Prothese – Fremdwort der Woche

Prothesen gibt es heute in vielen Bereichen: Beinprothesen, Fingerprothesen und natürlich die Zahnprothesen, die im Alltag wohl am häufigsten vorkommen. Und wenn man an die Beinprothesen denkt, dann gibt es auch unterschiedliche Formen, je nach genauem Verwendungszweck. Dass wir glücklicherweise heute viele Körperteile durch künstliche Objekte ersetzen können, haben wir natürlich dem medizinischen und technischen Fortschritt zu verdanken. Um das zu verstehen, bietet sich ein Blick in die Antike an – denn schon damals gab es Prothesen. 

Die älteste bekannte Prothese ist ein Zeh. Bei einer ägyptischen Mumie aus dem 7. Jahrhundert vor Christus fand man einen solchen, doch die Forschung geht davon aus, dass die Geschichte der Prothesen noch bedeutend weiter zurückreicht. 

Ein spektakulärer Fund gelang um 1884 in Capua. Dort wurde eine Beinprothese in einem Grab gefunden, die als „Stelzfuß von Capua“ berühmt wurde. Angenehm sieht das Ding nicht aus, aber das mag auch am Alter liegen.

Es handelt sich dabei sich um die künstliche Nachbildung eines rechten Unterschenkels, und sie stammt aus der Zeit um 300 v. Chr. Ob und inwiefern diese Prothese funktional war, also nicht nur dekorativen Zwecken diente, ist unklar. Leider kann man das Original heute nicht mehr untersuchen (sondern nur eine moderne Nachbildung), da es bei einem deutschen Luftangriff auf London im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. 

Und auch von künstlichem Haar haben wir Berichte aus antiken Quellen, auch wenn wir heute eine Perücke nicht unbedingt als Prothese bezeichnen würden. Genau genommen ist es das aber doch: eine Ergänzung oder Erweiterung eines Körperteils, den man verloren hat. Oder nicht?

Zeit, mal einen Blick auf das Wort zu werfen. Vom reinen Wortsinn her wäre auch eine Perücke eine Prothese, denn das altgriechische Wort πρόθεσις (prothesis) bedeutet „Anfügung“ oder „Erweiterung“. Dahinter steckt natürlich wieder mal ein Verb, nämlich προτίθημι (protithemi), was „vor(her) stellen/legen/setzen“ oder auch „anfügen“ heißt. Dieses Verb und auch das Wort πρόθεσις (prothesis) sind Allerweltswörter, denn sie können wirklich in sehr vielen Zusammenhängen vorkommen. 

Wenn man einen Toten herrichtet, damit Leute Abschied nehmen können, dann stellt man ihn ja auch gewissermaßen „vor die Leute“. Dementsprechend heißt πρόθεσις (prothesis) auch „Aufbahrung“. Wenn man jemandem Geld im Voraus gibt, dann „legt man es aus“. Folglich heißt πρόθεσις (prothesis) auch „Anzahlung“.

Noch ein Beispiel gefällig? Wenn ich einen Plan fasse, habe ich mir vorher etwas zurechtgelegt. Also bedeutet πρόθεσις (prothesis) auch „Vorhaben“. Man sieht, das Wort hat echt viele unterschiedliche Bedeutungen. Und das waren nur drei Beispiele. Man könnte noch mehr aufzählen. 

Aber eine Bedeutung hat es nicht: Prothese. 

Das ist also wieder mal so ein kurioser Fall, in dem wir ein altgriechisches Wort in einer Bedeutung verwenden, die es in der Antike gar nicht hatte. Aber immerhin passt der Begriff, denn eine Prothese wird „davorgesetzt“ oder „angefügt“.

Und was haben nun die alten Griech*innen dazu gesagt? Sie kannten die Sache an sich ja durchaus. Sie mussten ja einen Begriff dafür haben. 

Das ist gar nicht so leicht zu beantworten, weil uns schriftliche Quellen dazu größtenteils fehlen. Aber es gibt einen Hinweis: Für das Beispiel mit der „Haarprothese“ (auch Perücke genannt), wissen wir, dass es im griechischen den Ausdruck „πρόσθετος κόμη“ (prosthetos kome) gab. Das bedeutet: angefügtes Haar. 

Wenn wir mal davon ausgehen, dass man das bei anderen Körperteilen ähnlich ausgedrückt hat („angefügter Zeh“, „angefügtes Bein“), dann hätten die alten Griech*innen also sprachlich einen Schwerpunkt auf den Körperteil gelegt, der da ersetzt wurde. 

Und das ist, wenn man mal genauer drüber nachdenkt, eigentlich eine ganz schöne Lösung. 

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