Detektiv – Fremdwort der Woche

Mary O’Donell betrat den Raum, der mehr einer verrauchten Kneipe ähnelte als einem Büro. Es war heiß, der Ventilator unter der Decke sorgte nur für wenig Linderung und verteilte stattdessen die Rauchschwaden, die der kleine, dicke Mann mit Zigarre hinter seinem Schreibtisch in die Luft blies.

Er trug ein abgewetztes Jackett und musterte sie mit einem abschätzigen, aber auch amüsierten Blick. So weit war es also gekommen. Aber Mary wusste: Dieser Kerl war ihre letzte Chance.

So oder so ähnlich – selbstredend in Schwarz-Weiß – würden sich viele von uns den Beginn einer klassischen Detektiv-Geschichte irgendwann in den 1940er-Jahren irgendwo in Chicago  oder New York vorstellen. 

Beim Begriff „Detektiv“ denken viele von uns in erster Linie an Privatdetektive, also Personen, die nicht zum staatlichen System der Verbrechensaufklärung gehören, sondern die man auf eigene Faust engagiert. Auch viele berühmte Figuren aus Kriminalromanen sind solche privaten Detektive. 

Und was klären sie nicht alles auf: heimliche Affären des Ehegatten oder der Ehegattin (Klassiker!), Veruntreuung, Betrug und Diebstahl. Aber auch etliche Mörder wurden schon seit Sherlock Holmes, Hercule Poirot und Miss Marple von privaten Ermittlern dingfest gemacht. 

Dabei hatten Privatdetektive ursprünglich eine ganz andere Funktion. Aber fangen wir vorne an, nämlich überhaupt erst mal beim Ursprung des Wortes. 

Hinter dem Wort „Detektiv“ steht das lateinische Wort detegere, was „aufdecken“ bedeutet. Ein *detectivus wäre damit eine „aufdeckerische“ Person. Das kleine Sternchen zeigt an, das ein solches Wort nie existiert hat. Aber auch das deutsche Gegenstück „aufdeckerisch“ habe ich gerade erfunden, um das lateinische Wort zu imitieren. 

Diese Zwischenstufe muss man sich nur gedanklich klarmachen, um zu verstehen, wie es zum englischen Wort detective kam, denn in dieser Sprache kam der Begriff erstmals auf, und zwar im 18. Jahrhundert. 

England, 18. Jahrhundert… da muss man vielleicht gleich an den Kapitalismus denken. Und ja: Geld ist der Ursprung der Detektive. Dabei handelte es sich um Personen, die Informationen zu wirtschaftlichen Daten zusammentrugen und entsprechende Auskünfte gaben, genauer: Konkurse, Pfändungen, Verschuldungen und so weiter. 

Solche Informationen sind für die Geschäftswelt elementar wichtig, und in einer Zeit ohne Internet waren die nicht unbedingt leicht zu bekommen. Diese frühen Detekteien waren also die Vorläufer von Institutionen wie der SCHUFA, die wir wir heute kennen. 

Im gesamten 19. Jahrhundert verbreiteten sich solche Detekteien oder Auskunfteien in Europa, und zunehmend wurden sie nicht nur von Geschäftsmännern in Anspruch genommen, sondern auch von Privatpersonen. 

Und seitdem hat sich das Tätigkeitsfeld von Detektiven verbreitert und spezialisiert: Man unterscheidet Wirtschaftsdetektive, Privatdetektive, Versicherungsdetektive und viele mehr. Detektive können aber durchaus auch von der Polizei und der Staatsanwaltschaft beauftragt werden oder in Kanzleien angestellt sein.

In den allermeisten Fällen beschäftigen sie sich dann aber mit Sachverhalten, die weniger mit den berühmten Detektivromanen oder -filmen gemeinsam haben. Es geht meist um Partnerschaftsfragen (also die berühmte Affäre), um Sorgerechts- oder Erbschaftsstreitigkeiten. 

Ach ja, und dann gibt es natürlich noch die Ladendetektive. Auch das sind natürlich Privatpersonen, die auch nur mit den Mitteln einer Privatperson operieren dürfen.

Das ist übrigens in anderen Ländern durchaus auch anders geregelt. In Österreich ist der Berufsdetektiv tatsächlich ein reglementiertes Gewerbe mit einigen Sonderrechten. 

Im britischen und amerikanischen Rechtssystem taucht die Bezeichnung detective auch als offizieller Dienstgrad der Polizei auf. Zur Unterscheidung ist daher dort der Zusatz private wichtig. Aber auch dort befassen sich private detectives mit Sachverhalten, die eher im Zivilrecht angesiedelt sind und von der Polizei kaum oder gar nicht ermittelt werden.

Dass Privatdetektive wirklich Morde oder andere schwere Verbrechen aufklären, das gehört in den Bereich der Literatur und des Films. Aber immerhin hat uns die Idee der privaten Ermittler einige der besten und spannendsten Geschichten der Film- und Literaturgeschichte beschert. 

Schlagwörter:

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert