Hekate – Die dunkle Göttin

Sie war die Göttin der Hexerei und der Nekromantie, aber auch die der verirrten Wanderer und des Lichts. Für die Menschen der Antike hatte sie eine große Bedeutung, ist aber heute fast in Vergessenheit geraten. Und Vieles, was wir über Hekate wissen, ist immer noch rätselhaft. 

Und das beginnt schon bei ihrem Namen und ihrer Herkunft. Die Zentren ihrer Verehrung lagen mehrheitlich in Kleinasien, das heißt, im westlichen Gebiet der heutigen Türkei. Daher geht die Forschung heute davon aus, dass Hekate vielleicht eine anatolische Göttin war. Ihr zu Ehren gab es an mehreren Orten in der Landschaft Karien sogar Festspiele, die Hekatesien. Möglicherweise war sie ursprünglich auch eine Ägypterin, denn ihr Name ähnelt dem der ägyptischen Fruchtbarkeitsgöttin Heqet. Natürlich geht es dabei nicht nur um den Namen. Inwiefern Hekate ebenfalls auch was mit Fruchtbarkeit zu tun hatte, darauf kommen wir noch. Außerdem aber hatte offenbar auch die ägyptische Heqet einen Hang zur Zauberei.1

So oder so wäre Hekate also eine Migrantin, denn sie stammt ursprünglich nicht aus dem griechischen oder römischen Kulturraum. Das ist aber überhaupt nichts Ungewöhnliches. Die ägyptische Göttin Isis oder die vorderasiatische Kybele sind weitere, sehr prominente Beispiele für Gottheiten mit Migrationshintergrund, die problemlos in das griechisch-römische Pantheon integriert wurden. Deswegen ist der heutige Beitrag nicht nur das Porträt einer rätselhaften, dunklen Göttin, sondern auch eine Geschichte über die integrative Kraft der antiken Kulte und Religionen. 

Moderne Darstellung der Hekate, bestehend aus drei Körpern und mit ihren häufigsten Attributen: Dunkelheit, Mond, Fackel und Schlüssel für die Tore der Unterwelt. Gemälde von Maxmilián Pirner (1901)

Die Multifunktionsgöttin

Die erste Erwähnung findet Hekate beim frühen griechischen Schriftsteller Hesiod.2 Das ist für Fachleute jetzt keine Überraschung, aber trotzdem ein paar Woche zu Hesiod: Der Kerl battlet sich seit einigen Jahrzehnten mit Homer um den Platz als ältester Schriftsteller der europäischen Geschichte. Ob nun Homer älter war oder Hesiod, werden wir vielleicht nie abschließend klären können, fest steht aber, dass Hesiod einen sehr frühen und sehr wichtigen Beitrag zur griechischen Kultur und Religion geleistet hat. 

Bei ihm finden wir ein Bild von Hekate, das mit Zauberei und Dunkelheit wenig zu tun hat. Laut ihm ist sie vor allem für persönlichen Wohlstand und gesellschaftlich-politischen Erfolg zuständig. Das ist nun erst einmal verwirrend, lässt sich aber erklären: Hesiod systematisierte die Götter- und Mythenwelt, das heißt, er versuchte, die vielen Sagen, Mythen und Legenden, die er vorfand, möglichst widerspruchsfrei zusammenzustellen und ein Werk zu formen, das wir heute wie ein „Handbuch“ ansehen würden. Götterwelt für Dummies oder so. 

Na ja, nicht ganz für Dummies, denn sein Werk ist und war eine nicht ganz anspruchslose Lektüre. Und doch war Hesiod die Quelle, auf die man sich in späteren Zeiten gern berief, wenn es darum ging, komplizierte Abstammungsverhältnisse und die Geschichte der griechischen Götter nachzuvollziehen. 

Hesiod wies vielen Gottheiten damit erst den klar umrissenen Platz zu, den sie heute in jedem Schulbuch einnehmen: Hermes war der Gott der Händler, Aphrodite die Göttin der Liebe und so weiter. Man kennt das. Dieses Bild geht aber an der Realität antiker Kulte vorbei. Eine Gemeinschaft, zum Beispiel eine Stadt, konnte Hermes als ihren Hauptgott auserwählen, und schon bekam er eine so große Bedeutung, dass er auch für viele andere Aspekte der Lebens zum Ansprechpartner wurde, die eigentlich nicht in seinem Aufgabengebiet lagen. Das Götterbild war sehr flexibel. Gottheiten konnten so zu regelrechten „Multifunktionsgottheiten“ werden. 

Schwerpunktgötter 

Und eine solche war auch Hekate. Hesiod hat sich das sicherlich nicht ausgedacht. Aber womöglich hatte er die Verehrung Hekates in einem bestimmten geographischen Gebiet vor Augen, als er seine Verse schrieb. Man sollte diese Flexibilität immer im Hinterkopf behalten, wenn man über antike Gottheiten spricht. Wenn man es auf eine Formel bringen müsste, könnte man bei vielen von ihnen vielleicht besser sagen: Hermes war ein griechischer Gott, der speziell als Gott der Händler und so weiter verehrt wurde. Es war nach dem Denken antiker Menschen selbstverständlich, dass er auch für viele andere Aspekte in Frage kam. Ein Gott ist erst mal ein Gott. Der kann einem eigentlich immer irgendwie weiterhelfen. 

Wie Hekate genau zum Schwerpunkt ihrer Tätigkeit gelangte, bleibt ein bisschen spekulativ. Im Homerischen Demeter-Hymnos, der wahrscheinlich nicht von Homer stammt, hat sie offenbar begonnen, sich im Bereich „Tod und Unterwelt“ zu spezialisieren. Es geht im Hymnos um Demeter, eine Vegetationsgöttin mit dem Schwerpunkt Landwirtschaft. Ihre Tochter Pesephone begeht im Mythos den Fehler, eine verbotene Frucht zu essen, und muss fortan immer ein halbes Jahr in der Unterwelt verbringen. Im Zusammenhang mit dieser Geschichte taucht auch Hekate auf. Sie hat einen Job als Praktikantin, denn sie geleitet Persephone in die Unterwelt.3 Für diesen Job hatten die Griech*innen sogar eine eigene Bezeichnung: Psychopompos – Seelenführer (m/w/x). Den Job hatte übrigens nebenbei auch der eben erwähnte Hermes ganz oft. 

Das ist jedenfalls die erste literarische Quelle, die unsere dunkle Göttin mit der Unterwelt in Verbindung bringt. Der Text ist sicherlich jünger als der von Hesiod. Aber das heißt nicht, dass sein Inhalt auch jünger ist. Vielleicht erzählte man sich die Geschichte von Hekate als Psychompompos schon lange vorher. 

Von den großen Namen zu den Namenlosen

Ab hier müssen wir den Pfad verlassen, der uns von den „Großen“ der Literaturgeschichte vorgegeben wird. Pfad ist übrigens ganz passend, aber dazu kommen wir noch. Eigentlich dient dieser Absatz ohnehin nur als ein kurzer Schnupperkurs in die Arbeit klassischer Philolog*innen und Altertumskundler*innen. Sich ein möglichst vollständiges Bild von einem Kult (oder einer Gottheit im Speziellen) zu machen, ist nämlich eine Sisyphusarbeit.

Die reinen Fakten, die wir hier präsentieren, sind ja im Grunde so genanntes lexikalisches Wissen. Und genauso wurde es in der Antike schon behandelt. Es gab auch damals Personen, die Nachschlagewerke verfassten. Andere kommentierten literarische Werke und liefern uns in ihren „Fußnoten“ wichtige Hinweise. Und genau diese Personen, sie hießen zum Beispiel Pollux, Servius oder Athenaios, sind daher für Altertumswissenschaftler*innen bisweilen wichtiger als Homer oder Hesiod. 

Von ihnen stammt der größte Teil des Wissens, das im Folgenden vorgestellt wird. Hinzu kommen kurze Erwähnungen und kleine Andeutungen bei bekannteren Autoren des Altertums und natürlich zuguterletzt archäologische Zeugnisse. Dieses Wissen müssen wir uns heute glücklicherweise nicht mehr selbst zusammenklauben. Das haben große Geister des 19. Jahrhunderts für uns erledigt, und zwar für viele Bereiche der griechisch-römischen Antike. 

Ein solcher großer Geist war Wilhelm Heinrich Roscher, der ein fettes Lexikon zur griechisch-römischen Mythologie anlegte. Es umfasst sechs Bände, in denen er penibel alle möglichen Erkenntnisse zu so ziemlich jeder Figur zusammentrug, das er finden konnte. Auch wenn er Hilfe hatte und von zahlreichen weiteren Gelehrten aus ganz Deutschland unterstützt wurde: Der Mann hatte weder Computer noch Datenbanken zur Verfügung. Und offenbar kein Leben. 

Verirrte Wanderer in der Nacht

Und eben gerade weil die Autoren des „Roscher“ sämtliche Belege für die Hekate-Verehrung mit einbeziehen, kommt bei ihnen ein ganz anderes Bild zustande als bei Hesiod.4 Im Kern scheint Hekate zunächst eine Lichtgöttin gewesen zu sein.5 Das deckt sich damit, dass ein häufiges Attribut ihrer Darstellungen eine Fackel ist. Letztlich war sie aber vor allem eine Lichtbringerin in der Dunkelheit, die häufig an Wegkreuzungen verehrt wurde.6 Sie war also eine Göttin der Wanderer, speziell der nächtlichen Wanderer. Wer schon mal bei absoluter Dunkelheit, vielleicht in einer mond- und sternlosen Nacht, durch die Wildnis marschiert ist, kann nachvollziehen, dass eine solche Göttin durchaus ihre Existenzberechtigung hat.

Damit ist sie zunächst eine durch und durch positive Figur. Aber auch hier muss man wieder ein wenig Flexibilität im Denken üben. Für uns heute ist es selbstverständlich, in einem Gott oder einer Göttin prinzipiell etwas Positives zu sehen. Moderne Religionen sind aber nun mal recht sparsam mit Göttern. Die meisten haben nur einen. Wenn es aber mehrere gibt, dann kann man sich auch Götter leisten, die nicht so positiv besetzt sind. 

Aber selbst wenn es sich um einen Gott der Zerstörung und des Chaos handelt, wie den ägyptischen Seth, dann ist unser Bild zwar negativ, aber immerhin noch eindeutig. Es ist ein böser Gott. Man schuldete ihm Verehrung, aber geliebt hat ihn bestimmt keiner. 

Dieses Bild ist aber zu einfach. Auch der ägyptische Seth hatte andere Seiten. Und auch jede griechisch-römische Gottheit hatte ihre guten und ihre schlechten Seiten. Hekate ist da keine Ausnahme.

Satanismus in der Antike?

Dass sie auch eine düstere Seite hatte, deutet sich in der Opferpraxis an, denn man opferte Hekate regelmäßig junge Hunde an Kreuzungen. Die Sache mit den Tieropfern mag uns heute anwidern, war damals aber üblich. Auffälliger ist die Tatsache, dass es Hunde sein mussten. Praktischerweise opferte man zumeist eher Tiere, die man nach der Zeremonie noch essen konnte. Noch auffälliger ist, dass es an einigen Orten wohl unbedingt schwarze Hunde sein mussten.7 Das klingt für uns nun schon ziemlich nach Satanismus der übelsten Sorte. 

Da kann man eigentlich mal gut einhaken und fragen: Wie kamen die eigentlich auf solche Ideen? Willkürlich waren solche Zeremonien oder Gebräuche nämlich keineswegs. Das Opfer diente der Entsühnung. Alle Bewohner*innen eines Haushalts mussten vor dem Opfer von dem bemitleidenswerten Hund berührt werden. Er starb gewissermaßen als Vertreter des Haushalts und nahm ihre „Sünden“ mit in den Tod. Der Hund wurde womöglich deswegen als Opfertier gewählt, weil er als ältestes Haustier des Menschen galt. Das hatte er also davon. 

Die Opferhunde mussten jung sein, weil Jugend in den griechisch-römischen Kulten häufig mit dem Mond assoziiert wurde. Der Mond ist schließlich der Himmelskörper, der im Monatsverlauf eine Entwicklung durchmacht, die an das Werden und Vergehen von Lebewesen erinnert. 

Hekate ist also bis hierhin eine Göttin, die Licht in der Dunkelheit spenden konnte, aber auch in dieser zu Hause war. Sie stand in enger Verbindung zum Mond,8 was zu einer ziemlich eigenartigen Entwicklung in der Ikonographie führte. So nennen wir die Art und Weise, wie Gottheiten (aber auch berühmte Menschen) in früheren Epochen dargestellt wurden. Hekate besteht in vielen Darstellungen aus drei Frauen. Kein Witz. Sie sieht aus wie ein siamesischer Drilling. Damit verkörpert die Darstellung die drei Mondphasen „zunehmend“, „voll“ und „abnehmend“.

Göttin des Übergangs 

Ein antikes Hekataion, also eine Mini-Darstellung der dreigestaltigen Göttin Hekate. um 300 v. Chr., unbekannter Fotograf, gemeinfrei

Damit gelangt man zu einer übergeordneten Bedeutung der Göttin. Hekate war bei (Pseudo-)Homer schon Praktikantin in der Unterwelt und geleitete Seelen ins Reich der Toten. Ihre Darstellung verbindet in Gestalt der Mondphasen das Werden und Vergehen. Die beliebteste Opfertiere waren junge Hunde, denn Tod und Jugend lagen ganz eng beieinander. Auch das ist typisch für antike Kulte, denn man sah in beiden Ereignissen, der Geburt und dem Tod, ein ähnliches Wirkprinzip. Es waren Übergänge von der einen in die nächste Welt. So kommt es, dass Hekate auch als Beistand während der Geburt angerufen wurde.

Hekate war also eine Göttin des Übergangs.9 Daher wurde sie nicht nur an Wegkreuzungen, sondern auch an den Schwellen von Gebäuden verehrt. Dort befand sich mitunter eine kleine Figur, die sie in der erwähnten Dreigestalt darstellte. Eine solche Figur nannte man Hekataion, also… Hekatchen? Hekätchen? „Kleine Hekate“ halt. Mancherorts war eine solche Gestalt auch in eine Säule oder den Türpfosten eingearbeitet. Für Hekate gab es übrigens selten eigene Tempel. Sie wurde oft am Eingang der Tempel für andere Gottheiten mitverehrt. 

Göttin der Nekromantie und Hexerei

Hekate war aber nicht nur für die natürliche Richtung des Übergangs zuständig. Wenn sie Seelen vom Diesseits ins Jenseits brachte, dann konnte sie das vielleicht auch umgekehrt? Auf den Gedanken kamen auch schon die Menschen in der Antike.10

Mit Hekates Hilfe war es möglich, mit den Toten in Kontakt zu treten. Ob es schon Séancen in unserem modernen Sinn gab, darf man bezweifeln, aber letzten Endes stehen auch die heutigen Ouija-Bretter in einer sehr alten Tradition, denn so gut wie alle Kulturen in allen Epochen versuchten auf die eine oder andere Weise, mit der jenseitigen Welt in einen Austausch zu treten. Die Motive sind breit gestreut: Man wollte einfach noch einmal die kürzlich verstorbene, geliebte Person hören oder sehen. Oder man erhoffte sich die Erkenntnis einer höheren Weisheit von Seelen, die „die andere Seite“ gesehen hatten. Nicht zuletzt gab es natürlich auch finstere Absichten, zum Beispiel die Beschwörung von Geistern und Dämonen, um sie für eigene Zwecke einzuspannen, speziell Rache.11 Auch dafür stand Hekate und wurde damit auch zur Göttin okkulter Rituale, oder wie wir heute sagen würden, der Hexerei.12

An dieser Stelle muss man sich aber vielleicht noch einmal die Flexibilität antiker Göttergestalten erinnern. Das alles konnte sich durchaus gleichzeitig abspielen. Für die Menschen der klassischen Antike war es kein Widerspruch, in Hekate die Bringerin des Lichts in der Dunkelheit zu sehen, sie als Beschützerin bei der Geburt anzurufen, aber eben auch als finstere Gebieterin düsterer Wesen aus der Unterwelt zu betrachten. 

Eine göttliche Karriere

Wenn eine Gottheit ein so breites Spektrum an Kompetenzen aufweist, ist es wenig verwunderlich, dass sie ein hohe Verbreitung erlangt. Wie schon erwähnt, handelte es sich bei Hekate anfangs um eine lokale Gottheit aus Kleinasien. Spätestens zur Zeit der römischen Kaiserzeit kannte man sie aber überall im Reich. Das hat mit ihrem breiten Spektrum zu tun, hängt aber auch mit drei Besonderheiten der griechisch-römischen Kultur zusammen. 

Zum einen gab es in der Antike die so genannten Mysterienkulte. Darunter versteht man Gemeinschaften, die sich von den „Allerweltskulten“ ihrer Mitmenschen bewusst absetzten. Wollte man heute einen Vergleich finden, würde die eine oder andere Sekte in diese Richtung gehen. 

Die Mysterienkulte stellten in der Regel eine bekannte Gottheit oder mythologische Figuren ins Zentrum ihres Kultes, entwickelten aber eigene Theologien darum herum, und vor allem eigene Riten und Traditionen. Von ihrem Umfeld setzten sie sich vor allem dadurch ab, dass sie ein „Geheimwissen“ innerhalb ihres Kultes entwickelten, das nur Eingeweihten zugänglich war. Das ist übrigens auch der Grund, weshalb wir uns heute von vielen Mysterienkulten, wie den Orphikern oder dem Mithras-Kult, ein nur sehr lückenhaftes Bild machen können.

Es liegt ein wenig in der Natur der Sache, dass Mysterienkulte auch dazu tendierten, buchstäblich „mysteriöse“ Gottheiten oder Figuren ins Zentrum ihrer Kulthandlungen zu stellen. Die Themen Tod, Wiedergeburt, Übergänge zwischen den Welten und Magie, das sind alles Dinge, die nicht erst heute viele Menschen faszinieren. Daher überrascht es wenig, dass Hekate in solchen Mysterienkulten eine große Rolle spielte.13 Das steigerte ihren Marktwert zusätzlich. Wer es als Gottheit geschafft hatte, einen eigenen Mysterienkult ans Laufen zu bringen, hatte ausgesorgt. 

Hekate und die alten Männer mit Bart

Die zweite Besonderheit betrifft ihrerseits einen Übergang, nämlich den vom Kult in die Philosophie. Hekate nahm vor allem bei den Neuplatonikern eine besondere Stellung ein. Das wollen wir aber kurz halten, denn es ist ein recht trockenes Thema. Die Neuplatoniker konnten vor allem mit ihrem sehr breiten Kompetenzfeld etwas anfangen und sahen Hekate als Verkörperung der Weltseele und als Vermittlerin zwischen den Welten.  

Dass Gottheiten aus der Religion in den Bereich der Philosophie übertreten konnten, ist übrigens für die Antike nichts Besonderes. Heutzutage gehört die Philosophie in den Bereich der Wissenschaft und hat mit der Religion nichts zu tun. Aber trotzdem können wir den Zusammenhang ganz gut nachvollziehen, denn auch eine philosophische Richtung kann zu gewissen Grundannahmen gelangen, die quasi-religiös anmuten. Umgekehrt enthalten auch Religionen durchaus eine philosophische Komponente. Letztlich gehen beide von denselben Grundfrage aus: „Warum?“ oder „Zu welchem Zweck?“.

Polytheismus und Synkretismus

Wegen des Synkretismus ist man sich bei diesem Vasenbild nicht so sicher, ob es sich um die abgebildete Göttin um Hekate oder die Jagdgöttin Artemis handelt. Dass das Tier im Hintergrund ein Hund sein soll, obwohl es wie ein hässlicher Ameisenbär aussieht, ist allerdings unumstritten. (unbekannter Fotograf, gemeinfrei)

Es bleibt noch eine dritte und letzte Besonderheit der Antike. Dass Hekate überhaupt aus ihrem angestammten Kaff in Anatolien herauskam und Karriere machen konnte, liegt an der Offenheit des griechisch-römischen Polytheismus. Das muss man eigentlich gar nicht so besonders erklären, sondern kann es auf eine prägnante Formel bringen: Bei so vielen Gottheiten kann eine mehr oder weniger auch nicht schaden. Weder für die antike griechische noch die römische Gesellschaft stellte es ein Problem dar, eine fremde Gottheit zu akzeptieren oder bei Gefallen sogar zu integrieren. Hekate ist dafür ein Beispiel unter vielen. Die eingangs erwähnte Isis aus Ägypten wäre ein weiteres. 

Die Vorstellungen über Götter und mythologische Figuren waren sogar so flexibel, dass es zu regelrechten Vermischungen kommen konnte. Die klassische Mondgöttin der griechischen Mythologie ist Artemis. Daher verwundert es nicht, dass Artemis und Hekate an einigen Stellen als identisch aufgefasst wurden.14 

In manchen Varianten des Demeter-Mythos, der am Anfang schon mal erwähnt wurde, taucht Hekate nicht als Begleiterin der Persephone auf dem Weg in die Unterwelt auf, sondern tritt selbst an ihre Stelle und wird zur Tochter der Demeter.6  

Solche Verbindungen (böse Zungen könnten von Verwechslungen sprechen) waren in der griechisch-römischen Religion ebenfalls ganz normal. So normal, dass es dafür sogar einen Fachbegriff gibt: Synkretismus. Hekate ist ein hochgradig synkretistische Gottheit, so dass es schwerfällt, überhaupt ihren eigentlichen Kern herauszuschälen.

Offene und geschlossene Religionen

Diese Offenheit in religiösen Fragen funktionierte im Großen und Ganzen gut. Erst als das Judentum, vor allem aber das Christentum auftauchte, rappelte es im Karton. Warum eine Integration im Fall des Christentums nicht möglich war, das lassen wir hier einmal beiseite, denn das ist ein ganz eigenes Thema. 

Man ist fast geneigt, den Begriff „liberal“ in diesem Zusammenhang anzuwenden. Und so ganz falsch ist er ja auch nicht: Die Ausübung der persönlichen Religion oder des eigenen Glaubens war in der Antike sicherlich liberaler als in späteren Zeiten. Solange man willens war, sich den etablierten Gottheiten nicht ganz zu verweigern, konnte man im Grunde so ziemlich glauben, was man wollte.

Monotheistische Religionen dagegen tun sich naturgemäß schon vom Grundansatz her schwer damit, fremde Gottheiten oder Kultelemente zu integrieren. Es gibt natürlich auch Ausnahmen. Das Osterfest wäre so ein klassischer Anlass im christlichen Festkalender, bei dem ein heidnisches Fruchtbarkeitsfest mit dem Christentum in Einklang gebracht wurde. Auch das ist eine Form von religiösem Synkretismus. Solche Beispiele sind aber natürlich nicht zu vergleichen mit der integrativen Kraft der griechisch-römischen Religion.

Das ist irgendwie schon eine etwas verblüffende Erkenntnis, denn liberales Denken ist nicht gerade etwas, was man mit den antiken Gesellschaften assoziiert. Im Gegenteil. In vielen Feldern herrschten starre Vorstellungen vor. Die Geschlechterrollen wären da ein Beispiel. Und trotzdem zeigt sich, dass die Antike manchmal im Denken flexibler war, als man im ersten Moment glaubt. 

Und doch kann man sich im Zusammenhang mit Hekate, ihrem Migrationshintergrund, ihrer Wandelbarkeit und dem ganzen Synkretismus-Kram eine Frage mal zum Nachdenken einpacken und mitnehmen: Inwiefern eigentlich eine offene und liberale Religion eine Gesellschaft prägt. – Und umgekehrt. 

  1. Hans Bonnet: Reallexikon der ägyptischen Religionsgeschichte, 3. unveränderte Auflage Berlin 2000, s. v. „Heket“
  2. Theogonie 411-452
  3. Homerische Hymnen, II (Demeter), 440
  4. W. H. Roscher, Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie, Leipzig 1890 (u. ö.) s. v. Hekate, Band I, 1885-1910
  5. Euripides, Helena 569
  6. Euripides, Ion 1048
  7. nämlich in Kolophon, Pausanias III,14,9
  8. Schol. Apoll. Rh. III, 1214
  9. Vergil, Aeneis VI, 255
  10. Euripides, Helena, 569
  11. Servius, Vergil Aeneis IV,609
  12. zum Beispiel bei Ovid, Heroides XII, 168 und Met. XIV, 44
  13. zum Beispiel bei Pausanias II, 30, 2 oder Strabo X,3,10
  14. Aischylos Suppl. 676
  15. Euripides, Ion 1048

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