Diogenes von Sinope – Der Philosoph aus dem Fass

Die Antike ist voll von philosophischen Strömungen aller Farben und Formen. Man kann ihre Ansichten interessant finden, Denkanstöße finden, aber einige ihrer Gedanken auch klar ablehnen und zurückweisen. Was man aber aus Diogenes machen soll, das ist auf den ersten Blick nicht so leicht zu entscheiden. Steigen wir daher mal mit einer kleinen Geschichte ein. 

Karn und Lara und der Typ aus dem Fass

Diogenes auf einem römischen Mosaik des 2./3. Jahrhunderts n. Chr., Römisch-Germanisches Museum Köln
unbekannter Fotograf, gemeinfrei

Es war ein milder Herbstnachmittag im Oktober. Trotz oder gerade wegen der Beschränkungen durch die weltweite Corona-Pandemie, die nun schon seit sieben Monaten wütete, hatten Karin und ihre Tochter Lara beschlossen, einmal durch die Innenstadt zu bummeln. 

Sie genossen es, denn die Straßen, Plätze und Geschäfte waren nicht einmal halb so voll wie sonst. Gerade hatten sie sich einen Coffee to go gegönnt und sprachen über ihren Urlaub auf den Malediven im nächsten Jahr, als Karins Blick auf eine seltsames, heruntergekommenes Holzfass fiel, das in einer Ecke zwischen zwei Gebäuden auf der Seite lag. 

Merkwürdig. Was machte solch ein Fass hier, das  aussah wie ein Requisit aus „Babylon Berlin“ hier mitten in der Innenstadt von Köln? Und was noch viel seltsamer war: In dem Fass lag offenbar eine Person, denn an der Seite ragten zwei Füße aus der Öffnung hervor. 

Auch Lara runzelte die Stirn. Die beiden näherten sich und glaubten, eine Art scharrendes Geräusch aus dem Inneren des Fasses zu hören. Die Füße zuckten in unregelmäßigen Abständen. Ob da jemand einen Anfall hatte? 

Vorsichtig lugte Karin um die Ecke, um ins Fass zu schauen – und schreckte zurück. „Was ist los?“, fragte Lara und schaute ebenfalls hinein. Sie stieß einen spitzen Schrei aus und wandte sich ab. Aus dem Fass stieg ein etwa mittelalter Mann, der die beiden Frauen wütend mit den Augen anfunkelte. Seine Hose war offen, und in seiner rechten Hand hielt er sein bestes Stück. Es war ziemlich offensichtlich, womit er bis gerade beschäftigt gewesen war. 

„Sagen Sie mal, schämen Sie sich nicht? Hier in aller Öffentlichkeit…“, begann Karin, als sie sich wieder gefasst hatte, wagte es aber nicht, das Wort auszusprechen. 

„Nein, tue ich nicht.“, antwortete er. „Und ich sag Ihnen mal was: Wenn es nur genauso leicht wäre, den Hunger zu besiegen, indem man sich den Bauch rubbelt! Außerdem: Sie haben doch in mein Fass geschaut. Ich habe Sie nicht darum gebeten.“

Mit diesen Worten packte der Mann seinen Rucksack, der an dem Fass lehnte, und machte sich davon. Karin und Lara blieben zurück, etwas geschockt zwar, aber nach einer Minute des Durchatmens ging es wieder. 

Auch heute noch ein Aufreger 

In seiner Heimatstadt ist man heute noch stolz auf Diogenes. Diese moderne Statue ist im Städtchen Sinop zu finden. 
Foto: Michael F. Schönitzer CC BY SA 4.0

Es ist interessant, dass eine solche Szene heute noch ziemlich genau denselben Effekt hätte wie im Athen des 4. Jahrhunderts vor Christus. Denn da hat sie sich eigentlich zugetragen. Natürlich hießen die beiden Damen nicht Karin und Lara. Sie hatten auch keinen Coffee to go in der Hand und planten höchstwahrscheinlich keinen Urlaub auf den Malediven.

Um ganz ehrlich zu sein, ist die Geschichte zu einem Großteil erfunden, bis auf eine Sache: Der Typ, der im Fass wohnt und sich in aller Öffentlichkeit selbst befriedigt. Den gab es. Sein Name: Diogenes.1 

Schieben wir die Problematik der sexuellen Belästigung mal beiseite, die uns in diesem Zusammenhang vielleicht in den Sinn kommen würde. Die zwei Frauen aus dem Beispiel sind nur Platzhalter, denn wer Diogenes beim Masturbieren  „ertappte“, ist nicht überliefert. Es könnten genauso gut zwei Männer sein. Trotzdem würden wir die Sache als anstößig empfinden. Die Frage, die Diogenes damit vor fast 2.400 Jahren aufwarf und die wir uns heute auch noch gefallen lassen müssen, lautet: Warum eigentlich? Warum ist es anstößig, sich auf der Straße selbst zu befriedigen? Oder, wenn man zu zweit ist, in aller Öffentlichkeit Sex zu haben? 

All das nämlich stellte Diogenes mit dieser und ähnlichen Aktionen in Frage. Es gibt natürlich gute Gründe, ein solches Verhalten besser nicht zu praktizieren. Sex auf dem harten Betonboden der Kölner Domplatte könnte eine ziemlich schmerzhafte Angelegenheit werden. Und sich masturbierend vor die nächste Buchhandlung zu legen könnte (vor allem als Mann) ziemlich schnell als sexuelle Belästigung aufgefasst werden. Wer es trotzdem mal versuchen möchte, sollte dabei auf keinen Fall Augenkontakt zu Passant*innen aufbauen. Das könnte böse missinterpretiert werden. 

Wer war der Wichser?

Diogenes lebte, wie schon erwähnt, im 4. Jahrhundert vor Christus. Wann genau er geboren und gestorben ist, darüber gehen die Quellenangaben auseinander. Man geht davon aus, dass er um 410 geboren und nach 320 v. Chr. gestorben ist.2 Er war damit ein Zeitgenosse Alexanders des Großen, auf den wir auch noch mal zurückkommen werden. 

Und er war, man glaubt es kaum, Philosoph. Masturbierend in einer Tonne zu liegen, zählt zwar nicht zu den Klischees, die gemeinhin über Philosoph*innen erzählt werden, aber andererseits sind ja eigentlich alle Philosoph*innen ein bisschen verklatscht, oder? 

Aber ob das nun ein zu erwartendes Verhalten eines*r Philosoph*in ist, sei hier mal dahingestellt: Das Ganze bedeutet aber, dass hinter dieser Aktion vermutlich mehr steckt als nur das Bedürfnis, sich mal eben sexuell zu erleichtern. 

Nun ist über Diogenes viel geschrieben worden, aber über seine Lehre wissen wir nicht viel, denn keines seiner schriftlichen Werke (es sollen 21 gewesen sein)3 haben es in die Überlieferung geschafft. Unser Wissen über Diogenes beschränkt sich auf eine beinahe ellenlange Liste an Anekdoten, die vor allem Diogenes Laertios überliefert. Ja genau, ist ganz witzig: Der hieß genauso, hatte aber mit unserem Diogenes nichts zu tun. Deswegen bekommen die diversen Diogenesse auch gern mal ein Beiwort. Unser Diogenes wird auch oft mit dem Zusatz „aus Sinope“ versehen. Denn da kam er her. 

Ein malerisches Städtchen an der Küste

Das kleine türkische Städtchen Sinop heute. Foto: Bjørn Christian Tørrissen CC BY SA 3.0

Die Stadt Sinope gibt es heute noch. Sie heißt jetzt Sinop und liegt an der türkischen Schwarzmeerküste. Auf den Fotos sieht sie ziemlich idyllisch aus. 

Dort wurde Diogenes gemäß dem Bericht des Diogenes (also des anderen Diogenes, bitte nicht verwechseln) geboren. Sein Vater war, da sind sich die antiken Quellen noch halbwegs einig, ein relativ wohlhabender Mann und  vermutlich in der Verwaltung der Stadt tätig. 

Dann muss aber etwas im Leben des noch jungen Diogenes vorgefallen sein, das ihn ein wenig aus der Bahn warf, denn er wurde verbannt. Ein solcher Vorgang war in griechischen Städten ein probates Mittel, um vor allem Beamte, die sich eines Vergehens schuldig gemacht hatten, zur Strafe aus der Stadt zu schicken. Je nach Schwere des Verbrechens und den lokalen Gesetzen, konnte eine solche Verbannung mit dem Verlust des Vermögens und des Bürgerrechts einhergehen. Übrigens sollte man den letzten Punkt nicht leichtfertig überlesen, denn „Verlust des Bürgerrechts“ bedeutete tatsächlich, dass Diogenes ab diesem Zeitpunkt keine Heimat mehr hatte. Er war gezwungen, sich in einer anderen Stadt niederzulassen und sich dort am unteren Ende der Gesellschaftsordnung einzurichten.

Was der Grund für die Verbannung war, können wir nicht mehr eindeutig bestimmen, denn die Quellen widersprechen sich in diesem Punkt. Allerdings haben sie gemeinsam, dass es offenbar um einen Betrug oder einen Betrugsvorwurf ging. Als gesichert können wir nur annehmen, dass sich Diogenes in Athen niederließ. Einige Quellen berichten von einem Aufenthalt in Korinth und davon, dass er sogar dort gestorben sein soll, aber das ist nicht gesichert. 

Wir begeben uns auf unsicheres Terrain, wenn wir gesicherte Aussagen über Diogenes suchen. Das gilt auch für seine philosophische Lehre. Wir müssen uns also behelfen, wenn wir dieser etwas näherkommen wollen, und dafür bleiben uns nur zwei Wege: Wir können die zahllosen Geschichten und Anekdoten interpretieren und versuchen, sie zu einem Bild davon zusammenzusetzen, wie dieser Diogenes so tickte. Und wir können versuchen, Rückschlüsse über die philosophische Schule zu ziehen, zu der Diogenes gehörte. 

Die Provokation macht Schule

Nun klappt das auch nicht viel besser, denn was für Diogenes gilt, gilt auch für alle Zyniker. Zyniker? Ja, richtig. Dabei handelte es sich um eine philosophische Strömung der Antike. Ihre (mutmaßliche) Herangehensweise an Probleme und Fragestellungen lebt heute noch im Ausdruck „Zyniker“ weiter. Auch wenn moderne Zyniker*innen keine Philosoph*innen sind. Wie die Begriffe genau zusammenhängen, dazu später mehr. 

Zur besseren Unterscheidung spricht man bei den Zynikern der Antike aber auch regelmäßig von Kynikern. Diese Namensform ist etwas näher am Ursprung und vereinfacht die Unterscheidung zwischen antikem Kynismus und modernem Zynismus. Also, wer waren diese Kyniker? 

Das ist schwer zu beantworten. Zu ihnen gehörte eine ganze Menge Personen, die wir dem Namen nach noch kennen. Doch von ihnen allen sind nur Anekdoten und Fragmente überliefert. Aber immerhin können wir aus diesen immerhin sehr umfangreichen Hinweisen ein paar Eckpunkte ihrer Lehre zusammensetzen. Sie traten, nach allem, was wir wissen, jedenfalls nicht (nur) für das Recht auf freie Entfaltung der persönlichen Sexualität im öffentlichen Raum ein. 

Zurück zur Natur!

Was wir über die antiken Kyniker wissen, lässt sich in einem Satz ganz gut zusammenfassen. Die Maßgaben für ihr Verhalten waren einerseits die Natur, das Ideal der Bedürfnislosigkeit und nicht zuletzt klare und unumstößliche ethische Maßstäbe. Aber was bedeutet das konkret? Das kann man nicht immer bis ins letzte Detail beantworten. 

Gesellschaftlich tabuisierte Dinge wie Sexualität sind natürlich. Das erklärt, warum die Kyniker gesellschaftliche Normen gezielt in Frage stellten. Allerdings ist die Kehrseite, dass Sexualität bei den Kynikern offenbar ein notwendiges Übel war. Sie war zur Fortpflanzung nötig, wie Essen zur Selbsterhaltung. Mit Romantik und Erotik konnten die Kyniker scheinbar nicht viel anfangen. 

Außerdem scheinen alle Kyniker den Hang zur Askese gemeinsam gehabt zu haben. Gerade am Beispiel des Diogenes wird das deutlich, denn er besaß nur die Dinge, die er unbedingt benötigte. Ein Mensch benötigt beispielsweise kein Haus. Um sich vor Umwelteinflüssen zu schützen, genügt eben auch ein ausrangiertes Fass. 

Das mit der Ethik als zweiter wesentlicher Komponente ist schwerer zu erklären. Und die ungünstige Quellenlage macht es uns nicht leichter. Offenbar gab es für die Kyniker klare Prinzipien, wie das menschliche Zusammenleben funktionieren sollte. Einen ethischen Kompass besitzen wir alle. Was die Kyniker aber offenbar ausgezeichnet hat, war die Tatsache, dass sie ethische Prinzipien (wie auch immer sie im Detail ausgehen haben mögen) prinzipientreu verfolgten. Wie wir am Beispiel des Diogenes sehen können, könnte diese Ethik eine gewesen sein, die wir heute mit unseren politischen Begriffen ziemlich weit links verorten würden. 

Der subversive Weltbürger

Auf die Tatsache, dass er das Bürgerrecht in seiner Heimatstadt verloren hatte und in Athen kein vollwertiges Bürgerrecht erreichen konnte, reagierte Diogenes nämlich, indem es ihm einfach egal war. 

Er bezeichnete sich als κοσμοπολίτης (kosmopolítes), als Weltbürger.4 Er war überall zu Hause. Das war von ihm aber nicht so gemeint, wie wir heute einen „Weltbürger“ verstehen, der oder die einfach viel herumkommt sich überall heimisch fühlt. Nein, Diogenes beanspruchte für sich, überall als gleichwertiger Bürger anerkannt zu werden. Denn aus welchem Grund konnte ein eingeborener Athener mehr Rechte beanspruchen als er, Diogenes? Das kann man nämlich nicht mit Naturgegebenheiten erklären. 

Das war damals ganz schön subversiv und ist es heute auch noch. Wer’s nicht glaubt, soll mal in die USA fahren und behaupten, er oder sie hätte dort das Bürgerrecht. Da wird man ziemlich schnell eines Besseren belehrt und vielleicht über Trumps neue, schöne Mauer geworfen. Man muss aber gar nicht so weit fahren: Auch die endlosen deutschen Migrationsdebatten wären für einen Diogenes ein Schlachtfest, an dem er seine helle Freude hätte. 

Radikale Konsumkritik?

Auch die eigene Genügsamkeit und Bedürfnislosigkeit sind Aspekte der kynischen Philosophie und des Lebens, das Diogenes offenbar führte, die heute den meisten Menschen fremd sein dürften. Auch wir diskutieren gern und oft darüber, ob man ein dickes Auto unbedingt benötigt oder ob es nicht genügt, wenn man einmal die Woche Fleisch isst. Aus den unterschiedlichsten Gründen ist der Verzicht auch und vielleicht gerade heute ein Thema, über das viel gestritten wird. 

Das ist aber kein Vergleich zu dem Lifestyle, den Diogenes propagierte. Dass er keine feste Bleibe besaß, sondern in einem Fass wohnte, haben wir schon erwähnt. Doch eine weitere Andekdote lässt noch viel deutlicher werden, wie radikal er dieses Prinzip verfolgte. Als er einmal ein Kind beobachtete, das zu einem Brunnen ging und Wasser mit seiner Hand schöpfte und aus der Hand trank, wurde ihm schlagartig klar, dass er immer noch zu viel besaß. Er warf seinen Trinkbecher weg und verzichtete von da an auch auf diesen Komfort.5

Der Gedanke dahinter ist der, dass Besitz oder der Wunsch nach Besitz uns abhängig macht. Man kennt das: Man sitzt sonntags zu Hause und das WLAN fällt aus. Wie beschissen das Leben ohne Internet sein kann, hat wohl jede*r schon mal erlebt. Und wie abhängig wir von Annehmlichkeiten und Besitztümern geworden sind. Nur ein Mensch, der sich von Wünschen und Bedürfnissen weitestgehend freimachen kann, ist auch wirklich frei.

Das leuchtet grundsätzlich ein, aber jede*r muss natürlich für sich selbst entscheiden, wo die Grenze zwischen nötigen und überflüssigen Annehmlichkeiten und Besitz verläuft. Diogenes hat darauf eine radikale Antwort gegeben und sich an dem orientiert, was ihm von Natur aus gegeben oder für das Überleben essentiell notwendig war. 

Geh mir aus der Sonne!

Diogenes auf der Suche nach einem Menschen, Gemälde (vermutlich) von Johann H. W. Tischbein, 1870er Jahre, gemeinfrei

Mit seiner Radikalität eckte Diogenes sicherlich schon in seiner Epoche an. Doch er selbst tat offenbar auch aktiv einiges, um das Image eines verschrobenen und respektlosen Zeitgenossen zu pflegen, der es liebte, seine Mitmenschen zu provozieren. Nicht nur, dass er masturbierend auf dem Marktplatz lag. Auch Autoritäten bekamen ihr Fett weg. Oder Personen, die sich zumindest dafür hielten. 

Hierher gehört auch eine der berühmtesten  Geschichten über Diogenes. Als Alexander der Große Athen besuchte, traf er – so die Anekdote – auch auf Diogenes. Der Ruf von Diogenes‘ Bedürfnislosigkeit hatte sich schon herumgesprochen, so dass Alexander offenbar auf die Idee kam, die Genügsamkeit des alten Mannes auf die Probe zu stellen. „Nenne mir einen Wunsch, den du hast. Ich erfülle ihn dir.“ Doch Diogenes war dadurch kaum zu begeistern und antwortet nur: „Geh mir aus der Sonne!“6

Auch von seinen Mitmenschen hatte Diogenes ein ziemlich schlechtes Bild, was er auch nicht verhehlte. Einmal soll er am hellichten Tag mit einer Laterne durch Athen gelaufen sein. Auf die Frage, was er denn suche, antwortete er: „Ich suche einen Menschen.“7 Die Anekdote soll sagen, dass Diogenes die Menschen, die um ihn herum standen, gar nicht erst als solche anerkannte. 

Bissig bis heute

Dieses moderne Gemälde von Diogenes ist ziemlich gelungen, denn er wird von Hunden begleitet, hat seine Lampe dabei und wohnt – eben nicht in einem Fass, sondern in einem riesigen tönernen Vorratsbehälter, einem πίθος (píthos). „Fass“ ist eine ungenaue Übersetzung dieses Begriffs, für den es kein deutsches Pendant gibt. 
Jean-Léon Gérôme (1860), gemeinfrei

Diogenes war durch die gesamte Antike hindurch berühmt und bekannt und ist von den kynischen Philosophen immer noch der bekannteste. Er hat es immerhin auch in die Sesamstraße geschafft, auch wenn er dort nicht Diogenes heißt, sondern Oscar.8

Aber auch die anderen kynischen Philosophen scheinen eine Tendenz dazu gehabt zu haben, sehr radikale Antworten auf die Probleme ihrer Zeit zu geben. Wenn dieses Bild zutrifft, dann waren sie ziemlich anstrengende Zeitgenossen. Nicht selten griffen sie auf beißenden Spott zurück, um ihre Ansichten zu vertreten und deutlich zu machen. Diese Bissigkeit war möglicherweise auch die Ursache für ihre Benennung. Das griechische Wort κύων, κυνός (kyon, Genitiv: kynós)  bedeutet „Hund“. Diogenes selbst bezeichnete sich gern als „Hund“.9

Ob der Begriff „Kyniker“ tatsächlich diesen Ursprung hat, oder ob andere Gegebenheiten dafür Pate standen, muss offen bleiben. Jedenfalls ist der beißende Spott die Ursache dafür, dass wir heute noch den Begriff „Zyniker“ kennen. Allerdings verbinden wir mit Zynismus heute nicht nur den zynischen Humor, sondern auch bisweilen eine geradezu unethische und menschenfeindliche Haltung, was wiederum dem Kynismus der Antike ziemlich widersprochen hätte. 

Was übrigens das wichtigste Gut der Menschen sei, wurde Diogenes auch einmal gefragt. Man könnte Vieles als Antwort erwarten. Doch die Antwort, die er gab, mag dann vielleicht überraschen: Redefreiheit.10 Und wenn man mal ein wenig darüber nachdenkt, fasst dieses kleine Wort den guten alten Diogenes ganz gut zusammen. 

  1. Diogenes Laertios, VI,46 und 69
  2. Donald Dudley, A History of Cynicism, London 1937, S. 24
  3. Donald Dudley, A History of Cynicism, London 1937, S.25-27
  4. Diogenes Laertios VI,63
  5. Diogenes Laertios VI,37
  6. Diogenes Laertios VI,38
  7. Diogenes Laertios VI,41
  8. Zwar wurde dieser Zusammenhang von den Produzenten der Serie nie explizit bestätigt, aber vom Publikum sehr wohl so wahrgenommen und gemeinhin akzeptiert: https://www.welt.de/print/die_welt/vermischtes/article112337815/Wer-nicht-fragt-bleibt-dumm.html
  9. Diogenes Laertios VI,60
  10. Diogenes Laertios VI,69

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