Argus – Der Wächter mit den hundert Augen

Argus ist irgendwie ein Opfer. In der Welt der Sagen und Legenden der griechisch-römischen Antike ist er zum einen nur ein Statist. Sein Ende war außerdem auch nicht so sonderlich erfreulich. Und heutzutage genießt er das zweifelhafte Glück, dass ihn so gut wie keine*r mehr kennt, obwohl wir dauernd von ihm reden. Oder zumindest von seinen Augen. 

Ein paar berühmte Augenpaare

Das klingt erst mal verwirrend, erklärt sich aber leicht. Die Redewendung „jemanden mit Argusaugen beobachten“ ist ziemlich gängig. Sie zählt zu den Redewendungen mit antikem Ursprung, die man heute noch wirklich weithin kennt und auch benutzt. Sie besagt, dass da offenbar jemand sehr gute Augen hat. Und dieser jemand hat eine andere Person (oder manchmal auch eine Sache) ziemlich fest im Blick und lässt sie nicht aus den Augen.  

Blöd, dass Bette Davis (li.) hier ausgerechnet ihre Augen geschlossen hat. Rechts neben ihr Elizabeth Taylor, die einzig wahre Cleopatra, in einem ihrer nüchternen Momente. Das Foto stammt aus demselben Jahr wie der besagte Popsong über Davis’ Augen. (1981, Foto: Alan Light, CC BY SA 2.0)

Nun sind durchaus schon mal öfter Menschen aufgrund ihrer diversen Körperteile in die Geschichte eingegangen. Und dass man aufgrund oder zumindest auch aufgrund der eigenen Augen berühmt wird, ist eigentlich auch gar nicht mal so ungewöhnlich. Anya Taylor‑Joy wäre da so ein aktuelles Beispiel. Oder Mesut Özil. Für die älteren Semester unter uns könnte man auch Bette Davis anführen, deren Augen sogar für einen weltbekannten Popsong herhalten mussten. 

Das Glück hatte Argus nicht. Über seine Augen gibt es – soweit bekannt – keinen großen 80er-Jahre-Song. Das liegt vielleicht daran, dass sie nicht deswegen heute noch in aller Munde sind, weil so besonders hübsch oder ausdrucksstark gewesen wären. Der Schlüssel liegt vielmehr in ihrer Beobachtungsgabe, wie es auch schon die deutsche Redewendung nahelegt. 

Viele Eltern, viele Augen

Was hatte es aber nun mit diesem Argus genau auf sich? Da wird es ein bisschen kompliziert. Die antiken Quellen sind sich über fast jeden Aspekt zu Argus und seinem Leben uneins.

Er war vielleicht der Sohn des Agenor, eines Königs ungefähr aus dem heutigen Libanon. Vielleicht war er aber auch der Sohn des Arestor und der Mykene. Möglicherweise stammte er aber auch vom Flussgott Inachos ab. Vielleicht auch von Argos und Ismene. Unter Umständen trifft es auch zu, dass er der Sohn von Piranthus und der Kallirhoe war. Manche behaupten auch, er sei einfach der Sohn der Erde gewesen.1

Soweit, so unklar. Dass die Abstimmungsverhältnisse bei Personen aus der antiken Mythologie schon mal ein bisschen verschwommen und unklar sind, ist nichts Besonderes. Argus ist da aber schon ein bisschen hardcore. 

Diese Unklarheit setzt sich bei seinem Aussehen fort, und damit sind wir schon bei seinen Augen, denn deren Anzahl steigert sich von Quelle zu Quelle. Beim griechischen Dichter Pherekydes hat er genau eins. Das ist ein bisschen wenig, wenn man bedenkt, dass Argus offenbar für seine Beobachtungsgabe und seinen scharfen Blick berühmt wurde. Das geht mit einem Auge nicht so gut, weil der 3D-Effekt fehlt. Spätere Quellen meinten es dann wohl etwas zu gut und sprechen schon von vier Augen, zwei vorne und zwei hinten am Kopf. Das wäre dann also schon mal ziemlich ungewöhnlich. 

Aber der gute Ovid, der in seinen Metamorphosen unzählige Geschichten aus der Mythologie zusammenstellte, lässt Argus schließlich mit hundert Augen auftreten. Wie man sich das konkret vorzustellen hat? Auch darüber gehen die Quellen auseinander. Bei den einen sind die über den ganzen Kopf verteilt.2 Demnach sah Argus vielleicht obenrum aus wie eine Fliege. Die meisten antiken Dichter und Schriftsteller gehen aber davon aus, dass sich die Augen über den ganzen Körper verteilten.3 Kein Wunder, dass Argus den Beinamen πανόπτης (panóptes) erhielt: der „Alles-Seher“. 

Gab es den wirklich?

An dieser Stelle lohnt sich übrigens mal ein ganz kurzer Einschub über Mythenkritik. Man wird ja als Altphilologe auch schon mal ab und zu gefragt, ob dieser und jener Mythos einen wahren Kern hat. Erst mal muss man grundsätzlich sagen, dass das meistens mehr oder weniger spekulativ bleibt. Es sei denn, man heißt Heinrich Schliemann und stolpert an der türkischen Küste über die Reste von Troja. Aber sollte es einen Mann namens Argus – vielleicht einen berühmten König – tatsächlich gegeben haben, dann könnte der Beiname πανόπτης, „Alles-Seher“, zuerst dagewesen sein. 

Möglicherweise hatte der Mann wirklich einen sehr scharfen Blick, war ein guter Wächter oder auch einfach sehr weitsichtig. Spätere Generationen könnten dann versucht haben, diesen Beinamen des schon halb vergessenen legendenhaften Mannes durch die nachträgliche Zuschreibung einer maximal erhöhten Augenzahl zu erklären. Sollte dieser Argus also wirklich einmal existiert haben, würde er wohl ausrasten, wenn er wüsste, wie die nachfolgenden Generationen seinen Körper verunstaltet haben. Vielleicht würde er aber auch einfach nur Tränen lachen. 

Berühmtheiten und ihre Geschichten

Wie bei den meisten mythologischen Figuren, ist auch Argus’ Lebenslauf ziemlich lückenhaft. Es gibt ja durchaus Personen der Mythologie, die praktisch nur wegen bestimmter körperlicher Merkmale berühmt wurden. Medusa wäre so ein Beispiel. Ihre Hauptaufgabe bestand darin, Schlangen auf dem Kopf zu haben, Menschen mit ihrem Blick zu Stein verwandeln zu können und am Ende von Perseus geköpft zu werden. Ach ja, und von Uma Thurman in „Percy Jackson“ gespielt zu werden. By the way: Auch wieder so eine Schauspielerin mit ziemlich markanter Augenpartie. 

Und dann gäbe es dann noch die größere Kategorie von Figuren, die nicht unbedingt mit besonderen körperlichen Features ausgestattet waren, aber mehr oder weniger wegen einer denkwürdigen Tat bekannt sind. Da könnte man zum Beispiel Ödipus nennen. Seine Hauptaufgabe war es, seinen Vater zu töten und seine Mutter zu heiraten. Zugegeben, dass er das Rätsel der Sphinx gelöst hat, weiß vielleicht auch noch der eine oder andere.

Aber hinter den meisten dieser bekannten Figuren versteckt sich ein kleiner Mikrokosmos an weiteren Geschichten und Geschichtchen. Medusa zum Beispiel soll ursprünglich eine atemberaubende Schönheit gewesen sein, die sich mit dem Gott Poseidon auf ein unanständiges Tête-à-tête einließ. Zur Strafe wurde sie von der Göttin Athene in ein Mistvieh verwandelt. Na, wer kennt diese Geschichte?

Ödipus hatte schon als Kind ein schweres Schicksal, da ein Orakel bekannt war, das den Vatermord prophezeite. Kurzerhand entschlossen sich die Eltern, ihm die Füße zu durchbohren und das Kind auszusetzen. Daher der Name. Ödipus bedeutet „Schwellfuß“. 

Die zwei Taten des Argus

Da ist Argus keine Ausnahme. Auch er hat immerhin ein paar Dinge in seiner Bio vorzuweisen, die nichts mit der Anzahl seiner Augenpaare zu tun haben. So soll er die Landschaft Arkadien von einem wilden Stier befreit haben, der die Felder verwüstete.4 Und er soll Echidna getötet haben, ein abstoßendes Scheusal in Frauengestalt (in etwa vom Kaliber der Medusa), das offenbar seine Freude daran hatte, einsame Wanderer zu fressen.4 Dass übrigens der Ameisenigel auf Englisch nach dieser Kreatur benannt wurde und Echidna heißt, ist wieder einmal eine unnötige zoologische Gemeinheit. Jedenfalls sind das eigentlich schon ziemlich respektable Leistungen, die Argus vollbracht hat. Man bedenke, dass Herakles auch mal mit solchen Fingerübungen angefangen hat (Stichworte „Erymanthischer Eber“ und „Hydra“). 

Aber dann begab sich eine Geschichte, die das alles überschatten und ein ziemlich negatives Bild von Argus etablieren sollte. Im Grunde hat diese Geschichte alles, was man für ein packendes Drama benötigt: Liebe, Eifersucht, Tod und ein Ende, bei dem eigentlich keiner was gewonnen hat.

Jupiter und seine Affären

Dieses Drama6 beginnt damit, dass Göttervater Jupiter die eheliche Treue wieder einmal nicht besonders streng sah. Das ist übrigens nicht ungewöhnlich: Die griechisch-römische Mythologie und Sagenwelt ist voll von den außerehelichen Affären des obersten Gottes. Es ist ein sehr plastisches Beispiel für die Tatsache, dass das Leben der Götter in der klassischen Antike sehr stark dem ganz irdischen Leben der Menschen nachempfunden war. Was es hier unten unter den Sterblichen gab, das gab es auch bei den Göttern im Olymp, und dazu zählen sowohl Emotionen wie Neid, Hass und Liebe, als auch ganz menschliche Eigenschaften wie Herzensgüte, aber auch Ungerechtigkeit und Untreue.

Jupiter jedenfalls hält den Rekord für außereheliche Affären. Es ist eine ganz besondere Ironie, dass die vier größten Monde, die den Planeten Jupiter umkreisen, Europa, Io, Kallisto und Ganymed heißen. Das sind nämlich einige Namen seiner unglücklichen Geliebten. Und darunter ist auch der Name, der für die folgende Geschichte eine Rolle spielen wird: Io. 

Nebel können gefährlich sein

Io wird von Jupiter (als Nebel) verführt. Moderne Darstellung von Antonio da Correggio, um 1530, gemeinfrei

Io war eine junge Königstochter und ihrerseits selbst göttlicher Abstammung. Das spielte übrigens für Jupiter bei seiner Partnerwahl eher weniger eine Rolle. 

Wohl aber auf die Art und Weise, wie er sich seinem Opfer nähern könnte, verwendete Jupiter den einen oder anderen Gedanken und entwickelte eine ganz besondere Kreativität. Der jungen Leda soll er sich in Gestalt eines Schwans genähert haben. Die Königstochter Europa machte er auf sich aufmerksam, indem er sich in einen Stier verwandelte. Für Io hatte er sich etwas ganz Besonderes ausgedacht: Er verwandelte sich in einen dichten Nebel, der die junge Frau umfing. Dass sich im Nebel Gefahr verbergen kann, wusste man also auch schon vor John Carpenter und Stephen King. 

Das Ganze hatte allerdings noch einen zusätzlichen Nutzen: Als Nebel konnte Jupiter sicherstellen, dass sein Techtelmechtel mit Io den Blicken seiner rechtmäßig angetrauten Gattin Juno entzogen blieb. Er war also gewissermaßen seine eigene Tarnung. Juno war aber nicht blöd und ahnte, dass da etwas im Busch war. Beinahe hätte sie ihren Gatten und Io in flagranti ertappt, doch im letzten Moment konnte Jupiter zu einem Trick greifen. Er verwandelte Io in eine unschuldig aussehende, herrenlose Kuh, auf die er scheinbar zufällig gestoßen war.

Was nun folgt, ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie Götter sich in ihrer Verschlagenheit zu überbieten versuchen. Juno fand also nur eine Kuh an der Seite ihres Gatten vor. Der gab sich entsprechend arglos. Aber auch davon ließ sich Juno nicht beeindrucken. Um ihn zu testen, bat sie Jupiter, ihr die Kuh zum Geschenk zu machen. Hätte er seiner Frau dieses Geschenk verweigert, hätte Jupiter sich wohl verraten. So musste er einwilligen.

Der perfekte Rinderwächter

Und hier kommt nun endlich unser hundertäugiger Wächter ins Spiel. Juno bestellte Argus zum Hüter der Kuh, um sie zu bewachen und rastlos durch die Gegend zu treiben. Man mag an dieser Stelle der Geschichte darüber philosophieren, ob Io eigentlich wirklich eine Kuh war oder eine Frau im Körper einer Kuh. Im zweiten Fall hätte sie die ganze folgende Geschichte bei vollem menschlichem Bewusstsein mitbekommen, was eine ganz schön unangenehme Vorstellung ist. 

Darstellung von Io und Argus auf einem Fresko aus Pompeji (1. Jhd. n. Chr.). Interessanterweise bleibt diese Darstellung in einem halbwegs realistischen Rahmen. Io ist keine Kuh, sondern trägt nur dezente Hörnchen. Argus hat außerdem nicht mehr als zwei Augen, wie es bei Wirbeltieren allgemein üblich ist. (gemeinfrei)

Einen Hinweis gibt der Dichter Ovid. In seiner Variante der Geschichte trieb Argus die arme Kuh über den ganzen Erdball. In Ägypten soll Io dann beim Versuch, aus dem Nil zu trinken, ihr Spiegelbild im Wasser gesehen haben. Sie erblickte gewissermaßen eine ziemlich tierische Fresse und war darüber so erschrocken, dass sie ihren Kopf zum Himmel hob und die Götter um Gnade anflehte. 

Jupiter reagierte und entsandte seinen Sohn Merkur, seines Zeichens Bote der Götter, aber auch Gott der Diebe und Betrüger. Ihm erteilte er den Auftrag, Argus zu töten und Io zu befreien. Das gestaltete sich aber ganz schön kompliziert, denn auch in dieser Geschichte hatte Argus hundert Augen. Merkur konnte jedoch auf eine List zurückgreifen. Er war im Besitz einer Syrinx (einer Art Panflöte), mit deren Hilfe es ihm gelang, Argus in den Schlaf zu lullen. Den Rest kann man sich ungefähr denken: Merkur holte aus und schlug Argus den Kopf ab. Io war frei und wurde nach einer versöhnlichen Aussprache zwischen Juno und Jupiter wieder in eine Frau zurückverwandelt. Da fragt man sich natürlich, warum diese Aussprache nicht möglich war, ohne Argus vorher einen Kopf kürzer zu machen. Aber nach allzu viel Logik sollte man in der Mythologie nicht fragen. 

Und wenn sie nicht gestorben sind…?

Insofern gibt es in der ganzen Geschichte zwar keine Gewinner*innen, aber immerhin waren fast alle mit dem Schrecken davongekommen: Jupiter war wieder einmal als notorischer Betrüger in die Geschichte eingegangen, konnte seiner Geliebten aber immerhin noch mehr Leid ersparen. Juno war zwar betrogen worden, hatte aber wenigstens ihre Rache bekommen. Sie hatte ihre Nebenbuhlerin grausam bestraft und ihrem Gatten gezeigt, wozu sie fähig war. Merkur hatte erfolgreich einen seiner bekanntesten Aufträge erfüllt, und Io ist sicherlich zwar am wenigsten zu beneiden. Am Ende hat sie aber immerhin ihren menschlichen Körper zurückerhalten.

Der einzige, der wirklich die A.-Karte gezogen hatte, war Argus, der als kopfloser Kadaver am Fuß eines blutbespritzten Felsen endete. Aber immerhin hält die Geschichte für ihn noch einen kleinen Trostpreis bereit. Juno nahm seine Augen und gab sie ihrem Lieblingsvogel. Seitdem trägt der Pfau Augen in seinem prachtvollen Gefieder. Solche Ätiologien, also die Erklärungen von tatsächlichen Phänomenen durch Sagen und Legenden, sind typisch für die antike Mythologie. Und das ist vielleicht die schönere Part dieser Geschichte, an den man immer mal denken kann, wenn man einen Pfau sieht: Vergesst Adler und Falken. Pfauen haben die eigentlichen Argusaugen. 

  1. Aufzählung nach W. H. Roscher, Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie, Leipzig, 1884-1890, s. v. „Argos“
  2. Macrob. sat. 1, 19, 12
  3. Euripides, Phoenissen 1115; Plautus, Aulularia 555
  4. Apollodor II,1,2
  5. Apollodor II,1,2
  6. Die ganze folgende Geschichte folgt der Darstellung bei Ovid, Metamorphosen I,588-746. Man findet sie aber auch kurz und knapp bei Apollodor I,2.3

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