egal – Fremdwort der Woche

„Was wollen wir essen?“ – „Egal.“ Ein kurzes Wort, vier Buchstaben, und trotzdem kann danach alles vorbei sein. Das Gespräch, die Stimmung, in manchen Fällen auch der Abend. 

Egal ist eines dieser Wörter, die auf den ersten Blick harmlos wirken, es aber faustdick hinter den Ohren haben. Es kann nett gemeint sein, großzügig, entspannt. Es kann aber auch heißen: „Ich habe keine Lust, meine Energie mit dieser Entscheidung zu verschwenden.“ Und genau das kann zum Problem werden.

„Egal“ benutzen wir ständig: Beim Essen, bei Terminen, bei Urlaubsplanungen, sogar manchmal bei Grundsatzfragen des Lebens. „Mir ist egal, was wir machen.“ Klingt freundlich, kann aber auch bedeuten: „Entscheide du, ich bin raus.“ Mit anderen Worten: Hier spricht pure Gleichgültigkeit. Und da wird es spannend, denn ursprünglich hatte dieses Wort mit Gleichgültigkeit erstaunlich wenig zu tun.

Denn „egal“ kommt aus einer ganz anderen Ecke. Das Wort geht zurück auf das lateinische aequalis, was „gleich“ oder „gleichartig“ bedeutet. Es geht also um Gleichheit, um Ebenbürtigkeit, um Dinge, die auf derselben Stufe stehen. Das ist zunächst mal rein sachlich. Es geht hier überhaupt nicht um Emotionen.

Der Weg ins Deutsche führte über das Französische. Dort entwickelte sich aus aequalis das Adjektiv égal, ebenfalls mit der Bedeutung „gleich“. Mit „egal“ ist also ursprünglich gemeint: „Es ist gleichwertig“, „es macht keinen Unterschied“. Zwei Optionen, gleicher Rang, gleiche Konsequenz.

Und genau an dieser Stelle beginnt der Bedeutungswandel. Denn wenn zwei Dinge keinen Unterschied machen, dann ist es irgendwann auch egal, welches man nimmt. Und wenn es egal ist, welches man nimmt, dann kann man auch aufhören, sich weiter damit zu beschäftigen. Aus sachlicher Gleichheit wird pragmatische Gleichgültigkeit. Sprachlich ist das ein naheliegender Schritt, kommunikativ kann es aber eine kleine Zeitbombe sein.

Denn „egal“ sagt heute selten nur etwas über Optionen aus, sondern fast immer auch etwas über die Haltung der sprechenden Person. Wer sagt „Das ist mir egal“, signalisiert nicht nur, dass zwei Möglichkeiten gleichwertig sind, sondern oft auch, dass ihm oder ihr das Thema nicht wichtig genug ist, um weiter Energie zu investieren. Und das kommt beim Gegenüber nicht immer gut an.

Interessant ist dabei, dass der alte Bedeutungsgehalt des Wortes in anderen Ableitungen bis heute erhalten geblieben ist. Begriffe wie egalitär oder Egalität drehen sich immer noch um Gleichheit, um gleiche Rechte, gleiche Chancen, gleiche Stellung. 

Da ist nichts Gleichgültiges dran, im Gegenteil. Das sind hoch aufgeladene politische und gesellschaftliche Konzepte. Dass aus demselben Wortstamm unser resigniertes Alltags-egal entstanden ist, wirkt im Rückblick fast ein bisschen tragisch.

Man könnte also sagen: „Egal“ ist ein Wort, das einmal sehr idealistisch angefangen hat und dann vom Alltag langsam zermürbt wurde. Von „alles ist gleichwertig“ zu „mir doch egal“. Von philosophischer Gleichheit zu emotionalem Rückzug. Und vielleicht erklärt das auch, warum dieses Wort so oft Konflikte verschärft, obwohl es eigentlich entschärfen soll.

Denn wer „egal“ sagt, will häufig Ruhe. Beim Gegenüber kommt aber oft an: Desinteresse. Ablehnung. Oder die stille Botschaft: „Du bist mir nicht wichtig genug, um mich festzulegen.“ Und das, obwohl genau das gar nicht gemeint sein muss.

Am Ende ist „egal“ also ein gutes Beispiel dafür, dass Sprache nicht nur Bedeutungen transportiert, sondern auch eine emotionale Haltung. Vier Buchstaben reichen aus, um Großzügigkeit oder Gleichgültigkeit auszudrücken. Manchmal sogar beides gleichzeitig.

Und vielleicht ist das der eigentliche Witz: „Egal“ ist fast nie wirklich egal. Es sagt immer mehr, als es vorgibt. Man sollte also vorsichtig damit umgehen. Oder zumindest wissen, was man da gerade sagt. Denn aus sprachlicher Gleichheit wird im Alltag erstaunlich schnell emotionale Distanz. Und die ist dann meistens alles andere als egal.

Schlagwörter:

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert