Natron – Fremdwort der Woche

Wir haben uns schon mal damit beschäftigt, warum Basilikum so ein königliches Kraut ist. Schauen wir uns heute im „Fremdwort der Woche“ doch Natron an, das sogar im Verdacht steht, göttlich zu sein.

Um Chemiker*innen vorweg vor dem Herzinfarkt zu bewahren: Natron heißt nach der richtigen chemischen Nomenklatur natürlich Natriumhydrogencarbonat. Das ist aber ein langweiliger Name und keiner, über den man spannende Storys mit Mumien erzählen kann.

Ursprünglich kommt das Wort Natron nämlich aus dem Altägyptischen. Es ist ein Wort mit dem Konsonantenbestand ntr.j. (Zu dem Problem mit den Vokalen könnt ihr hier weiterlesen.) Von dort gelangte es ins Griechische (νίτρον) und Arabische ((a)naṭrūn) und, wie viele Stoffbezeichnungen in der Chemie, hauptsächlich über das Arabische schließlich in die meisten modernen europäischen Sprachen.

Nach dem Natronsalz wurde auch das gesamte Abbaugebiet im antiken und überhaupt vormodernen Ägypten „Wadi an-Natrun“ benannt. Auf Altägyptisch hieß dieses etwa 100 km südöstlich von Alexandria in der Wüste gelegene Wadi Sechet-hemat („Salzfeld“). Die dort abgebaute Mischung aus Natriumhydrogencarbonat und Natriumcarbonat wurde in der Antike regelmäßig bei der Mumifizierung verwendet, da sie Wasser entzieht.

Ist Natron göttlich?

Es fällt dabei sehr auf, dass ntr.j („Natron“) denselben Konsonantenbestand hat wie ntr.j („göttlich“). Und wie wir alle in der Schule gelernt haben, haben die Ägypter*innen ihre Körper mumifizieren lassen, damit sie im Leben nach dem Tod unsterblich und göttlich sein können. Da kann man ja schon auf den Gedanken kommen, dass Natron „göttlich“ bedeuten würde. Einige frühe Ägyptologen des 19. Jahrhunderts vermuteten auch genau das. 

Leider ist das nicht der Fall. Die beiden Wörter haben nur zufällig dieselben Konsonanten und sonst nichts miteinander zu tun. Stellt euch vor, Deutsch würde ohne Vokale geschrieben. Dann hätte KaTZe auch denselben Konsonantenbestand wie KoTZe. Und HuNDe denselben wie HäNDe. Trotzdem haben die Wörter nichts miteinander zu tun. So ist es auch bei „Natron“ und „göttlich“. Also nein, Natron ist leider nicht göttlich.

Um dem Namen auf die Spur zu kommen: Nicht nur das Natronsalz wird auf Ägyptisch ntr.j genannt, sondern alle Gegenstände, die man bei der Mumifizierung benötigt. Auch Mumienbinden oder Mumifizierungsgeräte können ntr.j heißen.  Ntr.j bedeutet nämlich schlicht „zum Begräbnis gehörend“. Natron ist übrigens auch der Hauptbestandteil von Backpulver. Jetzt wo ihr wisst, dass es „zum Begräbnis gehörend“ heißt, überlegt euch gut, von wem ihr Kuchen annehmt.

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