Atlantis – Auf Spurensuche nach einer mythischen Stadt

Wenn ich Platon persönlich treffen könnte und ihm eine Frage stellen könnte, dann wäre diese hier vielleicht dabei: Was er dazu sagen würde, was er mit seinem Bericht über Atlantis losgetreten hat: Eine mythische Insel in grauer Vorzeit, auf der halbgöttliche Menschen im Überfluss lebten. Dann Übermut, Krieg und ein göttliches Strafgericht, das zu ihrem Untergang führte. Untergang auch wortwörtlich, denn Atlantis soll an „einem Tag und in einer Nacht“ im Meer versunken sein. 

Die Insel wurde schon fast überall gesucht: Im Atlantik, im Mittelmeer, sogar in der Mongolei. Und über den „wahren Kern“ der Geschichte gibt es eine unglaubliche Spannbreite an Deutungen, die von einer rätselhaften und vergessenen Hochkultur bis zu Aliens reichen. Aber wo kommt die Legende um Atlantis überhaupt her? Und wie sind die antiken Informationen zu bewerten? Lassen wir die Legenden einmal beiseite und kümmern uns um die Fakten. 

Platons Werke im Zusammenhang

Eine moderne künstlerische Darstellung der versunkenen Insel Atlantis. Künstler: ArtTower/Pixabay

Beginnen wir mit unserer Spurensuche am besten bei den Herrn, der die Geschichte in die Welt gesetzt hat. Mit Platons Ausführungen über die legendäre Insel beginnt die gesamte Atlantisgeschichte. Das ist auch kein Wunder, denn er ist die einzige Quelle für unsere Erkenntnisse. Daher fängt jede Suche nach Atlantis zwangsläufig hier an, bei seinen beiden Werken Timaios und Kritias

Platon war, wie gesagt, Philosoph. Kein  Historiker. Darin liegt ein Grundproblem, denn das ist nicht unwichtig, sondern im Gegenteil sehr bedeutsam, wie wir noch sehen werden.

Auch bei seinen beiden Schriften Timaios und Kritias handelt es sich demnach um philosophische Werke, in denen es – wenig spektakulär – um Staatsphilosophie geht. Es ist wichtig, sich den Zusammenhang der beiden Werke klarzumachen, um sie überhaupt einordnen zu können. Die beiden Werke bildeten vermutlich die ersten beiden Teile einer Trilogie, zu der noch eine weitere Schrift namens Hermokrates treten sollte, die Platon aber nicht mehr verfassen konnte oder wollte. Auch sein Kritias ist nicht vollständig. Er bricht mitten im Satz ab.1

Timaios, Kritias und der mutmaßliche Hermokrates stehen damit im Zusammenhang mit den weiteren staatsphilosophischen Werken Platons. Da wären vor allem die Politeia („Der Staat“) zu nennen und die Nomoi („Gesetze“).

Das Thema scheint Platon also sehr beschäftigt zu haben. Es geht im Kern um die Frage, wie der ideale Staat auszusehen hat. Welchen Anforderungen muss er gerecht werden? Wie sollte er gestaltet sein? Wie kommt man dahin, ein perfektes Gemeinwesen/einen perfekten Staat zu bauen? Das sind im Übrigen alles Fragen, deren Lösung wir bis heute nicht gefunden haben. 

Was Atlantis damit zu tun hat

Was hat nun die Atlantis-Geschichte bitte mit Staatsphilosophie zu tun? Die Frage beantwortet uns Platon selbst. Nachdem in der Politeia eine Vorstellung davon entwickelt wurde, wie ein idealer Staat theoretisch aussehen könnte oder sollte, folgt im Timaios und vor allem im Kritias ein Gedankenexperiment. Man stellt sich nun die Frage, wie sich ein solcher Staat „in Bewegung“ aussehen würde.2 In Bewegung bedeutet: im Kampf. Denn eine auswärtige Bedrohung, so die Annahme, sei die härteste Belastungsprobe für ein Gemeinwesen.

An dieser Stelle kommt Atlantis ins Spiel. Und wir könnten nun nach dieser Vorrede endlich in die Geschichte einsteigen, aber da gibt es noch eine Sache, die man bei der Spurensuche unbedingt beachten sollte. Und das ist die literarische Form des Werkes. 

Wir würden heute erwarten, dass ein*e Philosoph*in einen nüchternen Text verfasst, in dem die Gedankengänge ohne größere Ausschmückung dargelegt werden. Das gilt aber für die Antike nicht. Platons Werke sind nicht nur philosophische, sondern auch literarische Texte. 

Aus verschiedenen Gründen handelt es sich bei Platons Schriften um Dialoge. Das bedeutet, es handelt sich um die Wiedergabe eines fiktiven Gesprächs mehrerer Personen. Im Fall des Timaios und des Kritias unterhalten sich: Sokrates, Timaios, Kritias und Hermokrates. (Deswegen vermutet die Forschung auch, dass es noch einen dritten Dialog namens Hermokrates geben sollte.)

Diese vier Männer diskutieren über die gewählte philosophische Fragestellung. Das macht es natürlich unnötig kompliziert, denn eins ist klar: Man kann nicht automatisch davon ausgehen, dass der Autor sich die Aussagen seiner Figuren zu eigen machte.  

Achtung, wer hier spricht

Atlantis wurde schon früh vom Film entdeckt. Standbild aus dem dänischen Stummfilm „Atlantis“ von 1913, in dem „Atlantis“ allerdings nur eine Metapher ist. Die Geschichte selbst ist nicht Gegenstand des Films. (gemeinfrei)

Man sagt gern: „Platon sagt dies und das.“ Das stimmt aber genau genommen so gut wie nie. Eigentlich sind es Sokrates oder Apollodorus, Glaukon, Adeimantos… – oder einer der zahllosen anderen Protagonisten, die dies und das sagen. Man muss also genau hinschauen, um zu entscheiden, ob hier Platon selbst durch eine seiner Figuren spricht. In nicht wenigen Fällen ist das aber wohl der Fall.

Die Geschichte über Atlantis kommt aus dem Mund des Kritias. Um es noch einmal  deutlich zu sagen: Nicht Platon selbst erzählt die Geschichte. Damit stellt sich die Frage, ob Platon sie selbst für glaubwürdig hielt. Oder ob er Kritias mit Absicht an dieser Stelle eine absurde Legende erzählen lässt. die er sich nicht zu eigen macht. Beides ist möglich.

Die Forschung hat versucht, Kritias einer konkreten historischen Person zuzuordnen, denn eigentlich hat es fast alle von Platons Figuren tatsächlich gegeben. Im Fall des Kritias herrscht aber Uneinigkeit, welcher Kritias hier das Vorbild gewesen sein könnte. 

Er berichtet die Geschichte zweimal, einmal im Dialog Timaios, wo er einige grundlegende Informationen zu Atlantis gibt, und dann noch einmal etwas ausführlicher im nach ihm selbst benannten Dialog Kritias. Um es etwas übersichtlicher zu halten, kombinieren wir beide Geschichten hier gleich. 

Was steht da über Atlantis?

Eine Karte der Insel Atlantis nach Platons Angaben. Sie ist gesüdet. Norden liegt also – für uns ungewohnt – unten. Stich von Athanasius Kircher, 1665 (gemeinfrei)

Die Schilderungen sind vergleichsweise lang, daher können wir hier nur kurz die  grundsätzlichen Punkte umreißen. 

Nach Kritias’ Schilderungen lag die Insel, die die Größe von „Ägypten und Libyen“ zusammen hatte, außerhalb der „Säulen des Herakles“, also westlich von Gibraltar im Atlantik.3 Als besonderes Merkmal sticht vor allem ein Hügel heraus, um den herum der Gott Poseidon kreisrunde Wassergräben anlegte.4 Diese wurden im späteren Verlauf vom Volk der Atlanter*innen durch Kanäle durchbrochen und mit Brücken  überspannt, so dass der Hügel in der Mitte, auf dem sich die Königsburg befand, zu Fuß und per Schiff erreichbar wurde.5

Die Atlanter*innen waren wohlhabend. Ihnen fehlte es an so gut wie nichts.6 Ihre Mauern und Tempel überzogen sie sogar kunstfertig mit Edelmetallen7 oder mit einem Material, das wir nicht exakt einordnen können – dem so genannte ὀρειχάλκος (oreichálkos).8 Dieses Zeug hat es aber immerhin in viele moderne Videospiele geschafft. Wer es genauer wissen möchte, kann es in Assassin’s Creed, Harvest Moon oder Dragon Quest genauer unter die Lupe nehmen.

Die 10 Könige von Atlantis

Atlantis war unterteilt in 10 Reiche, deren Führer in einer Art Kollegium zusammenarbeiteten,9 um die gemeinsame Macht zu sichern und zu erweitern. Dabei bauten sie im Laufe der Zeit ein regelrechtes Imperium auf, da sie auch die umliegenden Inseln und weite Teile des europäischen Festlands beherrschten.10 Übrigens hatten die Atlanter*innen göttliche Wurzeln, denn es handelte sich um direkte Nachfahren des Gottes Poseidon beziehungsweise des Titanen Atlas. 11 Nach ihm war die Insel auch benannt. Das griechische Ἀτλαντὶς νῆσος (Atlantìs Nêsos) bedeutet schlicht „atlantische Insel“ oder „Insel des Atlas“.

Die 10 Könige herrschten dabei weitestgehend nach eigenem Gutdünken und waren in ihren Entscheidungen, vor allem in der Rechtssprechung, keinen Regeln unterworfen.12 Das ist deswegen nicht unwichtig, weil es einen Kontrast zu Athen und zu Platons idealem Staat darstellt. 

Der Krieg gegen Athen

Im Laufe der Geschichte, so die Erzählung des Kritias, hätten sich die anfangs göttlichen Atlanter*innen mehr und mehr mit Menschen aus anderen Ländern vermischt und von ihrer göttlichen Natur entfernt. Die Aggressionen gegen Athen seien eine unmittelbare Folge dieser Entwicklung gewesen, denn die Atlanter*innen hätten verlernt, mit dem zufrieden zu sein, was sie hatten 13

Wie der Krieg gegen Athen genau vonstatten ging, berichtet Kritias nicht mehr, weil Platons Werk an der entscheidenden Stelle abbricht.1 Aus den fertig verfassten Stellen der beiden Dialoge geht aber hervor, dass Athen heldenhaft in einem gewaltigen Kampf siegte, die eigene Freiheit verteidigte und andere Völker, wie das der Ägypter*innen, aus der Knechtschaft befreite.15

Kurz darauf folgte die berühmte Vernichtung der Insel durch Erdbeben und Überflutungen. Dabei handelte es sich um Strafgericht der Götter.15 Auch dieses Strafgericht scheint aufgrund des Niedergangs der Sitten in Atlantis über sie hereingebrochen zu sein, doch auch genauere Erläuterungen dazu fehlen aufgrund der Unvollständigkeit des Dialogs Kritias.17

Götter, mythische Abstammungsgeschichten, sagenhafter Reichtum. Man merkt: Es kann sich nicht um einen historischen Tatsachenbericht handeln. Das erklärt sich, wenn man Platons Schaffen etwas genauer unter die Lupe nimmt: Es handelt sich dabei nämlich um eine Art von Geschichte, wie sie Platon in ähnlicher Form oft in seine Werke einbaut, einen platonischen Mythos.

Was bitte ist ein platonischer Mythos?

Eigentlich ist der Grundgedanke hinter den platonischen Mythen ein kluger. Platons Schriften sind streckenweise sehr abstrakt. Für einige kann es bisweilen eine regelrechte Quälerei sein, Platon zu lesen. Er selbst hat das erkannt und als Literat reagiert. Um Abstraktes anschaulicher darstellen zu können, hat er sich den Mythos als Kunstgriff einfallen lassen.

Ein berühmtes Beispiel für einen solchen platonischen Mythos sind die „Kugelmenschen“.18 Nach dieser Geschichte waren die Menschen einst kugelartige Wesen mit vier Armen, vier Beinen und zwei Gesichtern – kurz: zwei Menschen in einem. Aufgrund eines Fehlverhaltens wurden sie zur Strafe von den Göttern in zwei Hälften geteilt, so dass sie ihre heutige Gestalt erhielten. Seither suchen alle Menschen ihr Leben lang ihre andere Hälfte. Und wenn sie sie gefunden haben, lassen sie sie nicht mehr los. 

Die Geschichte soll philosophische Gedanken zu erotischer Anziehung und unterschiedlichen Formen der Liebe illustrieren. Man geht in der Forschung nicht davon aus, dass dieser Mythos einen wahren Kern enthält. 

Die Geschichte von Atlantis ist ein ebensolcher Mythos, und ebenso wie die Erzählung über die „Kugelmenschen“ auch deutlich als ein solcher Mythos gestaltet. Die Geschichte spielt in grauer Vorzeit, nämlich 9.000 Jahre vor Platon.19 Sie ist geprägt vom Eingreifen der Götter. Und sie dient dazu, einen philosophischen Sachverhalt oder Gedankengang plastisch zu erläutern, in diesem Fall die komplexen Gedankengänge rund um den idealen Staat und sein Gegenteil. 

Der Text ist also nicht nur ein Bericht, der in einen ansonsten philosphisch-literarischen Text eingebettet wurde. Er fügt sich nahtlos ein, weist Bezüge zum gesamten Werk auf und ist durch und durch literarisch gestaltet.20

Hat sich Platon Atlantis einfach ausgedacht? 

Eine weitere moderne künstlerische Darstellung von Atlantis. Urheber: George Grie CC BY-SA 4.0

Man kennt das von anderen Mythen: In der biblischen Erzählung von der Sintflut sucht man nach dem wahren Kern. Dass es die Arche nicht gegeben hat, geschenkt. Aber eine große Flut ist als historisches Ereignis vorstellbar. Der Trojanische Krieg galt lange Zeit als reine Legende, bis Schliemann durch Kleinasien lief und Troja entdeckte. Das Herausschälen des so genannten „wahren Kerns“ in antiken Texten ist nicht  umsonst eine Wissenschaft. Wir versuchen es. 

Könnte es bei Platons Atlantis-Erzählung also nicht auch so sein wie bei der Sintflut? Das ist aus zwei Gründen äußerst unwahrscheinlich. Da ist zum einen das Fehlen jeglicher weiterer Quellen. Die Geschichte der Sintflut findet man auch außerhalb der Bibel, zum Beispiel im Gilgamesch-Epos. Sie war Gemeingut. 

Die mythologischen Ereignisse rund um den Trojanischen Krieg waren weithin bekannt und wurden nicht nur von Homer erzählt. Aber Atlantis? Fehlanzeige. Platon ist die einzige antike Quelle, die davon berichtet. Das ist ungewöhnlich, denn von jedem griechischen Mythos gibt es mehr als eine Quelle, auch wenn die Quellen nicht immer dieselbe Variante erzählen.

Zum anderen gibt es da ein fettes Problem mit der „Provenienz“, also der Herkunft der Geschichte. 

Eine Geschichte mit zweifelhafter Herkunft

Der Bericht des Kritias geht über mehrere Ecken zurück auf eine Geschichte, die der Grieche Solon in Ägypten gehört haben soll. Der habe sie Kritias’ Großvater erzählt und dieser wiederum Kritias selbst.21 Die gesamte Geschichte soll, wie schon erwähnt, die größte und gewaltigste Tat gewesen sein, die Athen je geleistet habe. Trotzdem habe sie keinen Eingang in die Überlieferung oder das kollektive Gedächtnis gefunden. 

Das ist – wie schon erwähnt – verdächtig. Der Trojanische Krieg war den Griechen ein Begriff, aber ein Krieg, der so viel gewaltiger gewesen sein soll, war dem Vergessen anheim gefallen.22

Aber das ist noch nicht alles. Über Kritias’ Opa und seinen Kontakt zu Solon können wir uns kein Urteil erlauben. Aber Solon ist nicht irgendwer. Über ihn wissen wir schon mehr. Sein Aufenthalt in Ägypten ist möglich, aber unter Historiker*innen umstritten. Es gibt gute Argumente dafür, dass Solon nie das Land am Nil besucht hat, womit die Überlieferungsabfolge schon etwas wacklig wird. Und damit sind wir beim letzten Glied der Kette angelangt: Den Ägypter*innen, die die Geschichte berichtet haben sollen. 

Die Ägypter*innen erzählten auch mal gerne was vom Pferd

Wer einmal Herodot gelesen hat, kann schon erahnen, was das bedeutet. Dieser Forscher beruft sich öfters auf „ägyptische Quellen“. Bei ihm ist das praktisch eine Umschreibung für phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind. Die Mehrzahl der spektakulär-absurden Geschichten, die Herodot zum besten gibt, geht auf solche ominösen „ägyptischen Quellen“ zurück.23

Entweder erzählten die Ägypter*innen ihren Besucher*innen gerne schon mal was vom Pferd, oder aber griechische Schriftsteller schoben ihnen derartige Geschichten in die Schuhe.  „Hab ich in Ägypten gehört.“ wäre demnach das antike griechische Pendant zu „Hab ich  irgendwo im Internet gelesen.“

Damit gerät der Atlantis-Mythos von zwei Seiten unter Beschuss: Zum einen kann man deutlich aufzeigen, wie sehr es sich bei der Schilderung um einen literarischen Kunstgriff handelt. Zum anderen wird auch der „wahre Kern“ mit Blick auf die Herkunft der Geschichte äußerst unwahrscheinlich.  

Auch hier wurde Atlantis schon vermutet: Der Archipel Santorin in der Ägäis. Die Insel wurde bei einem katastrophalen Vulkanausbruch 1.700 v. Chr. zerstört. Auf dem Luftbild ist der Standort des ehemaligen Vulkankegels in der Mitte heute noch gut erkennbar. Foto: Olaf Tausch, CC BY 3.0

Was bleibt?

Was bleibt, ist vor allem eine grundsätzliche Erkenntnis: Man kann nicht wahllos einen antiken Text herauskramen und für voll nehmen. Das geht auch heute nicht. Könnte man in 2.500 Jahren die Bücher von Joanne  K. Rowling nehmen und auf die Suche nach Hogwarts gehen? Immerhin: Vieles in ihren Büchern ist ein realistisches Abbild unserer Zeit. Natürlich stimmt die Beschreibung einer Reihenhaussiedlung in „Harry Potter“ mit der Wirklichkeit überein. 

Nun ist es im Fall von Joanne K. Rowling nicht schwer, Quellenkritik zu betreiben. Sie macht es ihren Leser*innen leicht zu erkennen, dass es sich um einen fiktionalen Text handelt. Hat man aber keine Ahnung von unserer Zeit, könnte es man in 2.500 Jahren durchaus schwierig finden. herauszufinden, wo genau die Grenze zwischen Realismus und Fiktion verläuft. 

Gab es vielleicht doch ein Gleis 9 3/4? Wir heute wissen es, jemand in in der Zukunft könnte sich schwertun. Gab es Anfang des 21. Jahrhunderts doch noch Dampflokomotiven? Wir können das einordnen, aber jemand in 2.500 Jahren? 

Sind vielleicht die Ereignisse in Hogwarts übertrieben, haben aber immerhin einen wahren Kern? Vielleicht gab es eine Institution, in der auserwählte junge Menschen die Nutzung moderner, geradezu übernatürlicher Technologien lernten, die die Zeitgenoss*innen als Magie interpretierten. Wir schütteln den Kopf. Die Menschen in 2.500 Jahren sehen solch eine Interpretation vielleicht in einer Folge „Ancient Aliens“.

Vor demselben Problem stehen wir bei Platon. Er schreibt philosophische Texte. Da er aber noch gar keine Vorstellung von Fiktionalität und literarischer Erfindung hatte, ist er auch nicht auf die Idee gekommen, das Fiktionale aus seinen Schriften auszuschließen. Letztlich interessierte ihn der Unterschied auch gar nicht. Er wollte der philosophischen Wahrheit näherkommen.

Eine zweite Runde

Aber die Atlantisanhänger*innen sind hiermit noch nicht am Ende. Neben den extremen Positionen derer, die Platons Bericht naiv als historische Wahrheit betrachten und denen, die ihn rundweg als Fiktion betrachten, gibt es natürlich auch die Zwischentöne. 

Im Bereich dieser Zwischentöne finden sich auch wissenschaftliche Vertreter*innen, die dem Atlantis-Mythos einen möglichen wahren Kern zugestehen möchten. Daran zeigt sich, wie komplex Platon ist. 

Einer der bekanntesten wissenschaftlichen Vertreter*innen war der irische Historiker John V. Luce (1920-2011). Er war einer der ganz wenigen, die die philologischen Argumente, die wir bis hierhin vorgebracht haben, verstanden hat. In seinem Buch „The End of Atlantis: New Light on an Old Legend“ von 1969 versuchte er, sie zu entkräften. Leider bewies er damit jedoch eher, dass er Platon nicht verstanden hat und dass man als Historiker*in allein bei diesem Problem nicht weiterkommt. Um den Quellenwert der Atlantisgeschichte einordnen zu können, braucht man auch literaturwissenschaftliche Erkenntnisse. Eine Auswahl seiner klügsten Argumente in aller Kürze:

Die Gegenargumente des John V. Luce 

Platon habe den Atlantis-Mythos nicht eindeutig als „Mythos“ markiert, d. h. so bezeichnet. 

Das ist falsch, bzw. geht am Kern der Sache vorbei. Aber von Anfang an: Natürlich lässt Platon seine Figur Kritias mit Nachdruck behaupten, die Geschichte sei wahr. Dass Figuren in Büchern/Filmen/Serien behaupten, die Wahrheit zu sagen, es aber nicht tun, gehört zu den Grunderkenntnissen der Literaturwissenschaft. Im Übrigen behaupten fast alle Figuren in Platons Dialogen, die einen Mythos zum besten geben, dieser Mythos sei wahr. Das gehört sogar zu den konstitutiven Merkmalen eines platonischen Mythos, die ihn ausmachen.24

Der Atlantis-Mythos sei als Beleg dafür gedacht, dass die Theorien vom „idealen Staat“ richtig seien. Folglich könne sie kein Mythos sein, weil die Argumentation sonst unglaubwürdig wäre. 

Ein Stichwort: „Kugelmenschen“. Auch die „Kugelmenschen“ dienen dazu, einen philosophischen Gedankengang zu stützen. Ein*e antike Leser*in aber hätte diesen Mythos mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht für historisch wahr gehalten. Er widersprach allen gängigen mythischen Erzählungen über die Frühzeit der Menschen. Und doch wird der Mythos erzählt. Und trotz allem dient er als Beleg für eine philosophische Theorie. Die platonischen Mythen erheben keinen Anspruch auf historische Wahrheit. Um dies zu begreifen, sollte man Platon einfach mal lesen.

Die Beschreibung von Atlantis sei unnötig lang und detailreich. Das deute auf einen wahren Kern.

Im Vergleich zu anderen platonischen Mythen nimmt der Atlantis-Mythos viel Raum ein. Andererseits nimmt die Entwicklung des idealen Staates in der Politeia 10 (!) Bücher ein. Unter diesem Gesichtspunkt wird sein Gegenstück, der nicht-ideale Staat in Form von Atlantis eigentlich ziemlich kurz abgefertigt. Unnötig sind die Schilderungen keineswegs, denn auch das ideale Gemeinwesen wird sehr detailliert beschrieben. Noch einmal: Um dies zu begreifen, sollte man Platon einfach mal lesen. 

Man wird den Eindruck leider nicht los, dass Luce einen ähnlichen Kardinalfehler begangen hat wie viele andere Atlantisforscher*innen. Er hat sich nicht ausreichend mit Platon befasst, um den Atlantis-Mythos in das Werk einordnen zu können. Außerdem hat er offenbar nicht in letzter Konsequenz verstanden, was es bedeutet, wenn es sich bei einer Quelle um ein literarisches Werk handelt.  

Alles andere ist Spekulation, macht aber Spaß

Hier kommt nun aber unser Angebot an die Atlantisforschung: Hat man einmal akzeptiert, dass Platon als historische Quelle ausscheidet, dann kann das auch eine Befreiung sein. Denn eine Sache kann man den Atlantolog*innen nicht nehmen: Dass es eine ganz frühe Hochkultur gegeben haben könnte, vor den Griechen, vor den Ägyptern und den Sumerern – wer kann das schon mit Sicherheit ausschließen? Mit Blick auf den Göbleki Tepe (externer Link zum Grabungsblog des Deutschen Archäologischen Instituts) muss man anerkennen, dass auch die Menschen der Altsteinzeit schon zu gewaltigen Leistungen in der Lage waren. 

Vielleicht gab es aber auch eine frühe Hochkultur, die durch den Vulkanausbruch auf der Insel Thera (Santorin) ausgelöscht wurde. Die hat zwar 1.700 v. Chr. stattgefunden damit 7.600 Jahre zu spät für Atlantis, aber was macht das schon?

Könnte der Angriff der „Seevölker“ um 1.200 v. Chr. eine große Zivilisation ausgelöscht haben, von der wir bisher noch nichts wissen? Das ist immerhin denkbar.

Alles diese Spekulationen haben aber nichts mit Platon zu tun. Nichts von dem, was er über Atlantis schreibt, kann man als gesicherte historische Fakten betrachten, nicht das Aussehen der Insel, nicht ihre Lage, nicht ihr Alter und noch nicht mal ihren Namen und die Herkunft der Geschichte.

Wenn ihr also da draußen eine versunkene Insel oder eine Stadt entdeckt, erforscht sie gerne. Stellt auch gerne darüber Hypothesen und Theorien auf. Aber nennt sie nicht „Atlantis“. Gebt ihr einen anderen Namen, zum Beispiel „Kundigunde“. Erst dann kann man eure Entdeckung ernst nehmen, weil ihr der Versuchung widerstanden habt, einen Bezug herzustellen, den es nicht geben kann. 

  1. Platon, Kritias 121c
  2. Platon, Timaios 19b
  3. Platon, Timaios 24e
  4. Platon, Kritias 113d
  5. Platon, Kritias 115c-d
  6. Platon, Kritias 114e-115c
  7. Platon, Kritias 116b-c
  8. Platon, Kritias 114e
  9. Plaron, Kritias 119c-120d
  10. Platon, Timaios 25a
  11. Platon, Kritias 114c
  12. Platon, Kritias 119c
  13. Platon, Kritias 120d-121b
  14. Platon, Kritias 121c
  15. Platon, Timaios 25c
  16. Platon, Timaios 25c
  17. Platon, Kritias 121b-c
  18. Platon, Symposion 189d-193d
  19. Platon, Timaios 23e
  20. Weitere Beispiele für solche „platonischen Mythen“: Zalmoxis über die Bedeutung der Psyche bei der Heilung körperlicher Leiden, Platon, Charmides 156d–157c;  Das Totengericht in der Unterwelt, Platon, Gorgias 523a–527a; Der ägyptische Gott Theuth und die Erfindung der Schrift, Platon, Phaidros 274c–275b
  21. Platon, Kritas 21a-b
  22. Für die Spezialist*innen: Ja, das ist ein argumentum ex silentio, aber in einem so plakativen Fall, dass es nicht ganz von der Hand zu weisen ist.
  23. Eine kleine Auswahl: Herodot II, 28 über die beiden Quellen des Nils namens „Krophi“ und „Mophi“; II; 126 über Cheops, der seine Tochter zu Prostitution gezwungen habe, weil ihm das Geld ausging; II, 142 über die angeblich 11.000jährige Geschichte Ägyptens, in der die Sonne dreimal am falschen Ende des Horizonts aufging
  24. Glenn Most: Platons exoterische Mythen. In: Markus Janka, Christian Schäfer (Hrsg.): Platon als Mythologe, 2., überarbeitete Auflage, Darmstadt 2014, S. 9–21

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