Krise – Fremdwort der Woche

Krisen gibt es immer mal wieder. Einige gehen schnell vorüber, manche ziehen sich aber auch wie Kaugummi. So zum Beispiel die Klimakrise, die uns viel beschäftigt. Was die Dauer angeht, liegt es natürlich im Auge des Betrachters, ob eine Krise als lang oder kurz empfunden wird. Aber so oder so wird der Begriff in den meisten Fällen ziemlich falsch verstanden. 

Wenn man es genau nimmt, sind die meisten Krisen nämlich eigentlich gar keine Krisen. Man meint damit meistens ein einschneidendes negatives Ereignis und seine Folgen. Manchmal fehlt auch das konkrete einzelne Ereignis, und das Wort „Krise“ bezeichnet eher eine unheilvolle Entwicklung, die irgendwann ein unerträgliches Ausmaß annimmt. So oder so zwingt eine Krise zum Handeln. Es muss eine Entscheidung gefällt werden. Und das ist die ursprüngliche Bedeutung des Wortes. 

Das altgriechische Wort κρίσις (krísis) bedeutet „Entscheidung“ und leitet sich vom Verb κρίνω  (kríno) „entscheiden“ her. Das ist dasselbe Wort, das auch bei antiken Gerichtsprozessen verwendet wurde, um das zu beschreiben, was ein Richter oder Geschworene taten.

Crisis? What crisis?

Das bedeutet, dass eine Krise im Wortsinn nie besonders lange andauern kann. Gemeint ist eine Entscheidung beziehungsweise der „Moment der Entscheidung“. Die oben erwähnte Klimakrise ist also eigentlich gar keine Krise, sondern eine negative Entwicklung.

Das Pariser Klimaschutzabkommen, das wäre demnach eine Krise. Oder zumindest eine von mehreren Krisen. Eine weitere wäre dann der Kohleausstieg in Deutschland oder ähnliche Entscheidungen, die zuhauf getroffen wurden, um die bedrohliche Entwicklung in den Griff zu bekommen. 

Im besten Fall wandelt sich der negative Zustand durch die Krise zum Guten, im schlechten Fall wird es danach noch schlimmer. So oder so wird aber durch die Entscheidung ein „Umschwung“ herbeigeführt. Das ist die zweite Bedeutung des Wortes „Krise“, wie sie schon die altgriechische Sprache kannte. 

Krisen in der Medizin

In dieser Bedeutung gelangte der Ausdruck in den Bereich der Medizin und wird dort bisweilen heute noch in diesem Sinn verwendet. Eine Krisis ist der Moment, an dem sich eine Krankheit bessert, schlagartig endet oder sich leider noch weiter verschlimmert. Man stelle sich eine Fieberkurve vor, die irgendwann ihren einen Höhepunkt erreicht. Das ist der Punkt, an dem sich entscheidet, ob man die Krankheit gut übersteht oder nicht. 

Wie es zu der Bedeutungsverschiebung kam, nicht nur diesen Scheitelpunkt einer Fieberkurve als Krise zu bezeichnen, sondern im Grunde den gesamten Krankheitsverlauf, ist im Grunde recht leicht nachzuvollziehen, zumal Krankheiten oft scheinbar plötzlich auftreten und den Menschen in kürzester Zeit ins Bett zwingen können. 

Was nützt einem dieses unnütze Wissen aber nun? Man kann auf der nächsten Party ein ahnungsloses Opfer in typisch deutscher Manier darüber belehren, dass es dumm und unwissend ist und nicht weiß, was das Wort „Krise“ wirklich bedeutet. Aber das ist noch nicht alles. Man kann daraus auch was für’s Leben mitnehmen und sich immer wieder eins klarmachen: Krisen kommen und gehen. Aber sie gehen nicht von selbst. Man muss schon etwas dafür tun. Man muss eine Entscheidung treffen. Und mit dieser Erkenntnis hat man dann doch so manchen Mitmenschen was voraus. 

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