Nero – ein Künstler auf dem Kaiserthron?

Der 19. Juli 64 n. Chr. war ein ganz normaler Sommertag in Rom, heiß, aber etwas windig. In den kleinen Läden am Circus Maximus herrschte geschäftiges Treiben, als die Händler abends ihre Waren verräumten und sich auf den Feierabend freuten. Doch dann entzündete sich an dem Bauwerk, das damals noch aus Holz bestand, ein Feuer. Vermutlich hätte zu diesem Zeitpunkt niemand gedacht, dass dieses kleine Feuer noch Jahrhunderte später die Gemüter erhitzen würde.

Ein denkwürdiger Tag für die römische Geschichte

An diesem Tag ging Rom in Flammen auf. Der Brand wütete über eine Woche lang und zerstörte geschätzt 70% des Stadtgebietes ganz oder teilweise. Die Toten und Verletzten – ungezählt. Und der Kaiser? Er stand währenddessen auf dem Balkon und rezitierte im Schein der Flammen Verse über den Trojanischen Krieg. Wer war dieser Nero? War er ein verkannter Künstler oder das blutrünstige Monster, als das er in die Geschichte einging?

Erst mal vorweg: Wie bei allen historischen Personen, werden wir auch diesmal nicht mit einem Blogbeitrag eine lange wissenschaftliche Diskussion beenden. Das ist grundsätzlich schon ein Ding der Unmöglichkeit, aber es wird umso schwerer, je länger die Ereignisse zurückliegen. Vieles muss allein deswegen schon unklar bleiben, weil wir nur einen einzigen ausführlichen Quellentext von einer Person besitzen, die die Herrschaft Neros noch miterlebt hat.

Geschichtsschreibung vs. Geschichtswissenschaft

Das ist der Historiker Tacitus, der zum Zeitpunkt des Brandes in Rom etwa 10 Jahre alt gewesen sein dürfte und etwa 14 oder 15, als Nero starb. Als direkter Augenzeuge kommt er daher weniger in Frage. Aber als er als Erwachsener begann, ein großes Geschichtswerk (die „Annalen“) zu verfassen, war er immerhin noch ganz nah dran. Er konnte Zeitzeugen befragen und hatte Zugang zu Dokumenten und Archiven, die für uns lange verloren sind. 

Nero betrachtet den Brand Roms. So stellte sich der Künstler Karl von Piloty die Szenerie vor. (ca. 1861, gemeinfrei)

Aber mit Tacitus hat die moderne Forschung trotzdem so ihre Problemchen. Geschichtsschreibung hatte in der Antike einen anderen Anspruch als die heutige historische Forschung: Es handelte sich um Literatur. Auch die Annalen des Tacitus sind in erster Linie ein literarisches Werk, kein dokumentarisches. 

Man ahnt schon, worauf das hinausläuft: Man merkt dem Werk des Tacitus an, dass er keine sehr hohe Meinung von Nero hatte. Tacitus war ein Angehöriger der senatorischen Oberschicht in Rom. Und mit der lag Nero ziemlich über Kreuz. Man kann also Tacitus’ Text nicht unkritisch lesen. 

Die zweite Quelle macht’s nicht besser

Unsere zweite Quelle über Nero und sein Leben ist der Biograf Sueton. Er wurde erst nach Neros Tod geboren und verfasste einige Jahrzehnte später Biografien über die römischen Kaiser. Auch hier kann man sich schon denken, worin das Problem liegt. 

Heutzutage gibt es natürlich fachwissenschaftliche Biografien. Aber die liest man eigentlich nie freiwillig, sondern nur, wenn man es muss. Wenn man sich dagegen in der Buchhandlung eine Biografie über Tina Turner kauft, erwartet man keinen akkuraten, historischen Bericht. Man erwartet, etwas über sie zu erfahren. Welche Erlebnisse haben sie geprägt? Was treibt sie an? Und schöne Hochglanzfotos aus Tinas Karriere sollen bitte auch drin sein. Und das galt in der Antike im Grunde genauso (nur ohne die Fotos). Also ist auch Sueton eine schwierige Quelle, zumal auch er die negative Sichtweise seiner Vorgänger und Zeitgenossen auf Nero übernimmt. 

Alle weiteren Quellentexte aus der Antike stammen von Autoren, die deutlich später lebten. Da war der Ton schon gesetzt: Nero galt als eines der klassischen Beispiele für „Caesarenwahn“, also einen Kaiser, dem die Macht zu Kopf gestiegen war und der kein Maß mehr kannte.

Wie konnte es dazu kommen?

Es soll hier nicht um die Frage gehen, ob Nero nun wirklich ein Scheusal war oder nicht. Das können wir heute nicht mehr endgültig entscheiden. Vielleicht hatten die ja auch alle Recht: Tacitus, Sueton und auch die anderen Angehörigen der senatorischen Oberschicht, von denen wir wissen oder vermuten, dass sie auf Nero herabblickten. Und die späteren christlichen Autoren hatten sowieso alles Recht der Welt, Nero zu dämonisieren.

Es geht vielmehr um die Frage, wie das Bild von Nero entstehen konnte, der mit einer Kithara auf dem Balkon steht (in einigen Varianten war es eher ein Turm) und den Brand Roms besingt. 1 Dieses Bild ist wie ein Kristallisationspunkt, in dem sich alles widerspiegelt, was man seinerzeit in Nero sah: Überheblichkeit, Nonkonformismus, Wahnsinn. Übrigens: Wirklich stattgefunden hat diese Szene höchstwahrscheinlich nicht.

Kunst, Musik, Kultur und auch Sport spielten in Neros Leben eine wichtige Rolle. Und wenn man Kaiser eines Weltreichs ist, dann hat das natürlich auch eine politische Dimension. Zum einen gab es konkrete, politische Maßnahmen Neros, die aus seiner Vorliebe resultierten. Zum anderen steht man als Person des öffentlichen Lebens ja auch immer unter der scharfen Beobachtung der Öffentlichkeit. Privates wird öffentlich, Öffentliches wird politisch. Daran hat sich bis heute nichts geändert. 

Nero und der Sport

Jedenfalls tat sich Nero auch als Förderer des Sports hervor. Er stiftete die Juvenalia2 und die nach ihm benannten Neronia.3 Beides waren Wettkämpfe, die sowohl musische als auch sportliche Elemente beinhalteten. Soweit, so gut. Das ist für einen Kaiser erst mal nichts Ungewöhnliches, wenn auch ein wenig selbstverliebt, wenn man einen Wettkampf nach sich selbst benennt. 

Doch schon hier zeigte sich, dass Nero durchaus so seine eigene, spezielle Herangehensweise hatte. Er trat nämlich selbst als Wagenlenker auf.4 Die Reaktion des senatorischen Adels kann man sich ungefähr vorstellen, wenn man überlegt, was wohl los wäre, wenn Angela Merkel höchstselbst über den Nürburgring düsen würde. 

Das wäre schon eine sehr seltsame Betätigung für eine amtierende Bundeskanzlerin. Mit Sicherheit würde ein solches Verhalten auch heute als „unangemessen“ deklariert. Man würde es aber wohl dann doch als Marotte hinnehmen. 

Um die historische Situation nachzuvollziehen, in die sich Nero damit begab, muss man aber noch zwei Faktoren in die Rechnung einbeziehen. Zum einen gehörten Wagenlenker, ähnlich wie Gladiatoren und Schauspieler, nicht gerade zu den angesehensten Berufsgruppen. Eigentlich muss man sogar sagen, dass sie sich weit unten in der gesellschaftlichen Rangordnung fanden. Ein Kaiser, der als Wagenlenker auftrat, erregte schon aus diesem Grund Anstoß. Und Faktor Nummer zwei: Die römische Oberschicht war sehr standesbewusst und konservativ. Das potenzierte die anstößige Wirkung noch immens. 

Öl für die Senatoren

Als ob Nero noch eins draufsetzen wollte, ließ er außerdem bei den ersten Neronia im Jahr 60 v. Chr. Öl an die anwesenden Senatoren verteilen.5 Und damit wollte er ihnen keine Freude machen, wie wenn wir heute eine gute Flasche Olivenöl zum gemeinsamen Kochen mit Freunden mitbringen. Vor sportlichen Wettkämpfen war es in der Antike üblich, dass sich die Teilnehmer einölten. Nero forderte die Senatoren also auf, selbst mitzukämpfen. 

Man kann auch heute noch nachvollziehen, dass eine solche Sache an sich als unangebracht für hochrangige Politiker*innen empfunden würde. Und man kann auch nachvollziehen, dass die Sache noch dadurch viel schlimmer wird, dass die Beteiligten dazu aufgefordert werden. Ist die auffordernde Person ein Monarch, dem man sich ungern widersetzt, könnte man schon fast von Nötigung sprechen. 

Kein Faible für blutigen Sport

Ein nicht ganz uninteressanter Nebenaspekt von Neros Haltung zum Sport ist seine ablehnende Haltung gegenüber Gladiatorenkämpfen. Im Jahr 59 hob Nero die Verpflichtung auf, dass Quaestoren während ihrer Amtszeit solche Kämpfe ausrichten sollten.6 Laut Sueton verfügte er außerdem, dass Verbrecher nicht mehr zum Dienst als Gladiatoren verurteilt werden konnten, und verbot Tötungen bei Gladiatorenkämpfen.7 

Diese Maßnahmen kann man natürlich als allgemeine Abneigung gegen sinnlose Gewalt interpretieren. Das ließe sich auch mit seinem „Triumphzug“ im Jahr 68 in Zusammenhang bringen, zu dem wir noch kommen werden. Aber damit muss man vorsichtig sein, denn dafür wissen wir über Neros Persönlichkeit viel zu wenig. Von den Zeitgenossen jedenfalls wurde das ganz anders wahrgenommen: Nero nahm den „kleinen Leuten“ ihre geliebte Massenunterhaltung und förderte nach Kräften importierte Kulturgüter. 

Denn Gladiatorenkämpfe waren etwas typisch Römisches. Die sportlichen Disziplinen, die da bei den Juvenalia und den Neronia praktiziert wurden, waren größtenteils griechisch.

Nero und die Künste

Stellt euch mal kurz vor, Armin Laschet, amtierender Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, tritt bei einer Theaterveranstaltung als Ausdruckstänzer auf. Er stellt eine gebärende Frau dar. Er rollt sich über die Bühne, er windet sich, stöhnt und schreit. Was würden „die Leute“ wohl denken? Würdet man ihn noch als Politiker und Anführer ernst nehmen? 

Nero war ein sehr aktiver Performer, könnte man sagen. Er dichtete und komponierte selbst, trug seine oder fremde Werke mit oder ohne Gesang vor und scheute auch vor dem Ausdruckstanz nicht zurück.8 Denn die Szene mit Armin Laschet kommt nicht von ungefähr: Genau so eine Performance hat Nero abgeliefert.9 

Er verkörperte in Theaterdarbietungen auch den Muttermörder Orest, den blinden Ödipus und den vom Wahnsinn befallenen Herkules – allesamt ziemlich aufsehenerregende Rollen, um nicht den Begriff „anstößig“ zu verwenden.9

Und auch hier muss man noch mal an die gesellschaftliche Struktur im antiken Rom erinnern: Schauspieler waren per se schon nicht besonders angesehen, und entsprechend auch die Tätigkeit. So was machte man als angesehener Römer einfach nicht. Und dann auch noch Ausdruckstanz als gebärende Frau? Das war ein mittelprächtiger Skandal in den Augen der römischen Oberschicht – und sicherlich dürften auch viele „einfache Römer*innen“ das kritisch gesehen haben. 

Nero und die Wettkämpfe

In der Antike gab es eine Vielzahl sportlicher und künstlerischer Wettkämpfe. Sie fanden im Rahmen groß angelegter Festivals statt, die ihren Ursprung allesamt in der griechischen Welt hatten. Die Olympischen Spiele sind die bekanntesten unter ihnen – nicht zuletzt natürlich deswegen, weil sie seit rund 120 Jahren wieder ausgetragen werden.

Darüber hinaus gab es im antiken Griechenland aber noch eine ganze Reihe weiterer, ähnlich angelegter Veranstaltungen. Während bei den Olympischen Spielen der Schwerpunkt auf dem Sport lag, lag er bei den Pythischen Wettkämpfen zu Ehren des Gottes Apoll auf künstlerischen Darbietungen, den so genannten „musischen Agonen“.  

Nero hatte offenbar ein Faible für solche Wettbewerbe, ob nun sportlich oder musisch. Immerhin hatte er ja in Form der Juvenalia und der Neronia selbst solche gestiftet. Übrigens soll an der Stelle nicht ganz unerwähnt bleiben, dass Nero nicht nur selbst bei den Wettkämpfen antrat, sondern auch massenhaft Siege einfuhr. 

Einerseits soll Nero dabei die Regeln, Schieds- und Preisrichter respektiert haben.11 Andererseits lässt die schiere Masse an Siegen keinen Zweifel daran aufkommen, dass es hier mit Sicherheit nicht immer mit rechten Dingen zugegangen sein kann. Vielleicht war es auch schlicht die Autorität der Person: Wenn ein Kaiser teilnimmt, dann gewinnt er natürlich. Etwas Anderes kann es nicht geben. Insofern musste Nero vielleicht noch nicht einmal konkret dafür sorgen, dass er siegte. Man ließ ihn einfach automatisch gewinnen.

Reise nach Griechenland und Triumphzug

Um überhaupt die Gelegenheit dafür zu bekommen, so viele Siege einzufahren, griff Nero zu einem ziemlich plumpen Trick. Im Herbst 66 brach er zu einer längeren Reise nach Griechenland auf.12

Ziel der Reise waren einige weniger bedeutende politische Maßnahmen, aber nebenher plante Nero, an allen panhellenischen Spielen teilzunehmen. Das waren die vier größten griechischen Wettbewerbe, zu denen auch die Olympischen Spiele gehörten. Das Problem: Wie dei Olympischen Spiele fanden auch die anderen panhellenischen Spiele nicht in jedem Jahr statt. Dieser Rhythmus passte nur leider nicht zu Neros Reiseplänen. 

Daher ließ er sie einfach verlegen, so dass er sie alle innerhalb eines Jahres absolvieren konnte. Und das tat er (natürlich) mit Bravour.13 Bei seiner Rückkehr nach Italien ließ er es sich nicht nehmen, seine Siege gebührend zu feiern. Er veranstaltete in mehreren Städten, die er auf der Rückreise nach Rom durchquerte, Triumphzüge.14 

Man liest da so leicht drüber hinweg, aber man muss sich das durchaus auf der Zunge zergehen lassen: Triumphzüge. Also wie ein siegreicher Feldherr, der Städte erobert, Völker niedergeworfen und dem römischen Reich militärischen Ruhm und Ehre eingebracht hatte. Es war, um es mit den Worten der Althistorikerin Miriam Griffin zu sagen, „der Triumph eines Künstlers“.15

Zurück zu Nero auf dem Turm

Aber es ist nicht dieses Bild, nämlich das einer triumphalen Rückkehr des Kaisers nach unblutigen Siegen in den griechischen Wettkämpfen, das sich in den Köpfen der Nachwelt festgesetzt hat. Es ist vielmehr die Szene auf dem Turm, in der Nero den Untergang Roms besingt – von Wahnsinn befallen, von der Zerstörung fasziniert und im festen Glauben, nun ein neues Rom nach seinen Wünschen erschaffen zu können. 

Dass dieses Bild so wirkmächtig war, hat zwei Gründe: Es bringt alles auf den Punkt, womit Nero seine Zeitgenossen provozierte und schockierte. Aber es gibt noch einen zweiten Grund. Der Brand Roms ist insbesondere für die Geschichte der Christ*innen sehr bedeutsam. Denn ihnen wurde der Brand in die Schuhe geschoben.16 

Sie wurden die Opfer einer Verfolgungswelle und viele von ihnen grausam getötet17 – und das, obwohl schon sehr schnell nach dem Brand die Gerüchte kursierten, Nero habe den Brand selbst gelegt. Der Brand war für die frühen Christ*innen so etwas wie ein Ur-Trauma. Auch aus ihrer Perspektive musste es sich bei Nero um einen Wahnsinnigen handeln. So kommt es, dass auch die vielen späteren christlichen Quellen ein äußerst negatives Bild von Nero überliefern. 

Eins der grausamsten Kapitel von Neros Herrschaft: Im Rahmen der Verfolgungswelle nach dem Brand Roms ließ Nero unter anderen Christ*innen an Pfähle binden und verbrennen. Diese Art der Bestrafung von Brandstiftern war in der römischen Antike nicht unüblich. Das ändert aber nichts an ihrer Grausamkeit. (Henryk Siemiradzki, Neros Fackeln, 1882, gemeinfrei)

Nimmt man alles zusammen, entsteht das Bild eines Kaisers, der mit dem Rücken zur Wand steht, eines Kaisers, der sich für einen Künstler hält und der machtpolitisch gewaltig unter Druck steht. Er hat praktisch die gesamte Oberschicht schon gegen sich. 

Und dann ereignet sich eine gewaltige Katastrophe. Es kommen Gerüchte auf, er sei der Brandstifter gewesen. Er braucht ganz schnell einen Sündenbock. Es gäbe leider genügend modernere Beispiele für Herrscher*innen und Politiker*innen, die in einer solchen Situation zu ähnlichen Mitteln gegriffen haben wie Nero.

Aber hat er’s nun getan oder nicht?

Eigentlich geht es in diesem Beitrag gar nicht um die Frage, ob Nero der Brandstifter war. Ich weiß aber, dass euch diese Frage unter den Nägeln brennt. In aller Kürze: Nein. Das ist nicht nur meine persönliche Meinung. Die Fakten und alle Wahrscheinlichkeiten sprechen dagegen. 

Wer das genauer nachlesen möchte, kann das übrigens bei Julian Krüger18 tun, der die Gründe und Argumente Schritt für Schritt durchgeht. Aber das stärkste Argument greife ich an der Stelle mal heraus: Warum hätte Nero das tun sollen? 

Es wurde spekuliert, er habe Raum für Neubauten schaffen wollen. Die historischen Quellen überliefern auch, dass sich Nero abfällig über die Hässlichkeit der Stadt geäußert haben soll, aber: 

„Hätte Nero tatsächlich die Absicht gehabt, Teile der Stadt neu zu gestalten, so wäre ein unberechenbarer Brand, der Raum geschaffen hätte, dafür sehr ungeeignet gewesen. […] Die Stadt war auch nicht überall völlig ruiniert worden, und auch dort nicht, wo die alten, unansehnlichen Stadtteile lagen. Ein umfassendes kaiserliches Stadterneuerungsprogramm hätte zweifellos sehr viel Unruhe ausgelöst, wäre aber kontrollierbarer gewesen, als eine unberechenbare Feuersbrunst, die wahllos vernichtet hat und unkontrollierten Unmut nach sich zog. Nach alldem ist eine durch Nero angeordnete Zerstörung der Stadt durch den fürchterlichsten Brand ihrer Geschichte sehr unwahrscheinlich und als ausgeschlossen anzusehen.“

Julian Krüger, Nero – Der römische Kaiser und seine Zeit, Wien/Köln/Weimar 2012, S. 226

Also war der nun ein Künstler auf dem Kaiserthron?

Der Triumphzug (bzw. die Triumphzüge) waren aus Neros Sicht sicherlich der Höhepunkt seiner Herrschaft. Von da an, das kann durchaus so sagen, ging es sehr steil bergab. Denn die Triumphzüge waren auch zugleich der Höhepunkt der Provokation gegenüber dem römischen Establishment. Fünf Monate später war Nero tot.

Ein rapider Verlust an Autorität, offene Revolten und Illoyalität waren die Stationen, die zu seinem Selbstmord im Juni 68 führten. Seine letzten Worte sollen passenderweise gelautet haben: „Was für ein Künstler stirbt mit mir!“19

Diese letzten Worte werden aber bis heute häufig missverstanden. Wenn das Zitat überhaupt je so geäußert wurde, dann wollte Nero damit vermutlich nicht sagen, dass er ein großer Künstler sei und nun ungerechtfertigt sterben müsse. Vielmehr beziehen sich Worte wohl auf die konkrete Situation und die Umstände seines Todes: „Was für ein lausiger Abgang für einen Künstler!“

Was bleibt, ist ein immer noch unscharfes und widersprüchliches Bild. Nero ist zweifellos derjenige, der die erste Christenverfolgung der Antike mit ungeheurer Grausamkeit ins Werk setzte. Und von seinen verschiedenen Morden und anderen Verbrechen, die er verübte, um seine Macht zu festigen, war in diesem Blogbeitrag gar nicht erst die Rede. 

Auf der anderen Seite zeigt sich Nero als Förderer der Künste und des Sports, der offenkundig auch eine gewisse Abneigung gegen althergebrachte Definitionen von Anstand, Ruhm und Ehre besaß. Aber uns fehlen genauere (und vor allem neutrale) Einblicke in seine Persönlichkeit, um ein schärferes Bild davon zu erhalten, was ihn genau antrieb und was in ihm vorging. 

Man kann jedenfalls schon den Eindruck gewinnen, dass der Kaiserthron vielleicht nicht gerade die richtige Karrierewahl für ihn war. Inwiefern der 16-jährige Nero diese Wahl auch wirklich selbst traf und ob nicht seine Mutter, die man durchaus als eine sehr ehrgeizige Person interpretieren kann, einen großen Anteil daran hatte, ist aber Spekulation. 

Die historische Überlieferung war jedenfalls nicht gnädig mit ihm. Und das hat er zu einem großen Teil auch selbst zu verantworten. 

  1. Die Szene findet man bei Tacitus, Annalen XV,39, Sueton, Nero 38 und bei späteren Autoren.
  2. Tacitus, Annalen XIV,14
  3. Tacitus, Annalen XIV,20, Sueton, Nero 12
  4. Cassius Dio 62,15,1 und 63,6,3
  5. Tacitus, Annalen XIV,47 und Sueton, Nero 12
  6. Tacitus, Annalen XIII,59
  7. Sueton, Nero 31 und 12
  8. Tacitus, Annalen XIII,3; XIV,6 u. ö; Sueton, Nero 52; 10
  9. Sueton, Nero 21
  10. Sueton, Nero 21
  11. Cassius Dio 63,9,2
  12. Sueton, Nero 22-23
  13. Cassius Dio 63,21
  14. Sueton, Nero 25
  15. M. Griffin, Nero: The End of a Dynasty, New York 1984, S. 163
  16. Tacitus, Annalen XV,44,2
  17. Tacitus, Annalen XV,44
  18. Julian Krüger, Nero – Der römische Kaiser und seine Zeit, Wien/Köln/Weimar 2021
  19. Sueton, Nero 49

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