Tisch – Fremdwort der Woche

Hä? Was soll das denn? Seit wann ist bitte „Tisch“ ein Fremdwort? Tja Leute, ihr werdet euch wundern. Ziemlich viele Wörter, die wir im Alltag benutzen stammen aus anderen Sprachen, obwohl man es ihnen nicht mehr ansieht. Und „Tisch“ ist eins davon. 

Das Wort „Tisch“ kommt vom lateinischen Wort „discus“ und damit letztlich vom griechischen δίσκος (dískos), was „Scheibe“ bedeutet. Wir kennen das von sportlichen Wettkämpfen. Ein Diskus ist ja eine Scheibe, die man mehr oder weniger talentiert ein paar Meter durch die Gegend schleudert und dabei hofft, dass man niemanden aus Versehen tötet. Ja, das soll schon vorgekommen sein. Fragt mal Hyakinthos, wie sein Diskus-Spiel mit dem Gott Apoll ausging. Spoiler: Er konnte sich danach die Radieschen (oder besser: die Hyazinthen) von unten anschauen. 

Der Punkt ist, dass dieses Wort schon in grauer Vorzeit in die germanischen Sprachen eingeflossen ist. Und weil das so lange her ist (wir sprechen über Jahrtausende), ist es an die Lautstruktur der germanischen Sprachen angeglichen worden und somit nicht mehr als Fremdwort erkennbar. Man spricht auch gern von einem „Lehnwort“, also einem Wort, dass sich in Aussprache, Schreibweise und Flexion der eigenen Sprache angepasst hat. Im Englischen ist es seiner ursprünglichen Bedeutung etwas näher geblieben. Dort taucht es in der Form „dish“ auf, was bekanntermaßen „Teller“ heißt. Und Teller sind ja im Grund eine Scheibe. 

Überhaupt ist diese Sache mit der „Scheibe“ der Schlüssel zum Verständnis, wie es vom Diskus zum Tisch kommen konnte. Und das hat auch mit den alten germanischen Stämmen zu tun. Als die Römer*innen die German*innen kennen und lieben lernten und zum ersten Mal zu Besuch waren, sahen sie die komischen Gebilde, auf denen die German*innen ihre Speisen anrichteten. Und sie sagten: „Ah – Discus!“

Die German*innen hatten nämlich Tische die man sich so vorstellen darf: Es gab ein Gestell aus drei oder vier Beinen, und auf diesem Gestell lag eine kreisrunde Holzplatte, die meist in der Mitte leicht vertieft war – eben ein Diskus. Jede Person hatte beim Essen einen solchen „discus“ vor sich stehen, denn die German*innen kannten keine Teller. Sie fraßen direkt aus dieser Holzplatten-Schüssel, wie die Schweine.

Also, so sahen das zumindest die Römer*innen. Natürlich sollte man die German*innen differenzierter betrachten; und auch die Römer*innen hatten natürlich Gewohnheiten, die uns ziemlich barbarisch vorkommen.

Aber wenn man einmal in einem Hotel in Tunesien die Meute teutonischer Tourist*innen am Büffet beobachtet hat, kann man sich des Eindrucks doch nicht so ganz erwehren, dass sich manche Eigenheiten der „Fresskultur“ im Laufe von 2.000 Jahren im Kern kaum geändert haben. 

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