteres auch wieder nur ein Gerücht war. 

Dass auch Servilia dazugehörte, ist ein also ein weiteres antikes Gerücht.3 Dass aus ihrer Verbindung dann auch noch ein Kind, nämlich Brutus, hervorging – da sollte man sehr vorsichtig sein. Dieses Gerücht liefert für die spätere Beteiligung des Brutus an der Ermordung Caesars Ermordung nämlich noch eine dramatische Steigerung. 

So wird die Geschichte zur Familientragödie. Und genau aus diesem Grund könnte im Nachhinein das Gerücht in die Welt gekommen sein, dass Brutus in Wahrheit Caesars leiblicher Sohn gewesen sei. 

Caesar, mögliche Büste aus Tusculum, Foto: DanieleDF1995 (CC BY-SA 3.0)

Zwischen den Stühlen

Aufgezogen wurde Brutus jedoch maßgeblich von seinem Onkel Cato. Das ist nicht ganz unwichtig, denn Cato war ein erbitterter politischer Gegner Caesars. Dafür, dass Brutus bei seinem Onkel aufwuchs, gab es auch einen Grund: Brutus’ Vater wurde im Jahr 78 oder 77 von Pompeius (beziehungsweise auf seinen Befehl hin) getötet. 

Wie man sich vorstellen kann, war das Verhältnis zwischen Brutus und Pompeius daraufhin ziemlich ramponiert. Zwischen den beiden herrschte inimicitia,4 das war in der römischen Oberschicht der Fachbegriff für eine persönliche Feindschaft, also eine Feindschaft, die über politische Differenzen hinausging. Die beiden grüßten einander nicht einmal mehr.

Das Problem: Pompeius sollte in den kommenden Jahren und Jahrzehnten zu einer der politisch bedeutendsten Personen Roms aufsteigen. Und, als ob das nicht reichte: Für Caesar gilt das gleiche. Brutus stand in den 40er-Jahren vor Christus damit zunächst zwischen den Stühlen. 

Zwischen Pompeius und Caesar bahnte sich nämlich der große Showdown an, der römische Bürgerkrieg. Bei der griechischen Stadt Pharsalos trafen die beiden zur Entscheidungsschlacht aufeinander: Wer von beiden würde in Zukunft Roms Geschicke bestimmen? 

Und: Was machte Brutus in dieser Situation?

Auf den ersten Blick eine merkwürdige Entscheidung

Er überraschte alle. Man hatte allgemein erwartet, dass er eher seine politischen Differenzen als seine persönliche Feindschaft beiseite schieben würde. Man erwartete, dass er sich auf Caesars Seite stellen würde. Aber genau das geschah nicht. Er versöhnte sich mit Pompeius und stellte sich gegen Caesar.5

Das überrascht uns vielleicht auch heute noch. Aber in dieser Entscheidung zeigt sich ein Muster, das gleich noch mal wiederkehren wird: Brutus entscheidet politisch, nicht persönlich. Dahinter steckt aber nicht nur eine strategische Entscheidung, also dass er sich demjenigen anschloss, von dem er sich mehr Vorteile versprach. Brutus Motive gingen tiefer. 

Auch wenn Pompeius sicher kein strahlender Held und Retter der römischen Republik war: Caesar hatte Gesetze übertreten und den römischen Senat provoziert. Mit seiner Überquerung des Flusses Rubikon (mitsamt bewaffneter Soldaten) hatte der der römischen Staat den Krieg erklärt. 

Aus Brutus’ Sicht war klar: Caesar war eine Bedrohung für die etablierte republikanische Ordnung. Diese Bedrohung zu beseitigen, war für ihn wichtiger als seine persönliche Feindschaft mit Pompeius. Und das hat viel mit seiner Erziehung und Prägung zu tun. 

Der philosophische Background

Brutus wurde, wie gesagt, stark durch seinen Onkel Cato geprägt. Der wiederum war Stoiker und damit Anhänger einer der einflussreichsten Philosophenschulen der damaligen Zeit. Zum Selbstverständnis der Stoiker gehörte die Überzeugung, dass der Mensch nach der Tugend zu streben hat und dass dieser Anspruch nicht im Privaten endet. Wer die Vernunft als oberstes Prinzip akzeptiert, ist auch zur politischen Verantwortung verpflichtet. Für Cato war das keine Theorie, sondern gelebte Praxis – und Brutus sah es von Kindheit an.6

Dazu kamen jedoch, wie es für junge Römer der Oberschicht üblich war, Studienreisen und -aufenthalte in Griechenland. Der Philosoph Aristos von Askalon lebte zeitweise sogar in Brutus’ Haus.[Plutarch, Brutus 2] Aristos war zwar kein Stoiker, sondern Platoniker. Ohne zu sehr ins Detail zu gehen:  Die Akademie Platons und die Stoa waren keine streng gegensätzlichen Philosophenschulen. Aristos gehörte zu denjenigen, die die Ähnlichkeiten oder Gemeinsamkeiten betonten. 

Was bedeutet das aber nun für Brutus’ Weltanschauung? Aus seiner stoisch-akademischen Prägung heraus bezog Brutus zum einen die Überzeugung, dass Tyrannenmord nicht nur erlaubt, sondern sogar notwendig sei. 

Und zum anderen folgte daraus auch die moralische Verpflichtung, sich politisch einzubringen und für die eigenen Werte einzutreten. 

Vom Feind zum Freund

Pompeius unterlag in der Schlacht bei Pharsalos. Der römische Bürgerkrieg war zu Caesars Gunsten entschieden. Aber Caesar entschied sich nach seinem Sieg für einen klugen Schachzug: Er ging auf viele seiner Gegner zu und begnadigte sie. 

Um das zu verstehen, muss man sich den Kontext etwas klarer machen. Aus rein machtpolitischer Perspektive wäre es für Caesar durchaus zweckmäßig gewesen, einen großen Teil der Anhänger des Pompeius zu beseitigen. Immerhin waren darunter ziemlich viele politisch einflussreiche Männer, die ihm in Zukunft vielleicht noch mal gefährlich werden könnten. 

Andererseits hatten hier Römer gegen Römer gekämpft. Es war genauso politisch zweckmäßig, alte Gräben zuzuschütten und nicht noch weiter zu vertiefen. Caesar entschied sich für diesen Weg, anstatt eine groß angelegte Säuberungsaktion. Diese Entscheidung ging als Caesars berühmte clementia („Milde“) in die Geschichte ein. Das klingt ein bisschen so, als wäre er einfach nett gewesen. Aber diese Entscheidung folgte sicherlich einem ganz pragmatischen und politischen Kalkül. 

Jedenfalls profitierte auch Brutus von dieser clementia. Er wurde von Caesar verschont. Aber nicht nur das. Caesar zeigte schon vor der Schlacht, dass ihm Brutus aus irgend einem Grund besonders wichtig war. 

Er ließ ausdrücklich verfügen, dass Brutus in der Schlacht zu schonen sei. Wenn man ihn nicht gefangen nehmen könne, solle man ihn sogar entkommen lassen.7 

Es passierte aber noch mehr. Brutus wurde nach der Schlacht nicht nur von Caesar verschont, sondern auch politisch gefördert. Caesar setzte ihn 44 als Stadtpraetor ein und sah ihn als Konsul für das Jahr 41 vor, wobei er auf eigene Ansprüche verzichtete.8

Die persönliche Ebene

Offenbar mochte Caesar ihn sogar, und zwar wegen seiner Klugheit und seiner Tugendhaftigkeit, um dieses altmodische Wort mal zu verwenden. Moderner ausgedrückt, könnte man vielleicht von einem sehr starken Wertekompass sprechen, den Brutus hatte.9 

Caesar bewunderte an Brutus auch, dass er offen und direkt sagte, was er meinte. Und dass er für seine Ideale tatsächlich mit Überzeugung eintrat.

οὗτος ὁ νεανίας οὐκ οἶδα μὲν ὃ βούλεται, πᾶν δ᾽ ὃ βούλεται σφόδρα βούλεται.

Dieser junge Mann weiß nicht nur, was er will. Er will außerdem alles, was er will, auch ziemlich stark.

Caesar, zitiert von Plutarch10

Aber da stellt sich eine Frage: In dem Moment, als Caesars Sieg feststand, wechselte Brutus die Seiten. Spricht das wirklich für einen starken Wertekompass? 

Sein Onkel Cato nämlich, sein Erzieher und Vorbild, entschied sich anders. Größer könnte der Kontrast nicht sein: Brutus lässt sich von Caesar nach Pharsalos begnadigen. Sein Onkel dagegen kämpft einen aussichtslosen Kampf weiter, flieht in die nordafrikanische Stadt Utica und nimmt sich schließlich das Leben. 

Von der Nachwelt bekommt Cato daher den Beinamen Uticensis verliehen, denn sein kompromissloses Eintreten für die Republik und sein Kampf bis zum Ende sind von da an untrennbar mit ihm verknüpft.

Doch eher ein Pragmatiker?

Was wirklich in Brutus vorging, werden wir natürlich nie erfahren. Aber man kann schon ein paar mögliche Erklärungen finden, warum er sich anders entschied als sein Onkel und sich begnadigen ließ. 

Genau genommen ist es sogar noch schlimmer: Caesars Begnadigung kam nicht aus dem Nichts. Brutus hatte ihn darum gebeten. Er hatte sich also, wenn man es mal böse formulieren will, dem Feind geradezu an den Hals geworfen, um sein Leben zu retten. 

Der Suizid seines Onkels hat Brutus Zeit seines Lebens beschäftigt. Er verfasste später eine Lobschrift auf seinen Onkel und bat auch Cicero, seinem Onkel ein literarisches Denkmal zu setzen. Aber er fand auch einen Kritikpunkt an dessen Verhalten, denn er interpretierte es (zumindest zum Zeitpunkt des Selbstmords) als ein Weglaufen vor dem Schicksal.11

Und das wiederum riecht ziemlich stark nach stoischer Philosophie. Denn die erlaubte zwar durchaus den Freitod, wenn eine Lage aussichtslos war. Aber sie forderte ihn nicht ein. Was sie dagegen einforderte, war Pflichterfüllung. Für Brutus war sein Weiterleben möglicherweise genau das: eine Form der Pflichterfüllung. 

Zudem darf man nicht dem Rückschaufehler erliegen. Nach der Schlacht bei Pharsalos war die weitere Zukunft längst nicht so klar, wie sie uns heute (eben in der Rückschau) erscheint. Für Brutus war die Lage eben offenbar noch nicht aussichtslos. Vielleicht war Pharsalos für ihn ein Rückschritt, aber keine endgültige Niederlage.

Caesar war außerdem noch kein unangefochtener Alleinherrscher. Wer konnte schon mit Gewissheit sagen, dass sich die Dinge nicht doch zum Guten wenden würden? Und nicht zuletzt: Vielleicht gab es ja tatsächlich auch eine gewisse Sympathie zwischen beiden. Das alles sind Gedanken, die bei Brutus eine Rolle gespielt haben könnten.

Der deutlichste Hinweis darauf, dass Brutus kein Fähnchen im Wind war, ist schließlich Caesars Ermordung. An der war er nämlich maßgeblich beteiligt. 

Warum er Caesar tötete

Herauszufinden, warum Brutus sich an dem Mordanschlag auf seinen Förderer Caesar beteiligte und darin sogar eine wichtige Rolle spielte, ist nicht schwer. Caesar hatte sich Anfang 44 v. Chr. zum Diktator auf Lebenszeit ernennen lassen. 

Ein Diktator war in der römischen Republik ein Amt mit umfangreichen Vollmachten. Ein Diktator konnte gewissermaßen ungehindert „durchregieren“. Aber ein solches Amt wurde nur vergeben, wenn sich der römische Staat in einer existentiellen Bedrohungslage befand. Außerdem wurde es nur für einen Zeitraum von sechs Monaten vergeben. 

Vor diesem Hintergrund ist klar, dass Caesar hier faktisch eine Alleinherrschaft etablierte. Sein Einfluss und seine Machtfülle war schon vorher von der senatorischen Elite der Republik kritisch beäugt worden. Aber die Ernennung zum Diktator auf Lebenszeit war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. 

Bei Brutus kamen jedoch noch ein paar persönliche Gründe dazu. Sein stoisches Weltbild sah Tyrannenmord als eine moralische Verpflichtung. Und zudem gab es da noch etwas, was geradezu symbolisch wirkt: Einer seiner Vorfahren war kein Geringerer als Lucius Iunius Brutus, der knapp 500 Jahre zuvor den letzten römischen König vertrieben hatte. Rom und Könige – das ist übrigens noch mal ein ganz eigenes, heißes Thema. 

No kings!

Das Wort „König“ war für die Römer nämlich ein Reizwort. Die genauen historischen Umstände und Fakten liegen im Dunkeln, aber bis ca. 509 v. Chr. war Rom von einer Dynastie etruskischer Adliger beherrscht worden. Nachdem ihr letzter Vertreter, König Tarquinius (mit dem Beinamen Superbus – „der Hochmütige“) vertrieben worden war, etablierte sich in Rom die Republik – genau die Republik, die nun, im Jahr 44 v. Chr., in der Krise steckte und durch eine Alleinherrschaft Caesars bedroht war. 

Eine Königsherrschaft stand in Rom für: Fremdherrschaft, Willkür, Gewalt. Caesar selbst hatte es stets vermieden, sich als König zu präsentieren. Aber die Menschen, vor allem die senatorische Elite der Republik, waren ja nicht blöd. Auch wenn Caesar das politische Reizwort vermied und sich nicht König nannte, steuerte der Staat trotzdem auf eine Alleinherrschaft zu. Das sahen Brutus, seine Mitverschwörer und auch viele andere sehr klar, die Caesar kritisch betrachteten. 

Die Konsequenz, nämlich die Entscheidung, Caesar zu ermorden, war aber für Brutus keineswegs sofort klar. Er haderte lange mit sich und mit seiner Entscheidung.12 Am Ende aber stand für ihn fest: Caesar musste beseitigt werden. 

Die Ermordung Caesars, Gemälde von Jean-Léon Gérôme 1867 (gemeinfrei)

Die Verschwörung

Brutus war nicht nur Teil der Verschwörung, sondern einer ihrer Anführer. Oft wird sein Schwager Cassius noch in einem Atemzug mit ihm zusammen genannt. Wie genau die Verschwörung letztlich zustandekam, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. 

Fest steht, dass die Verschwörer den Morgen des 15. März 44 v. Chr. für ihre Tat auswählten. An diesem Tag fand eine Sitzung des Senats im Pompeius-Theater statt. Doch es gab da noch ein Hindernis: Marcus Antonius, einen der engsten Vertrauten Caesars. Den verwickelte einer der Mitverschwörer außerhalb des Gebäudes in ein Gespräch, sodass er nicht eingreifen konnte. 

Das sollte sich übrigens noch rächen. Brutus hatte sich im Vorfeld vehement dagegen ausgesprochen, auch Marcus Antonius zu ermorden. Er wollte kein Blutbad, sondern eher einen chirurgischen Eingriff in den Lauf der Geschichte. Und vor allem wollte er, dass der Tyrannenmord für sich stand und keine anderen politischen Motive dahinter vermutet werden könnten.13

Die Verschwörer umringten Caesar unter dem Vorwand, Petitionen vorbringen zu wollen. Auf ein verabredetes Signal hin zückten sie dann ihre Dolche und stachen auf Caesar ein, bis er verblutend auf den Boden sank.14

Die Verschwörer hatten geplant, sich anschließend vor dem römischen Senat zu erklären. Doch dazu kam es nicht, denn alle unbeteiligten Senatoren waren panisch geflohen. Stattdessen hielten die Verschwörer auf dem Capitol eine Ansprache an das römische Volk, um die Lage zu beruhigen. 

Und genau da zeigt sich eine kolossale Fehleinschätzung der Verschwörer, denn das Volk reagierte auf die Ermordung Caesars ganz und gar nicht positiv. Im Gegenteil. Caesar war beim so genannten „einfachen Volk“ ziemlich beliebt. In der Menge machte sich Wut breit, sodass sich die Verschwörer zurückziehen mussten. 

Eine kolossale Fehleinschätzung und eine zeitlose Erkenntnis

Was Brutus, Cassius und die anderen Verschwörer übersehen hatten, hält eine zeitlose Lehre bereit: Für die meisten Menschen hatten irgendwelche stoischen Ideale, die Republik oder eine moralische Verpflichtung zum Tyrannenmord eine weniger große Bedeutung. Ob Caesar nun eine Alleinherrschaft etablieren wollte, ob er ein Tyrann war und ob er die Republik abschaffen wollte – das spielte für die meisten Menschen in Rom der damaligen Zeit eine untergeordnete Rolle.

In ihren Augen gab es da einfach einen Machtkampf innerhalb der Elite des Staates. Das Opfer war nun (aus ihrer Sicht) eine Person, die viel für das Volk und seine Lebensbedingungen getan hatte. Der Transfer auf verschiedene Herausforderungen unserer heutigen Zeit fällt da nicht sonderlich schwer. 

Marcus Antonius, für dessen Weiterleben sich Brutus stark gemacht hatte, nutzte dieses Gefühl der Wut für sich. Er schloss sich mit Octavian und Lepidus zu einem Dreierbund zusammen, der alles daran setzte, Caesars Mörder ihrer Strafe zuzuführen.

Held oder Verräter?

Und genau das geschah auch. Keiner von Caesars Mördern überlebte die nächsten drei Jahre. Brutus und Cassius starben beide 42 v. Chr. in den zwei Schlachten bei Philippi – Cassius nach der ersten, Brutus nach der zweiten, beide durch eigene Hand. 

Trebonius, der Antonius vor der Sitzung abgelenkt hatte, wurde 43 v. Chr. von Dolabella getötet. Die übrigen Verschwörer kamen in den folgenden Jahren in Kämpfen oder durch Hinrichtungen um. Keiner von ihnen starb eines natürlichen Todes.

Das Urteil der Nachwelt über Brutus war zwiespältig. Und das ist auch kein Wunder: Man kann ihn dafür bewundern, wie er seine weltanschaulichen Werte verfolgte und am Ende sogar einen (politischen und vielleicht auch persönlichen) Freund dafür opferte. Man kann in ihm aber auch den Verräter sehen, der eben diesem Freund buchstäblich den Dolch in den Körper rammte. 

Und man kann es noch etwas komplexer machen: Kann es wirklich Idealismus sein, wenn man einen Freund ermordet, auch wenn es einem höheren Zweck dient? Die Frage muss vermutlich jede*r für sich beantworten. 

  1. Julius Caesar, 3,1
  2. Sueton, Caesar 82
  3. Sueton, Caesar 50
  4. Plutarch, Brutus 4 und Pompeius 64
  5. Caesar, Bellum Civile 3,94
  6. Plutarch, Brutus 2
  7. Plutarch, Brutus 5
  8. Plutarch, Caesar 57; Brutus 7; Cicero, Philippica VIII 27
  9. Plutarch, Brutus 6
  10. Brutus 6 (auch bei Cicero, ad Atticum XIV,1,2)
  11. Plutarch, Brutus 40
  12. Plutarch, Brutus 13
  13. Cicero, Ad Brutum II,5; Plutarch, Brutus 18
  14. Plutarch, Brutus 17

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