Herodot – Vater der Geschichtsschreibung?

Herodot gilt als „Vater der Geschichtsschreibung“, und bis heute fällt sein Name in fast jeder zweiten Fernsehdoku über ein antikes Thema – und das nicht nur, wenn es um Griechenland geht. Auch wenn es um die Cheops-Pyramide geht oder das alte Babylon. Da stellt sich die Frage: Wer zum Geier war dieser Herodot, von dem alle immer reden? Und warum hat er irgendwie zu allem seinen Senf abgegeben? 

Papa Historicus

Wieder mal mit Bart: Diese Büste von Herodot ist eine römische Kopie eines griechischen Originals aus dem 2. Jhd., unbekannter Fotograf (gemeinfrei)

Der römische Politiker Cicero bezeichnete Herodot einmal als den „Vater der Geschichtsschreibung“.1 Und wenn Cicero das sagt, dann muss es ja stimmen. Spoiler: Nein, es stimmt natürlich nicht. Beziehungsweise es stimmt nur teilweise. Eigentlich lautet erst mal überhaupt die Frage „Was ist Geschichtsschreibung?“. Ach, es ist kompliziert. 

Herodot hat Geschichte aufgeschrieben. Das kann man so sagen. Das ist eine unumstößliche Tatsache. Und sein Werk, das neun Bücher umfasst, ist das älteste Werk dieser Art. Insofern stimmt zumindest schon mal die Aussage, das Herodot der „Vater“ von irgendwas war, was mit Geschichte und Aufschreiben zu tun hat. 

Er hat sich die Geschichte der Perserkriege vorgenommen (warum, dazu kommen wir noch), hat dazu recherchiert und das Ganze dann niedergeschrieben. Das ist aber doch so ziemlich die Definition eines Geschichtsschreibers, oder? Oder wie wir heute vielleicht sagen würden: Eines Historikers. Und Herodot eröffnet sein Werk außerdem mit den Worten:

Ἡροδότου Ἁλικαρνησσέος ἱστορίης ἀπόδεξις ἥδε […]

Dies ist die Darstellung der Historie des Herodot von Halikarnass […]

Herodot I,1

Ob man ihn aber nun als Historiker bezeichnen kann oder sollte, darauf werden wir noch mal zurückkommen müssen. Werfen wir aber erst mal einen Blick darauf, wer dieser Herodot überhaupt war und was er genau geschrieben hat. 

Die ionische Aufklärung

Wer unseren Blog gelegentlich verfolgt, dem wird es schon aufgefallen sein: Griechische Geschichte spielte sich längst nicht nur in Athen ab. Eigentlich umfasste die Blütephase der Stadt sogar nur einen relativ kurzen Ausschnitt der griechischen Geschichte in der Antike. Neben Athen gab es im Laufe der Zeit zahlreiche andere wichtige Zentren der Kunst, Kultur und Philosophie. 

Herodot ist dafür ein gutes Beispiel. Er wuchs zwar zu einer Zeit auf, als Athen bereits auf dem Weg war, die alles beherrschende Metropole zu werden, als die wir sie heute in der griechischen Geschichte wahrnehmen. Sein Werk spiegelt die wachsende Bedeutung der Stadt auch wider, da er etliche Male auf sie zu sprechen kommt. Aber dennoch ist sie auch in Herodots Werk eine Stadt – oder besser: ein Stadtstaat – unter mehreren. 

Born and raised in Halikarnassos

Die Stadt Bodrum ist heute noch stolz auf ihren berühmten Sohn aus der Antike. Diese moderne Statue ist dort heute zu finden. Die Haltung spielt übrigens darauf an, dass Herodot seinen Lebensunterhalt zunächst mit Vorträgen über seine Erkenntnisse verdiente. Erst später schrieb er sie nieder. Foto: Monsieurdi (gemeinfrei)

Er selbst kam ganz woanders her, nämlich aus Halikarnassos, dem heute türkischen Bodrum.2 Die kleinasiatische Küste war damals von Norden nach Süden von Griech*innen besiedelt. Davon zeugen noch heute zahlreiche Ruinen griechischer Bauwerke in der Gegend. Halikarnassos lag am südlichen Rand eines Gebiets, das man in der Antike Ionien nannte und einem Zeitalter seinen Namen gab, das wir heute als „ionische Aufklärung“ bezeichnen. 

Viele der ersten Philosophen, die sich zum ersten Mal mit den Fragen von Kosmologie, Naturwissenschaften oder Religionskritik und Logik befassten, stammten hierher.3 Thales von Milet sagte (angeblich) die erste Sonnenfinsternis voraus, Pythagoras von Samos profilierte sich als bedeutender Mathematiker, Heraklit von Ephesos versuchte das Werden und Vergehen von Materie zu verstehen.  

Und dann gab es da noch die „Forscher“. Das waren Leute, die ganz praktisch recherchierten und ihr gewonnenes Wissen über fremde Länder, deren Geographie, Kultur und Geschichte einem interessierten Publikum darboten. Zu ihnen zählten beispielsweise Dionysios von Milet, der offenbar schwerpunktmäßig historische Darstellungen verfasste,4 und Hekataios von Milet, der sich auf zahlreiche Reisen begab und das ethnographische und geographische Wissen seiner Zeitgenoss*innen verbesserte.5 Zu dieser Gruppe zählt auch Herodot.

Die beiden Kollegen, Dionysios und Hekataios, wurden von ihm übrigens möglicherweise als Quellen verwendet6 und lebten etwa zur selben Zeit wie er, nämlich am Anfang des 5. Jahrhunderts vor Christus. Man geht heute davon aus, dass Herodot etwa von 490 bis 420 v. Chr. lebte und damit die Perserkriege selbst nicht bewusst miterlebte, die um 480/479 v. Chr. endeten. Aber er erlebte natürlich ihre Nachwirkungen.7 

Die Perserkriege als roter Faden

Das Perserreich war wirklich groß. Die Karte zeigt die Ausdehnung um 500 v. Chr.

Die große Bedeutung der Perserkriege für Herodots Zeitgenoss*innen können wir uns heute nur in Ansätzen vorstellen. Den Griechen war es gelungen, die Angriffe eines militärisch, wirtschaftlich und administrativ weit überlegenen Riesenreiches abzuwehren. Und das, obwohl sie notorisch zerstritten waren, obwohl sich kaum jemand echte Siegchancen ausgerechnet hätte, obwohl allgemein eine sehr reale Furcht vor einer Eroberung (und Rache) durch die Perser vorherrschte.

Vor allem diese Angst vor dem Riesenreich mit seiner gewaltigen Kriegsmaschinerie ist eine plausible psychologische Erklärung dafür, warum die Griech*innen nach ihren Siegen so euphorisch waren und die Perserkriege als gewaltiges Ereignis ihrer Geschichte verbuchten. 

Doch auch die konkreten politischen Nachwirkungen waren groß: Athen wurde zur vorherrschenden Großmacht in der nun deutlich selbstbewussteren griechischen Welt und das Perserreich erlebte den Anfang eines Niedergangs, der 150 Jahre später in seiner vollständigen Auslöschung durch Alexander den Großen endete. 

So ist es wenig verwunderlich, dass Herodot den Perserkriegen ein literarisches Denkmal setzen wollte. Er ging aber noch einen Schritt weiter, denn er betonte nicht nur die Bedeutung für Griech*innen und Perser*innen, sondern auch für den Rest der bekannten Welt.2 Das ist etwas erklärungsbedürftig.

Was hat Ägypten damit zu tun?

Das persische Reich erstreckte sich in seiner Hochphase von der türkischen Küste bis nach Afghanistan und vom heutigen Kasachstan bis nach Ägypten. Hunderte Völker lebten unter der Herrschaft des persischen Großkönigs. Sie alle waren damit mehr oder weniger Teil eines jeden militärischen Konflikts, den das Perserreich ausfocht. Sie alle stellten dem Großkönig Truppenkontingente zur Verfügung. 

Legt man nun das damalige geographische Wissen zugrunde, das Herodot hatte, dann muss man ihm Recht geben: Das umfasst mindestens die Hälfte der damals bekannten Welt und ihrer Einwohner*innen. 

Herodot beschränkt sich nicht nur darauf, den unmittelbaren Konflikt zwischen Griechen und Persern dazustellen. Er stellt auch das Perserreich als ganzes vor, seine Größe und seine Geschichte. So beschreibt er zwangsläufig auch die vielen Völker in diesem Riesenreich und auch auf die, die außerhalb davon am Rand des Perserreiches lebten. 

Ägypten wurde übrigens im Jahr 525 v. Chr. Teil des Perserreichs. Das ist der Grund, weshalb er auch auf dieses Land zu sprechen kommt. „Zu sprechen kommen“ ist dabei allerdings die Untertreibung des Jahres, denn er widmet dem Land ein ganzes Buch. 

Zahlenspiele

Das Gesamtwerk umfasst neun Bücher. Also geht es in rund 11% des Textes nur um Ägypten, um seine Geographie, Geschichte, Sagen und Legenden, Kultur, Bräuche und Religion. Ein weiteres Buch befasst sich größtenteils mit den Skythen, einem Volk, das man auf dem Balkan und in der heutigen Ukraine verorten würde. Damit sind wir schon bei 22% des Werks, in denen es scheinbar nicht um das eigentliche Thema geht.9

Hinzu kommen die zahllosen kleineren „Exkurse“, die Herodot immer wieder in seine Darstellung einbaut. Um die Vorgeschichte der Kriege zu erzählen, geht er auch auf die griechischen Städte ein und umreißt die Geschichte Athens und Spartas. Das kommt nicht von ungefähr, denn zur Zeit, als Herodot sein Werk verfasste, standen sich die beiden Städte in einem erbitterten Krieg um die Vorherrschaft im griechischen Raum gegenüber. Das ist nicht Thema von Herodots Darstellung, aber trotzdem vermittelt er seinen Leser*innen einiges Wissen, das für ihre gegenwärtige Situation von Wert ist. 

Historiker oder Märchenonkel?

An Herodot scheiden sich die Geister der modernen Wissenschaft. Denn die Art und Weise, wie Herodot diese Darstellung vornimmt, wurde viel diskutiert und nicht selten scharf kritisiert. 

Man hat sich darüber gewundert, dass er neun Bücher mit Perserkriegen füllt, dabei aber ein ganzes Buch lang vom Thema abkommt und sinnlos über Ägypten und dessen Geschichte herumschwafelt, man hat ihn dafür kritisiert, dass er wahllos Anekdoten und Legenden in sein Werk einbaut. 

Kritischer Umgang mit historischen Quellen? Fehlanzeige. Gleichberechtigt stehen da eine akribische Beschreibung der Schlacht an den Thermopylen 10 neben einem ägyptischen Pharao, der angeblich seine Tochter prostituierte, um das Geld für seine Pyramide zusammenzubekommen.11 Oder goldsuchenden Riesen-Ameisen in Indien.12 Oder Volksstämmen, die einen etwas eigenen Umgang mit ihren Senioren pflegten: 

ἐπεὰν δὲ γέρων γένηται κάρτα, οἱ προσήκοντές οἱ πάντες συνελθόντες θύουσί μιν καὶ ἄλλα πρόβατα ἅμα αὐτῷ, ἑψήσαντες δὲ τὰ κρέα κατευωχέονται.

Wenn einer von ihnen sehr alt wird, versammeln sich seine Angehörigen und opfern ihn. Zugleich opfern sie auch Schafe, kochen das ganze Fleisch und veranstalten ein Festmahl.

Herodot I,216 (über den Stamm der Massageten)

Manche sehen in Herodot nicht viel mehr als einen „Märchenonkel“, der allerhand kuriose und nicht selten fragwürdige Ereignisse und Gegebenheiten in einem Werk zusammenkleistert, das nur vage einem roten Faden folgt.13. Vielleicht liegt das Problem aber gar nicht so sehr bei Herodot. 

Warum moderne Historiker*innen gar keine Historiker*innen sind

Noch mal zur Erinnerung: Herodot leitet sein Werk mit folgenden Worten ein: 

Ἡροδότου Ἁλικαρνησσέος ἱστορίης ἀπόδεξις ἥδε […]

Dies ist die Darstellung der Historie des Herodot von Halikarnass […]

Herodot I,1

Habt ihr euch auch über das etwas ungewohnte Wort „Historie“ gewundert? Im Deutschen würde man doch eher „Darstellung der Geschichte“ schreiben oder so was in der Art. „Historie“ steht da aber mit Absicht, um ein Problem zu kaschieren. Denn zu Herodots Zeit bedeutete „Historie“ so ziemlich alles, nur nicht „Geschichte“.14

Herodot ist kein Historiker. Na ja, eigentlich schon, denn er benutzt den Begriff ja. Also sind umgekehrt alle heutigen Historiker*innen gar keine Historiker*innen? Doch, sind sie, aber anders. Das griechische Wort „Historie“ wurde lange Zeit und wird auch heute noch oft ziemlich missverstanden. Es bedeutet im Griechischen aber schlicht „Forschung“. Und damit können wir jetzt auch das Zitat etwas klarer übersetzen: 

Ἡροδότου Ἁλικαρνησσέος ἱστορίης ἀπόδεξις ἥδε […]

Dies ist die Darstellung der Forschung des Herodot von Halikarnass […]

Herodot I,1

Jetzt ergibt das Ganze erst so richtig Sinn, und um einen meiner Professoren von der Uni zu zitieren: „Antike Texte ergeben meist einen vorzüglichen Sinn, wenn man sie richtig übersetzen kann.“

Man legt einfach an Herodots Werk oft die falsche Messlatte an. Sein Ziel ist es gar nicht, nur die Fakten über die Perserkriege zu berichten. Er will einen Bericht vorlegen, also alles das darstellen, was er so im Zusammenhang mit den Perserkriegen in Erfahrung gebracht hat.15 Das sind nicht nur historische Ereignisse, sondern auch Erkenntnisse über Geographie, Botanik, Kultur, Religion, Legenden und viele, viele andere Themen, die ihn als Universalforscher beschäftigt haben. Die Perserkriege dienen ihm dabei als roter Faden, als eine Art erzählerischer Rahmen. 

Forschung damals und heute

Insofern könnte man sagen, dass Herodot dem Wortsinn nach Historiker war. Versteht man den Begriff aber in unserem modernen Sinne, dann weicht er teilweise deutlich vom Idealbild eine*s Historiker*in ab. 

Nun lauert aber schon das nächste Problem auf uns: „Forschung“. Das klingt nach Wissenschaft, nach umfangreichen Befragungen, nach Auswertungen mit Excel-Tabellen und Datenbanken, nach Transparenz und nachvollziehbarer Quellenlage. Und da sind wir nun an der Stelle, an der man Herodot Unrecht tut, wenn man sein Vorgehen mit moderner Wissenschaft vergleicht. Wenn man es ganz pathetisch ausdrücken will, könnte man sagen: Er war ja auch einer der ersten Gesellschaftswissenschaftler überhaupt. Er hatte (fast) keine Blaupause.16 Er musste sich alles erst mal selbst zurechtlegen: 

Ich möchte ein dickes Buch über die Perserkriege schreiben. Wie gehe ich da vor? Wie komme ich an Infos? Wen kann ich fragen? Was mache ich, wenn ich widersprüchliche Aussagen erhalte? 

Er hatte durchaus seine Prinzipien

Mit allen diesen Fragen war Herodot konfrontiert. Und dafür, dass er kaum Vorbilder hatte, ist er ziemlich weit gekommen, denn er hat sich da durchaus so seine Gedanken gemacht. Genau genommen sind bei ihm schon alle Prinzipien vorhanden, die bis heute ihre Gültigkeit haben. Seine Darstellung beruht auf den berühmten drei Säulen: αὐτοψία (autopsía), also dem „Selbst-gesehen-haben“, ἀκοή (akoé), dem „Hörensagen“ und γνώμη (gnóme), dem Abwägen von Wahrscheinlichkeiten und Plausibilitäten.17

Und im Grunde gehen moderne Historiker*innen immer noch genauso vor. Sie verifizieren historische Gegebenheiten zwar seltener durch eigene Anschauung. Besonders bei weiter zurückliegenden Epochen wäre das eher was für Archäolog*innen. Aber sie konsultieren Quellen (ob nun mündlich oder schriftlich) und – ganz wichtig – schalten zum Schluss ihren Verstand ein. 

Sie wägen ab, wie wahrscheinlich eine Zeugenaussage oder ein Quellenbericht ist. Sie decken Widersprüche auf und versuchen, diese zu lösen. Aber wenn sie zu keinem abschließenden Ergebnis kommen können, machen sie eigentlich immer noch das, was Herodot auch schon getan hat: Sie stellen ihren Leser*innen beide widersprüchliche Aussagen zur Auswahl und lassen die Bewertung offen.18

Ganzheitliche Geschichtsschreibung

Bei Herodot sind elementare wissenschaftliche Prinzipien der Geisteswissenschaften schon angelegt, aber aus nachvollziehbaren Gründen noch lange nicht voll ausgebildet.

Doch dann gibt es da auch Prinzipien, die Herodot verfolgt, die sich in der modernen Geschichtswissenschaft erst wieder etablieren mussten. Er betrachtet die Geschichte nämlich ganzheitlich. Für ihn spielen ganz selbstverständlich geographische Gegebenheiten, kulturelle Entwicklungen und religiöse Eigenheiten eine wesentliche Rolle. 

Das ist auch für uns heute selbstverständlich. Niemand käme auf die Idee, eine Geschichte der Hexenverfolgungen zu schreiben, ohne dabei die religiösen und kulturellen Zusammenhänge in Mitteleuropa der Frühen Neuzeit darzulegen. Es ist jedoch nur einige Jahrzehnte her, dass auch die moderne Geschichtswissenschaft bei der Deutung historischer Ereignisse den jeweiligen kulturellen Kontext gern schon mal ausblendete. 

Insofern war Herodot vielen späteren Nachfolger*innen ein Stück voraus und auf seine Weise modern. Wir würden sein Vorgehen heute interdisziplinär nennen. Hinzu kommt noch ein zweiter wichtiger Punkt, denn Herodot war in gewisser Weise mehr als ein Historiker. Nicht nur, dass er gleich mehrere Fachbereiche für sich vereinnahmte, die wir heute fein säuberlich trennen (Ethnologie, Geographie, Religionswissenschaft und viele andere). Ihm ging es auch darum, mehr zu erreichen, als nur Geschichte darzustellen. 

Mehr als nur Geschichte

Geschichtsschreibung verfolgte in der Antike, aber auch darüber hinaus, immer einen konkreten Zweck. Für Herodot ging es darum, Grundkonstanten der menschlichen Natur und des Schicksals herauszustellen. Ob eine Geschichte nun wahr oder auch nur teilweise wahr war, spielte für ihn eine eher untergeordnete Rolle. 

Eine seiner berühmtesten Geschichten ist die vom „Ring des Polykrates“.19 Polykrates, seines Zeichens Herrscher von Samos, war mächtig, erfolgreich und reich. Seinen Freund und Kollegen Amasis, Pharao von Ägypten, beunruhigte das. Er fürchtete, dass das Schicksal umschlagen werde und Polykrates ein böses Ende finden könnte. Er riet ihm, das Wertvollste zu nehmen, was er besitze, und es loszuwerden – heute würden wir vielleicht sagen, um das böse Karma zu besänftigen. 

Gesagt, getan. Polykrates nahm seinen kostbarsten Ring und warf ihn ins Meer. Einige Zeit später machte ein Fischer einen sensationellen Fang. Der Fisch war so gigantisch, dass er beschloss, ihn dem Herrscher zum Geschenk zu machen. Den Rest der Geschichte kann man sich denken: Der Fisch wurde zubereitet, und als Polykrates ihn essen wollte, stießen seine Köche auf den Ring, den er eigentlich hatte loswerden wollen. 

Das Rad des Schicksals

Polycrates und der Fischer, Gemälde von Salvator Rosa (1664, gemeinfrei)

Überglücklich schrieb er seinem Kumpel Amasis in einem Brief, was er doch für ein Glück hätte. Der war davon aber überhaupt nicht begeistert. Er kündigte die Freundschaft und kappte alle Bündnisse zwischen Ägypten und Samos. Er war überzeugt, dass es mit Polykrates kein gutes Ende nehmen würde und wollte da nicht mit hineingezogen werden. Polykrates wurde übrigens später tatsächlich von einem Attentäter ermordet.

Die Geschichte hat sich sicherlich so nicht zugetragen, und das dürfte auch Herodot klargewesen sein. Und trotzdem erzählte er sie, denn sie macht zweierlei Dinge deutlich: Das Rad des Schicksals dreht sich unaufhörlich. Wer eben noch ein mächtiger Herrscher war, erleidet morgen vielleicht ein elendes Schicksal. Wir kennen das Sprichwort „Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.“ Und auch die zweite Lehre aus der Geschichte kann man im Deutschen gut in ein Sprichwort kleiden: „Hochmut kommt vor dem Fall.“20

Nachwirkung

Das sind nur die zwei größten Prinzipien, die Herodot in der menschlichen Geschichte am Werk sah. Ihm ging es oft gar nicht so sehr darum, das rein Faktische abzubilden, sondern anhand der Ereignisse eine überzeitliche Wahrheit zu illustrieren. Daher ist immer Vorsicht geboten, wenn man Herodot als Quelle für historische Ereignisse heranziehen möchte. Die Geschichte von Polykrates hat es aber immerhin in eine der berühmtesten Balladen von Schiller geschafft. Und damit sind wir bei Herodots Nachwirkung. 

Die war groß, sowohl in der Antike selbst, als auch in späteren Epochen bis in die Neuzeit. Das zeigt allein schon die Tatsache, dass sein Werk überhaupt überliefert wurde. Es besaß zu allen Zeiten einen ausreichend großen Wert, dass es über die Jahrtausende immer wieder abgeschrieben wurde. Die Gründe dafür verschoben sich aber im Laufe der Zeit. 

Am Anfang mag es noch hauptsächlich darum gegangen sein, dass er eben eine sehr zentrale Phase der griechischen Geschichte darstellte, nämlich die Perserkriege. Später schätzte man vor allem seine meisterhafte Analyse der menschlichen Natur und geschichtlicher Prozesse. In der Neuzeit sah man in Herodot den grandiosen Geschichtenerzähler, aber auch die einzige erhaltene Quelle für viele Gegebenheiten und Ereignisse in der Antike. 

Und so kommen wir zu den modernen Dokus über das alte Ägypten, die osteuropäischen Skythen, die frühe Geschichte Afghanistans und natürlich des Perserreiches und Griechenlands. Herodot kommt deswegen dort so häufig vor, weil er die einzige oder  zumindest eine der wenigen Quellen zum jeweiligen Thema ist.  

Herodot und die Ägyptolog*innen – Eine Hassliebe 

Und daraus erklärt sich auch das schwierige Verhältnis, das die Geschichtswissenschaft zu Herodot heute hat. Sein Werk ist literarisch und kein nüchterner Tatsachenbericht.

Besonders hart hat es übrigens die Ägyptolog*innen getroffen.  Über lange Zeit, vor allem vor der Entzifferung der Hieroglyphen, war er die mit Abstand wichtigste Quelle über die Geschichte und Kultur des Landes am Nil und prägten sein Bild. Viele seiner Angaben mussten im Nachhinein korrigiert werden, Etliches wurde als Unsinn entlarvt. Wer sich heute für Ägypten interessiert, sollte besser nicht bei Herodot anfangen. Es sei dahingestellt, inwiefern sich Dokus über das Land am Nil, die dauernd auf Herodot verweisen, nicht ein Stück weit dadurch selbst entlarven.

Dieses Problem gilt in ähnlicher Weise auch für die vielen, vielen anderen kleinen und großen Völker der Antike, die Herodot beschreibt. Über einige von ihnen wüssten wir vielleicht heute gar nichts mehr, wenn er sie nicht in seinem Werk berücksichtigt hätte. In ihrem Fall haben wir aber häufig nicht das Glück, dass sie selbst nennenswerte schriftliche Zeugnisse hinterlassen haben, mit deren Hilfe wir Herodots Aussagen überprüfen könnten. 

Die Historien waren ein Alterswerk

Wie stark sein Werk nachwirkte, hat Herodot natürlich nicht mehr erleben können. Was er aber noch miterlebte, war das Ende der kulturellen Blütephase seiner Heimat. In der Mitte des vierten Jahrhunderts verlagerte sich der kulturelle Schwerpunkt der griechischen Welt nach Athen und Süditalien. Dort ließ sich Pythagoras von Samos nieder, und eine neue Generation von Philosophen wie Demokrit entwickelten erstmals die Idee, dass unsere Welt aus kleinsten Partikeln, den so genannten Atomen, besteht. 

Auch Herodot selbst hat seinen Lebensabend nicht in der Heimat verbracht. Er wanderte nach Thurioi am Golf von Tarent aus. Dort, so nimmt man heute an, sortierte er in fortgeschrittenem Alter seine Eindrücke und Erfahrungen, die er im Laufe seines Lebens gesammelt hatte, und schrieb sie nieder. 

Das Ergebnis dieses Alterswerks können wir heute noch lesen. Und auch wenn seine „Historien“ für uns keine Geschichtswerk mehr darstellen, das man unkritisch lesen kann, sind sie doch nach wie vor ein spannender, abwechslungsreicher und auch unterhaltsamer Streifzug durch die antike Welt bis zu seiner Zeit.  

Lesetipps

Und deswegen, nämlich weil Herodots Werk so bunt und unterhaltsam ist, gibt es hier eine kleine Premiere. Zum ersten Mal stellen wir euch ein paar Tipps zusammen, falls ihr in sein Werk mal reinlesen möchtet. Herodot gibt es auch zum Hören, allerdings nur auf Englisch. Bisher existiert keine deutschsprachige Hörbuch-Ausgabe, weshalb wir dazu auch keine konkrete Empfehlung geben. 

Diese Tipps haben wir euch übrigens völlig unabhängig zusammengestellt. Wir haben keinerlei Vorteile dadurch. 

  • Josef Feix (Hrsg.): Herodot. Historien. zweisprachig Griechisch-Deutsch. 2 Bände, Düsseldorf 62001, ISBN 3-7608-1539-1.
  • Herodot. Geschichten und Geschichte. Übersetzt von Walter Marg. 2 Bände, Zürich-München 1973/1983.
  • Herodot. Historien. Deutsch von Kai Brodersen und Christine Ley-Hutton. Reclam-Verlag, Stuttgart 2019, ISBN 978-3-15-019624-3 (auch als e-book ISBN 978-3-15-961493-9).
  1. Cicero, De legibus I,5
  2. Herodot I,1
  3. J. Fischer, Griechische Frühgeschichte bis 500 v. Chr., Darmstadt 2010, S. 97-99
  4. Suda, s. v. Διονύσιος, Μιλήσιος
  5. Lucio Bertelli, Hecataeus. From Genealogy to Historiography. in: Nino Luraghi (Hrsg.), The Historian’s Craft in the Age of Herodotus. Oxford 2001, S. 67 ff.
  6. Robert Fowler, Herodotos and His Contemporaries. in: The Journal of Hellenic Studies 116 (1996), S. 62–87.
  7. Wolfgang Will, Herodot und Thukydides, Darmstadt 2015, S. 62-63
  8. Herodot I,1
  9. Die Bücher sind nicht alle gleich lang. Wollte man wirklich aussagekräftige Prozentwerte errechnen, müsste man natürlich Wörter zählen oder vielleicht die Seiten. Es geht an dieser Stelle nur darum zu verdeutlichen, dass Herodots Exkurse einen unerwartet großen Raum einnehmen.
  10. Herdot VII,201-239
  11. Herdot, II,126
  12. Herodot III,102-105
  13. Eine sehr kritische Position hat beispielsweise Detlev Fehling vertreten: Die Quellenangaben bei Herodot. Studien zur Erzählkunst Herodots. Berlin 1971
  14. Der Begriff „Historie“ findet sich erst bei Aristoteles erstmals in der Bedeutung „Geschichte“, also gut 100 Jahre, nachdem Herodot sein Werk niederschrieb.
  15. Herodot I,5
  16. Wir wissen, dass Xanthos von Sardeis und Dionysios von Milet bereits Werke mit historischem Schwerpunkt verfasst hatten. Leider kennen wir sie aber nicht und können uns daher kein gutes Bild davon machen, ob und inwiefern Herodot in ihnen methodische Vorbilder hatte.. Beide beschränkten sich aber auf viel überschaubarere Themen, nämlich Lokalgeschichte.
  17. Nino Luraghi, Meta-historiē: Method and genre in the Histories, in: Carolyn Dewald, John Marincola (Hgg.), Cambridge Companion to Herodotus, Cambridge 2006
  18. Übrigens ist sich Herodot auch der Probleme bewusst, die mit allen Quellen einhergehen. Das sagt er an einigen Stellen sogar ziemlich deutlich, zum Beispiel in VII 152, vgl. hierzu Wolfgang Will, Herodot und Thukydides, München 2015, S. 72-82.
  19. Herodot III,39-43
  20. Jasper Griffin, Herodotus and tragedy, in: Carolyn Dewald, John Marincola (Hgg.), Cambridge Companion to Herodotus, Cambridge 2006

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