Protokoll – Fremdwort der Woche

Gestern gab es auf der Arbeit wieder ein 7-seitiges Protokoll der letzten Konferenz. Liest doch eh wieder kein Mensch! Ist so was überhaupt noch ein Protokoll oder sind das schon Memoiren? Und wieso verstößt eigentlich die englische Königin gegen das Protokoll, wenn sie im Thronsaal auf den Teppich pinkelt? Zeit, sich das Wort mal genauer anzuschauen. 

Von Papyri und Klebungen

Erst mal vorweg: Ja, man kann sich aus gutem Grund darüber streiten, ob ein 7-seitiges Dokument noch als Protokoll durchgeht. Aber das ist nur meine persönliche Meinung. Von der ursprünglichen Bedeutung des Wortes haben wir uns eh schon ziemlich weit entfernt. Wenn man danach gehen würde, wären unsere Protokolle nämlich extrem kurz. 

Das Wort stammt aus dem Altgriechischen, heißt dort πρωτόκολλον (protokollon) und setzt sich aus zwei Teilen zusammen: πρῶτον (proton) für „das erste“ und κόλλημα (kóllema), was „Angeklebtes“ bedeutet. Also ist ein Protokoll „das erste Angeklebte“. Aha. Klingt nach einer spannenden Sache. 

Um das zu verstehen, muss man mal kurz in die Geschichte der Beschreibstoffe abtauchen. Was ist das denn nun schon wieder? „Beschreibstoffe“ ist der Oberbegriff für Sachen, auf denen man schreiben kann oder geschrieben hat. Papier ist heute der Beschreibstoff schlechthin. Es kommt selten vor, dass wir ein anderes Material verwenden, um darauf etwas schriftlich zu hinterlassen. 

Beschreibstoffe in der Antike

Das war aber nicht immer so. In der Antike wurde für viele Dokumente Papyrus verwendet, nicht nur in Ägypten. Dass wir heute bei Papyrus fast ausschließlich an das Land am Nil denken, hat vor allem was damit zu tun, dass sich Papyrus unter den dortigen klimatischen Bedingungen besonders gut erhalten hat. Genutzt wurde das Material aber auch außerhalb von Ägypten. 

Papyrus war aber eher weniger im Alltag der Menschen anzutreffen. Kleine Notizen etc. schrieb man eher auf Wachstafeln oder Tonscherben. Denn Papyrus war in der Regel nicht wiederverwendbar. Er wurde daher hauptsächlich für literarische Werke und wichtige Unterlagen verwendet, zum Beispiel für amtliche Dokumente. 

Und was steht bei einem amtlichen Dokument auch heute noch ganz oben? Vor allem erst mal die wichtigsten Daten: So was wie das Datum, ggf. Absender*in oder Empfänger*in, Name der Behörde, Aktenzeichen, Betreff… so was halt. Das war natürlich auch schon in der Antike so. Und damit hätten wir schon mal den ersten Teil des Wortes geklärt: Das πρῶτον (proton) in „Protokoll“ steht für das, was „zuerst“ genannt wird. 

Wie man eine Papyrusrolle bastelt

Aber wie passt jetzt noch der zweite Teil in die Geschichte? Was hat das Ganze mit „kleben“ zu tun? Noch mal zurück zu den Beschreibstoffen: Papyrusblätter werden hergestellt, indem dünne Schichten der Papyruspflanze kreuzweise übereinandergelegt und zusammengepresst werden. 

So erhält man aber noch keine Papyrusrolle, um darauf längere Inhalte niederschreiben zu können. Dazu muss man mehrere Papyrusblätter zusammennehmen – sie werden aneinandergeklebt. Und so wird die Sache langsam rund: Auf dem ersten angeklebten Blatt, dem so genannten πρῶτον κόλλημα (prôton kóllema, wörtlich: „erste Klebung“) standen die Basisdaten eines (längeren) Dokuments. 

Nun kommt aber noch ein letzter Aspekt hinzu: Papyrusrollen sind unpraktisch. Deswegen haben wir sie mittlerweile ja auch abgeschafft. Wenn man sich nämlich einfach mal schnell einen Überblick über das Dokument verschaffen will, dann kann man sie nicht mal eben schnell durchblättern. Man muss sie ausrollen. 

Warum wir heute keine Papyrusrollen mehr benutzen

Entweder hat man glücklicherweise einen sehr langen Tisch und kann sie wirklich der Länge nach abrollen, oder man macht es wie die Menschen der Antike: Man rollt mit der rechten Hand ab und gleichzeitig mit der linken wieder auf. Dieser Vorgang heißt übrigens auf Englisch „to scroll“. Nur so nebenbei. 

Ist aber ganz schön ätzend. Vor allem muss man ja am Ende auch alles wieder zurückwickeln und das Dokument wie eine Tonbandkassette „zurückspulen“. Und das alles um sich einen schnellen Überblick zu verschaffen? Nee, Leute. Das muss doch auch anders gehen. 

So kam es, dass man auf dem πρῶτον κόλλημα (prôton kóllema) nicht nur die Basisdaten notierte, sondern auch eine Zusammenfassung des jeweiligen Dokuments. So musste man nur dieses Protokoll kurz abrollen, um zu wissen, womit man es zu tun hatte und ob es sich lohnte weiterzuscrollen. Das fand man auch bei literarischen Werken übrigens ganz cool. Heute lesen wir den Klappentext eines Buches, damals schaute man auf das Protokoll, um zu entscheiden, ob man ein Buch lesen wollte. 

Back to the roots!

Für unsere moderne Bedeutung des Wortes „Protokoll“ spielte aber nur die amtliche Verwendung eine Rolle. In der Regel meinen wir damit die Zusammenfassung eines Gesprächs, einer Sitzung oder Tagung. Manchmal meint man damit auch die Zusammenfassung oder den Überblick eines geplanten Ablaufs. Das wäre dann das Protokoll, das am englischen Königshof Geltung hat. Oder bei einem Gipfeltreffen von Staatsoberhäuptern. 

Jedenfalls hat ein modernes Protokoll mit der antiken Bedeutung nicht mehr allzu viel zu tun, denn viele Protokolle sind viel länger als das, was damals auf dem ersten angeklebten Blatt stand. Das liegt aber auch daran, dass viele Leute den Sinn eines Protokoll missverstehen und ganz schön viel Unnötiges hineinschreiben. Vielleicht sollten wir doch über eine Wiedereinführung der Papyrusrollen nachdenken. So manche*r lernt dann vielleicht doch, sich kurzzufassen. 

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