Sappho – Porträt einer lesbischen Dichterin

Mit ihr steht eine der ganz großen Lyrikerinnen am Anfang der europäischen Literaturgeschichte. Sie hat Themen gesetzt, die uns heute noch beschäftigen und berühren. Von ihren Werken blieben nur Bruchstücke, und doch hinterließ sie ein Erbe, das nicht nur in der Antike, sondern bis heute seine Spuren hinterlässt. Heute geht es um die Dichterin Sappho und darum, warum queer literature sogar älter als die Bibel ist. 

Eine einsame Dichterin

Δέδυκε μὲν ἀ σέλαννα,
καὶ Πληΐαδες, μέσαι δὲ
νύκτες, παρὰ δ’ ἔρχετ’ ὦρα,
ἔγω δὲ μόνα κατεύδω.

94D / (Fragm. adesp. 976 Page, 168b Voigt)

Der Mond ist untergegangen,
auch die Plejaden, es ist mitten
in der Nacht. Die Zeit verstreicht,
doch ich schlafe allein. 

Am Ende soll sich Sappho aus Liebeskummer von einem Felsen in den Tod gestürzt haben. Die Geschichte ist sicher eine Legende, inspirierte den Maler aber zu diesem Bild der Dichterin, 1877, C. Mengin, gemeinfrei

Das ist wohl das bekannteste Gedicht einer Dichterin, die vielleicht nicht jedem*r da draußen ein Begriff ist. Ihr Name taucht aber dann doch immer mal wieder in Kunst, Literatur und Theater auf: Sappho. Die Frau hat eine für ihre Verhältnisse erstaunliche Nachwirkung gehabt. Über sie gibt es zwar kein Biopic, aber mehrere Opern und Theaterstücke. Im Grunde muss man über alle Personen aus der Antike sagen, deren Texte man heute noch lesen kann, dass ihre lange Nachwirkung erstaunlich ist, aber für die frühe griechische Lyrikerin von einer kleinen griechischen Insel gilt das in besonderer Weise. 

Das „Mondgedicht“, wie der Text oben heute oft bezeichnet wird, steht dabei ziemlich symptomatisch für Vieles, was Sappho ausmacht. Zum einen handelt es sich um ein Fragment. Das bedeutet, diese vier Verse, die wir als „Gedicht“ bezeichnen, sind eigentlich nur ein Teil eines größeren Werkes. Wie lang es war und worum es ging, wissen wir nicht. Wir haben nur diese vier Verse. Und das trifft auf alles zu, was wir von Sappho heute haben. Kein einziges ihrer vielen Gedichte ist intakt überliefert. 

Sappho war Lyrikerin. Das machen Fachleute am verwendeten Versmaß fest, das im Übrigens auch zeigt, dass es streng genommen kein Gedicht, sondern ein Lied war. Aber auch jemand, der kein Griechisch kann, bekommt vielleicht ein Gefühl dafür, dass man es mit Lyrik zu tun hat, vor allem durch das lyrische Ich, das mit nur wenigen Worten seine Situation schildert und in unseren Köpfen trotzdem ein detailliertes Bild entstehen lässt. 

Die weibliche Perspektive 

Mehr Klischee geht fast nicht: Sappho ganz in Rosa, Gemälde von J. W. Goodward (1901), gemeinfrei

Was ist denn aber nun diese Situation? Einsamkeit. Es ist Nacht bei Sappho, und dunkel ist es auch, denn weder Mond noch Sterne sind zu sehen. Die Zeit kriecht dahin. Das lässt viel Raum für persönliche Interpretationen. Beklagt Sappho den Tod einer geliebten Person, die nun nicht mehr bei ihr sein kann? Verzehrt sich sich in unerfüllter Liebe zu jemandem? Das alles ist möglich, und dass uns der Rest des Gedichtes fehlt, ist vielleicht auch gut so, denn so gibt es keinerlei Hinweis, der uns unsere persönliche Interpretation der Szene zerstören kann. 

Und dann wäre da noch etwas, nämlich die dezidiert weibliche Perspektive. Nicht nur das lyrische Ich ist im griechischen Text eindeutig als weiblich markiert. Mit viel Bedacht wurden in den vier Versen nur feminine Substantive gewählt. Ja, auch der Mond, denn der ist in der griechischen Sprache weiblich. Und das ist überraschend, denn nach unserem Verständnis waren doch die griechisch-römischen Gesellschaften streng patriarchalisch und Männer tonangebend, nicht nur in Politik und Öffentlichkeit. Auch die vielen Stimmen, die zu uns in literarischen Texten aus der Antike sprechen, sind fast ausschließlich männlich. Selbst wenn es in den Texten (ausnahmsweise auch mal) um Frauen geht. 

Archaische Frauenpower

Wie wichtig es für gesellschaftliche Gruppen ist, eine eigene Stimme zu haben, wissen wir heute durch zahlreichen Diskussionen und Debatten, die wir teilweise schon seit Jahrzehnten führen. Es genügt nicht, dass Männer Frauen in ihren Werken auftauchen lassen, dass Heterosexuelle eine schwule Rolle für eine Fernsehserie konzipieren, dass Weiße über die Probleme der People of Color philosophieren. Dabei kommt viel zu viel Unsinn heraus. 

Die Tatsache, dass Sappho als frühe griechische Dichterin ziemlich am Anfang der Literaturgeschichte steht, zeigt, dass die Antike vielschichtiger war, als man gemeinhin annimmt. Übrigens war sie nicht die einzige Frau, die in der frühen griechischen Literatur zur Lyra griff und Lieder komponierte. 

Da wären Telesilla, nach der man sogar ein Versmaß benannt hat, Korinna, Praxilla und Myrtis, um nur einige Namen zu nennen. Leider wissen wir über diese Frauen aber auch meist nicht viel mehr als den bloßen Namen. Was sie gemeinsam haben, ist, dass sie alle in einer frühen oder noch relativ frühen Phase der griechischen Literaturgeschichte auftraten, der „Archaik“. Aus der Phase der so genannten „Klassik“ gibt es so gut wie keine weiblichen Stimmen in Kunst und Kultur mehr. 

Trotzdem kannte und schätzte man die frühen griechischen Lyrikerinnen die ganze Antike hindurch. Sappho war bis in die römische Kaiserzeit berühmt und sogar ein Vorbild für die Dichter der Zeit. Erst im Mittelalter hatte sie es schwer, aber dazu kommen wir noch. Nicht nur die Tatsache, dass sie als Frau einen solchen Nachruhm genoss, zeichnet Sappho aus. Sie hat auch Themen gesetzt, die lange nachwirkten und noch heute ziemlich frisch wirken. Denn Sappho war eine Lesbe.

Der Archetyp aller Lesben

Die homoerotische Komponente von Sapphos Dichtung war auch in der Neuzeit bekannt, wurde aber meist geflissentlich ignoriert. Selten gab es Darstellungen wie diese: „Sappho und Erinna in einem Garten bei Mytilene“ von Simeon Solomon (1864, gemeinfrei) Welches Tier da übrigens auf der Lehne steht, ist trotz intensiver Analyse des Autors nicht zu ergründen. Zu Wahl stehen ein hässlicher Hund, eine komisch geformte Katze oder eine kleine Ziege.

Genau genommen ist sie der Archetyp aller Lesben, denn sie ist der Grund dafür, dass man Lesben überhaupt „Lesben“ nennt. Sappho stammte von der griechischen Insel Lesbos. Wann sie geboren wurde und wann sie gestorben ist, ist unsicher. Allgemein geht man von einem Geburtsjahr zwischen 630 und 612 v. Chr. und einem vermutlichen Todesjahr 570 v. Chr. aus.1

Ihr auffälliger Name wird in der Antike in zwei Formen wiedergegeben. Regelmäßig wird sie Sappho genannt, sie selbst aber nennt sich in ihren Gedichten Psaphho. Das sieht nicht nur komisch aus, sondern ist definitiv auch kein genuin griechischer Name. Womöglich stammt ihr Name aus einer anatolischen Sprache und begann mit einem Zischlaut, der mit dem griechischen Alphabet schwer wiederzugeben war.2

Wie bei vielen Personen der frühen Geschichte, ranken sich auch um Sappho zahllose Legenden und Anekdoten, aus denen man vorsichtig einen wahren Kern herausschälen muss. So viel gilt als halbwegs gesichert: Sie stammte höchstwahrscheinlich aus einem adligen Elternhaus. Sie hatte drei Brüder, heiratete einen Adligen namens Kerkylas und hatte eine Tochter namens Kleïs. Außerdem sollen sie und ihre Familie – vermutlich aus politischen Gründen – verbannt worden sein, weshalb sie eine gewisse Zeit in Sizilien verbrachte.1 

Nach ihrer Rückkehr in ihre Heimatstadt Mytilene auf Lesbos versammelte sie um sich eine Gruppe junger Frauen und Mädchen, die sie in Kunst, Literatur und Musik unterrichtete. Mit dieser Gruppe trat sie regelmäßig und erfolgreich bei religiösen Festlichkeiten auf. Soweit die Fakten, zumindest die, die heute von der Wissenschaft als sicher oder halbwegs sicher angenommen werden. 

Aber sie war doch mit einem Mann verheiratet? 

Betrachtet man diesen Lebenslauf, so muss man schon anerkennen, dass die Frau von Lesbos es wirklich zu etwas gebracht hat. Sie hat einiges erlebt, neue kulturelle Einflüsse auf Sizilien kennengelernt und hat sich, wie wir heute sagen würden, eine eigene Karriere aufgebaut. Sie war nicht einfach nur die Frau von Kerkylas. Aber das ist der springende Punkt. Sie war mit einem Mann verheiratet. Wie kann sie dann lesbisch gewesen sein? Von einer Scheidung und dem späteren Zusammenleben mit einer Frau ist nirgendwo die Rede.

Ein paar Worte über Sexualität in der Antike

Und so hat man sich den Überlieferungszustand von Sapphos Gedichten vorzustellen, nämlich in kümmerlichen Fetzen. Abgebildet ist der Kölner Sappho-Papyrus XI,429, Foto: Masur, CC BY SA 3.0

Hier sind wir an dem Punkt, an dem man mit ein paar modernen Konzepten aufräumen muss, die man nicht auf die Antike anwenden kann. Punkt 1: Es war gesellschaftlich nicht oder kaum akzeptiert, eine gleichgeschlechtliche Beziehung zu führen, ohne gleichzeitig verheiratet zu sein (mit einer Person des anderen Geschlechts). Aber deswegen muss Sapphos Ehe mit Kerkylas keine Alibi-Beziehung gewesen sein, denn – Punkt 2: Ehe und Liebe gingen in der Antike nicht unbedingt Hand in Hand. Dass man seine(n) Eheparter*in lieben sollte, ist eigentlich sogar ein ziemlich modernes Ideal. Und, Punkt 3: Es gab gar kein Konzept von Hetero- oder Homosexualität in der Antike. Diese Unterscheidung ist ein Fluch der Moderne.4

Sehr verknappt gesagt: Sexualität war zunächst einfach erst mal Sexualität. Wichtig war, dass die heterosexuelle Ehe das Zentrum des Liebeslebens war, denn aus ihr gingen Kinder hervor. Aber wenn ein Mann fremdging, war es halbwegs unerheblich, ob er nun eine andere Frau oder einen Mann aufsuchte. Für Frauen war das Thema „fremdgehen“ aufgrund der gesellschaftlichen Strukturen natürlich deutlich problematischer, aber von Sappho ist überliefert, dass sie scheinbar genau das tat und zu ihren Schülerinnen auch erotische Beziehungen unterhielt.5

Sappho, die Revoluzzerin?

Wir wissen zu wenig über die Gesellschaft in Mytilene auf der Insel Lesbos der damaligen Zeit, um zu beurteilen, inwiefern Sappho hier mit gesellschaftlichen Konventionen brach. Vielleicht waren Frauen dort recht frei in ihrer Sexualität. Möglicherweise herrschte zu dieser Zeit ein liberales Klima, das auch Frauen erlaubte, außereheliche Beziehungen zu unterhalten. 

Nicht zuletzt wäre aber auch das Gegenteil plausibel, nämlich dass es sich dabei gerade um eine feste gesellschaftliche Institution handelte. Aus Athen kennen wir das Phänomen der Päderastie (die aber, vor allem in der Frühzeit, auch in anderen Teilen Griechenlands gängig war). Männliche Jugendliche unterhielten regelmäßig erotische Beziehungen zu älteren Männern. Dies war gesellschaftlich akzeptiert und wurde sogar als fester Bestandteil der Einführung junger Männer ins Erwachsenenalter gesehen. Erst eine solche Beziehung machte einen jungen Mann nach dem dortigen Verständnis zu einem Mann.6

Die Vermutung liegt nahe, dass Sapphos Kreis junger Frauen das lesbische Gegenstück dazu gewesen sein könnte. Ja eben, lesbisch – „von der Insel Lesbos“. Daher kommt der Begriff „lesbische Liebe“. Jede gleichgeschlechtlich orientierte Frau, die sich als „Lesbe“ bezeichnet, stellt sich damit wissentlich oder unwissentlich in eine jahrtausendealte Tradition. Die Bibel, nur mal so nebenbei gesagt, ist wesentlich jünger.

Homoerotische Dichtung

Dass Sappho als die erste große Lesbe in die Literaturgeschichte einging, hat aber natürlich nicht nur damit zu tun, dass man in der Antike über ihren Mädchenzirkel und die damit verbundene Erotik zu berichten wusste. Auch ihre Dichtung selbst legt davon Zeugnis ab. Das folgende Lied beschreibt eine Szene im Rahmen einer Verlobungsfeier, in der das lyrische Ich die Braut anspricht.

φαίνεταί μοι κῆνος ἴσος θέοισιν
ἔμμεν' ὤνηρ, ὄττις ἐνάντιός τοι
ἰσδάνει καὶ πλάσιον ἆδυ φωνεί-
σας ὐπακούει

καὶ γελαίσας ἰμέροεν, τό μ' ἦ μὰν
καρδίαν ἐν στήθεσιν ἐπτόαισεν,
ὠς γὰρ ἔς σ' ἴδω βρόχε' ὤς με φώνας
οὔδεν ἔτ' εἴκει,

ἀλλὰ κὰμ μὲν γλῶσσα ϝἔαγε, λέπτον
δ' αὔτικα χρῶι πῦρ ὐπαδεδρόμακεν,
ὀππάτεσσι δ' οὐδ' ἒν ὄρημμ', ἐπιρρόμ-
βεισι δ' ἄκουαι,

ἀ δὲ μ’ ἴδρως κακχέεται τρόμος δὲ
παῖσαν ἄγρει, χλωροτέρα δὲ ποίας
ἔμμι, τεθνάκην δ' ὀλίγω 'πιδεύης
φαίνομ', Ἄγαλλι.

31LP/2D

Göttergleich scheint mir der Mann, 
der dir gegenübersitzen darf,
aus der Nähe deine süße Stimme
hört

und sich an deinem Lachen erfreut,
das mein Herz in der Brust aufschreckt.
Immer wenn ich dich kurz ansehe, 
bringe ich keinen Ton hervor.

Die Stimme versagt, ein zartes Feuer
breitet sich unter meiner Haut aus,
ich kann nichts mehr sehen, 
ein Rauschen erfüllt meine Ohren. 

Mir rinnt der Schweiß herab,
ein Zittern ergreift meine Glieder,
ich werde bleich und habe das Gefühl,
ich müsste sterben, Agallis.

Dieses Gedicht war so berühmt, dass der römische Dichter Catull es noch Jahrhunderte später nachdichtete.7 Allerdings nimmt seine lateinische Coverversion eine hetero-erotische Perspektive ein. 

Sappho und ihre Schülerinnen lauschen ihrem Dichter-Kollegen Alkaios. Dieser war ein Zeitgenosse Sapphos und stammte ebenfalls aus Mytilene. Auch er war ein kreatives Genie und wurde neben Sappho in den Kanon der 9 großen Lyriker der Antike eingereiht. Und, ähnlich wie bei Sappho, sind auch von ihm nur Bruchstücke seiner Werke überliefert. L. Alma-Tadema, 1881, gemeinfrei

Und sonst so?

Homoerotische Gedichte und Lieder waren Teil des großen Themenbereichs „Liebesdichtung“. Aber natürlich beschränkte sich Sapphos Schaffen nicht nur auf diesen Bereich, auch wenn die antiken Quellen andeuten, dass dies ihr Hauptthema gewesen sei.8

Lieder wurden zu Sapphos Zeit vor allem bei religiösen Anlässen vorgetragen.9 Diese deckten dabei aber einen wesentlich breiteren Teil des Alltags ab als heute. Auch Trinkgelage konnten religiös aufgeladen sein, in diesem Fall zu Ehren des Gottes Dionysos. Da sich die Lyrik an diesen Anlässen orientierte, gab es entsprechend also auch Trinklieder. 

Das oben zitierte Gedicht über die schöne Braut Agallis schlägt den Bogen zu den Hochzeitshymnen, von denen Sappho ebenfalls eine Fülle verfasst hat. Hinzu traten Hymnen, die zu Ehren einer konkreten Gottheit gesungen wurden. Auch das Alter und die Vergänglichkeit körperlicher Schönheit war ein Thema, das Sappho beschäftigt hat, auch wenn es für uns heute ein wenig befremdlich anmutet, dass erotische Anziehung so stark an die Fähigkeit gekoppelt wird, Kinder zu bekommen:

[αἰ δέ μοι γάλακτο]ς ἐπάβολ’ ἦσ[κε]
[τωὔθατ’ ἢ παίδω]ν δόλοφυν [ποήσ]ει
[ἀρμένα, τότ’ οὐ] τρομέροις πρ[ὸς] ἄλλα
[λέκτρα κε πόσσι]

[ἠρχόμαν· νῦν δὲ] χρόα γῆρας ἤδη
[μυρίαν ἄμμον ρύτι]ν ἀμφιβάσκει,
[κωὐ πρὸς ἄμμ’ Ἔρο]ς πέταται διώκων
[ἀλγεσίδωρος.]

Papyrus Ox. 1231 10 (gekürzt)

Wenn meine Brüste noch Milch gäben
und mein Schoß noch gebären könnte, 
dann würde ich ohne Zögern meine Füße
in ein fremdes Bett

lenken. Doch das Alter überzieht 
meine Haut mit tausend Falten,
und die Liebe fliegt mir nicht mehr zu 
oder verfolgt mich mit ihrer schmerzhaften Gabe. 

In der Antike geschätzt

Die Themen und natürlich die Tatsache, dass man Sapphos Dichtung auch für handwerklich meisterhaft hielt, sorgten dafür, dass ihr sowohl in griechischer als auch in römischer Zeit eine immense Bedeutung zukam. In der Antike kursierte eine Ausgabe von Sapphos Liedern in acht oder neun Bänden, die fleißig gelesen und immer wieder abgeschrieben wurde. 

Spätere Dichter, wie der schon erwähnte Catull oder Horaz, imitierten ihre Dichtung. Die alexandrinischen Literaturwissenschaftler, die auch die mehrbändige Gesamtausgabe zusammenstellten, zählten Sappho als einzige Frau zu den neun großen klassischen Dichterinnen und Dichtern.10 Sogar der athenische Gesetzgeber Solon soll  – der Legende nach – den Wunsch geäußert haben, ein Lied von Sappho zu lernen. „Dann kann ich sterben.“, soll er gesagt haben.11

Und dann kam das Mittelalter

Die Forschung geht davon aus, dass der Überlieferungsfaden von Sapphos Dichtung im neunten Jahrhundert nach Christus abriss. Das bedeutet: Im neunten Jahrhundert gab es vermutlich die letzte Abschrift ihrer Werke. Bis zur Erfindung des Buchdrucks war das nämlich die einzige Möglichkeit, Literatur zu vervielfältigen: durch Abschreiben. 

Im neunten Jahrhundert jedenfalls fand die Übertragung aus der Majuskel in die Minuskel statt. Bis dahin kannte man nur Großbuchstaben (Majuskeln). Folglich waren auch alle Texte in Großbuchstaben gehalten. Im siebten und achten Jahrhundert entwickelte sich aber im griechischen Sprachraum der noch heute vertraute Gebrauch von Groß- und Kleinbuchstaben (Minuskeln). Die Folge: Alle alten Texte mussten nach und nach neu abgeschrieben werden.12

Sie hatte es aus mehreren Gründen schwer 

Aufzeichnungen eines anonymen jungen Griechischstudenten zum Thema „äolische Versmaße“. Übrigens handelt es sich beim Versmaß im eingangs zitierten „Mondgedicht“ um einen akephalen Hipponacteus, zu dem es nach Ausweis dieser Notizen leider keinen Merkvers gibt.

In der Textgeschichte spricht man bei solchen Phasen von einem Nadelöhr, denn natürlich wurden nur Texte kopiert, die man auch für wertvoll erachtete. Werke, deren Wert man nicht mehr anerkannte, blieben dabei auf der Strecke. 

So erging es auch Sappho, und das hatte sicherlich mehrere Gründe. Dass die Dichtung einer Frau einen schweren Stand hatte in einer männerdominierten Zeit, mag vielleicht eine Rolle gespielt haben. 

Vermutlich entsprachen auch einige Themen, die Sappho anrührte, nicht dem Zeitgeist in einer Epoche, in der die selbstbestimmte Sexualität von Frauen als Teufelswerk galt, zumal wenn sie nicht der Fortpflanzung diente. 

Der vielleicht wichtigste Grund war aber vermutlich ziemlich banal: Die Sprache. Das haben wir noch gar nicht erwähnt: Sappho sprach den äolischen Dialekt, und der unterscheidet sich deutlich von dem Altgriechisch, das man heute noch in der Schule lernen kann. 

„Psilose“ und „äolische Barytonese“ sind Fachbegriffe, die den äolischen Dialekt umreißen. (Ab-)Schreibfehler sind da vorprogrammiert. Und dazu noch die komplexen Versmaße, die man im wahrsten Sinne des Wortes studiert haben muss, um sie zu verstehen.

Unrettbar verloren

Sapphos Werke waren zwar verloren, aber ihr Name war den Menschen auch im Mittelalter immer noch bekannt und stand als Inbegriff einer gebildeten Frau. Hier ist sie zwischen Musikinstrumenten und Aufzeichnungen zu sehen. Holzstich, 1447 (gemeinfrei)

Insofern kann es gut sein, dass Sapphos Dichtung im neunten Jahrhundert bereits so sehr durch Kopierfehler verdorben war, dass es sich einfach nicht mehr lohnte, sie noch ein weiteres Mal abzuschreiben. Warum einen Text mit viel Zeit und Mühe abschreiben, der ohnehin von Fehlern strotzt, die man aber nach bestem Wissen und Gewissen auch nicht mehr korrigieren kann, weil man sich nicht damit auskennt? Mal ganz abgesehen davon, dass Pergament ein teurer Beschreibstoff war.

Und so kommt es, dass wir von Sappho heute nur noch Fragmente haben. Glücklicherweise wurde sie schon in der Antike von anderen Autoren zitiert. Diese Zitate haben überlebt. Und gelegentlich findet man im ägyptischen Wüstensand einen Fetzen Papyrus, auf dem ein paar Sappho-Verse zu finden sind. 

Damit müssen wir uns dann leider begnügen. So kommen wir auf vielleicht 5-7% Prozent ihres Gesamtwerks. Über den Rest können wir mit viel philologischem Scharfsinn einige Aussagen treffen, aber es bleibt die Erkenntnis, dass wir im Grunde nur an der Oberfläche kratzen können. 

Doch schon dieses Kratzen an der Oberfläche lässt deutlich werden, dass wir es hier mit einer ganz großen Dichterin zu tun haben, die ihre Spuren hinterlassen hat. Wenn auch vielleicht nicht dadurch, dass sie unsere Literatur und Kultur durch direkte Überlieferung geprägt hat, sondern eher indirekt. Sie selbst scheint sich daran aber nicht zu stören. Als ob sie das Schicksal ihrer Werke vorausgesehen hätte, schrieb sie in einem ihrer Gedichte: 

ἀλλ’ ἔμ’ ὀλβίαν ἀδόλως ἔθηκαν
χρύσιαι Μοῖσαι οὐδ’ ἔμεθεν θανοίσας
ἔσσεται λάθα… 

fr. 11 (Edmonds), Aristid. 2,508

Mich dagegen haben sie reich beschenkt, 
die goldenen Musen. Und wenn ich sterbe, 
werde ich nie vergessen sein… 
  1. J. Fischer, Griechische Frühgeschichte bis 500 v. Chr., Darmstadt 2010, S. 93-94
  2. Günther Zuntz, On the etymology of the name Sappho in: Museum Helveticum 8, 1951, S. 12–35
  3. J. Fischer, Griechische Frühgeschichte bis 500 v. Chr., Darmstadt 2010, S. 93-94
  4. M. Stahl, Gesellschaft und Staat bei den Griechen: Archaische Zeit, Paderborn 2003, S. 70-73
  5. Suda, Σαπφώ α’
  6. J. Fischer, Griechische Frühgeschichte, Darmstadt 2010, S. 93
  7. Catull 51
  8. Pausanias I,25
  9. S. Perrot, Ancient Musical Performance in Context: Places, Settings, and Occasions, in: T. A.C. Lynch, E. Rocconi (Hgg.), A Companion to Ancient Greek and Roman Music, Hoboken 2020, S. 91-92
  10. H. Parker, „Sappho Schoolmistress“. in: Transactions of the American Philological Association. (1993), S. 123
  11. Aelian, zitiert bei Stobaios, Anthologie, III 29,58
  12. Ch. Gastgeber, Die Überlieferung der griechischen Literatur im Mittelalter, in: E. Pöhlmann (Hg.), Einführung in die Überlieferungsgeschichte und in die Textkritik der antiken Literatur, Bd. 2 (Mittelalter und Neuzeit), Darmstadt 2003, S. 2-3

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