Chirurg – Fremdwort der Woche

Was haben ein Chirurg und ein Tischler gemeinsam? Grundsätzlich erst mal nicht viel, könnte man jetzt denken. Aber das täuscht. Denn auch ein*e Tischler*in ist eigentlich ein*e Chirurg*in. Ganz wörtlich. 

Operationen früher und heute

Am Körper anderer Leute herumzuschneiden, scheint etwas zutiefst Menschliches zu sein. Und so wird dieses Fremdwort im Grunde genommen auch ein kleiner Streifzug durch die Geschichte der Chirurgie. 

Wir wissen heute, dass schon die Neandertaler Amputationen durchgeführt haben. Und seit rund 14.000 Jahren sind anhand von Knochenfunden so genannte Trepanationen nachweisbar, bei denen der Schädel mit einer Art Bohrer geöffnet wurde. Zu welchem genauen Zweck, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, allerdings vermutet die Mehrheit der Archäolog*innen keine medizinischen, sondern — so merkwürdig das klingt — rituelle Gründe. 

Wirklich sauber und steril waren solche Operationen in früheren Zeiten natürlich noch nicht, auch wenn den Menschen zu allen Zeiten (außer vielleicht im Barock) der Wert und die Bedeutung von Reinlichkeit und Sauberkeit bewusst war. Es fehlte aber selbstverständlich ein grundlegendes Wissen über Krankheitserreger und darüber, wie man ihnen am besten begegnet. 

Narkose war eher Glückssache

Eine wirkungsvolle Narkose war auch eher Glückssache. Natürlich kannte man zu allen Zeiten schon Betäubungsmittel. Schon im alten Orient wusste man um die Wirkung des Opiums, das aus Mohn gewonnen wurde. Hierzulande nutzte man die Alraune oder den Schierling.

Was die genaue Dosierung und Effektivität der benutzten Substanzen angeht, gab es mit Sicherheit etliche Fehlgriffe. Und natürlich war es bis in die moderne Neuzeit hinein nicht möglich, die Körperfunktionen akkurat zu überwachen, um bei einer falschen Dosierung eines Anästhetikums eingreifen zu können. 

Die naheliegende Ausgangsbasis für Operationsinstrumente waren Geräte, die man auch auch sonst im Alltag benutzte. Aber, wenn man mal ehrlich ist: Das hat sich bis heute auch nicht so wirklich verändert. Klar, wir haben besondere Klemmen, Skalpelle und spezielle Nadeln. Aber wer mal gesehen hat, welche Instrumente für eine Hüft-OP zum Einsatz kommen, weiß, dass etliche OP-Instrumente im Grunde auch in jedem Hobbykeller oder in einer Schreinerwerkstatt hängen könnten. 

Über Ärzte und Handwerker

Und an dieser Stelle kommt unser Fremdwort zum Zuge, denn angefangen hat die Chirurgie mit einfachen Mitteln, mit Steinwerkzeugen, die man so oder in ähnlicher Form auch für andere Tätigkeiten einsetzte. Es handelte sich um nichts Anderes als Werkzeuge. 

Und so bedeutet der Begriff Chirurg (altgriechisch χειρουργός, cheirourgós) auch nichts Anderes als „Handwerker“. Er besteht nämlich aus den beiden Teilen χεῖρ (cheir), was „Hand“ bedeutet und dem Wortteil -ουργος, der ganz buchstäblich dem deutschen Wortteil „-werker“ entspricht. 

Das heißt: Mit dem Begriff „Chirurg“ konnte man im Alten Griechenland jede Art Person bezeichnen, die ein Handwerk betrieb. Das konnte ein Tischler sein, ein Töpfer oder ein Schmied. Mediziner – das war in der klassischen Antike nur ein Beruf unter vielen und weit entfernt von dem hohen Ansehen, das dieser Berufsstand heute bei uns genießt. Ganz im Gegenteil, muss man sogar sagen, denn Mediziner waren in Griechenland und Rom nicht unbedingt besonders beliebt. Das lag aber auch daran, dass das medizinische Wissen damals noch sehr begrenzt war. Viele Mediziner waren tatsächlich eher Quacksalber, und wurden so auch gesehen. Das hat sich grundsätzlich gewandelt. Mit der immer weiter fortschreitenden Professionalisierung des Berufsbildes kam auch das hohe Ansehen. 

Geblieben ist nur die Bezeichnung „Chirurg“, die ab dem Hellenismus erstmals auch speziell für Mediziner verwendet wurde, die Operationen am menschlichen Körper durchführten. Und sie erinnert bis heute an die Zeit, als Medizin nur ein „Handwerk“ unter vielen war. 

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