Gaius Iulius Caesar – Charmant, gutaussehend, größenwahnsinnig?

Er wurde verdammt und vergöttert, vom Volk geliebt und als machtgieriger Tyrann bezeichnet. Und egal, wie man zu ihm steht: Gaius Iulius Caesar ist jeder und jedem ein Begriff. Um ihn, eine der bekanntesten Personen der römischen Geschichte und der Antike überhaupt, geht es im heutigen Beitrag. 

„Person“ ist übrigens genau das passende Stichwort, denn über Caesar kann man viel erzählen. Und man kann seine Geschichte nicht nur ausufern lassen, sondern sie auch auf vielerlei Weisen erzählen. Wir konzentrieren uns heute auf seine Person und versuchen einmal ein wenig, der Frage nachzuspüren: Wer war dieser Caesar? Was machte ihn aus und was machte ihn zu der Person, die er war? Und am wichtigsten überhaupt: War er wirklich so gutaussehend wie im zweiteiligen Fernsehfilm von 2002?

Bilderbuchkarriere eines Juristen

Die Nachwelt assoziierte mit Caesar vor allem eine Eigenschaft: Erhabenheit. Gemälde von Peter Paul Rubens, 1619 (gemeinfrei)

Über eine Sache gibt es keinen Zweifel: Caesar war ein erfolgreicher Politiker in der Mitte des ersten Jahrhunderts vor Christus. Und er war der letzte große römische Politiker, der zumindest in der Anfangsphase seiner Karriere mit demokratischen Mitteln an die Macht gelangte.

Der Erfolg war ihm teilweise in die Wiege gelegt, denn die Julier waren eine angesehene römische Familie, nicht außergewöhnlich reich, aber doch recht wohlhabend. Caesars Vater war ebenfalls schon als Anwalt und Politiker erfolgreich gewesen und hatte es zum Amt des Prätors gebracht, was die zweithöchste Stufe der römischen Ämterlaufbahn war.1

Ganz unfallfrei lief der Start in sein Erwachsenenleben zwar nicht ab, da er schon mit 16 Jahren in die Mühlen der teilweise brutalen Auseinandersetzungen im römischen Staat der damaligen Zeit geriet und nach Kleinasien fliehen musste.2 Aber nach seiner Rückkehr einige Jahre später konnte Caesar regelrecht durchstarten.3

Er trat vor Gericht auf und baute sich so ein Netz aus Beziehungen und eine Anhängerschaft auf.4 Prozesse waren damals öffentlich, und zudem war es zu jener Zeit in Rom durchaus üblich, dass Klienten, die man vor Gericht vertrat, auch zu eigenen Wählern wurden, sobald man ein politisches Amt anstrebte. Die juristische Tätigkeit war der Schlüssel für alle römischen Politiker zum Erfolg.5

Caesar absolvierte die Ämterlaufbahn ohne Probleme und wurde im Jahr 59 v. Chr. sogar Konsul.6 Das war das höchste politische Amt der römischen Republik und ohnehin schon mit einer gewissen Machtfülle ausgestattet. Zu Caesars Zeit war der römische Staat aber bereits in einer großen Phase des Umbruchs begriffen. Gesellschaftliche und politische Auseinandersetzungen hatten zu einem Auseinanderdriften der gesellschaftlichen Gruppen geführt. Kompromisse waren schwierig, Auseinandersetzungen wurden nicht selten gewaltsam geführt und Regeln und Gesetze waren nur so lange wirksam, bis einer kam und sie einfach ignorierte.7

Ämterlaufbahn ohne Ende

Das war bei Caesar nicht anders. Nach seiner Rückkehr aus den gallischen Kriegen ließ er sich zum Diktator ernennen. Das war in der römischen Republik ein anerkanntes Amt. In besonderen Notlagen konnte einer der amtierenden Konsuln mit einer beinahe unumschränkten Macht ausgestattet werden, um gewissermaßen „durchzuregieren“. Vor allem erhielt er den Oberbefehl über das gesamte Militär. Das Amt war üblicherweise auf sechs Monate beschränkt. Danach hatte ein Diktator den Oberbefehl über die Truppen und das Amt niederzulegen. 

Caesar ließ sich zum Diktator auf Lebenszeit ernennen.8 Wie gesagt, Gesetze galten nur so lange, bis sich jemand darüber hinwegsetzte. So war die späte Republik. 

Caesar hatte von Anfang an wohl Größeres im Blick als ein stinknormales Politikerleben – Quaestor, Aedil, Praetor, Konsul, zwischendurch eine kleine römische Provinz verwalten und ausplündern und sich dann zur Ruhe setzen, das war ihm zu lame. Dass er nicht nur ehrgeizig, sondern auch regelrecht ruhmsüchtig war, das legen verschiedene antike Quellen nah. Als er einmal eine Biographie über Alexander den Großen las, so heißt es, soll er in Tränen ausgebrochen sein. Warum? Weil Alexander in seinem Alter schon so viel mehr Großes geleistet habe als er, Caesar, selbst.9 Dass Alexander dafür aber auch nur 33 Jahre alt geworden war, fiel ein bisschen unter den Tisch.

A bit over the top

Wenn römische Feldherrn einen auswärtigen Krieg gewannen, wurde ihnen in Rom zur Anerkennung ein Triumphzug gewährt. Darunter kann man sich eine große Feier mit einem Umzug und Spielen zur Zerstreuung des Volkes vorstellen. Das ging normalerweise einen Tag lang. 

Caesars Triumphzüge nach dem Gallischen Krieg dauerten fünf Tage.10 Gut, fairerweise muss man dazusagen, dass er gleich den glücklichen Ausgang mehrerer Kriege auf einmal feierte, und doch listen die Geschichtsschreiber nicht umsonst sehr akkurat auf, was alles so bei der fünftägigen Feier geboten wurde: Gladiatorenkämpfe, und zwar mehrere gleichzeitig im gesamten Stadtgebiet von Rom, aufwendige und teure Theateraufführungen, Naumachien, also Nachstellungen von Seegefechten in einer gefluteten Arena und vieles mehr. Das war außergewöhnlich und grenzt schon fast an Größenwahn – eine Eigenschaft, über die sowohl die griechische als auch die römische Gesellschaft gern die Nase rümpften. 

Möchte man Caesar bis hierhin charakterisieren, muss man ihm also sicherlich einen ziemlichen Ehrgeiz attestieren. Machtwille und „Ruhmsucht“, wie es der Biograph Plutarch nennt,11 sind die andere Seite dieser Medaille, die vielleicht zwangsläufig dazugehören.  

Göttliches Geblüt

Wenn es übrigens um Megalomanie und Größenwahn geht, dann kommt man nicht ohne ein weiteres Stichwort aus: Caesars Abstammung. Abstammungen sind in der Antike sowieso oft eine spannende Sache. Im Fall Caesars bedeutete dies, dass er seinen Stammbaum bis zum trojanischen Helden Aeneas zurückführte.

Nun ist es schon verwegen genug, die eigene Familiengeschichte über Jahrhunderte zurück in die mythische Zeit und zum legendären Stammvater des römischen Volkes zu verfolgen. Hinzu kommt jedoch noch, dass Aeneas seinerseits der Sohn der Göttin Venus war. Und damit waren alle Nachfahren, auch Gaius Iulius Caesar Nachfahren dieser Göttin.12

Auch das war in der Antike nicht unbedingt ganz ungewöhnlich. Da umfangreiche schriftliche Dokumente über Abstammungslinien ohnehin nicht existierten und man die Grenze zwischen Mythos und Geschichtsschreibung noch nicht immer konsequent vollzog, kam es öfter vor, dass Personen, insbesondere Herrscher, ihren Stammbaum entsprechend frisierten. Ein großer Held aus dem reichen Sagen- und Mythenschatz eignete sich dafür natürlich hervorragend. Sich damit jedoch auch in die Nachkommenschaft einer Gottheit einzureihen, das sorgte auch in der Antike für Skepsis. Unter’m Strich scheint es Caesar aber auch nicht geschadet zu haben. 

Heute sind es vielleicht nicht gerade Götter, die in den eigenen Stammbaum eingebaut werden, aber das Aufhübschen der eigenen Abstammung oder der Familiengeschichte kommt sicherlich auch heute noch vor, mal mehr, mal weniger an den Haaren herbeigezogen. 

Caesar, der Charismatiker

Caesar konnte als Politiker vor allem beim so genannten „einfachen Volk“ punkten. Er hatte zwar durchaus auch Anhänger in den wohlhabenderen Gruppen der stadtrömischen Bevölkerung, aber er gehörte mit seinen politischen Forderungen und Maßnahmen zu den so genannten Popularen.13 Dabei handelte es sich um eine Gruppierung von Politikern (Partei wäre sicherlich zu viel gesagt), die vor allem die Interessen des Volkes vertrat. Ihnen gegenüber standen die Optimaten, die tendenziell die Interessen des alteingesessenen Adels vertraten. 

Seine Beliebtheit im Volk kam aber nicht von ungefähr. Das kennen wir heute auch noch: Ein*e Politiker*in wird gewählt, wenn Leute das Gefühl haben, dass er oder sie für ihre Interessen eintritt. Das ist aber nur die halbe Miete, denn ein*e Politiker*in muss (auch wenn wir das vielleicht nicht immer wahrhaben wollen) auch Charisma und Ausstrahlung besitzen. 

Und genau diese Eigenschaften brachte Caesar mit, und das offenbar in einem außerordentlichen Maß. Er war ein glänzender Anwalt und begnadeter Redner und darüber hinaus für seine Offenheit, Freundlichkeit und auch Freigebigkeit bekannt.14 Man muss sich dabei immer klarmachen, dass Rom zu dieser Zeit ein vergleichsweise überschaubares Gemeinwesen war. Überschaubar auch in dem Sinne, dass persönliche Kontakte eine wesentlich höheren Stellenwert hatten. Man konnte den amtierenden Konsul täglich auf der Straße treffen und mit ihm Smalltalk über dies und das halten. Oder man traf einen Prätor beim Baden in den öffentlichen Thermen. 

Caesars Beliebtheit beim Volk ging so weit, dass einige hochstehende Personen der Republik Angst bekamen, Caesar könnte das Volk aufwiegeln. So sehr schien er es in der Hand zu haben.15 

Caesar, der Krieger

Das täuscht aber nicht darüber hinweg, dass Caesar auch ein erfolgreicher, durchsetzungsstarker und brutaler Kämpfer und Feldherr war. Das konnte er im Laufe seiner Karriere mehrfach unter Beweis stellen, zum ersten Mal vor allem in Hispanien (dem heutigen Spanien und Portugal), als er dort das Amt des Provinzstatthalters bekleidete. Hauptsächlich erwarb er aber natürlich militärischen Ruhm bei der Eroberung Galliens in den Jahren 58-51 v. Chr. 

Er selbst war dabei offenbar nicht nur ein sehr fähiger Kämpfer, 16 der auch vor extremen Belastungen nicht zurückschreckte17 und sich selbst nicht schonte, sondern auch ein genialer Stratege. Das berichten nicht nur antike Quellen über ihn, sondern es ist für uns auch durchaus nachvollziehbar, denn die Eroberung Galliens war sicherlich kein Pappenstiel. Er bewies dabei Sorgfalt, Vorsicht und eine hohe Planungs- und Organisationskompetenz.18

Damit bekommt man das Bild eines geradezu perfekten Feldherrn: Er kann selbst gut kämpfen und reiten, teilt die Strapazen des Krieges mit seinen Soldaten und erledigt seinen Job auch noch effizient und umsichtig. Vervollständigt wird das Bild noch dadurch, dass er auch noch bescheiden und genügsam gewesen sein soll. 

Als er mit seinen Leuten einmal von einem Unwetter überrascht wurde und die Truppe Unterschlupf im Haus eines Fremden suchte, gab es in dessen Hütte nicht genug Platz für alle. Der kranke Oppius aus Caesars Gefolge erhielt den Platz in der Hütte. Caesar übernachtete draußen im Regen. So berichtet es zumindest der Biograph Plutarch.19 Caesar war sich demnach nicht zu schade, auch anderen den Vortritt zu lassen.

Ob Caesar in allem wirklich so perfekt war, wie es diese Berichte nahelegen, kann man natürlich bezweifeln. Andererseits scheuen sich die Biographen aber auch nicht, Caesars negative Eigenschaften zu erwähnen. Insofern könnte zumindest im Kern etwas dran sein an Caesars Kampfkraft, Mut und Bescheidenheit im Krieg. 

Die Konkurrenz ließ er mit Scheiße überschütten

Krieg bedeutet Brutalität. Politik aber auch, und zumindest in der Antike war Politik durchaus auch körperlich brutal. Heute kennen wir das nur noch von Fernsehbildern aus dem indischen Parlament, in dem es schon mal zu Massenschlägereien kommen kann. Dagegen wirkt unser Bundestag wie ein Werbespot für Sedativa. 

Als Konsul hatte Caesar im Jahr 59 v. Chr. einen Kollegen mit Namen Bibulus. Der vertrat nur leider ganz andere politische Vorstellungen als Caesar. Also ließ er ihn verprügeln, als dieser versuchte, ein Gesetz Caesars mit seinem Einspruch zu verhindern. Nach einigen Quellen ließ er sogar einen Kübel voll Scheiße über ihn ausschütten.20 Caesars Mobbing-Attacke auf seinen Kollegen soll dazu geführt haben, dass der sich in sein Haus zurückzog und sich nicht mehr heraustraute.21 Man mag sich so etwas heutzutage aus Gründen der Belustigung auch in unserer Politik manchmal wünschen, aber demokratisch ist das natürlich überhaupt nicht. Und es hat auch nicht viel mit Anstand zu tun. Interessant ist, dass die Öffentlichkeit mit Politikern damals ähnlich gehässig umging wie wir heute, denn Bibulus, der eingeschüchtert in seinem Häuschen saß, wurde mit einem eigenen Zweizeiler bedacht, der in den Gassen Roms zirkulierte:

„In letzter Zeit hat Bibulus nichts geleistet, sondern Caesar. / Dass überhaupt etwas unter Konsul Bibulus geschehen ist, wüsste ich jetzt nicht.“ 22

Immerhin soll Caesar aber nicht nachtragend gewesen sein. Den Dichter Catull, der ihn in seinen Gedichten aufs Übelste beschimpfte,23 lud Caesar zum Essen ein.24

Caesar, der kluge Planer 


Nein, Caesar war natürlich kein Hund. Aber mit der Überquerung des kleinen Grenzflusses „Rubicon“ trat er den römischen Bürgerkrieg los, bei dem es um die Frage ging, wer künftig in Rom das Sagen haben sollte. Es ging also um die Wurst. Caesar soll gezögert und sich diesen Schritt gut überlegt haben. – „Caesar am Rubikon.“ – Ein Gemälde von Wilhelm Trübner (um 1880, gemeinfrei). 

Im Zuge des römischen Bürgerkriegs betont Caesar selbst, aber auch die Geschichtsschreibung, eine Eigenschaft, die für ihn geradezu sprichwörtlich wurde – die clementia, was in etwa „Milde“ oder „Nachsicht“ bedeutet.25 Er schonte seine Gegner und sah davon ab, sie nach gewonnener Schlacht zu bestrafen oder sogar zu töten. Das geschah aber sicher nicht nur aus reiner Menschenliebe. Es war wohl eher ein geschickter Schachzug, denn Caesar dachte zu diesem Zeitpunkt natürlich  schon an die Zeit nach dem Bürgerkrieg. Es ist politisch immer klüger, nach einem Sieg auch die Hand zur Versöhnung auszustrecken. Das galt damals wie heute. Die besondere Ironie besteht darin, dass Caesar auch Brutus verschonte, der später einer seiner Mörder wurde. 

Ein solches planvolles und rationales Vorgehen passt wiederum ganz gut zu seinem Vorgehen im Krieg. Auch beim Alkohol scheint Caesar sich noch recht gut im Griff gehabt zu haben, denn er soll Wein nie oder zumindest fast nie getrunken haben. Vom römischen Politiker Cato ist sogar der Satz überliefert, dass Caesar der einzige gewesen sei, der nicht besoffen gewesen sei beim Versuch, die Macht im Staat an sich zu reißen.26

Caesar, der impulsive Geldverschwender

Beim Umgang mit Geld sah es da schon anders aus, denn Caesar war chronisch überschuldet.27 Teilweise war das auch dem politischen System der römischen Republik geschuldet, denn alle Ämter waren Ehrenämter. Man erhielt, anders als heute, keinen Cent für die Dienste am Staat. Im Gegenteil: Von einem Amtsinhaber wurde sogar noch erwartet, dass er sein Privatvermögen einsetzte, um staatliche Maßnahmen zu finanzieren. Das ging bis hin zu Veranstaltungen und dem Bau von Gebäuden. 

Hinzu kam aber auch seine schon erwähnte Freigebigkeit. Man kann auch sagen, Caesar trieb das Prinzip auf die Spitze und verschuldete sich über alle Maßen, um seine Wahlerfolge zu sichern. Dass er auch für seinen persönlichen Luxus viel Geld aufwendete, darüber geben die Quellen ein unterschiedliches Bild ab, denn einerseits berichten sie von Caesars Bescheidenheit, um die es weiter oben schon ging.
Andererseits soll er in den späteren Jahren seines Lebens durchaus Gefallen an den Annehmlichkeiten eines wohlhabenden Lebens gefunden haben.28 Vielleicht kann man beide Charakterbruchstücke vereinbaren, wenn man eine Entwicklung annimmt. Er wäre damit nicht der erste Mensch, der mit guten Vorsätzen startete und dann ziemlich bald seine Prinzipien über Bord geworfen hätte. 

Sexabenteuer mit Frauen und Männern aller Farben und Formen

Dieses Bild könnte man auch von Caesars Liebesleben erhalten. Er war dreimal verheiratet. Das allein ist aber noch kein Indiz für ein amouröses Lotterleben, denn seine erste Frau starb, von der zweiten ließ er sich wegen eines vermeintlichen moralischen Fehltritts scheiden und die dritte… ja, die war ihm dann tatsächlich wohl ziemlich egal. So egal, dass er einfach mit Cleopatra von Ägypten eine längere und öffentliche Affäre führte, obwohl er noch verheiratet war. Die Affäre ging immerhin über mehrere Jahre, und aus ihr ging auch ein gemeinsamer Sohn hervor.

Interessant ist übrigens der moralische Fehltritt seiner zweiten Frau, auf den wir noch mal zurückkommen. Das war nämlich so: In Caesars Haus fand eine religiöse Feier statt, zu der nur Frauen zugelassen waren. Gastgeberin war folglich Caesars Frau. Nun ergab es sich, dass ein gewisser Clodius sich in Frauenverkleidung in das Haus schummelte. Er wurde ertappt, und das Ganze war ein Skandal allerfeinster Güte,29 denn religiöse Riten hatten in der römischen Gesellschaft eine immense und für uns nicht mehr vorstellbare Bedeutung. Clodius hatte die Kulthandlung entweiht. 

Aber was konnte Caesars Frau nun dafür? Gar nichts. Und doch ließ Caesar sich von ihr scheiden. Das war auch für die Zeitgenoss*innen nur schwer verständlich. Deswegen fragten sie nach. Caesars Begründung: Seine Frau müsse über jeden Zweifel erhaben sein. Und der ganze Vorfall hatte Zweifel an ihrer Integrität erweckt. Immerhin war es denkbar, dass sie Clodius selbst hineingeschmuggelt hatte.29

War Caesar also ein besonders prüder Sittenwächter? Nicht ganz, denn irgendwo muss der Dichter Catull ja einen Anhaltspunkt dafür gehabt haben, Caesar als „Bückstück“ zu beschimpfen. 

Alles üble Nachrede?

Auch andere Quellen berichten ausführlich über Caesars Liebesleben. Den Anfang machte die Affäre mit König Nicomedes von Bithynien. Als Caesar zu Beginn seiner Karriere nach Kleinasien fliehen musste, soll er dort nicht nur ein Praktikum in Provinzverwaltung gemacht haben, sondern sich auch mit dem erwähnten jungen König vergnügt haben. 

Dieses Gerücht wurde Caesar auch später nicht mehr los.2 Zwar waren die Römer beim Thema gleichgeschlechtlicher Affären toleranter als Teile unserer modernen Gesellschaft es noch heute sind, aber genau genommen wurde über Caesar verbreitet, er habe sich König Nicomedes regelrecht hingegeben, also wie eine Frau. Und das galt im alten Rom, vor allem für hochstehende Persönlichkeiten, als Schande.32 Ob das Gerücht stimmt oder nicht, können wir nicht mehr entscheiden. Vielleicht handelte es sich auch um üble Nachrede. 

Übrigens gab es über Caesar unglaublich viele Gerüchte über Affären und Frauengeschichten. Der römische Biograph Sueton überliefert uns gleich eine ganze Liste dazu.33 Wo er die wohl herhatte? Vielleicht hat er Caesars schwarzes Notizbuch gefunden. Wir wissen es nicht. Man muss diese Gerüchte sehr vorsichtig behandeln, denn es war in der römische Oberschicht die leichteste Übung, eine Person dadurch in ein schlechtes Licht zu rücken. Aber auch hier gilt: Die schiere Masse der Indizien macht es möglich, dass zumindest ein wahrer Kern dahintersteckt.

Aber war er denn nun heiß oder nicht?

Diese – umstrittene – Büste ist vielleicht die originalgetreuste Abbildung Caesars, da sie möglicherweise noch zu seinen Lebzeiten entstand.
Originalfoto: Mcleclatderivative/DanieleDF1995, CC BY-SA 3.0

Wenn er so viele Affären hatte, muss er wohl auch recht begehrt gewesen sein. Lagen die Produzenten des Fernsehfilms 2002 also richtig, indem sie die Rolle des Caesar mit Jeremy Sisto besetzten? 

Geht man nach den zahlreichen Abbildungen und Statuen, die es seit der Antike von Caesar noch gibt, kann man eher weniger den Eindruck haben, dass Caesar neben seinen angeblich zahlreichen positiven Eigenschaften auch noch mit einem guten Aussehen gesegnet war. Aber alle diese Statuen sind natürlich keine  realitätsgetreuen Abbildungen. Teilweise sind sie Jahrzehnte oder Jahrhunderte nach Caesars Tod entstanden. Zudem zeigen sie ihn im fortgeschrittenen Alter, mit Glatze oder Halbglatze, die immerhin auch in den schriftlichen Quellen bezeugt ist.34 Die beschreiben ihn außerdem als groß und schlank, mit dunklen und stechenden Augen.

Und er soll außerdem gut in Form gewesen sein und kerngesund. In den Zusammenhang gehört allerdings auch noch ein Wort zu einem Leiden, das mit Caesar immer wieder in Verbindung gebracht wird: Seine Epilepsie. Diese erwähnt der Biograph Sueton allerdings nur mit im Zusammenhang mit zwei Amtshandlungen. Laut dieser Quelle soll Caesar nur sehr selten und in fortgeschrittenem  Alter entsprechende Anfälle gehabt haben. 

Er scheint alles in allem also schon eine recht gut aussehende und vor allem charismatische Erscheinung gewesen zu sein. Dessen war sich Caesar wohl auch selbst bewusst, denn eine gewisse Eitelkeit bleibt auch nicht unerwähnt. 

Auf die Körperpflege – er ließ sich am ganzen Körper epilieren – und den korrekten Sitz seiner Kleidung legte Caesar wohl ziemlich viel Wert. Und als ihm in späteren Jahren die Haare ausgingen, so Sueton, bestand Caesar vor allem deswegen darauf, dauernd einen Lorbeerkranz tragen zu dürfen, damit man seine Glatze nicht so sah. Irgendwie süß. Das macht ihn geradezu sympathisch. Ob ihn auch deswegen seine politischen Gegner unterschätzen und seine diversen Talente, seinen Ehrgeiz und seinen Tatendrang übersahen?

„Wenn ich sehe, wie Caesar sein Haar so kunstvoll frisiert und wie er sich nur mit einem Finger kratzt, dann kann ich wiederum gar nicht glauben, dass er zu einem solchen unheilvollen Plan wie der Ergreifung der Macht im Staat fähig sein könnte.“

Das soll Cicero über Caesar geschrieben haben.35 

Wie sehr er ihn doch unterschätzt hat.


  1. Corpus Inscriptionum Latinarum, VI, 1311
  2. Sueton, Caesar, 2 und Plutarch, Caesar, 1
  3. Plutarch, Caesar 5
  4. Plutarch, Caesar 4; Sueton, Caesar 55
  5. Das ist übrigens heute noch so. 152 von 709 Abgeordneten im aktuellen deutschen Bundestag sind Jurist*innen. Das sind 21%.
  6. Plutarch, Caesar 14
  7. Einen Überblick liefert: Ernst Baltrusch, Caesar und Pompeius, Darmstadt 22008, S.1-10
  8. Plutarch, Caesar, 57
  9. Plutarch, Caesar, 11
  10. Plutarch, Caesar, 55, Sueton, Caesar, 37-39, Cassius Dio, 43, 19-21
  11. Plutarch, Caesar 22
  12. Sueton, Caesar 6. Etwas präziser: Die Iulier betrachteten sich als Nachfahren des Iulus, des Sohnes des Aeneas. Die Abfolge lautete also: Venus – Aeneas – Iulus -> Die Familie der Iulier, zu denen Gaius Iulius Caesar gehörte.
  13. Plutarch, Caesar 4
  14. Plutarch, Caesar 4; Sueton, Caesar 54
  15. Plutarch, Caesar 7-8
  16. Sueton, Caesar 57
  17. Plutarch, Caesar 17
  18. Sueton, Caesar 58
  19. Plutarch, Caesar, 16
  20. Plutarch, Pompeius, 48
  21. Plutarch, Caesar 48; Sueton, Caesar 20
  22. Das Epigramm überliefert Sueton, Caesar 20. Es lautet im Original: Non Bibulo quidquam nuper, sed Caesare factum est; / Nam Bibulo fieri consule nil memini.
  23. Zum Beispiel als cinaedus. Die meisten Übersetzer schreiben „Strolch“. Das Wort heißt aber „Bückstück“, c. 57,1
  24. Sueton, Caesar 72
  25. Sueton, Caesar 75
  26. Sueton, Caesar 53
  27. Plutarch, Caesar, 5 und 11; Sueton, Caesar 54
  28. Sueton, Caesar 46
  29. Plutarch, Caesar 10
  30. Plutarch, Caesar 10
  31. Sueton, Caesar, 2 und Plutarch, Caesar, 1
  32. Sueton, Caesar, 48
  33. Sueton, Caesar 50-52
  34. Sueton, Caesar 45
  35. Plutarch, Caesar 4, etwas verkürzt wiedergegeben

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