Warum dreht Orpheus sich um?

„Schau nicht zurück!“, „Blicke nach vorn!“ Diese und ähnliche Lebensweisheiten bekommt man öfter als man danach fragt. Auch Orpheus, eine der berühmtesten Figuren der griechisch-römischen Mythologie, hat diese Sprüche zu hören bekommen. Allerdings nicht als Ratschlag, sondern als Warnung. Und in seinem Fall hätte es mindestens ein Leben gerettet, wenn er sie beherzigt hätte.

Die Sage von Orpheus und seiner Reise in die Unterwelt ist eine von jenen Geschichten, die weit über die Antike hinausstrahlen. Seine Frau stirbt und er steigt in die Unterwelt hinab, um sie zurückzuholen. Die einzige Bedingung: Er darf sich nicht umdrehen, bis beide wieder oben angekommen sind. Bis heute findet man den Stoff in Oper, Literatur und Film, weil er einfach so wunderbar tragisch und menschlich ist. „Dreh dich nicht um!“ Das sollte eigentlich für jede und jeden verständlich sein. Aber Orpheus tut es trotzdem und verliert das Wichtigste in seinem Leben.

Aber warum blickt Orpheus eigentlich zurück? Was war an „Dreh dich nicht um!“ nicht zu verstehen? Die antiken Autoren haben in ihren jeweiligen Orpheus-Erzählungen verschiedene Antworten darauf gefunden. Doch zunächst einmal wollen wir hier klären, wie es zur Reise in die Unterwelt und zu dem Umdrehen-Verbot überhaupt gekommen ist.

Orpheus und Eurydike – Bis(s), dass der Tod uns scheidet

Eurydike wird von einer Schlange gebissen.
Eurydike wird an der Ferse von einer Schlange gebissen. Kupferstich von Joseph Stöber, 1791 (gemeinfrei)

Orpheus ist eine der bekanntesten Sagengestalten überhaupt. Er war der krasseste Musiker, den die Welt je gesehen hat. Wenn Orpheus sang, traf er damit alle Menschen direkt ins Herz und auch das war noch nicht genug, denn seine Musik vollbrachte regelrechte Wunder: Wilde Tiere legten sich neben ihn und hörten ihm friedlich zu und sogar Bäume und Steine sollen geweint haben, weil Orpheus so schön sang.1 Und als er Jason auf der Suche nach dem goldenen Vlies begleitete, übertönte er mit seiner harmonischen Musik die gefährlichen Stimmen der Sirenen, bestialische Monster die Schiffe zum Kentern bringen konnten.2

Auf Abenteuer und Rock’n’Roll-Lifestyle hatte Orpheus es aber nicht angelegt. Als junger Mann heiratete er die Nymphe Eurydike,3 weil die beiden sich liebten. 4 Aus Liebe zu heiraten, war in der Antike vielleicht rebellisch. Auf jeden Fall war es selten. Doch schon bei der Hochzeit gab es böse Vorzeichen, die anzeigten, dass die Ehe unter keinem guten Stern stand.5 Und so kommt es bereits  kurz nach der Hochzeit dazu, dass Eurydike auf eine Schlange tritt, gebissen wird und daran stirbt.6 Orpheus trauert und ist völlig außer sich – mehr noch, er weigert sich schlicht, den frühen Tod seiner Frau zu akzeptieren.

Eine gefährliche Reise beginnt

Deshalb beschließt er, in die Unterwelt hinabzusteigen und die Götter des Totenreichs aufzufordern, ihm seine Frau zurückzugeben. Das ist natürlich gefährlich und zurückgekehrt ist von dort auch selten jemand. 

Aber Orpheus schafft es trotz aller Widrigkeiten, die die Unterwelt so bereit hält, sich bis zum Palast durchzuschlagen. Dort wohnt das Götterpaar, das über die Seelen der Verstorbenen herrscht: Hades und Persephone. Die beiden sind natürlich überrascht, einen lebenden Menschen bei sich vorzufinden und hören ihn an. Und Orpheus beginnt zu singen. 

Sein Gesang berührt die Wesen der  Unterwelt. Plötzlich scheint die Zeit still zu stehen und die trostlose Dunkelheit um sie herum vergessen. Alle sind gebannt von Orpheus’ Lied. Selbst die Furien weinen – und die sind die Rachegöttinnen und so ziemlich die mitleidlosesten Kreaturen, die es gibt. Auch Hades und Persephone lassen sich schließlich erweichen.7 Orpheus darf Eurydike mitnehmen. Sie wird ihm auf dem Weg zurück in die Welt der Menschen folgen. Aber: Er darf sich auf dem Weg nicht umdrehen.8 Wenn er das macht, verliert er Eurydike für immer. 

Kurz vor dem Ziel

Orpheus singt vor Pluto und Proserpina
Orpheus vor Pluto und Proserpina, Gemälde von François Perrier, undatiert (gemeinfrei)

„Dreh dich nicht um!“, „Blicke nicht zurück!“ Orpheus weiß also, worauf er sich einlässt. Er beginnt mit Eurydike den beschwerlichen Rückweg. Er geht vor und Eurydike folgt ihm. Und die beiden sind schon fast am Ziel. „Sie waren nicht mehr weit entfernt vom Rand der oberen Welt“, schreibt der Dichter Ovid, 9 als es kommt, wie es kommen muss – Orpheus dreht sich plötzlich um. Eurydike wird sofort zurück in die Unterwelt gerissen, Orpheus versucht panisch nach ihr zu greifen, kann sie aber natürlich nicht festhalten und Eurydikes Seele verschwindet wieder in den finsteren Tiefen. 

Orpheus hat Eurydike zum zweiten Mal verloren – mehr noch: Dieses Mal ist er sogar daran schuld. Völlig verzweifelt bittet er den Fährmann in der Unterwelt, ihn noch einmal über den Fluss zum Palast der Götter überzusetzen, aber vergeblich. 

Orpheus ist danach nicht mehr derselbe. Er kann nicht ertragen, was passiert ist. Er kann Eurydikes zweiten Tod nicht verarbeiten. Er zieht sich aus dem gesellschaftlichen Leben komplett zurück und kann von diesem Zeitpunkt an auch keine andere Frau mehr lieben.

Warum dreht Orpheus sich um?

Die entscheidende Frage ist damit aber noch nicht beantwortet – nämlich die Frage, warum Orpheus sich überhaupt nach Eurydike umdreht. Die Antwort darauf ist: Kommt drauf an, wen man fragt. Denn verschiedene antike Autoren haben auf die Frage verschiedene Antworten gegeben. Wir haben uns hier vier Deutungen angeschaut.

Nur einen Moment nicht aufgepasst

Bei Vergil, dem Dichter der Aeneis, macht sich Orpheus auf den langen und schwierigen Rückweg, zurück in die obere Welt. Eurydike folgt ihm und auf einmal wird Orpheus von einer subita dementia befallen, also einem plötzlichen Wahnsinn bzw. einer plötzlichen Dummheit.10 Orpheus handelt hier also auf einmal total irrational und entgegen jeder Vernunft. Er müsste es besser wissen, aber er hat so etwas wie einen Blackout. Ein gedanklicher Aussetzer führt dazu, dass er ganz kurz vergisst, dass er sich nicht umdrehen darf.11

Nur ist dieser Fehler leider sehr folgenschwer. Die Erde beginnt zu beben. Eurydike spürt, dass sie zurück in die Unterwelt gerissen wird. Sie kann aber noch etwas sagen und sie macht Orpheus Vorwürfe: Sein Blackout12 wird nun für beide Leid bedeuten. Und was es für Orpheus absolut unerträglich macht: Sie gibt ihm die Schuld daran, dass sie ein zweites Mal sterben muss. So traurig sieht also Vergils Interpretation aus. Nur ein Moment der Unachtsamkeit und Unkonzentriertheit wird den beiden zum Verhängnis.

Angst um Eurydike 

Der Dichter Ovid war ein Zeitgenosse Vergils und hat die Szene ganz anders gedeutet. Auch Ovid beschreibt, dass der Rückweg, den Orpheus und Eurydike zurücklegen müssen, dunkel und sehr gefährlich ist. Und auch bei ihm sind die beiden schon fast am Ziel, als Orpheus sich umdreht. 

Ovid nennt dafür zwei mögliche konkrete Gründe und führt beide dann auf ein übergeordnetes Motiv zurück. Zum einen habe Orpheus befürchtet, dass Eurydike erschöpft sei,13 weil der Weg zurück eben so anstrengend ist, und dass sie es womöglich nicht alleine schafft. Orpheus hat also Angst um sie. 

Orpheus holt Eurydike aus der Unterwelt
Orpheus holt Eurydike aus der Unterwelt, Gemälde von Charles Ricketts, 1931 (gemeinfrei)

Zum anderen habe er sie einfach sehen wollen, 14 vielleicht weil er eben Angst um sie hatte, vielleicht weil er sich nicht mehr sicher war, ob sie noch hinter ihm ist. So oder so ist Orpheus’ Grund bei  Ovid, dass er sich Sorgen um Eurydike macht. Orpheus dreht sich hier um, weil er Eurydike liebt, 15 weil er sich um sie sorgt, weil er nicht will, dass ihr etwas passiert. Dass er aber ironischerweise genau das mit seiner Liebe bewirkt, dass ihr nämlich etwas passiert, darin liegt die Tragik der Geschichte. 

Auch Eurydike reagiert bei Ovid ganz anders. Sie beklagt sich mit keinem Wort und alles, was sie sagt, bevor sie in die Unterwelt zurückgerissen wird, ist: „Lebe wohl!“. Ovid fasst die ganze tragische Dramatik in einem Satz zusammen: Worüber hätte sie sich auch beschweren sollen, außer darüber, dass er sie geliebt hat?16 Bei Ovid meint es Orpheus also nur gut, er macht sich Sorgen, weil er Eurydike liebt, und löst genau mit dieser Liebe die Katastrophe aus. Mehr Tragik geht eigentlich kaum.

Ein Test auf Selbstbeherrschung

Den dritten Autor im Bunde, Seneca, kennen wir heute meistens als Verfasser von philosophischen Schriften. Daneben hat er aber auch Tragödien zu antiken Mythen verfasst. In einer davon, nämlich im Hercules Furens berichtet er kurz auch von Orpheus und Eurydike. In der Tragödie geht es, wie der Titel schon vermuten lässt, eigentlich um Hercules und nicht um Orpheus. 

Deshalb ist die Beschreibung dort auch sehr kurz. Auch bei Seneca ist das Motiv Liebe. Auch hier wird das Tragische und das Widersprüchliche stark betont, dass Orpheus Eurydike mit seiner Liebe tötet. Hier geht es allerdings weniger um die Fürsorge, die Orpheus Eurydike entgegenbringt, sondern mehr um die Sehnsucht.17 Orpheus erträgt es nicht, von Eurydike getrennt zu sein. Seine Sehnsucht nach ihr ist so stark, dass er die Beherrschung verliert und sich umdreht. Damit muss er nun eine sehr viel längere Zeit damit klar kommen, von Eurydike getrennt zu sein.

Vertraust du mir?

Unter dem Namen von Seneca ist auch noch ein zweites Stück überliefert, in dem es eigentlich um Hercules geht, in dem aber auch Orpheus wieder einmal kurz erwähnt wird. Die Tragödie heißt „Hercules auf dem Öta“. Seneca wird uns hier als Autor überliefert. Wenn man das Stück allerdings genauer untersucht, kann man feststellen, dass es sehr wahrscheinlich von jemand anderem geschrieben wurde, der sehr gut Senecas Stil und Wortwahl imitiert, den wir aber nicht kennen. So etwas passiert in der Antike häufiger. Philolog*innen nennen den Autor von „Hercules auf dem Öta“ deshalb Pseudo-Seneca. 

Dieser Pseudo-Seneca liefert nun noch ein viertes Motiv für den Verlust von Eurydike.„Aber als er sich gedankenverloren umdrehte,“ so schreibt der Autor,  „weil er nicht glaubte, dass ihm die zurückgegebene Eurydike folgte, verlor er den Lohn für seinen Gesang. Die gerade erst wieder Geborene, starb erneut.“18 Orpheus glaubt also nicht, dass Eurydike noch hinter ihm ist. Er vertraut nicht darauf, dass sie noch da ist. 

Es ist nicht klar, wem er nicht vertraut. Ob er befürchtet, dass Eurydike es sich anders überlegt hat, dass er also ihr nicht vertraut. Oder, was etwas wahrscheinlicher ist, dass er befürchtet, dass die Unterweltsgötter Hades und Persephone ihn reingelegt haben und Eurydike ihm gar nicht folgen darf. Damit vertraut er dann den Göttern nicht. Er verlässt sich nicht auf das Wort der Götter und wird dafür sehr hart bestraft.

Zum Scheitern verurteilt?

Black-Out, Liebe und Fürsorge, Sehnsucht, fehlendes Vertrauen. Die Liste der Erklärungen ist auch bei den antiken Autoren schon lang. Und sie hat sich über die Jahrhunderte immer weiter gefüllt. In mancher Oper ruft Eurydike nach Orpheus und zwingt ihn so dazu sich umzudrehen. Das ist ein interessanter Aspekt, weil die Schuld für das Scheitern dann auf einmal bei Eurydike liegt.

Man muss aber auch sagen, dass es in der modernen Forschung nicht wenige Leute gibt, die  behaupten, die Frage, warum Orpheus sich umdreht, sei total unwichtig. Ihre Frage ist nicht: „Warum scheitert Orpheus?“, sondern „Muss Orpheus scheitern?“ Ist Orpheus ganze Reise in die Unterwelt von vorne herein zum Scheitern verurteilt, weil er sich über den Tod stellt? Weil er es als Mensch wagt, das Naturgesetz, dass Menschen nunmal sterben, in Frage zu stellen? Dass er es sich anmaßt, über Leben und Tod entscheiden zu können? Und deshalb gar nicht gewinnen kann.

Wir wünschten, wir hätten an der Stelle ein schöneres Fazit. Aber die Geschichte von Orpheus und Eurydike hat kein Happy End. In diesem Fall siegt nicht Liebe über alles, sondern der Tod.

Titelbild: Orpheus umgeben von wilden Tieren, römische Statuette, 4. Jh. n. Chr., Foto: Ricardo André Frantz, CC BY-SA 3.0

  1. Apollonios von Rhodos, Argonautika I 23-31
  2. Apollonios von Rhodos, Argonautika IV 905-907
  3. Ovid, Metamorphosen X 8; Vergil, Georgica IV 465
  4. Ovid, Metamorphosen X 26
  5. Ovid, Metamorphosen X 4-7
  6. Ovid, Metamorphosen X 8-10
  7. Ovid, Metamorphosen X 40-51
  8. Ovid, Metamorphosen X 50-51
  9. Ovid, Metamorphosen X 55
  10. Vergil, Georgica IV 488
  11. Vergil, Georgica IV 491
  12. Vergil nennt es furor, Georgica IV 495
  13. Ovid, Metamorphosen X 56
  14. Ovid, Metamorphosen X 57
  15. Ovid, Metamorphosen X 61
  16. Ovid, Metamorphosen X 61. Ovid kannte den nur wenige Jahre älteren Text von Vergil also sehr genau.
  17. Seneca, Hercules furens 588-89
  18. Ps.-Seneca, Hercules Oetaeus, 1085-89

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