Darüber, was man ästhetisch findet, braucht man gar nicht erst zu diskutieren. Wir sind uns alle einig, dass man über Geschmack nicht streiten kann. Aber was bedeutet das überhaupt: ästhetisch? Irgendwie gut, irgendwie schön. Aber dann gibt es noch das Gegenstück „unästhetisch“. Und das ist eigentlich ein Unwort, wenn man von der antiken Bedeutung ausgeht.
Kann etwas überhaupt un-ästhetisch sein?
Hinter dem ganzen Wortfeld, mit dem wir uns hier beschäftigen, steckt zunächst mal das altgriechische Wort αἰσθάνομαι (aisthánomai), was so viel wie „wahrnehmen“ bedeutet. Das dazugehörige Adjektiv heißt dann αἰσθητικός (aisthetikós) – „wahrnehmbar“. Ästhetisch bedeutet also erst mal, dass man etwas wahrnehmen kann.
Und damit kann man sich schon fragen, wie die Einrichtung der Freundin mit dem schlechten Geschmack wirklich „unästhetisch“ sein kann. Das würde ja heißen: Sie wäre nicht wahrnehmbar, also… unsichtbar?
Natürlich meinen wir mit „ästhetisch“ in diesem Fall eine positive Wahrnehmung. Wenn etwas unästhetisch ist, dann ist das einfach nur eine elegante Variante, um zu sagen: potthässlich.
Über Geschmack lässt sich nicht streiten
Und da geht es los. Ob nun das Sofa mit dem Zebraprint unästhetisch ist oder die hellgelbe Wand in der Küche oder die neuen pinken Strähnen auf dem Kopf: Über solche Sachen kann man ewig streiten. Das wissen wir alle.
Im Laufe der Jahrtausende haben sich etliche Personen in Philosophie und Wissenschaft mit der Frage beschäftigt: Was ist Ästhetik? Oder, etwas naturwissenschaftlicher: Welche Faktoren sorgen dafür, dass wir die eine Sache ästhetisch ansprechend finden, die andere aber nicht?
Genau diese Diskussion klammern wir hier aber natürlich aus. Unser Fokus liegt ja auf dem Begriff an sich und auf sprachlichen Beobachtungen. Und da gibt es noch eine, die ganz interessant ist.
Der schmale Fokus der Ästhetik
Wir benutzen die Begriffe „Ästhetik“ und „ästhetisch“ nämlich heute nicht nur durchgängig mit einem positiven Unterton. Sie sind auch in ihrer Bedeutung verengt.
Wie schon erwähnt, bedeutet das griechische Wort αἰσθάνομαι (aisthánomai) so viel wie „wahrnehmen“. Und damit ist in der Antike tatsächlich auch jegliche Form von Sinneswahrnehmung gemeint, also Sehen, aber auch Hören, Schmecken und Riechen sowie Spüren. Und auch die geistige Wahrnehmung kann damit gemeint sein, im Sinne von „begreifen“ oder „verstehen“.
Wenn wir heute von Ästhetik sprechen, dann meinen wir damit in der Regel die Optik einer Sache. Kaum jemand würde sagen: „Oh, das Essen riecht aber heute sehr ästhetisch.“ Warum das so ist, lässt sich natürlich leicht erklären. Der Sehsinn ist für uns Menschen der wichtigste Sinn.
Ich hab das mal recherchiert: Der Sehsinn liefert uns bis zu 80% aller wichtigen Informationen über unsere Umwelt, die wir im Alltag so brauchen. Und 75% der Menschen sind laut einer Umfrage der Meinung, dass der Verlust des Sehsinns am schlimmsten wäre.
Auch wenn diese Einengung der Ästhetik auf die Optik und das Sehen gut erklärbar ist, sollte man aber eben doch nicht vergessen, dass wir auch andere Sinne haben. Und dass Ästhetik eben auch die ansprechen kann. Und das wird tatsächlich häufig unterschätzt, zum Beispiel bei Einrichtungsfragen, bei Kleidung oder auch im Produktdesign. In diesem Sinne: Schenkt auch euren anderen Sinnen gerne mal was mehr Aufmerksamkeit!


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