Illusion – Fremdwort der Woche

Illusionen begegnen uns in vielen Varianten. Mal haben sie schwere, mal weniger schwere Konsequenzen, aber in der Regel assoziieren wir mit einer „Illusion“ eher etwas Negatives. Manche Menschen hängen der Illusion an, dass sie „die Geschäftsidee“ im Internet entdeckt hätten und lernen bestenfalls eine unangenehme Lektion für’s Leben, verlieren aber schlechtestenfalls eine Menge Geld. 

Andere wiederum glauben, die perfekte Liebe gefunden zu haben und stellen möglicherweise nach Jahren des Zusammenlebens und des Aufbaus einer gemeinsamen Existenz fest, dass alles doch eine Illusion war. 

Selten haben Illusionen einen positiven Beiklang, dabei braucht ein Mensch immer ein gewisses Maß an Naivität und, ja, auch illusorischer Verblendung, um Wagnisse einzugehen. Nur im Bereich der Unterhaltung begegnen wir dann doch mal einer positiven Besetzung des Begriffs. In Filmen ist die „perfekte Illusion“ gewünscht. Geht es um das Thema „Augmented“ oder „Virtual Reality“ gilt Gleiches, auch wenn sich Bedenkenträger*innen finden, die in diesem Bereich gewisse Bauchschmerzen verspüren. 

Cicero setzte Illusionen zur Erheiterung ein

In der Antike waren Illusionen, wie wir sie verstehen, aber absolut gar nicht erwünscht. Menschen konnten ohnehin keine Illusionen haben, sondern sie bekamen sie. Aber dazu später. 

Der Begriff taucht sehr selten in der antiken Literatur auf, auch wenn das Wort illusio lateinischen Ursprungs ist. Es handelt sich nämlich um einen Fachbegriff der Rhetorik und kommt bei den beiden großen Theoretikern der römischen Rhetorik zur Sprache: Cicero und Quintilian. Das Wort beschreibt bei ihnen eine Art der Ironie, mit der ein Gegner oder Sachverhalt lächerlich gemacht wird. Nun, auch heute machen sich Leute, die einer Illusion anhängen, gelegentlich lächerlich, aber das ist nicht das erste, woran wir bei dem Begriff denken. 

Im späteren Latein, namentlich der lateinischen Bibelübersetzung, taucht die illusio auch zweimal auf. Dort geht die Bedeutung noch darüber hinaus und beschreibt einen körperlichen Schaden oder eine Misshandlung, die einer Person beigebracht wird. Und das war’s. Vielmehr gibt es an Illusionen in den antiken Texten nicht. 

Über einen kleinen Umweg ans Ziel

Das ist natürlich in doppelter Hinsicht nur die halbe Wahrheit, denn zum einen muss auch die Antike Illusionen gehabt haben. Und zum anderen muss auch das Wort „Illusion“ ja irgendwo seine heutige Bedeutung herhaben.
Fangen wir mit dem zweiten Punkt an. Nur weil wir das Wort illusio in den antiken Quellen kaum finden, sind wir noch nicht mit unserem Latein am Ende. Denn zu (fast) jedem Substantiv gehört auch ein Verb. In diesem Fall ist das illudere. Und dieses Verb kommt in den antiken Texten massenhaft vor. Es bedeutet „verspotten“ oder „lächerlich machen“. Die Lateiner*innen unter euch haben es vielleicht schon bemerkt: Da steckt ludere drin, was so viel heißt wie „spielen“. il-ludere bedeutet demnach also, dass man „ein Spiel mit jemandem treibt.“ 

Und wer tut das in der Antike dauernd? Richtig, die Götter. Die ganze antike Literatur ist voll davon, dass Göttinnen und Götter Menschen Streiche spielen und sie täuschen. Als der Perserkönig Xerxes seinen Kriegszug gegen die Griechen plante und Zweifel hegte, schickten die Götter ihm ein Traumbild, das ihn überzeugte. Das Ganze endete für Xerxes in einem Debakel, aber die Götter wollten wohl Blut sehen. 

Verblendet

Das kann man nun gemein finden, aber es ist im Kern der Ursprung der heutigen Bedeutung von „Illusion“. Es handelt sich dabei – um einen etwas altmodischen deutschen Begriff zu verwenden – um eine Verblendung. Das ist eigentlich ein sehr schönes deutsches Wort, weil es so treffend ist. Man ist als Mensch eben blind für die Wirklichkeit geworden. Man ist verblendet. 

Und nach antikem Denken entwickelten Menschen eine solche Verblendung meist nicht von selbst. Sie wurde ihnen oft von den Göttern eingegeben. 

Auf eine solche Ausrede kann man sich heute (leider?) nicht mehr berufen, wenn man einer Illusion nachgehangen hat. Aber eins haben wir mit den Menschen der Antike immer noch gemeinsam: Mit den Folgen müssen wir ganz allein fertigwerden. 

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