Panik – Fremdwort der Woche

Niemand lässt sich gern erschrecken. Und echte Panik ist eine der unangenehmsten Empfindungen, die man so haben kann. Insbesondere, wenn sie viele Menschen gleichzeitig befällt. Und doch kommt der Begriff ursprünglich aus einem Zusammenhang, den die meisten Menschen heute mit idyllischer Ruhe und Beschaulichkeit verbinden.  

Manche Dinge erschrecken uns so sehr, dass wir von einem „panischen Schrecken“ sprechen. Was unterscheidet aber eigentlich einen „panischen“ von einem „normalen“ Schrecken? Vermutlich der „Erschreckungsgrad“, der bei einem panischen Schrecken eben höher ist als sonst. Das deckt sich mit der Panikattacke, die eine übersteigerte Angst und Furcht bezeichnet, die sogar zu verschiedenen Krankheitsbildern gehört.

Vielleicht ist es auch das Urplötzliche, das einen panischen Schrecken und die Panik ausmacht. Damit wäre man schon ganz nah am Ursprung des Wortes, das überraschenderweise eigentlich mit harmlosen Ziegen und wuscheligen Schafen zu tun hat. Aber der Reihe nach.  

Was bitte ist ein Pan? 

Pan (li.) zeigt dem jungen Hirten Daphnis, wie man in eine Flöte bläst. Die Flöte ist übrigens auch nach ihm benannt. Wie alle Naturgottheiten war auch Pan den sexuellen Freuden sehr zugeneigt, weswegen er hier mit einem recht prominenten Gemächt ausgestattet ist. Marmorstatue aus Neapel (ca. 2. Jhd. v. Chr.), Foto: virtusincertus CC BY SA 2.0

Das Wort „Panik“ stammt aus dem Altgriechischen und ist eigentlich ein Adjektiv: πανικός (panikós), zum Pan gehörig. Wer „Pans Labyrinth“, diesen todtraurigen Film aus dem Jahr 2007 gesehen hat, hat vielleicht nun schon ein ganz passendes Bild im Kopf. Namensgeber des Films ist nämlich eine märchenhafte Kreatur, halb Mensch, halb Ziegenbock. Sie geht aufrecht, trägt gewundene Hörner auf dem Kopf, hat einen menschlichen Oberkörper und Bocksbeine. Das Wesen im Film ist zwar durchaus gutmütig, hat aber auch so seine Eigenheiten. Und dass sein Äußeres auch ein wenig beängstigend wirkt, kann man sich vorstellen. 

Pan ist der griechische Gott der Hirten. Passenderweise wurde ihm ein entsprechendes Äußeres zugeschrieben. Man stellte ihn sich in einer ganz ähnlichen Mischform vor, wie er auch  im besagten Film auftaucht: Bocksbeine, Hörner, alles gemischt mit menschlichen Anteilen.

Abgesehen davon, dass Hirten ihn als Beschützer ansahen, stand Pan aber auch für die wilde und ungezähmte Natur, die den Hirten begegnete, wenn sie ihr Dorf verließen und ihre Herden aus Ziegen und Schafen durch die Landschaft trieben. Da wären wir also beim Idyll, das viele Menschen spontan mit einer Ziegenherde verbinden würden. Unwillkürlich mag man da an Heidi und den Alm-Öhi denken.  

Für uns heute hält die Natur da draußen zwar das eine oder andere kleine Wunder bereit, aber es kommt selten vor, dass wir uns davor ängstigen. Um den panischen Schrecken zu verstehen, muss man aber mal kurz versuchen, das 21. Jahrhundert (und diversen romantischen Unsinn aus dem 19. Jahrhundert) hinter sich zu lassen und sich in frühere Epochen hineinversetzen, in die Zeiten, als es in den dichten und dunklen Wäldern zum Beispiel noch gefährliche Wölfe, Bären, Wildkatzen und – zumindest in Griechenland – Schlangen gab. Kurz: Im Unterschied zu unserer heutigen Zeit, in der wir „die Natur“ für mehr oder weniger beherrschbar halten, wurde sie in der Antike noch als bedrohlich wahrgenommen.

Da geht man spazieren und wird von einem Ziegengott attackiert

Entsprechend waren auch die antiken Naturgottheiten und Fabelwesen, ob nun der Gott Pan oder die Satyrn oder die Nymphen, eher etwas zwielichtige Gestalten. Sie konnten ganz schön bösartig werden. Deswegen eine gut gemeinte Warnung: Das kann vor allem zur Mittagszeit vorkommen, denn da ruht sich Pan gern aus und reagiert ziemlich ungehalten auf Störungen. Wenn ihr also demnächst mal eure Ziegenherde an seinem Mittagsplätzchen vorbeiführt, wundert euch nicht, wenn plötzlich eine Panik unter den Tieren ausbricht. Dann wisst ihr: Pan gehen eure Viecher auf den Sack. Aber auch wenn ihr eher selten mit Ziegen unterwegs seid: Stört ihr Pan beim Spazierengehen, kann es sein, dass er euch aus dem Gebüsch anspringt. Der „panische“ Schreck ist vorprogrammiert. 

Das ist der Ursprung des Begriffs. Bestenfalls kommt ihr mit dem Schrecken davon. Schlechtestenfalls könnt ihr anschließend in der nächsten Therapiesitzung davon berichten, wie es sich anfühlt, von einem Ziegenbock vergewaltigt zu werden.  

Ein panischer Schrecken ist also der Schreck, den man erleidet, wenn man vom Gott Pan attackiert wird. Das kommt plötzlich und unerwartet. Wer schon einmal von einer Ziege angesprungen wurde, kann vielleicht auch nachvollziehen, dass das eine reichlich unangenehme Erfahrung sein dürfte. Und wer dieses Pech noch nicht hatte, kann es sich sicherlich ausmalen. Was die Vergewaltigung angeht, können wir euch aber etwas beruhigen: Das dürfte ins Reich der Legenden gehören. Jedenfalls ist in jüngerer Zeit kein solcher Fall bekannt geworden.

Im eingangs genannten Film wird der Aspekt der ungezügelten Sexualität, für den der Gott Pan als Naturgott auch stand, aus nachvollziehbaren Gründen weggelassen. Genau genommen handelt es sich bei dem Wesen im Film auch gar nicht um Pan, sondern um einen Faun. Der Filmtitel, der im Original „El laberinto del Fauno“ lautet, wurde schlicht falsch übersetzt. Das tut im Ergebnis wenig zur Sache, weil der Unterschied zwischen dem griechischen Gott Pan und einem Faun (einem römischen Naturgeist) marginal ist, vor allem äußerlich. Einem*r Altertumskundler*in rollen sich bei dem Satz „Ich bin ein Pan.“ trotzdem ein wenig die Fußnägel auf. Man kann nicht ein Pan sein, sondern nur der Pan. Denn es gab ja nur einen Gott dieses Namens. Aber das sei den Übersetzer*innen an dieser Stelle großmütig verziehen.

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