Arktis – Fremdwort der Woche

Der Eisbär ist inzwischen eine akut bedrohte Spezies. Er ist einem Symbol für den Klimawandel geworden und repräsentiert wie kein zweites Tier eine Region, die im Niedergang begriffen ist: Die Arktis. Aus antiker Perspektive hätte man sich kein passenderes Tier dafür aussuchen können. Denn die Arktis ist schon dem Namen nach ein Land der Bären.

Der Begriff „Arktis“ stammt vom altgriechischen Wort ἄρκτος (árktos), was „Bär“ bedeutet. Damit könnte man „Arktis“ also in etwa mit „Bärland“ übersetzen. Nun könnte man denken: Gut, also haben die Griech*innen offenbar die ganze Region nach dem charakteristischen Tier benannt. 

Der Schönheitsfehler ist, dass sie die Arktis nie erreicht haben. Sie können der Region also den Namen nicht verpasst haben. Aber auch das ließe sich lösen: In so einem Fall wäre der zweite Gedanke, dass man eben in einer späteren Zeit auf einen altgriechischen Begriff zurückgegriffen hat, um das Gebiet rund um den Nordpol zu benennen. 

Aber auch das stimmt nicht, denn die Griech*innen benutzten das Adjektiv ἀρκτικός (arktikós) in der Bedeutung „nördlich“ schon in der Antike. Und das, obwohl sie allenfalls vom Hörensagen eine vage Vorstellung von allem hatten, was nördlich der Alpen oder gar der britischen Inseln lag. Wie kamen die antiken Griech*innen also darauf, das Wort ἀρκτικός (arktikós) nicht nur im Sinne von „zu einem Bären gehörig“ oder „bärig“ zu verwenden, sondern auch im Sinne von „nördlich“ oder „nördlich gelegen“?

Von Wagen, Bären und dem Orion

Die Lösung liegt in der Astronomie. Für die Griech*innen war die Himmelsrichtung also „Norden“ die Himmelsrichtung, die zum Bären gehörte. Wenn sie keine Eisbären damit meinten, was denn dann? Bei einigen mag der Groschen schon gefallen sein: Gibt es da nicht ein Sternbild, das „irgendwas mit Bär“ heißt? 

Volltreffer. Mit dem hat das Ganze was zu tun. Der Große Bär steht über dem Nordpol, übrigens in der Antike deutlicher als heute. Der Polarstern ist außerdem ein Teil des Sternbilds „Kleiner Bär“.  In Deutschland sind die Bezeichnungen „Großer“ und „Kleiner Wagen“ geläufiger, obwohl auch diese Bezeichnungen schon in der Antike vorkamen, wenn auch seltener. 

Neben dem Gürtel des Orion ist der „Große Wagen“/„Große Bär“ sicherlich eines der bekanntesten Sternzeichen, weil viele Menschen es gut am Nachthimmel wiedererkennen. Eben gerade weil es so leicht zu erkennen ist und den Norden markiert, ist es wie geschaffen dafür, sich am Nachthimmel zu orientieren und zu navigieren. Hinzu kommt übrigens noch, dass es im Gegensatz zu anderen Sternbildern immer zu sehen ist, also im Jahresverlauf nie untergeht. Zumindest aus europäischer Perspektive. 

Bärland und Gegen-Bärland

Die Arktis ist also das Gebiet, das unter dem Sternbild des Bären liegt. Was das genau für ein Gebiet war, welche Völker oder gar Wesen dort lebten, das konnten die Griech*innen natürlich noch nicht wissen. Und doch hält sich die Bezeichnung bis heute. Und, ach ja: Das Gegenstück dazu hat man dann schlicht und ergreifend Ant-Arktis genannt, also in etwa „Gegen-Arktis“. Denn für den Süden gibt es kein so cooles Sternbild, das sich so markant zur Bezeichnung eignet.1 Ein Pinguin wäre toll, aber leider gibt es kein Sternbild dieses Namens. 

In der Antike hat man große Persönlichkeiten übrigens gern „verstirnt“, das heißt, ein Sternbild nach ihnen benannt. Man folgte mit dieser etwas merkwürdigen Form der Verehrung bekannten Vorbildern aus der Mythologie. Da kam es nämlich schon mal öfter vor, dass eine Person nach dem Tod von einem Gott in den Himmel gehoben und zu einem Sternbild wurde. Hoffen wir, dass dem Eisbären ein solches Schicksal erspart bleibt. 

  1. Zumindest heute nicht mehr. Das Kreuz des Südens war in der Antike noch von Europa aus zu sehen. Allerdings sah die Antike es als Teil eines größeren Sternbildes, des Zentauren. Es verschob sich durch tolle astronomische Prozesse, die kein Mensch versteht, unter den Horizont und ist seit der Spätantike von Europa aus nicht mehr zu sehen. Es  wurde in der frühen Neuzeit wiederentdeckt, als europäische Seefahrer nach Süden vorstießen.

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