Catulls Sperling

Wie sich die Philologie seit Jahrhunderten über einen blöden Vogel streitet

Er ist vielleicht das berühmteste Haustier der Antike: Lesbias Sperling, den ihr Geliebter, der Dichter Catull, in seinem Werk besingt. Und seit Jahrhunderten streiten sich die Philolog*innen darüber, was Catull uns mit den Gedichten über einen kleinen Vogel sagen wollte. Warum man einen Sperling kitschig-süß, ironisch-genial oder auch einfach nur obszön finden kann.

Über Catulls Leben wissen wir nicht allzu viel sicher, weshalb ich mich mit dem „Über-wen-reden-wir-hier-eigentlich?-Abschnitt“ auch kurz fassen will. Und eigentlich soll es ja hier auch um den Vogel gehen und gar nicht so sehr um Catull.

Der Über-wen-reden-wir-hier-eigentlich?-Abschnitt

Der Dichter Catull hat im 1. Jahrhundert vor Christus gelebt und ist nicht besonders alt geworden. So viel können wir sicher sagen. Aus seinen Gedichten lässt sich herauslesen, dass er im Jahr 55 v. Chr. noch gelebt hat, vermutlich aber nicht weit darüber hinaus.1 Catull soll mit 30 Jahren oder etwas älter  gestorben sein,2 so dass wir annehmen können, dass er in der Mitte der 80er Jahre geboren wurde. Er stammte aus Verona.3

Was wir damit auch ziemlich sicher sagen können, ist, dass Catull in einer politisch instabilen Zeit lebte. Die alte Ordnung der Römischen Republik geriet mehrmals in Bedrängnis. Vielleicht auch deshalb hielt sich Catull aus und von der Politik fern, obwohl er den ein oder anderen nicht ganz so netten Kommentar über die politischen Größen der Zeit geschrieben hat. So etwa über Cicero4 und Caesar.5

Catulls Gedichte sind ansonsten thematisch relativ breit gestreut. Am meisten beachtet sind aber die, die er über sein Geliebte Lesbia geschrieben hat.

Der Über-wen-reden-wir-hier-eigentlich?-Abschnitt, Part 2

Lesbia und ihr Sperling (Sir Edward John Poynter 1907, gemeinfrei)

Das einzige, was wir über diese Lesbia ziemlich sicher sagen können, ist, dass sie nicht Lesbia hieß. Lesbia ist ein Pseudonym entweder für eine damals lebende Frau oder für eine erfundene Geliebte. Den Namen Lesbia hat Catull wohl in Anspielung auf die von ihm sehr verehrte Dichterin und Musikerin Sappho von der Insel Lesbos für seine Geliebte gewählt.

Für Lesbia müssen seitdem mehrere Kandidatinnen aus der römischen Oberschicht herhalten, am häufigsten Clodia. Dass Lesbia Clodia gewesen sei, behauptet circa 200 Jahre nach Catulls Tod jedenfalls der Schriftsteller Apuleius.6 Das Problem fängt aber schon damit an, dass in guter römischer Tradition die beiden Schwestern Clodias natürlich auch Clodia hießen. Auch ansonsten ist das mit 200 Jahren Abstand eine vage Behauptung. Es könnte auch irgendeine andere Frau sein, über die wir heute nichts mehr wissen, oder Catull könnte sie sich auch einfach ausgedacht haben.

So oder so ist Catulls Lesbia verheiratet – zu Catulls Leidwesen nicht mit ihm. Die beiden haben eine Affäre und auch dort ist Catull nicht der einzige. Wie Catull mehrmals schreibt ist Lesbia relativ – ähm… kontaktfreudig.

Caeli, Lesbia nostra, Lesbia illa,
illa Lesbia, quam Catullus unam
plus quam se atque suos amavit omnes,
nunc in quadriviis et angiportis
glubit magnanimi Remi nepotes.7
Ach Caelius, meine Lesbia, diese Lesbia, diese Lesbia, die Catull als einzige mehr als sich und all seine Angehörigen geliebt hat, saugt nun an Kreuzungen und in Hinterhöfen die Enkel des hochmütigen Remus aus.

Catull leidet darunter, dass Lesbia mit einem anderen verheiratet ist, er leidet darunter, dass sie mit diversen anderen Männern schläft, er leidet darunter, dass sie ihn wie einen Toyboy behandelt, Auf der anderen Seite kommt er aber auch nicht von Lesbia los. Er ist ihr verfallen. In seinem Liebesleid schwankt seine Sichtweise auf sie in seinen Gedichten auch ziemlich weit zwischen Heiliger und Hure.

Der Spatz in der Hand

Und Lesbia hat ein Haustier. Das ist der besagte Spatz, über den seitdem so viel Tinte geflossen ist. Das mag für uns heute etwas ungewöhnlich klingen, aber einheimische Singvögel waren in der Antike verbreitete Haustiere. Diesem Sperling hat Catull zwei Gedichte gewidmet:

Passer, deliciae meae puellae,
quicum ludere, quem in sinu tenere,
quoi primum digitum dare adpetenti
et acris solet incitare morsus,
cum desiderio meo nitenti
carum nescioquid libet iocari,
ut solacium sui doloris,
credo tum gravis acquiescet ardor.
Tecum ludere sicut ipsa possem
et tristis animi levare curas!8
Sperling, Schatz meines Mädchens,
mit dem sie immerzu spielt, den sie am Busen hält,
dem sie in seiner Angriffslust die Fingerspitze hinhält
und zu heftigen Bissen reizt,
wenn meine strahlende Geliebte Lust hat,
irgendeinen liebevollen Scherz mit dir zu treiben,
um einen Trost für ihren Schmerz zu erhalten,
dann glaube ich, wird die heftige Glut abkühlen.
Könnte ich mit dir spielen, wie sie selbst,
und die bedrückenden Sorgen meines Herzens lindern!

Lesbia spielt mit ihrem Spatz, sie liebt ihn und drückt ihn nah an sich. In ihrem Spiel mit dem lebhaften Vogel ist sie die Überlegene. Doch auch Lesbia wird von einer heftigen Liebesglut erfasst, die sie nicht stillen kann. Als Ersatzbefriedigung hält sie dem Vogel ihren Finger hin, um sie zu beißen und damit ihren inneren Qualen ein Ventil zu verschaffen. Wir haben es hier also möglicherweise mit einem der ältesten Belege für selbstverletzendes Verhalten zu tun, weil man die emotionale Anspannung nicht aushält.

Catull selbst wünscht sich seltsamerweise nicht an der Stelle des Sperlings und damit bei Lesbia zu sein, sondern ebenso mit dem Sperling spielen zu können, um seine Qualen zu lindern. Doch Lesbias Spiel mit dem Vögelchen findet ein abruptes Ende:

Lugete, o Veneres Cupidinesque
et quantumst hominum venustiorum!
Passer mortuus est meae puella,
passer deliciae meae puellae,
quem plus illa oculis suis amabat.
Nam mellitus erat suamque norat
ipsam tam bene quam puella matrem
nec sese a gremio illius movebat,
sed circumsilens modo huc modo illuc
ad solam dominam usque pipiabat.
Qui nunc it per iter tenebricosum
illuc, unde negant redire quemquam.
At vobis male sit, malae tenebrae
Orci, quae omnia bella devoratis,
tam bellum mihi passerem abstulistis.
O factum male! O miselle passer!
Tua nunc opera meae puellae
flendo turgiduli rubent ocelli.9
Trauert Liebesgöttinnen und Liebesgötter
 und alle liebenden Menschen!
 Der Sperling meines Mädchens  ist tot,
 der Sperling, der Schatz meines Mädchens,
 den sie mehr als ihre Augen liebte.
 Denn er war honigsüß und kannte
 sie selbst besser als ein Mädchen seine Mutter.
 Er bewegte sich nie aus ihrem Schoß
 und mal hierhin mal dorthin hüpfend
 piepste er einzig und allein seine Herrin an.
 Nun muss er auf finsterem Weg dorthin gehen,
 von wo niemand zurückkehrt.
 Aber dir soll es schlecht gehen, schlechte Dunkelheit
 des Orkus, die alles Schöne verschlingt.
 Einen so schönen Sperling hast du mir genommen!
 Welch schlimmes Unglück! Welch armer Sperling!
 Durch dein Werk röten sich nun 
 die geschwollenen Augen meines Mädchens, weil sie weint.

Der Spatz ist tot. Lesbia weint und Catull ist unglücklich, weil sie unglücklich ist. Das Gedicht, das Catull hier verfasst ist formal eine Totenklage. Für einen Spatz.

Er beschreibt noch einmal die extrem enge Bindung zwischen dem Vogel und Lesbia und dass der Sperling nun den Weg allen Irdischen nehmen muss. Er verflucht die Unterwelt, weil sie den Sperling verschlingt und Lesbia trauern lässt.

Catull, der Romantiker

Das kann man süß finden. Catull, der an seiner Liebe leidende Poet. Der einfühlsame Mann, der mit seiner Freundin um den toten Sperling trauert. Man hat die Gedichte lange genau so genommen, wie sie dort stehen. Und das ist auch nicht unberechtigt. Catulls Gefühle für Lesbia sind immer in einer Form extrem. Entweder ist er übermäßig beschwingt, dass sie bei ihm ist und seine Liebe erwidert,10 oder er leidet daran, dass er nicht bei ihr ist und sie ihm die kalte Schulter zeigt.11

Das findet sich auch bei den Sperlings-Gedichten. Catull ist nicht bei Lesbia, der Vogel aber schon. Darunter leidet nach Catulls Einschätzung Lesbia, die sich mithilfe des Vogels selbst verletzt, und Catull selbst sowieso, der sich ein ähnliches Ventil für seinen Liebesschmerz wünscht.

Als der Sperling stirbt, ist Lesbia todtraurig. Wer schon mal den geliebten Familienhund beerdigen musste, weiß wie eng so eine Bindung zu einem Haustier sein kann. Catull verflucht die Ungerechtigkeit der Welt und leidet mit ihr. Auch das ist ein halbwegs natürlicher Reflex auf den Tod eines geliebten Wesens.

Dein Ernst?

Man kann den leidenden Poeten also wörtlich nehmen, man kann das Ganze aber auch für eine gigantische Übertreibung halten. Eine Totenklage auf ein Haustier ist schon ziemlich schräg. Bei der Beerdigung seines Hundes traurig zu sein, okay, kann man nachvollziehen. Aber erst noch am Grab eine Rede über dessen Zutraulichkeit und die tollen Kunststückchen zu halten, die er konnte, und Gott zu verfluchen, weil der Hund sterben musste, ist vielleicht ein bisschen drüber.

Auch sprachlich wimmelt es in Catulls Totenklage auf den Sperling vor Übertreibungen. Der Vogel kannte Lesbia besser als ein Mädchen seine Mutter und sie liebte ihn mehr als ihre Augen.

Das passt auch zu Catulls Selbstverständnis als Dichter. Denn Catull gehört zu den sogenannten Neoterikern, d. h. zu einer Gruppe von Dichtern, die sich schon dem Namen nach als „neu“ bezeichnen. Irgendetwas müssen sie ja demnach anders gemacht haben als ihre Vorgänger. 

In Catulls Dichtung geht es im Gegensatz zur älteren römischen Dichtung nicht um das große, politische. Seine Gedichte sind kurz, er selbst nennt sie nugae, „Kleinigkeiten“. Es geht um Alltägliches und Privates. Und letzten Endes geht es darum, dass Kunst keinen praktischen oder politischen Nutzen haben muss. Catulls Gedichte sind Kunst um der Kunst willen.

Zu diesem Selbstverständnis passt es dann auch ganz gut, dass man nicht ganz so ernst gemeinte Gedichte über den Tod eines Sperlings schreibt, eben weil es schräg ist. Ein Lied über ein gelbes U-Boot ist auch schräg und trotzdem war Yellow Submarine ein Riesenhit.

Weniger Vogel, mehr Vögeln

Lesbia
Lesbia (John Reinhard Weguelin 1878, gemeinfrei)

Eine letzte Interpretation, die wir euch nicht vorenthalten wollen, geht davon aus, dass die Gedichte metaphorisch gemeint sind. Es geht hier also gar nicht wirklich um einen Sperling, sondern um Catulls Penis.

Das klingt weit hergeholt, hat aber seine Berechtigung. Denn das Wort passer, das im lateinischen Text steht und das wir hier so brav mit „Sperling“ übersetzt haben, kann metaphorisch auch für „Penis“ stehen. Der Wagen der Aphrodite, die übrigens weniger eine Liebes- und mehr eine Erotikgöttin ist, wird von Spatzen gezogen. Darüber hinaus galten Sperlinge in der Antike als besonders paarungsfreudig und lasziv. Die metaphorische Sprechen von einem „Sperling“ für einen Penis ist also nicht völlig abwegig. Die gegenwärtig verwendete Metapher „Schlange“ mag da aus optischen Gründen etwas näher liegen, aber es ist dasselbe Prinzip.

Wenn man die beiden Gedichte also einfach noch einmal liest und Sperling jedes Mal in Anführungszeichen setzt, ergibt sich eine ganz neue Bedeutung. Lesbia nutzt den „Sperling“ um ihr Verlangen zu stillen, Catull wünscht sich, dass sein Spielen mit dem „Sperling“ den gleichen Effekt hätte, wie wenn es Lesbia tut, und der sehr vertraute Umgang Lesbias mit dem „Sperling“, dessen einzige Herrin sie ist, findet ein abruptes Ende, als der „Sperling“ stirbt. Das würde hier bedeuten, dass der Sprecher des Gedichts impotent ist. Vielleicht nicht vollständig, aber dass er aus irgendwelchen Gründen nicht so kann, wie er gerne würde. Und Lesbia trauert, weil sie den „Sperling“ vermisst.

Kunst für die Kunst

Seit Jahrhunderten ist viel Tinte darüber geflossen, was Catull hier mit der Klage über den toten Sperling bewirken will. War Catull wirklich so empfindsam und zart besaitet, dass er dem Sperling eine Totenklage widmete? Ist das Ganze einfach ironisch und übertrieben? Oder geht es hier tatsächlich um einen sexuellen Tod des „Sperlings“ und Impotenz?

Bei allem Interpretationsspielraum sollte man sich auf jeden Fall davor hüten, daraus irgendwelche Aussagen über Catull selbst treffen zu wollen. Denn die Trennlinie zwischen dem Sprecher seiner Gedichte und dem Autor Catull zieht Catull schon selbst.12

Was man mit Blick auf die anderen Gedichte Catulls sagen kann, ist, dass Catull als Dichter unglaublichen Spaß an seiner Kunst hatte, an scheinbaren Widersprüchen innerhalb seiner Gedichte und an weiten Deutungsspielräumen, was er denn nun genau gemeint hat. Vielleicht ist die Vielschichtigkeit in Catulls Sperlings-Gedichten also auch einfach Absicht.

  1. Catull 113, dort erwähnt er das zweite Konsulat des Pompeius im Jahr 55 v. Chr, außerdem Catull 11 und Catull 29, wo er Caesars Rheinübergang und die erste Überfahrt nach Britannien, ebenfalls 55 v. Chr., erwähnt.
  2. Hieronymus, Chronicon ad annum Abrahae 1930 und 1959
  3. Sueton, C. Iulius Caesar 73
  4. Catull 49 geht auf die Selbstverliebtheit Ciceros ein
  5. Catull 29, dort bezeichnet Catull Caesar als cinaedus Romulus, als „Romulus-Schwuchtel“. Er soll sich dafür später entschuldigt haben.
  6. Apuleius, Apologia 10
  7. Catull 58
  8. Catull 2, ob die drei in der Überlieferung folgenden Verse auch noch zu dem Gedicht gehören oder das Fragment eines anderen Gedichts sind, ist strittig. Für das Bild des Sperlings sind sie ohnehin nicht mehr so relevant, weshalb wir sie hier einfach weglassen.
  9. Catull 3
  10. Catull 5
  11. Catull 75
  12. Catull 16

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