Stell dir vor, du wirst von einem Axtmörder verfolgt. Du flüchtest. Stockwerk um Stockwerk verfolgt er dich bis auf’s Dach eines Hochhauses. Langsam gehen dir die Optionen aus, bis du am Rand des Daches stehst, vor dir der Abgrund, hinter dir der Axtmörder, der keuchend näherkommt. Was tun? In den Tod springen oder sich vom Axtmörder einholen lassen? Ein klassisches Dilemma.
Der sprachliche Ursprung
Die meisten Dilemmas (oder Dilemmata) im Alltag sind glücklicherweise weit weniger dramatisch – aber wir kennen alle solche Situationen, in denen wir vor der Wahl zwischen zwei Optionen stehen, die beide schlecht sind. Das ist aber nur ein Teil der Geschichte. Über das Dilemma kann man noch ein bisschen mehr sagen.
Erst mal zum Ursprung. Das Wort ist Altgriechisch, stammt aber gar nicht aus der Antike. Wörtlich bedeutet δίλημμα (dílemma) so viel wie „Doppelsatz“, oder etwas genauer „doppelte Annahme“.
Was genau ist ein Dilemma?
Gemeint ist damit im Grunde etwas ganz Einfaches: Es gibt eine Option A und eine Option B, und beide sind gleichwertig. Das Problem ist: Man ist zwischen diesen beiden Optionen gefangen, gerade weil beide gleichwertig sind. Ob ich nun vom Hochaus springe oder vom Axtmörder erschlagen werde, das Ergebnis ist dasselbe: Ich bin tot.
Auch wenn man in der Antike schon das Phänomen des Dilemmas an sich kannte, wurde das Wort aber so gut wie gar nicht verwendet. Erst seit der Neuzeit kommt es häufiger in philosophischen und mathematischen Kontexten vor, aber auch im Alltag.
Übrigens lautet der korrekte griechische Plural Dilemmata, aber das soll keinen davon abhalten, von Dilemmas zu sprechen.
Wie kommt man da raus?
Steckt man in einem Dilemma, wird man wohl als allererstes versuchen, es aufzulösen. Um beim Beispiel mit dem Axtmörder zu bleiben: Vielleicht überlebt man den Sprung vom Hochhaus ja doch irgendwie. Vielleicht ist auch die Axt sehr stumpf und gar nicht unbedingt tödlich. Und wenn einem gar nichts Anderes mehr einfällt: Vielleicht ist ja auch eine Todesart der anderen vorzuziehen. Gut, das wäre dann eine ziemlich traurige Auflösung, aber es wäre eine.
Manche Dilemmata lassen sich aber einfach nicht auflösen, zum Beispiel ethische und moralische Dilemmata. Ich habe nur eine Dosis eines Medikaments, aber zwei todkranke Patienten. Auch hier werde ich wieder versuchen, das Dilemma aufzulösen: Wer hat die besseren Überlebenschancen? Ist eine von beiden Personen deutlich älter? Ist eine davon vielleicht sogar ein Kind? Aber wenn das alles nicht weiterhilft, dann lässt sich das Dilemma einfach nicht auflösen. Und das ist hart.
Und es kommt noch schlimmer. Es kann nämlich auch Situationen mit drei Wahlmöglichkeiten geben. Dann spricht man von einem Trilemma. Werden es noch mehr, macht man sich aber gar nicht mehr die Mühe, dafür eigene Begriffe zu prägen. Dann spricht man einfach von einem Polylemma.
Es gibt auch positive Dilemmata
Zum Glück ist ein Dilemma aber nicht immer so schrecklich. Also, zum einen geht es längst nicht immer um Leben und Tod. Zwei Freunde haben am selben Tag Geburtstag: Zu welcher Feier gehe ich? Auch das ist ein Dilemma, aber zum Glück eins, mit dem die meisten von uns gut fertigwerden.
Aber abgesehen von solchen „harmloseren“ Fällen gibt nicht nur negative Dilemmata, sondern auch positive. Und das wird oft vergessen. Das häufigste Beispiel ist wahrscheinlich die Situation, in der man vor einer Speisekarte im Restaurant sitzt und sich nicht entscheiden kann. Man könnte positive Dilemmata auch oft „First World Problems“ nennen.
Manchmal ist ein Dilemma aber auch gar keins
Und dann gibt es natürlich noch das falsche Dilemma. Kann natürlich passieren: Man sieht nur Option A und Option B und merkt gar nicht, dass man nicht zu einer Entscheidung zwischen diesen beiden gezwungen wird, weil es noch mehr und vor allem bessere Optionen gibt.
Eigentlich mache ich gerade eine Diät, aber vom Geburtstag war so viel Kuchen übrig. Entweder ich esse den jetzt noch auf oder ich muss in wegwerfen. Beides blöd.
Das ist möglicherweise ein falsches Dilemma, denn: Vielleicht könnte man den Kuchen auch einfrieren, jemandem mitgeben, oder an die Nachbarn verteilen.
Das Blöde ist: Solche falschen Dilemmata sind gefährlich. Zum einen tricksen wir uns damit manchmal selbst aus. Ich hatte ja nur die Wahl, den Kuchen aufzufressen oder ihn wegzuwerfen. Da habe ich mich für’s Auffressen entschieden. Ich kann nix dafür, dass meine Kalorienbilanz diese Woche damit ziemlich im Eimer ist.
Zum anderen aber ist es auch eine gefährliche rhetorische Strategie.
Wenn falsche Dilemmata sogar gefährlich werden
Das einfachste falsche Dilemma ist wohl „entweder du bist für oder du bist gegen uns“. Dieses Dilemma ist ausnahmslos immer falsch und auch leicht als solches zu erkennen.
Aber wie steht es mit: „Entweder wir beenden die militärische Unterstützung der Ukraine weiter oder wir riskieren den Dritten Weltkrieg.“ Oder: „Entweder wir senken die Mehrwertsteuer auf Sprit oder die AfD gewinnt die nächste Bundestagswahl.“
Man merkt schon: So ein falsches Dilemma kommt gerade in der Politik häufig vor, übrigens ausdrücklich in allen politischen Lagern. Und sie sind falsch, denn natürlich bedeutet eine Unterstützung für die Ukraine nicht zwangsläufig, dass der Dritte Weltkrieg ausbricht. Und der Wahlerfolg einer Partei lässt sich selten auf eine einzelne Ursache zurückführen. Es gibt noch viel dazwischen.
Was ein falsches Dilemma bezweckt
Ein falsches Dilemma verengt künstlich den Entscheidungsfreiraum. Es suggeriert, dass man nur die Wahl zwischen A und B habe. Gerade in der politischen Kommunikation funktioniert das erschreckend gut.
Aber es gibt da noch eine zweite Sache. Diese Dilemmata sind nicht nur deswegen scheinbar welche, weil es in Wahrheit mehr Wahlmöglichkeiten als nur A und B gibt.
Dazu kommt noch: Natürlich sind beide Optionen nicht gleichwertig. Niemand will einen Dritten Weltkrieg. Die zweite Option ist also sowieso eigentlich indiskutabel.
Das Dilemma dient nur dazu, die jeweils andere Entscheidung oder Option als die einzig sinnvolle hervorzuheben. Es ist eine rhetorische Strategie, um den eigenen Standpunkt oder die eigene Einschätzung zu stärken, indem man ihr eine wesentlich schlechtere Variante gegenüberstellt und es so darstellt, als gäbe es nur diese zwei Möglichkeiten.
Das Dilemma kann also ganz schön viel Ärger machen. Nicht nur, wenn es echt ist, sondern auch wenn es zu gewissen Zwecken bewusst oder unbewusst missbraucht wird.


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