Kritik – Fremdwort der Woche

Kritik ist ein unschönes Wort. Es klingt auch gleich schon so hässlich. Und die meisten Menschen haben mit Kritik auch ein gewaltiges Problem, auch wenn „Kritikfähigkeit“ zu den zentralen Kompetenzen unserer Zeit gehört. Mit dieser Wort-Missbildung werden wir aber weiter unten noch abrechnen. 

Eigentlich hatten wir das zugrundeliegende altgriechische Wort schon mal, und zwar im Zusammenhang mit der Krise. Denn die Kritik und die Krise gehen beide auf das Verb κρίνω (kríno) zurück, das „entscheiden“, aber auch „beurteilen“ oder „verurteilen“ bedeutet. Kritik ist immer ein Urteil. Das ist gut nachvollziehbar. Und ebenso, wie man heute auch gern betont, dass Kritik auch positiv sein kann, bedeutet auch schon das altgriechische Verb κρίνω  (kríno) natürlich erst einmal völlig wertfrei, dass hier ein Urteil gefällt wird. 

Von diesem Verb leitet sich das Adjektiv κριτικός (kritikós) ab, das dann „fähig zur Entscheidung“ bedeutet oder „befugt, ein Urteil zu sprechen“. In Kombination mit dem Allerweltswort τέχνη (téchne) ergab sich die κριτική τέχνη (kritiké téchne), die „Urteilskompetenz“.

Unser Wort „Kritik“ ist nur die verkürzte Form dieses Ausdrucks, der schon in der Antike erstmals im Zusammenhang mit Sprach- und Literaturwissenschaft verwendet wurde. Die ersten Kritiker*innen der Weltgeschichte waren also die Literaturkritiker*innen. 

Heute wenden wir Kritik dagegen in allen Bereichen an, nicht nur, wenn wir ein Buch gelesen haben. Bei manchen Leuten, deren Leben gefühlt nur aus Unzufriedenheit und Nörgeln besteht, mag man sich aber vielleicht wünschen, es wäre bei der Literaturkritik geblieben. Dabei hat Kritik in vielen Fällen natürlich auch was Gutes, auch wenn sie negativ ist. Wenn man was daraus lernen oder verbessern kann, dann hat sie durchaus ihre Berechtigung. Womit wir bei der „Kritikfähigkeit“ sind. 

Wie man an der Nörgelei noch herumnörgeln kann

Wenn wir uns schon mit Kritik befassen, dann können wir uns auch gleich ein kleines Schlachtfest der Nörgelei gönnen. Manchmal macht es auch einfach Spaß, seinen Hass auf die Menschheit in die Welt hinauszuspeien. Also, holt euch Popcorn und genießt es:

Das hier ist kein Blog für Germanist*innen, aber so ein paar Prinzipien der Sprachwissenschaft sind nun mal universal und stellen auch für Altsprachler*innen das tägliche Brot dar. Das Wort „Kritikfähigkeit“ ist eine ziemlich hässliche Fehlbildung. So, jetzt ist es raus.

„Kritikfähigkeit“ bedeutet „die Fähigkeit, kritisieren zu können“ und nicht anders herum. Eine Literaturkritikerin oder ein Filmkritiker weisen im besten Fall eine hohe Kritikfähigkeit auf. Das jeweilige „Opfer“ der Kritik benötigt aber keine Kritikfähigkeit, sondern die Fähigkeit, mit Kritik umgehen zu können.1

Diese Dinger wie „-fähig“, „-arm“ oder „-bar“ und so weiter nennt man Suffixe. Davon hat die deutsche Sprache einige, und eines ihrer schönen Features ist, dass sie im Großen und Ganzen sehr konsequent und präzise eingesetzt werden. 

…und wie man die Titanic noch in diesen Blogpost bekommt

Trotzdem ist das falsche Spiel mit Suffixen nicht ganz neu. Dass die Titanic in Wirklichkeit nicht unsinkbar war, hat 1912 so manche vom Hocker gehauen. Das konnte sie aber auch gar nicht sein, denn korrekterweise hätte sie nur unversenkbar sein können. Das Suffix -bar kann nämlich nur an Verben gesetzt werden, die man auch ins Passiv setzen kann. Menschen können ja auch nicht helfbar sein. Auch wenn das sprachlich manchmal umständlich ist. 

Man kann nun mal  auch leider nicht „gesinkt“ werden, sondern nur „versenkt“. Folglich kann ein Schiff auch nur mehr oder weniger „versenkbar“ sein, und nicht „sinkbar“. Hätte man das damals mal bedacht, dann wäre vielleicht alles anders gekommen. Daran kann man sehen: Suffixe können Leben retten. 2

  1. Jasmin hat mich noch auf ein paar weitere Beispiele solcher Fehlbildungen aufmerksam gemacht, wie zum Beispiel „transportfähig“, wo man eigentlich „transportierbar“ meint.
  2. Wer es noch etwas genauer wissen möchte: Der Fehler beruht auf einer gedankenlosen Übersetzung aus dem Englischen. „Unsinkable“ kommt natürlich von „to sink“ – „sinken“. Das Verb hat im Englischen aber leider beide Bedeutungen, einmal die so genannte intransitive, aber auch die transitive. Es kann also auch „versenken“ heißen. Böse Falle.

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