Kino – Fremdwort der Woche

Ein Leben ganz ohne bewegte Bilder können wir uns heute kaum noch vorstellen, aber natürlich gibt es sie – in historischen Dimensionen betrachtet – erst seit ziemlich kurzer Zeit. Und ursprünglich musste man, wenn man sie sehen wollte, einen besonderen Ort aufsuchen, der für uns heute auch nicht mehr die Bedeutung hat wie in früheren Jahrzehnten: Das Kino. Dieses Monopol auf bewegte Bilder spiegelt sich aber bis heute im Begriff wieder. Und auch seine Nähe zum künstlerischen Schaffen.

Kino, movies und „Sprechis“

Kino ist ein Kurzwort für Kinematographie. Im Englischen ist man mit cinema und dem cinematographer (für Kameramann oder Filmemacher) noch etwas näher an diesem ursprünglichen Fremdwort geblieben. 

Das Wort setzt sich zusammen aus den beiden altgriechischen Wörtern κίνημα (kínema) für „Bewegung“ und γραφία (graphía) für „Zeichnung“. Ein Kinematograph ist also ein „Bewegungszeichner“ und die Kinematographie das „Zeichnen von Bewegungen“. Insofern ist es auch konsequent, dass man im Amerikanischen Englisch von movies spricht, wenn man Filme meint. Auch wenn man das auf Deutsch nicht nachmachen sollte. „Bewegis?“ Besser nicht. Und Tonfilme hießen seinerzeit zur Unterscheidung vom Stummfilm auch mal gerne talkies. Also „Sprechis“? Nun ja.

Zurück zum Bewegtbild. Genau das war das Alleinstellungsmerkmal des Kinos für viele Jahrzehnte: Man konnte dort bewegte Bilder zeigen und sehen. Die Kinematographie ging ihrerseits natürlich aus der Fotografie hervor, also dem „Zeichnen (oder Malen) mit Licht“, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden war. Insofern war es nur konsequent, den Begriff für das neue Medium, das bewegte Bilder zeigte, ähnlich zu bilden. 

Das Wort hätte man schon der Antike verstanden

Bei beiden Begriffen liegt die Betonung noch in gewisser Weise auf dem künstlerischen Schaffensprozess, dem Zeichnen (oder Malen). Abgesehen davon, dass natürlich bewegte Bilder in der Antike noch weit entfernt waren, fügt sich der Ausdruck Kinematograph eigentlich ganz gut in die altgriechische Sprache ein. Mit anderen Worten: Ein*e antike*r Griech*in hätte den Begriff verstanden. 

Man kannte schließlich damals schon den ζώγραφος (Zógraphos). Das war ein Maler, der sich in besonderer Weise darauf verstand, sehr lebensnahe Bilder zu malen. Da hätte ein*e antike*r Griech*in schon verstanden, dass ein κινηματόγραφος (kinematógraphos) ein Maler wäre, der Bewegungen malt. Man hätte sich aber natürlich gefragt, was man denn nun genau unter einem solchen „Bewegungsbild“ zu verstehen hätte. Eine solche potentiell epochenübergreifende Verständigung ist längst nicht bei allen modernen Wörtern der Fall, die wir aus den alten Sprachen zusammenpuzzeln. 

Der erste ernstzunehmende Konkurrent für das Kino, das Fernsehen, legte schon vom Begriff her den Fokus auf den Wahrnehmungsprozess: Man „sieht aus der Ferne“, was eine ganz passende deutsche Wiedergabe des griechisch-lateinischen Fachbegriffs Television ist. Symbolisch rückte damit das Publikum in den Fokus, dem die Inhalte nun ins Haus geliefert wurden.

„Lichtspielhaus“ könnte auch eine Abteilung bei Ikea heißen

Übrigens hatte das Kino nicht so viel Glück mit seinem deutschen Gegenstück. Man versuchte es mit dem unglaublich dämlichen Begriff „Lichtspielhaus“, das die Orte bezeichnen sollte, an denen kinematographische Erzeugnisse zu sehen waren. Dabei kann ein Lichtspielhaus alles Mögliche sein. Eine Museum zum Beispiel, in dem man fancy Lichtinstallationen sehen kann.  Oder eben eine Abteilung bei Ikea. 

Aber ein Kino so zu benennen, lässt unwillkürlich das Bild einer Gruppe Hinterwäldler*innen aufkommen, die mit offenem Mund darüber staunen, dass es buntes Licht gibt, das sinnentleert auf einer Leinwand herumtanzt. Dabei war nun genau dieser Vorgang schon lange kalter Kaffee, als Anfang des 20. Jahrhunderts die ersten Kinos eröffnet wurden. 

Heute hat das Kino aber längst sein Alleinstellungsmerkmal verloren. Das war ein Prozess, der sich über die ganze zweite Hälfte des letzten Jahrhunderts erstreckte. Erst kamen das Fernsehen, der Schmalfilm und dann die VHS-Videokassetten, die es erlaubten, Filme aus dem Fernsehen aufzuzeichnen oder zu kaufen. 

Der Zauber der bewegten Bilder 

All das setzte dem Kino zwar arg zu, aber einen Vorteil konnte es immer behaupten: Es war technisch-qualitativ allen Lösungen für das Heimkino überlegen. Diesen Vorsprung hat es erst in den letzten Jahren eingebüßt, seit es Fernseher und Streamingangebote gibt, die sogar die 4K-Auflösung unterstützen. Und dann kamen auch noch Corona und die ersten Filmpremieren, die überhaupt nicht mehr im Kino stattfanden. 

Und auch sonst haben die bewegten Bilder ihren Zauber für uns größtenteils verloren. Sie umgeben uns dauernd und überall, und dank der Smartphones auch ortsunabhängig. Für uns ist es unvorstellbar geworden, dass man zu Zeiten der Weimarer Republik einmal wöchentlich ins Kino ging, um sich die Nachrichten anzuschauen. 

Aber vielleicht tut es manchmal gut, sich darauf zu besinnen, denn Masse ist naturgemäß nicht gleich Klasse. Das weiß jeder mit einem TikTok-Account. Und vielleicht sollten wir, wenn wir die Pandemie einigermaßen hinter uns gelassen haben, doch noch mal einen Abstecher ins Kino wagen, denn ein paar Dinge wird es nie verlieren: Das Ambiente und das Flair, das mit dem bewussten Genießen eines Mediums einhergeht. Und vielleicht verspürt man dann doch noch mal einen kleinen Rest des Zaubers, der das Kino einst auszeichnete.

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