isolieren – Fremdwort der Woche

Na gut, man könnte heute auch zurecht behaupten, „isolieren“ wäre ein französisches Wort. Ist es auch. Über das französische Verb isoler ist „isolieren“ ins Deutsche gekommen. Im Französischen wird isolé auch mit der heutigen Bedeutung „vereinzelt“ oder „abgesondert“ verwendet. Aber ganz im Ursprung ist das Wort latenisch und deshalb eine Erwähnung hier wert. Und auf Latein hatte es noch eine ganz konkrete Bedeutung, die auch etwas schräg ist.

Das französische isolé geht nämlich über das italienische isolato zurück auf das lateinische insulatum. Darin erkennt man schon das Substantiv insula „Insel“. Etwas, was isoliert ist, ist also „wie eine Insel“. Bei Menschen, die isoliert sind, kann man sich das irgendwie noch gut vorstellen. Eremit*innen, Corona-Patient*innen und andere Menschen mit wenig Sozialkontakten leben wie Inseln. Allein in einem weiten Meer, vereinzelt, umgeben vom Nichts.

Aber auch bei Wärmedämmung und Kabeln usw. sprechen wir heute davon, dass wir etwas isolieren müssen. Da hat sich die Bedeutung dann schon etwas weiter von der ursprünglichen entfernt. Bei Wärmedämmung geht es ja nicht darum, dass man sein Haus zu einer Insel macht und weit und breit keine Nachbar*innen mehr sehen will. Aber ums Absondern geht es schon. In diesem Fall von der Kälte, in anderen Fällen von Schall oder bei den Kabeln eben von direktem Kontakt. In dem Sinne können also nicht nur Menschen, sondern auch Dinge isoliert werden.

Bayern isoliert sich – nur noch per Boot zu erreichen

Das lateinische Verb insulare ist aber trotzdem spannend. Denn das Verb von „Insel“ wäre ja so etwas wie „verinseln“ bzw. „zu einer Insel machen“. Wer zur Hölle hat bitte jemals dieses Wort benutzt? Klingt ein bisschen nach einer schlechten Wette. Als hätten zwei Latein sprechende Personen gewettet: „Ey, wetten dass ich es schaffe, das Wort ‚verinseln‘ in meinem nächsten Text zu benutzen?“ – „Wie ‚verinseln‘? Was soll das denn heißen? Das ist doch überhaupt kein Wort.“ 

Die beiden lateinischen Autoren, die diese Wette gewonnen haben, sind Apuleius und der Kirchenvater Augustinus. Apuleius spricht über die Entstehung von Meeren und Kontinenten und davon, dass alles auf der Welt dem Wandel unterworfen sei. Starkregen könne Landstriche überfluten und „verinseln“.1 Augustinus erwähnt, welche Übel es alle auf der Welt gibt und erwähnt darunter eben auch Naturkatastrophen. Wenn es um das „Verinseln“ geht, zitiert er aber genau die Stelle von Apuleius und erwähnt ihn sogar namentlich als Quelle.2 Sagen wir mal, das zählt bestenfalls so halb.

Das waren dann auch schon alle Belege, die wir für die Verwendung dieses Wortes in der Antike haben. „Isoliert“ in seiner ursprünglichen Bedeutung „verinselt“ wurde aus naheliegenden Gründen eher selten verwendet. Wenn ihr euch allerdings demnächst zufällig über die Entstehung von Inseln unterhaltet, könnt ihr jetzt „isolieren“ als Fachwort einbringen. Karriere machte das Wort erst später in den romanischen Sprachen in der übertragenen Bedeutung „vereinzelt“ oder „abgesondert“.

  1. Apuleius, de Mundo 34
  2. Augustinus, De Civitate Dei 4,2

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3 Antworten zu “isolieren – Fremdwort der Woche”

  1. Danke für die Erklärung des Wortes isolieren. Ich habe derzeit ein Schulprojekt über die Thematik und bin noch komplett am Anfang. Der Vergleich mit der Insel hat mir sehr gut gefallen.

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