Katastrophe – Fremdwort der Woche

Katastrophen gibt es in den unterschiedlichsten Varianten. Als erstes denken die meisten vermutlich an Naturkatastrophen wie Wirbelstürme, Vulkanausbrüche oder Erdbeben. Sie haben gemeinsam, dass sie eine unglaubliche zerstörerische Kraft entfalten und nicht selten viele Menschenleben fordern. Aber wir verwenden den Begriff auch für viele Ereignisse, die nicht natürlichen Ursprungs sind. Und längst nicht alle diese Ereignisse haben die Bezeichnung „Katastrophe“ wirklich verdient. 

Neben den Naturgewalten gibt es auch noch die großen und kleinen privaten Katastrophen, zum Beispiel eine besonders schmerzhafte Trennung oder dass die eigene Tochter auf die schiefe Bahn gerät und im Frankfurter Bahnhofsviertel endet. Damit sind teilweise Schicksale verbunden, die das Leben der betroffenen Personen gewaltig umkrempeln. Man mag das jetzt merkwürdig finden, aber genau diese privaten Schicksalsschläge haben manchmal die Bezeichnung „Katastrophe“ mehr verdient als ein Tsunami mit Tausenden Toten. 

Denn das altgriechische Wort καταστροφή (katastrophé) bedeutet „Umwälzung“, also eine Veränderung, die alles auf den Kopf stellt – mit gewaltigen und nie dagewesenen Folgen.

Im Privaten konnte das, aus antiker Perspektive, der plötzliche Tod des Familienoberhaupts sein, wodurch die gesamte Familie in Armut stürzte. Etwas größer gedacht, konnte so ein klassischer Katastrophenfall aber auch ein Staatsstreich sein, bei dem ein Einzelherrscher mit Gewalt die Macht ergriff, die Befugnisse des Volkes einstampfte und eine Terrorherrschaft etablierte. Natürlich kamen auch natürliche Ereignisse in Betracht, wenn dadurch beispielsweise ein dominantes Herrschaftszentrum ausradiert wurde und sich die Machtstrukturen in einem Land oder einer Region radikal verschoben. 

Man merkt es schon: Es geht bei einer Katastrophe immer um den Grad der Veränderung. Und natürlich kommt es sehr auf die Perspektive an, die man dabei einnimmt. Das geht bei den meisten Ereignissen, die wir heute als „Katastrophe“ bezeichnen, aber ein bisschen verloren. Wenn man es genau nimmt, wird der Begriff sogar ziemlich inflationär verwendet. 

Katastrophe oder Katastrophen?

Der große Tsunami 2004 im asiatischen Raum war ein schreckliches Ereignis, aber er hat keine Großreiche zerstört oder gesellschaftliche Strukturen auf den Kopf gestellt. In diesem Sinne war er keine Katastrophe. Was dagegen eine Katastrophe war, war jedes einzelne menschliche Schicksal.

Für jede*n, der oder die beim Tsunami eine*n geliebte*n Angehörige*n verloren hatte, war das Leben nicht mehr wie zuvor. Die Naturgewalt hat also zigtausendfach private und persönliche Katastrophen nach sich gezogen, die hinter den unvorstellbar hohen Opferstatistiken verschwanden.

Wie sagt man so (un)schön? Der Tod eines Menschen ist eine Katastrophe, der Tod vieler Menschen eine Statistik. 

Inflationär dagegen wird wird die Verwendung des Begriffs „Katastrophe“, wenn Wirtschaftszweige über „katastrophale“ Entwicklungen klagen. Haben wir es dabei wirklich immer mit einem wirtschaftlichen Umbruch gewaltigen Ausmaßes zu tun, der womöglich sogar die gesellschaftlichen Verhältnisse verkehrt? 

Oder wenn man die eigene Chefin als Katastrophe bezeichnet. Hat diese Chefin wirklich eine solche Macht über das eigene Leben, dass sie es komplett auf den Kopf stellen kann?

Manchmal ist es vielleicht doch besser, mit dem Begriff etwas sparsamer umzugehen. Hin und wieder reicht es vielleicht auch, eine Sache als Desaster zu bezeichnen oder als ruinös zu beschreiben. Damit vermeidet man nicht nur die Katastropheninflation, sondern sorgt auch für ein bisschen Variation im eigenen Wortschatz. 

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