Ismus – Fremdwort der Woche

So genannte „Ismen“ umgeben uns heute überall und ständig. Und nicht wenigen von uns gehen sie auch manchmal ein bisschen auf die Nerven: Fundamentalismus, Sexismus, Rassismus, Populismus, Liberalismus, Realismus, Autismus, aber auch ausgefallenere Dinge wie Dadaismus oder Ökoismus. 

Nicht selten gibt es, wie schon gesagt, Kritik an der vermeintlich modernen Ismus-Schwemme. Und gelegentlich wird auch beim einen oder anderen Fall der Einwand vorgebracht, dass es falsch sei, von einem „Ismus“ zu sprechen. Zeit für einen genaueren Blick auf dieses kleine Wortanhängsel. 

Erst mal gleich zum Einstieg: Nein, Ismen sind gar nicht so neu, wie man meinen könnte. Klar, sonst würden wir auch hier im „Fremdwort der Woche“ nicht darüber sprechen. Die Endung -ismus geht auf das altgriechische -ισμός (-ismós) zurück und kommt schon in der Antike vor. Es dient dazu, Substantive zu bilden, die zu bestimmten Verben gehören. 

Was nun die Ismen so besonders macht, ist die Gruppe von Verben, die im Griechischen dahinterstecken. Die drücken nämlich oft eine eine Geisteshaltung, eine Neigung oder eine Vorliebe aus. 

Und damit wären wir bei den ersten großen und bekannten Ismen der Weltgeschichte: Medismos und Hellenismos, oder latinisiert: Medismus und Hellenismus. Mit „Medismus“ bezeichnete man zur Zeit der Perserkriege (und danach) die Haltung von Personen, die Sympathien für das Perserreich bzw. das persische Königshaus hegten. Oft übernahmen diese Leute Elemente der persischen Kultur (z. B. bestimmte Kleidungsstücke oder Essgewohnheiten). 

Die Perser waren lange Zeit so etwas wie die „Erzfeinde“ der Griechen. Der Begriff „Medismus“ war also fast immer abwertend gemeint. Dass man von Medismus und nicht von einem „Persismus“ sprach (oder so ähnlich), liegt daran, dass die Griechen damals die Völkerbezeichnungen „Perser“ und „Meder“ lustig durcheinanderwarfen. 

Das Wort Hellenismus war in der Antike ein Universalbegriff für alles Griechische: griechische Sprache, griechische Kultur, griechische Lebensart. Seit der Neuzeit wird dieser Begriff auch für eine ganze Epoche der Antike verwendet, in der eben diese griechische Sprache, Kultur und Lebensart vorherrschend waren. 

Schaut man sich nur diese beiden Beispiele an, findet man schon viele Gemeinsamkeiten mit unseren modernen Ismen: Man bezeichnet damit Einstellungen, Weltanschauungen, gedankliche Systeme. Auch die Tatsache, dass sie manchmal eher negativ verwendet werden, gab es schon in der Antike, wie heute die Begriffe „Faschismus“ oder (ganz neu) „Raschismus“ (= „russischer Faschismus“). 

Aber was die beiden Beispiele auch zeigen: Während man mit „Hellenismus“ ein sehr großes, (aus griechischer Perspektive) weltumspannendes Phänomen bezeichnete, war der Ausdruck „Medismus“ oft eher eine Beschreibung für eine persönliche Haltung. Die Spanne dafür, wann man von einem Ismus sprechen konnte, war also recht groß. 

Und das ist sie ja auch heute. Aus sprachhistorischer Perspektive kann man also keine Leitlinie finden, wann ein Ismus angebracht ist und wann nicht. Oder mit anderen Worten: Wenn ihr in eurem Alltag meint, einen neuen Ismus gefunden zu haben: Tut euch keinen Zwang an. Wir haben eh schon so viele, da kommt es auf einen mehr oder weniger nicht mehr an. 

Aber genau in diesem Punkt haben die modernen Kritiker*innen der vielen Ismen schon recht, und das betrifft die „Schwemme an Ismen“ heutzutage: Sie kamen in der Antike zwar vor, aber ihre Anzahl ist heute viel, viel größer. Und sie ist auch vielfältiger, was sicherlich darauf zurückzuführen ist, dass unsere Welt heute gefühlt wesentlich „größer“ ist als in der Antike. Zum anderen ist es sicher auch typisch menschlich, dass wir andauernd versuchen, Dinge zu strukturieren, katalogisieren und mit festen Begriffen zu belegen, so dass man sich darüber einfacher austauschen kann. 

Aber, auch das sei an dieser Stelle noch kurz erwähnt: Das ist kein reines Phänomen des ausgehenden 20. oder des beginnenden 21. Jahrhunderts. Und eigentlich ist es kulturgeschichtlich auch ganz interessant zu beobachten, wann welche Ismen entstanden sind, denn daran lässt sich einiges über die beherrschenden Themen der jeweiligen Zeit ablesen. 

Schon im Mittelalter wurden häufig Ismen gebildet, um damit vor allem christliche Glaubensrichtungen oder philosophische Strömungen zu bezeichnen. In der frühen Neuzeit kamen dann solche Begriffe wie Lutheranismus oder Calvinismus auf. Ausdrücke wie Kapitalismus oder Kommunismus stammen aus dem 19. Jahrhundert, und die Auseinandersetzungen ideologischer Systeme zu dieser Zeit und im 20. Jahrhunderts brachte dann natürlich eine ziemlich große Anzahl weiterer Ismen hervor (Marxismus, Maoismus, Leninismus, Faschismus, Rassismus…). 

Und heute geht es bei vielen neueren Ismen häufig um Haltungen und Strukturen, die aus der Perspektive eines Individuum gesehen werden. Der Rassismus beschäftigt uns noch immer, aber auch der Sexismus, Misogynismus, Ableismus und viele andere mehr haben ihren festen Platz in der öffentlichen Debatte gefunden. 

Zum Glück gibt es aber auch immer noch den Optimismus. Denn sollten wir mit Blick auf die Zukunft sowieso besser nicht verlieren. 

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