Athens Bedeutung für die Geschichte Griechenlands in der Antike ist kaum zu unterschätzen. Und natürlich hat eine so große und bedeutende Stadt einen ebenso bedeutenden Ursprung im Mythos. Aber warum eigentlich? Und was verrät das über das Selbstverständnis der Stadt in der Antike?
Mythische Anfänge einer berühmten Stadt
Dem Mythos nach hatten bei der Entstehung Athens selbstverständlich wieder mal Gottheiten ihre Hände im Spiel. Die Stadt soll durch eine Vereinigung mehrerer Siedlungen unter dem ersten König Kekrops entstanden sein. Ob diese Figur des ersten Königs Kekrops einen wahren historischen Kern haben könnte, darüber kann man natürlich lange streiten.
Angeblich, so der Mythos, suchten die Menschen einen Namen und eine Schutzgottheit für ihre neue Stadt. Und da traten der Gott Poseidon und die Göttin Athene zu einem Wettstreit an. An der Stelle kann man natürlich mal einhaken und sich fragen: Warum überhaupt? Oder: Wieso kamen die Menschen in Athen auf die Idee, die Geschichte ihrer Stadt mythologisch aufzuladen?
Gründungsmythen waren weit verbreitet
Zunächst mal muss man festhalten, dass Athen damit in guter Gesellschaft war. Praktisch alle größeren Städte (und auch viele kleinen) hatten in der Antike eine solche Art von Gründungsmythos. Oft hatten Gottheiten auf die eine oder andere Art damit zu tun, aber längst nicht immer.
Herakles soll zum Beispiel ziemlich herumgekommen sein und an allen Ecken und Enden irgendwelche Städte gegründet haben. Eine davon war Herculaneum, mit der wir uns schon einmal in einem Blogpost beschäftigt haben.
Und, um mal eine nicht-göttliche Figur der Mythologie zu nennen: Die griechische Stadt Theben wurde angeblich von Kadmos gegründet, dem Bruder der Königstochter Europa, die von Zeus nach Kreta verschleppt wurde.
Die Bedeutung der eigenen Stadt
Trotzdem stellt sich die Frage: Warum macht man so was? Zum einen muss man erst mal in Rechnung stellen, dass die eigene Stadt (oder der eigene Stadtstaat) für die Menschen der Antike eine wesentlich höhere Bedeutung hatte als heute. Während bei uns heute die Wahrscheinlichkeit ziemlich hoch ist, dass wir im Laufe unseres Lebens unsere Geburtsstadt irgendwann (zumindest zeitweise) verlassen und in eine andere Stadt ziehen, war das in der Antike anders.
Auch soziale Kontakte blieben meistens auf das nahe Umfeld beschränkt. Und: Städte und Ortschaften waren in der Antike wesentlich kleiner und überschaubarer. Man kannte sich, könnte man sagen.
Alle diese Faktoren (und sicherlich noch etliche andere, die ich vergessen habe), sorgten dafür, dass die eigene Stadt für die Menschen der damaligen Zeit eine deutlich größere Bedeutung hatte. Man identifizierte sich viel stärker mit der eigenen Stadt als heute (auch wenn es natürlich immer noch zahlreiche Lokalpatriot*innen gibt).
Ein Gründungsmythos, in dem bekannte Figuren aus der Mythologie vorkamen oder sogar Gottheiten, steigerte die Bedeutung der eigenen Stadt. Aber das Ganze waren nicht nur Geschichten oder Sagen, die man sich in der Stadt so erzählte. So was kennen wir ja heute auch noch: Irgendwelche lokalen Legenden, vielleicht aus dem Mittelalter, die mit der Geschichte eines Ortes zu tun haben. Die Bedeutung antiker Gründungsmythen ging weit darüber hinaus.
Gründungsmythen bedeuten Prestige
Sie bedeuteten auch Prestige für eine Stadt. Ein Ort in der Antike war nichts ohne eine ordentlichen Gründungsmythos. Er wurde auch von offizieller Seite gepflegt und als historische Tatsache verkauft. Darüber hinaus prägte er durchaus auch das Selbstverständnis einer Stadt.
Und damit sind wir wieder bei Athen. Denn diese Sache mit dem Wettstreit zwischen Athene und Poseidon verrät viel darüber, wie man sich in Athen gerne selbst sah.
Beide Gottheiten machten den Athenern Geschenke. Daraus bestand dieser Wettstreit. Was Poseidons Geschenk angeht, gibt es in der antiken Literatur unterschiedliche Varianten. Die bekannteste stammt von Vergil, und demnach schenkte er den Athenern ein Pferd. Athene bot den Athenern jedoch einen Ölbaum an. Die Athener entschieden sich für Athene.

Mythos und Selbstverständnis
Aus diesem Mythos kann man eine ganze Menge herauslesen. Zunächst einmal: Die Entscheidung der Athener für den Ölbaum ist eine kluge Entscheidung. Öl war ein wertvolles landwirtschaftliches Gut in der Antike, und Athene versprach den Menschen mit ihrem Geschenk symbolisch beständigen Reichtum
Und nun zu Poseidon: Laut früheren antiken Quellen1 schuf er eine Quelle auf der Akropolis. Klingt erst mal gut, aber dort sprudelte salzhaltiges Meerwasser aus dem Felsen. Da kratzt man sich irgendwie am Kopf und fragt sich: Was soll das denn für ein Geschenk sein? Salzwasser kann man nicht trinken und auch nicht für die Landwirtschaft gebrauchen. Poseidon demonstrierte damit seine göttliche Macht und sagte gewissermaßen: Schaut, wozu ich als euer Schutzgott in der Lage wäre. Zudem könnte dieses Geschenk auch als Vorausdeutung darauf zu sehen sein, dass Athen später zu einer Seemacht wurde.
Die Variante des römischen Dichters Vergil2 mit dem Pferd macht diesen Schwerpunkt noch deutlicher. Das Pferd symbolisiert Krieg und Herrschaft. Dagegen steht der Ölbaum zum einen für beständigen Wohlstand, aber auch für Frieden und Kultur.
Der Mythos sagt also eine ganze Menge über das athenische Selbstverständnis aus: So wollte sich die Stadt in der Antike selbst sehen, nämlich als wohlhabend, friedlich und kultiviert. Ob sie diesem Anspruch gerecht wurde, nun ja.
Jedenfalls wurde die neue Stadt nach der Entscheidung nach der Göttin Athene benannt und sie als Schutzgöttin ausgewählt.
Die historische Wahrheit
Die nüchterne historische Wahrheit ist natürlich viel profaner. Vor allem dürfte es umgekehrt gewesen sein: Nicht die Stadt wurde nach der Göttin benannt, sondern die Göttin nach der Stadt. So genannte Toponyme (Ortsnamen) sind nämlich äußerst beharrlich. Das kennen wir auch heute noch.
Man denke an Remagen. Der Name dieser klingt ziemlich unauffällig deutsch. Aber was soll er bedeuten? Irgendwas mit einem Reh und einem Magen? Absolut nicht. Der Name ist keltisch. Er setzt sich aus den Elementen rigs für König und magos für Mark zusammen. Rigomagos hieß also „Königsmark“. Der Name hat die Jahrtausende überdauert, (leicht verändert) durch alle Sprachen hindurch, die in der Region gesprochen wurden.
Und so hat man sich das bei Athen auch vorzustellen. Der Name Ἀθήναι (Athenai) ist vorindogermanisch, das heißt, er stammt aus einer Sprache, die in Griechenland gesprochen wurde, bevor sich die griechische Sprache dort verbreitete. Und: Namen mit der Endung -enai oder -ene sind typische Ortsnamen, keine Personennamen. Das spricht dafür, dass der Ortsname zuerst da war, und dann erst der Name für die Göttin.
Wann das war? Das ist deutlich schwerer zu beantworten. Mann konnte Siedlungsspuren aus der Jungsteinzeit nachweisen, und für die Zeit um 1300 v. Chr. eine Palastanlage auf der Akropolis. Zu diesem Zeitpunkt war Athen also wohl eine ganz ordentliche Siedlung oder Stadt. Aber wirklich bedeutend war sie nicht.
Und so hat man sich das bei Athen auch vorzustellen. Der Name Ἀθήναι (Athenai) ist vorindogermanisch, das heißt, er stammt aus einer Sprache, die in Griechenland gesprochen wurde, bevor sich die griechische Sprache dort verbreitete. Und: Namen mit der Endung -enai oder -ene sind typische Ortsnamen, keine Personennamen. Das spricht dafür, dass der Ortsname zuerst da war, und dann erst der Name für die Göttin.

Wann das war? Das ist deutlich schwerer zu beantworten. Mann konnte Siedlungsspuren aus der Jungsteinzeit nachweisen, und für die Zeit um 1300 v. Chr. eine Palastanlage auf der Akropolis. Zu diesem Zeitpunkt war Athen also wohl eine ganz ordentliche Siedlung oder Stadt. Aber wirklich bedeutend war sie nicht.
Athen erscheint in den schriftlichen Quellen
Das zeigt sich auch in der ältesten literarischen Quelle, die man für die griechische Geschichte heranziehen kann: Homer. Seine Werke sind aber komplex, besonders dann, wenn man sie für die historische Forschung nutzen möchte. Was uns die Ilias und die Odyssee zeigen, ist eine komplexe Mischwelt aus historischer Erinnerung und den gesellschaftlichen Gegebenheiten zu Homers eigener Lebenszeit.
Aber was Athen angeht, ist der Befund eindeutig: Die Stadt kommt bei Homer kaum und nur am Rande vor. In der Ilias wird erwähnt, dass die Athener mit einem Kontingent unter Menestheus am Krieg gegen Troja beteiligt waren.3 Das war’s. Sie waren dabei. Mehr nicht. Die Stadt existiert also, spielt aber in der homerischen Welt kaum eine Rolle.
Es gibt jedoch immerhin archäologische Hinweise, dass die Stadt besser durch die so genannten „Dunklen Jahrhunderte“ kam als viele andere in Griechenland. Ab ca. 1200 v. Chr. erlebten viele griechische Städte nämlich einen wirtschaftlichen und politischen Niedergang. Viele Siedlungen und Palastanlagen wurden aufgegeben. Das traf auf Athen möglicherweise nicht zu, oder zumindest nicht in diesem Ausmaß.
In den folgenden Jahrhunderten erholte sich Griechenland, und damit auch Athen. Die Stadt profitierte durch ihre Lage vom Handel und hatte sicher auch einiges politisches Gewicht in der gesamten Region. Wirklich sicher sagen können wir das aber nicht, denn in den Jahrhunderten von ca. 900 bis 500 v. Chr. sind schriftliche Quellen Mangelware.
Athens vielleicht größte Niederlage
Damit sind wir aber schon weit über die Ursprünge Athens hinaus. Auf eine Frage sollte man aber vielleicht doch zum Schluss noch einen Blick werfen, nämlich: Wie sah es mit dem Selbstverständnis der Stadt in der Realität aus?
Der Gründungsmythos, also diese Sache mit dem Ölbaum, deutet auf Frieden und Kultur hin. Die frühestens Menschen in der Stadt hatten sich bewusst gegen ein kriegerisches Selbstverständnis (symbolisiert durch Poseidons Gaben) entschieden.
Athen entwickelte sich, neben Sparta, zu einem der politisch und kulturell wichtigsten Zentren der griechischen Staatenwelt und baute ein Bündnissystem auf, den so genannten „Attischen Seebund“. Es kam, wie es kommen musste: Die Rivalität zwischen Athen und Sparta mündete in den so genannten „Peloponnesischen Krieg“ zwischen den beiden Stadtstaaten. Am Ende unterlag Athen im Jahr 404 v. Chr.
…und nicht alle waren darüber unglücklich
Der Krieg zwischen Sparta und Athen hatte direkt oder indirekt Einfluss auf einen großen Teil der griechischen Stadtstaaten. Und das lief über die beiden Bündnissysteme, den attischen Seebund auf der einen Seite und das spartanische Pendant, den peloponnesischen Bund.
Über den Begriff „Bündnissystem“ kann man an der Stelle aber streiten. Spätestens ab der Mitte des 5. Jahrhunderts war der attische Seebund eher ein „attisches Reich“. Athen dominierte alles: Die Mitglieder hatten kaum noch eine eigene Außen- oder Sicherheitspolitik. Viele besaßen keine eigene Flotte mehr, vielmehr waren sie zu Geldzahlungen verpflichtet, sodass Athen eine Flotte unterhalten konnte. Verteidigungsanlagen wurden zurückgebaut, und: Abtrünnige oder vermeintlich abtrünnige Stadtstaaten wurden grausam bestraft.
Auch demokratische Staaten können grausam handeln
Als Mytilene aus dem Seebund ausscheiden wollte, wurde die Stadt von den Athenern überfallen und 1.000 Aufständische zum Tode verurteilt. Die Versklavung sämtlicher männlicher Einwohner der Stadt konnte gerade noch knapp verhindert werden, da die athenische Volksversammlung einen entsprechenden Entschluss noch einmal korrigierte.
So viel Glück hatten die Melier (Einwohner der Insel Melos) aber nicht. Sie waren lange Zeit neutral und wurden von Athen genötigt, sich dem Seebund anzuschließen. Als sie sich beharrlich weigerten, wurde die Insel belagert und eingenommen. Die männlichen Einwohner wurden allesamt ermordet oder versklavt.
Das ist also die grausame Fratze der Großmacht Athen, und – das sollte man deutlich sagen – das alles geschah auf Beschluss der athenischen Volksversammlung. Dahinter steckte also kein grausamer Tyrann.
Inwiefern das noch zum Selbstbild rund um Frieden, Wohlstand und Kultur passt, auf das der Gründungsmythos mit dem Ölbaum hindeutet? Die Frage ist wohl eher rhetorisch. Aber das ist im Grunde nichts Neues: Auch heute können das Selbstverständnis von Personen, Institutionen, Gesellschaften und Staaten einerseits und die Realität andererseits weit auseinanderklaffen. Auch das war also in der Antike nicht anders.
Geschichte ist nicht eindimensional
Aber immerhin: Was die Kultur angeht, könnte man einwenden, dass Athen eine gewaltige Nachwirkung hatte. Aus der Philosophie, der bildenden Kunst und auch aus der Literatur der klassischen Antike kann man sich Athen als kulturelles Zentrum nicht wegdenken.
Geschichte ist eben nie eindimensional. Auch bedeutende Personen oder eben Städte und Reiche haben so gut wie immer ihre Schattenseiten. Das ist ein Widerspruch, den man aushalten muss.


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