Zentrum – Fremdwort der Woche

Manches Stadtzentrum ist ein Schandfleck, zum Beispiel das von Moers. Wenn es ganz schlimm wird, spricht man vielleicht sogar von einem Schandfleck. Man könnte auch sagen, einem „Stachel im Fleisch“ eines Ortes. Und damit ist man schon ziemlich nah an der Ursprungsbedeutung des Wortes.  

Kentrosaurus
Zum Kuscheln eher weniger geeignet: Der Grund für die Namensgebung des Kentrosaurus erschließt sich aufgrund dieser Rekonstruktionszeichnung von selbst.  
Bild: N. Tamura, CC BY SA 3.0

Um das zu verstehen, muss man sich die Herkunft des Wortes „Zentrum“ genauer anschauen. Es geht zurück auf das altgriechische κέντρον (kéntron), was eben so viel bedeutet wie „Stachel“ oder „Dorn“. Daher hat übrigens auch der Kentrosaurus seinen Namen, falls den jemand von euch zufällig kennt.

Was so ein Stachel mit einem Mittelpunkt zu tun  hat, wird klarer, wenn man sich an den Mathematik-Unterricht zurückerinnert und an das Hilfsmittel denkt, das man dort zum Zeichnen eines Kreises verwendet hat. Die Rede ist natürlich vom Zirkel. Und abgesehen vom Spezialfall des Tafelzirkels, der sich vor allem durch seine monströsen Saugnäpfe auszeichnet, besitzen solche Zirkel tatsächlich in der Regel einen Stachel. Und wo? An dem Ende, das die Mitte des Kreises markieren wird. 

Und so wurde aus κέντρον (kéntron) zuerst ein Spezialbegriff für den „Stachel“ eines Zirkels. Und in übertragener Bedeutung meinte man damit auch den Mittelpunkt eines Kreises, also die Stelle, wo sich der Stachel eines Zirkels befand.

In dieser Bedeutung ging das Wort auch ins Lateinische über, wurde dort „centrum“ geschrieben und gelangte damit zu einer Schreibweise, die uns heute schon geläufiger ist. Natürlich bezeichnet unser Wort „Zentrum“ heute nicht mehr streng genommen den Mittelpunkt eines Kreises, sondern den aller möglicher Objekte und Gegenstände.

Die Vielfalt der Zentren

Es gibt Stadt-Zentren, Einkaufs-Zentren, zentrale Gedenkstätten und vieles mehr, das den Zusatz „Zentrum“ oder „zentral“ trägt. Mittlerweile benutzen wir den Begriff also längst auch nicht mehr nur im geometrischen Sinn. Während das Stadtzentrum oft nach wie vor mehr oder weniger in der Mitte einer Stadt liegt, ist das bei einer zentralen Gedenkstätte meist schon nicht mehr der Fall. Sie liegt nicht unbedingt geographisch irgendwo in der Mitte, sondern ist der übertragene Mittelpunkt eines Gedenkens. Das bedeutet, es handelt sich um die größte oder bedeutendste Gedenkstätte. Ähnlich ist es bei einem Einkaufszentrum. Auch hier geht es eher um die Größe oder die wirtschaftliche Bedeutung, weniger um seine geographische Lage. 

Sogar in der Literatur, Philosophie, Politik und vielen anderen geisteswissenschaftlichen Gebieten spricht man von „zentralen Werken“, „zentralen Gedanken“ oder „zentralen Vorhaben“. Sie sind in der Regel bedeutend oder nehmen eine Schlüsselposition ein. Das heißt, sie sind oft wichtig, um ein Gesamtwerk, ein Theoriegebäude oder eine Sammlung an Gesetzesvorhaben richtig einordnen oder verstehen zu können. Dahinter steckt die Vorstellung, dass sich ein „zentraler Gedanke“ gewissermaßen „in der Mitte“ befindet, von der ausgehend man alle anderen Aussagen und Gedanken verstehen kann.

Das Wort „Zentrum“ hat also eine ziemliche Entwicklung durchgemacht. Zuerst wurde es auf den Mittelpunkt eines Kreises übertragen und später dann auf alles, was eine große oder herausragende Bedeutung hat. 

Übrigens an dieser Stelle noch eine Entschuldigung an alle Einwohner*innen von Moers. Euer Stadtzentrum musste leider für unseren Teaser herhalten. Daher wollen wir an dieser Stelle betonen, dass Moers viel zu bieten hat, eine wechselhafte und spannende Geschichte sowie kulturelle Angebote zum Beispiel. Das Stadtzentrum gehört allerdings leider nicht dazu. 

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