Gymnasium und Gym – Fremdwort der Woche

Gymnasien kennt man in Deutschland schon ziemlich lange. Zu meiner Schulzeit aber war das Wort Gym für Fitnessstudio im Deutschen noch nicht etabliert. Man sagte nicht: „Lass mal nach der Schule im Gym treffen.“ (Also ich sagte das sowieso nicht, aber das hatte andere Gründe.) Es gab auch keine Fitness-Youtuber, die von ihrem Workout im Gym berichteten und von seinem Home-Gym sprach auch niemand.

In der Mittelstufe lernte ich im Englischunterricht dann, dass „Fitnessstudio“ auf Englisch gym heißt und die Abkürzung von gymnasium ist. Wie kamen englischsprachige Menschen darauf, mit einem gym ein völlig anderes Gebäude zu meinen?

Was sollte eine Schule mit einem Fitnessstudio gemeinsam haben?

Die Lösung wurde mir erst Jahre später klar und natürlich liegt sie im antiken Griechenland. Gymnasium ist nämlich die lateinische Form des griechischen Wortes gymnasion und das bezeichnete schon in der Antike ein Gebäude, das etwas mit der Ausbildung junger Männer zu tun hatte. In seinem Ursprung war das gymnasion wahrscheinlich ein Ort, an dem schwer bewaffnetes Militär trainierte. Doch daraus entwickelte sich ein kultureller und gesellschaftlich wichtiger Ort, bei dem es immer noch um Training und Sport ging. Man trainierte dort Laufen, Speerwurf, Kampfsportarten, Diskuswerfen und – wenn man es sich leisten konnte – auch Wagenrennen. „Man“ bedeutet wie so oft in der Antike freie Männer mit Bürgerrecht. Frauen, Sklaven und Fremde waren davon ausgeschlossen. So weit also zum gymnasion als Sportstätte.

Erst etwas später wurden dem gymnasion auch Bildungseinrichtungen angeschlossen, in denen es nicht um die körperliche, sondern um die geistige Erziehung ging. Zunächst lernte man dort elementare Kenntnisse wie  Lesen und Schreiben, später dann auch Dichtung, Rhetorik, Musik, Mathematik, Philosophie usw. Die gymnasia entwickelten sich also nach und nach auch zu Orten der Bildung. Der Besuch einer solchen Einrichtung war allerdings keineswegs verpflichtend. Daneben bestand immer noch die Möglichkeit zu Hause von Hauslehrern (meist gebildeten Sklaven) unterrichtet zu werden. Und überhaupt gab es so etwas wie eine Schulpflicht natürlich nicht. 

So entwickelte sich das gymnasion also von einem militärischen Übungsplatz, zu einem zivilen Sportplatz und schließlich zu einer ganzheitlichen Bildungseinrichtung. Das Wort gymnasion selbst geht übrigens auf das griechische Wort gymnos zurück, was „nackt“ bedeutet. Ein Gymnasium ist also wörtlich ein „Ort, an dem man nackt ist“. Das hat damit zu tun, dass man in der Antike keine Sportkleidung trug. Man trainierte komplett nackt.

Zum Schluss daher noch ein kleiner Disclaimer: Wir möchten darauf hinweisen, dass es heutzutage nicht mehr ratsam ist, irgendeine Einrichtung mit dem Namen „Gymnasium“ – sei es die Schule, sei es das Fitnessstudio – unter Berufung auf antike Traditionen nackt aufzusuchen. Es kann schließlich nicht jeder Altgriechisch.

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Kommentare

Eine Antwort zu „Gymnasium und Gym – Fremdwort der Woche“

  1. Kai Brodersen hat vor ein paar Jahren das Peri Gymnastikes des Philostratos übersetzt und unter dem Titel «Sport in der Antike» veröffentlicht. Das Buch ist nicht teuer, aber ich würde es mir erst mal aus der Bücherei ausleihen. Es geht in dem Buch nicht nur über Sport und über die Olympischen Spiele, sondern darum, wie man die jungen Sportler*innen überwacht, herrichtet und trainiert. Auch im «Handbüchlein der Moral», dem Encheiridion aus dem Umfeld des Philosophen Epiktet, geht es nebenbei um das Training für Olympia, dort aber eher aus der Perspektive einer jungen Athlet*in.

    Der Gipfel sind natürlich die Gedichte des Pindar, wenn es um Sport und Sportwissenschaft geht. 🔥

    Das ist aber ein schwieriges Thema, bei Pindar rauschen schnell sehr strenge junge Damen und Herren mit ihren orangenen Reclam-Bändchen herein, diese Gedichte sind auch in der Übersetzung sehr anspruchsvoll zu lesen. So weit zum Thema «Athet*innen sind doof».

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