Wir reden heutzutage viel über Strukturen: Gesellschaftliche Strukturen, Strukturen des Machtmissbrauchs, verkrustete Strukturen. Man könnte noch viele weitere Beispiele finden. Alle haben sie eine Sache gemeinsam: Es sind übertragene Bedeutungen des Begriffs.
Ein Ursprung im Bauwesen
Wir benutzen das Fremdwort „Struktur“ heute genau genommen ziemlich selten in seiner ursprünglichen Bedeutung, höchstens in der Archäologie. Denn das lateinische Wort structura bedeutet wörtlich „Schichtung“, genauer: eine Schichtung, die perfekt zusammenpasst. Das Wort kommt aber in der antiken lateinischen Literatur eher selten vor, und auch erst vergleichsweise spät (das heißt konkret: erst nach der Zeitenwende).
Man konnte von einer structura togae sprechen, der „Schichtung einer Toga“. Gemeint ist damit, dass eine Toga sauber angelegt und drapiert ist. Auch Knochen konnten sauber geschichtet sein, sodass man von einer structura sprach.
Besonders wichtig war das Wörtchen aber im Bereich Bauwesen. Wenn man ein Haus baut, schichtet man Steine aufeinander, wenn man es mal ganz vereinfacht ausdrücken will. Also hat man es auch da mit einer Schichtung oder structura zu tun. Und genau in diesem Kontext findet sich das Wort auch in der antiken Literatur öfter. Ein Struktur konnte demnach ein Bauwerk bezeichnen oder die Art des Bauens (Konstruktionsweise).
Und zum Schluss gab es auch noch eine besondere übertragene Bedeutung, denn man findet das Wort auch in der antiken Sprachwissenschaft, wenn es um Themen wie Satzbau geht.
Zeugnisse der Vergangenheit sind auch Strukturen
Wie schon erwähnt, benutzen wir das Wort heute selten in diesem Sinn. Archäolog*innen sprechen gerne mal von Strukturen, wenn sie im Boden die Reste von Fundamenten finden. Aber im ganz normalen Alltag? Da meinen wir mit Strukturen praktisch immer was Abstraktes.
Gesellschaftliche Strukturen zum Beispiel sind „die relativ dauerhaften Ordnungsmuster gesellschaftlicher Beziehungen, Gruppen und Institutionen“. Meistens reden wir dann über sie, wenn wir darin ein Problem sehen.
Sind gesellschaftliche Strukturen überhaupt Strukturen?
Man kann sich darüber streiten, ob der Begriff „Struktur“ da wirklich passend ist. Handelt es sich wirklich um eine kunstvolle Schichtung? Oder entwickeln sich gesellschaftliche Strukturen nicht eher organisch, quasi im Wildwuchs? Auf der anderen Seite: Vielleicht ist das wiederum auch genau der Punkt. Die Ordnungsmuster innerhalb einer Gesellschaft bauen aufeinander auf, sie sind gewissermaßen „geschichtet“.
Trotzdem ist ganz klar: Das lateinische Wort structura meint in den meisten Fällen eine bewusste und absichtliche Schichtung und eben keinen Wildwuchs. Das wäre also bei einem Organigramm in einer Firma passender, wo man sich ganz bewusst Gedanken gemacht hat über Hierarchieebenen und Beziehungen.
Manche gesellschaftlichen Ordnungsmuster sind aber wiederum bewusst und absichtlich so eingerichtet, wie sie sind. Zum Beispiel in der Politik. Aber auch breite öffentliche Debatten können dafür sorgen, dass sich gesellschaftliche Muster verändern.
Und vielleicht wird durch den Blick auf die antiken Ursprünge des Wortes ein Aspekt deutlich: Gesellschaftliche Strukturen sind künstlich – ob sie nun bewusst oder unbewusst „aufgeschichtet“ wurden. Und damit sind sie veränderlich, nicht naturgegeben.


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