Catull oder: Was ist Lyrik?

Das hier ist ein Beitrag für diejenigen unter euch, die mit Lyrik nicht viel anfangen können. Ja wirklich, auch wenn es um einen Lyriker geht. Die Lyrik hat heutzutage vielleicht nicht unbedingt viele Freund*innen. Sie gilt als langweilig und abgehoben. Sie ist was für den Deutschunterricht und ansonsten vielleicht für selbsternannte Bildungsbürger*innen, zu deren Lieblingsvokabeln Wörter wie „allerliebst“ gehören. Das war aber zum Glück nicht immer so. 

Lyrik ist so ne Sache…

Wenn man sich über die Bedeutung und die Relevanz von Lyrik unterhalten will, wird es kompliziert. Ich meine, wer von uns hat in letzter Zeit mal einen Gedichtband gekauft und gelesen? Und selbst wenn man selbst Lyrik ein bisschen mag oder sogar ab und zu liest: Wer stößt damit nicht bei Freund*innen, Verwandten, Kolleg*innen eher auf Stirnrunzeln? 

Lyrik wirkt sogar ein bisschen elitär, denn sie hat bis heute auch so eine Aura der höheren Bildung. Und dazu kommt bei vielen noch das Trauma namens „Deutschunterricht“. Auch wenn die Deutschlehrer*innen immer behaupten, dass es die eine richtige Interpretation nicht gebe – am Ende ist dann ja doch immer nur ihre eigene richtig. Genau genommen: Die, die sie selbst aus irgendwelchen Büchern haben. 

Und wir haben auch alle im Deutschunterricht eins gelernt: Nicht die klügste Interpretation ist die beste, sondern die, die über 20 Seiten geht und vom Mauerblümchen der Klasse in stundenlanger Fleißarbeit angefertigt wurde. Masse sticht Klasse.

…und Kunst sowieso

Man kann das Thema auch noch von einer anderen Seite aus betrachten, auf der es nicht weniger schwierig wird. Insbesondere in Deutschland blickt man ja gern mit einiger Verachtung auf Erfolg. Auf die Literatur gemünzt heißt das: Nur wenn Literatur frei ist von kommerziellen Interessen (und auch von dem Wunsch nach Ruhm), dann ist es wahre Kunst. Wehe, ein*e Dichter*in ist mit den eigenen Werken erfolgreich oder legt es sogar noch bewusst darauf an, erfolgreich zu sein!

Aus altphilologischer Sicht ist es ein bisschen traurig zu sehen, wie eine so spannende und vielseitige Literaturgattung wie die Lyrik ausgerechnet zu so einem bildungsbürgerlich-akademischen Nischenprodukt werden konnte. In der Antike war sie ein fester Teil des Lebens und des Alltags. Dementsprechend facettenreich war sie auch.

Ein junger Mann aus Verona

Im Jahr 87 oder 86 v. Chr. kam (vermutlich) der junge Mann zu Welt, um den es heute gehen soll. Das heißt, Catull kam natürlich nicht als junger Mann zur Welt, sondern ganz klassisch als Baby. Aber er wurde nicht sehr alt, zumindest soweit wir wissen.  

Über diese Brücke in Verona könnte schon der junge Catull spaziert sein. Die „Ponte Pietra“ wurde um 100 v. Chr. erbaut. Foto: Fabio Becchelli (CC-BY SA 3.0)

Wann Catull gestorben ist, konnte bis heute in der Forschung nicht zweifelsfrei geklärt werden. In seinen Gedichten finden wir Anspielungen auf historische Ereignisse, die Mitte der 50er Jahre vor Christus stattgefunden haben. Da muss er also noch gelebt haben. Doch danach verliert sich seine Spur. Aus diesem Grund vermutet die Forschung, dass er also mit ungefähr Anfang 30 gestorben sein dürfte. 

Gaius Valerius Catullus, so sein voller Name1, stammte nicht aus Rom, sondern aus Verona.2 Vielleicht hieß er auch Quintus mit Vornamen.3 Das ist wieder so was, was wir nicht ganz sicher wissen. Die Familie, in die er hineingeboren wurde, gehört zum so genannten Munizipaladel. Das bedeutet: Sie war wohlhabend und in ihrer Stadt sehr einflussreich. In Rom dagegen waren die Valerier wohl eher ein kleines Licht. Eine moderner Begriff dafür wäre vielleicht so was wie „Landadel“.

Wer waren die Valerier?

Die Familie der Valerier scheint mit Caesar ganz gut befreundet gewesen zu sein. Das steht in einem gewissen Widerspruch zu den wirklich fiesen Schmähgedichten, die Catull über Caesar verfasst hat. Er beschimpfte ihn unter anderem als „Bückstück“.4 Letztlich scheint das Verhältnis der beiden aber keinen dauerhaften Schaden genommen zu haben, und sie versöhnten sich.5

Ansonsten wissen wir noch, dass Catull eine politische Laufbahn eingeschlagen hat. Er wurde in Rom ausgebildet und begleitete Gaius Memmius, der als Prokonsul für eine gewisse Zeit die Provinz Bithynien verwaltete.6 

Und ansonsten war’s das mehr oder weniger. Über sonstige politische Beziehungen wissen wir nichts. Auch dass Catull irgend welche besonderen Ämter bekleidet hätte: Fehlanzeige. Falls dieser Befund den Tatsachen entspricht, dann hat sich Catull offenbar hauptsächlich der Literatur gewidmet. Und das wiederum würde bedeuten, dass er von seinem Vater mit einem ausreichenden Vermögen ausgestattet wurde, um sich das leisten zu können. 

Die Forschung hat das mit den zahlreichen Gedichten in Verbindung gebracht, in denen Catull mächtige Männer der römischen Republik angegriffen oder mit üblem Spott überzogen hat. Scheinbar war Catull finanziell so unabhängig, dass er sich das erlauben konnte und auf niemanden Rücksicht nehmen wusste. Aber das sind alles kluge Schlussfolgerungen. Wirklich sicher wissen können wir es nicht. 

Catull und sein Werk

Diese Unsicherheiten setzen sich bei Catulls Werk fort. Das, was uns von ihm überliefert ist, wirkt nämlich erst mal etwas konfus. Es gibt von ihm 60 so genannte „kleine Gedichte“, die vom Umfang her von wenigen Versen bis hin zu mehreren Strophen reichen. Inhalt: Ziemlich breit gefächert. Es gibt Liebesgedichte, dichterische Selbstreflexionen, Gedichte über Städte und Schiffe, aber auch Angriffe auf Zeitgenossen. Es folgen 8 „große“ Gedichte, ebenfalls von ganz unterschiedlicher Art (z. B. Hymnen, Hochzeitsgesänge oder „Mini-Epen“ mit mythologischem Inhalt). 

Abgerundet wird das Ganze durch rund 40 Epigramme. Das ist nun wieder eine ganz eigene Literaturform, die im engeren Sinn auch gar nicht zur Lyrik gezählt wird. Epigramme kann man sich zunächst als Zwei- oder Vierzeiler vorstellen, die auf einem Grabstein stehen und etwas über die verstorbene Person aussagen. Nur waren die in der Antike nicht unbedingt immer nett. Und so entwickelte sich aus den Epigrammen eine eigene Literaturform, zuerst als eine Art Spottgedicht mit einer Pointe am Ende, später dann aber mit einem ziemlich breit gestreuten Themenspektrum. 

Alles etwas merkwürdig

Das alles ist ungewöhnlich. Zum einen konzentrierten sich antike Schriftsteller*innen in der Regel auf eine oder wenige Formen von Literatur oder waren nur in einer oder wenigen erfolgreich. 

Zum anderen ist es auch komisch, so viele unterschiedliche Arten in einem Buch vorzufinden. Daher hat die Forschung geschlussfolgert, dass Catull vielleicht eigentlich mehrere Bände verfasst hat. Was uns überliefert ist, wäre demnach ein „Best-of“ seiner Dichtung. Wobei auch hierbei unklar ist, ob er dieses „Best-of“ noch selbst zusammengestellt hat oder ob das nach seinem Tod geschah. 

Er selbst nennt seine Gedichte übrigens „nugae“, was man mit „Kleinigkeiten“ oder „Spielereien“ übersetzen könnte. Das könnte bedeuten, dass es vielleicht doch nur diesen einen Band gab – ein Sammelsurium von kleinen und sehr unterschiedlichen dichterischen Spielereien. 7

Auf der anderen Seite ist der Ausdruck „nugae“ aber sowieso ein klassisches Understatement. Denn seine Gedichte sind klug gestaltet, handwerklich perfekt komponiert und sprachlich präzise gebaut. 

Catull und Lesbia

Catull und die Liebe: Ja, um dieses Thema kommen wir natürlich nicht herum. Zum Glück hat sich Livia an anderer Stelle schon mal ausführlicher mit der rätselhaften Liebesgeschichte von Catull zu einer Dame namens Lesbia befasst. Deswegen können wir es hier etwas kürzer fassen. Jedenfalls widmet Catull dieser Frau und ihrer Liebe mehrere Gedichte. Die Lesbia-Gedichte sind vielleicht die bekanntesten von Catull. 

Quaeris, quot mihi basiationes
tuae, Lesbia, sint satis superque.
quam magnus numerus Libyssae harenae
lasarpiciferis iacet Cyrenis
oraclum Iovis inter aestuosi
et Batti veteris sacrum sepulcrum;
aut quam sidera multa, cum tacet nox,
furtivos hominum vident amores:
tam te basia multa basiare
vesano satis et super Catullo est,
quae nec pernumerare curiosi
possint nec mala fascinare lingua.
Du fragst mich, Lesbia, 
wie viele Küsse mir mehr als genug sind. 
So viele, wie Kyrene in Libyen, 
wo das Silphion blüht, Sandkörner hat, 
vom Orakel des Ammon 
bis zum altehrwürdigen heiligen Grab des Battus. 
Oder so viele wie Sterne am Himmel stehen, 
wenn in stiller Nacht die heimlich Liebenden hinaufschauen. 
So viele Küsse musst du geben, 
bis der verrückte Catull mehr als genug hat. 
Kein Neugieriger kann sie zählen
und auch keine boshafte Zunge sie verwünschen.

Catull, c. 7

Catull, Lesbia und ihr Haustier (ein Sperling), Gemälde von Guillaume Charles Brun (1860, gemeinfrei)

Doch die Liebe zu Lesbia hatte wohl offenbar keinen Bestand. Und ja, auch Catulls Enttäuschung und Wut darüber gehört zur Weltliteratur, auch wenn einigen blasierten Kulturschnepfen dabei vor Schreck das Monokel in die Teetasse fallen dürfte.

Caeli, Lesbia nostra, Lesbia illa.
illa Lesbia, quam Catullus unam
plus quam se atque suos amavit omnes,
nunc in quadriviis et angiportis
glubit magnanimi Remi nepotes.
Caelius! Meine Lesbia… diese Lesbia!
Die Lesbia, die Catull als einzige
mehr als sich selbst und die Seinen liebte, 
die steht jetzt an Kreuzungen und in engen Gassen
und lutscht den Römern die Schwänze.

C. 58

Natürlich sollten wir nicht annehmen, dass Lesbia wirklich eine Hure geworden ist. Aber man kann sich schon gut in diesen jungen Mann hineinversetzen, der der Wut über seine Ex Luft macht, und das auf eine etwas drastische Weise. 

Diese zwei Beispiele machen deutlich, welche Spannbreite Lyrik in der Antike aufwies. Das eine würde noch heute als wunderschönes Liebesgedicht der Sorte „allerliebst“ durchgehen. Das andere würden viele als obzönes Schmähgedicht bewerten. Einen ästhetischen Grund gibt es dafür aber nicht, denn es ist ebenso kunstvoll aufgebaut wie Catulls andere Gedichte. 

Erotische Abenteuer

Möglicherweise (das ist jetzt pure Spekulation, die wir uns mal gönnen) tröstete sich Catull mit einigen erotischen Abenteuern über die Trennung von Lesbia hinweg. 

Amabo, mea dulcis Ipsitilla,meae deliciae, mei lepores,iube ad te veniam meridiatum.et si iusseris, illud adiuvato,ne quis liminis obseret tabellam,neu tibi lubeat foras abire,sed domi maneas paresque nobisnovem continuas fututiones.verum si quid ages, statim iubeto:nam pransus iaceo et satur supinuspertundo tunicamque palliumque.
Bitte, meine liebe Ipsitilla,
mein Schatz, meine Süße,
lass mich zum Mittagsschlaf zu dir kommen. 
Es wäre nett, wenn du dafür sorgen könntest, 
dass keiner den Türriegel öffnen kann 
und dass du auch keinen Termin mehr hast, 
sondern zu Hause bleiben kannst 
und ich dich neunmal hintereinander ficken kann.
Wenn es dir passt, dann lass mich sofort kommen: 
Ich liege hier nämlich vollgefuttert auf dem Rücken
und durchstoße schon die Tunica und meinen Mantel.

C. 32

Und möglicherweise war Catull vom weiblichen Geschlecht am Ende auch derart enttäuscht, dass er sich dem eigenen zuwandte. Das ist auch wieder reine Spekulation, aber Fakt ist: Auch homoerotische Liebesdichtung gehört zu Catulls Werk:

Mellitos oculos tuos, Iuventi,
si quis me sinat usque basiare,
usque ad milia basiem trecenta
nec numquam videar satur futurus,
non si densior aridis aristis
sit nostrae seges osculationis.
Deine zuckersüßen Augen, Iuventus –
wenn man mich sie doch küssen lassen würde. 
Tausendmal und noch dreihundertmal würde ich sie küssen
und ich würde wohl nie satt werden, 
auch nicht wenn dichter als trockene Ähren
die Saat unserer Küsse stünde.

C.48

Kurzer Exkurs: Was ist überhaupt Lyrik?

Das alles passt nur teilweise zu unserem Bild von Lyrik. Wir kennen zwar auch die modernen Beispiele, in denen mit Konventionen gebrochen wird. Aber was Catull uns präsentiert, war für seine Zeit nicht ungewöhnlich, sondern der Normalfall. Also stellt sich die Frage: Was ist Lyrik überhaupt?

Und diese Frage ist heute wie damals schwer zu beantworten. Nähert man sich vom Ursprung her an, ist es zunächst ganz einfach. Lyrik ist eine Art von Dichtung, die musikalisch vorgetragen wurde.

Musikalische Dichtung

Das Begleitinstrument dazu war die Lyra, ein antikes Zupfinstrument. Es gab auch Dichtung, die von einer Flöte begleitet wurde, zum Beispiel die Elegie.8 

Abbildung einer Frau mit Lyra auf einem antiken Gefäß, Athen, ca. 440–430 v. Chr., Foto: Bibi Saint-Pol (public domain)

Demnach wäre Lyrik also eine Dichtung, die musikalisch zur Lyra vorgetragen wurde. Das bringt uns aber nur begrenzt weiter. Denn in römischer Zeit hatte sich Lyrik längst von ihren musikalischen Ursprüngen entfernt. Catulls Gedichte waren auch dafür gedacht, einfach nur gelesen zu werden.

Damit verlieren wir das einzige wirklich stichhaltige Argument, um Lyrik zu definieren. Denn ansonsten ist die Lyrik der Antike unglaublich breit gefächert. Es gab die unterschiedlichsten Anlässe für den Vortrag von lyrischen Werken: Öffentliche und private Feste, sportliche Wettkämpfe oder dichterische Wettbewerbe. Formal konnte lyrische Dichtung sehr kurz, aber auch sehr lang sein. Sie konnte von einem einzelnen Sänger vorgetragen werden, aber auch von einem Chor. Oder gemischt. Und der Inhalt reichte von Trinkliedern über Siegesgesänge, Hymnen für Götter bis hin zu intimen Liebesgedichten, erotischen Liedern und Spottversen. 

Die Forschung hat für die Lyrik der Antike daher ein Set an „weichen“ Kriterien herausgearbeitet, die auf den Großteil der Werke zutreffen. Das wichtigste davon ist vielleicht, dass lyrische Werke aus der Ich-Perspektive verfasst sind und im Präsens stehen.9 Das trifft auch auf Catulls Gedichte oft (aber nicht immer) zu. 

Lyrik und Alltag

Eins fällt als Besonderheit der Lyrik in der Antike auf: Die zahlreichen Anlässe, bei denen sie vorgetragen wurde, zeigen, wie sehr sie im Alltag der Menschen verankert war. Lyrische Werke gab es bei Feiern im privaten Rahmen genauso wie bei großen öffentlichen Anlässen. 

Catulls Werk spiegelt das wider, denn seine Themen sind ja ebenfalls sehr unterschiedlich. Streckenweise könnte man meinen, Catull nimmt seine Leser*innen bewusst mit auf einen Streifzug durch die Welt der Lyrik und zeigt ihnen einige (nicht alle) Aspekte dieser Literaturgattung auf. 

Aber es gibt auch eine entscheidende Weiterentwicklung: Wie schon erwähnt, war Catulls Dichtung aller Wahrscheinlichkeit nicht mehr nur für den musikalischen Vortrag bestimmt. Sie wurde auch schon als reine „Lesedichtung“ konsumiert. Das ist ein Schritt weg von ihren Ursprüngen und ein Schritt hin zu der Form, in der wir Lyrik heute wahrnehmen, nämlich als Lesestücke. 

Und auch ein weiteres Element lässt sich bei Catull erkennen: die Gelehrsamkeit. Catull folgte einem dichterischen Ideal, das bereits Jahrhunderte zuvor ein Literaturwissenschaftler namens Kallimachos formuliert hatte: Dichtung solle kurz sein, aber dafür sehr gehaltvoll. Das bedeutet formal, dass die Verse perfekt gebaut sein sollten. Inhaltlich soll der*die Leser*in herausgefordert werden, zum Beispiel durch komplexe mythologische Anspielungen. Der Gedanke dahinter: Der*die Leser*in freut sich, wenn er*sie diese Anspielung auf Anhieb versteht. 

Lyrik damals und heute

Wenn man das so zusammennimmt, dann lassen sich bei Catull (aber nicht nur bei ihm) schon Entwicklungen erkennen, die auf unsere moderne Lyrik hindeuten. Und doch verfolgt Catull immer noch das Ziel, dass seine Gedichte die Menschen ansprechen sollen. Sie sind mehr oder weniger stark im Alltag verhaftet und machen Momente, Situationen und Gefühle für die Leser*innen erfahrbar. 

Die Lyrik der Neuzeit dagegen, so muss man es wohl sagen, war schon immer ein ziemlich akademisches Kunstprodukt. Goethes Werke sind vor allem Werke der Gelehrsamkeit. Boudelaire entdeckte die „Ästhetik des Grausigen“ und stellte gezielt die Frage, was überhaupt „schön“ ist. Der Dadaismus war eine Bewegung, die das dichterische Selbstverständnis (und das der Leser*innen) ad absurdum zu führen versuchte. Aber das alles hatte mit „normalen Menschen“ nichts zu tun. 

Man könnte es auch so sagen: Lyrik ist heute weitgehend eine tote Literaturform. Sie ist praktisch nur noch für akademische oder (teilweise selbsternannte) hochgebildete Kreise irgendwie relevant. Vielleicht mal abgesehen vom obligatorischen Zweizeiler auf der Geburtstagskarte für die Kollegin, denn ja: Auch das ist Lyrik. 

Von Lyrik und Lyrics

Aber mit so einem deprimierenden Schluss soll dieser Blogbeitrag nicht enden, denn letztlich haben wir vielleicht auch einfach nur ein Definitionsproblem. Es gibt sie nämlich dann doch noch: Die moderne Fortsetzung der Art von Lyrik, wie die Antike sie kannte. Wir finden sie nur größtenteils ganz woanders, und zwar dort, wo sie auch ursprünglich mal herkam: in der Musik. Dass Songtexte auf Englisch „lyrics“ heißen, kommt ja auch nicht von ungefähr. 

Und in der Musik finden wir eine wirklich lebendige Fortsetzung von Lyrik. Es gibt die einfachen und eingängigen Texte, und es gibt auch die Texte, die schwerer zu verstehen sind und voller Anspielungen sind. In ihnen kann es sowohl um die kunstvolle Verarbeitung menschlicher Sehnsüchte und Sorgen gehen, genauso wie es Invektiven geben kann und Songs, die von Sex der dreckigsten Sorte handeln. Und auch für moderne Songtexte gilt: Sie stehen meist in der ersten Person und im Präsens. Sie erzählen zudem eher selten eine Geschichte, sondern beleuchten eine Situation, in der sich das lyrische Ich gerade befindet.  

Und das alles funktioniert ganz ohne, dass man sich gebildet fühlen und ein halbes Germanistik- (oder Anglistik-) Studium hinter sich gebracht haben muss, um erahnen zu können, worum es geht. Man kann sich auch so darüber freuen, wenn ein Song zu einem spricht und man sich darin irgendwie wiederfindet. 

Und vielleicht scheißt man auch einfach auf den Text und findet einen Song nur geil, weil er einen coolen Beat hat. Das war in der Antike mitunter auch schon so.  

  1. Apuleius Apologie 10,2
  2. Ovid, Amores III, 15,7
  3. Plinius d. Ä., 37,6,21
  4. Catull c. 57,1
  5. Sueton, Caesar 72
  6. Das schließen wir aus Catulls eigenen Äußerungen in c. 28,7-9
  7. Wer das alles genauer nachlesen möchte, kann es in der Einleitung der Catullausgabe von Thomson tun: Catullus, edited with a Textual and Interpretatvie Commentary by D. F. S. Thomson, Toronto 21998, S.6-11
  8. Der Begriff „Lyrik“ wurde allerdings in der Antike erst sehr spät verwendet. Der klassische Ausdruck für diese Art von Dichtung lautete genau genommen „Melik“.
  9. vgl. dazu Felix Budelmann, Introducing Greek Lyric in: Felix Budelmann  (Hg.), The Cambridge Companion to Greek Lyrik, Cambridge 2010, S. 7

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