Kandidat – Fremdwort der Woche

Die Bundestagswahl steht vor der Tür und beschert uns mal wieder zahlreiche Kandidat*innen für die Plätze im Bundestag. Da kann man schnell den Überblick verlieren. Wie wäre es mit einem Gruppenfoto? – und das am besten nach dem antiken Dresscode, von dem das Wort abgeleitet ist. 

Gut, das ganze hätte dann vielleicht eher was von Karneval, wo sich Närrinnen und Narren seltsam anziehen und schlechte Witze erzählen, z. B. dass sie „nicht käuflich“ seien trotz erhaltener Aktienoptionen einer KI-Firma oder dass sie spontan ihr Gedächtnis verloren hätten, als es um die Aufdeckung eines Finanzskandals ging. Aber das hätte ja mit der Bundestagswahl gar nichts zu tun und wäre daher ein völlig unpassender Vergleich. Also, lieber kein Gruppenfoto in der Toga. Und das vielleicht auch noch aus einem weiteren unappetitlichen Grund, zu dem ich gleich noch kommen werde.

Denn von einer bestimmten Toga leitet sich das Wort „Kandidat“ tatsächlich ab. Beim Wahlkampf in Rom hatten die Bewerber um ein Amt nämlich eine toga candida zu tragen. Das bedeutet schlicht „weiße Toga“. Und damit hatten sie in der Öffentlichkeit aufzutreten, wenn sie mit Leuten debattierten oder gratis Gerichte an die Bevölkerung verteilten. (Das gab es wirklich damals schon. Dass es sich dabei um Bratwurst handelte, können wir leider nicht belegen.)

Ganz in weiß

Warum durfte in Rom aber nicht einfach jeder den Hosenanzug anziehen, in dem er sich wohlfühlte? Das Ganze sollte Chancengleichheit garantieren. Denn Männer, die bereits Senatoren waren, trugen normalerweise in der Öffentlichkeit eine Toga mit einem Purpurstreifen. Das machte sie für jede*n von Weitem als Senatoren erkennbar. Diese Bewerber hatten außerdem schon mal einen gewissen Prestigevorteil im Wahlkampf, den man nach Möglichkeit aber nicht schon direkt an der Kleidung sehen sollte. 

Dazu kam noch, dass es sehr kostspielig war, in Rom ein Amt zu übernehmen. Die meisten Leute denken dabei, wenn es um die Antike geht, vor allem daran, dass man Wähler bestochen hat. Ja, auch das war teuer. Aber der größte Faktor war, dass man kein Geld für sein Amt bekam. Alle Ämter in Rom waren Ehrenämter. Man war also Vollzeit-Politiker und bekam dafür finanziell nichts. Das musste man sich also auch erstmal leisten können. Bewerber mit viel Geld hatten also einen Vertrauensvorteil, wenn es darum ging gewählt zu werden. Reichtum sollte man an der Kleidung also auch nicht ablesen können. Die Idee war also gar nicht mal so schlecht.

Obere Mittelschicht

Das wäre also in etwa so als würde man heutigen Politiker*innen vorschreiben, dass sie nur in einem weißen T-Shirt und in blue Jeans Wahlkampf machen dürften. Wie gesagt, die Idee wäre vielleicht ganz gut, aber sie wäre vermutlich genau so wenig sinnvoll, wie es das in der Antike gewesen ist. Denn natürlich kannte man sich in Rom. Und man kannte die Bewerber in der Regel noch besser als wir heute unsere Politiker*innen kennen. Und genauso wie man Friedrich Merz in weißem T-Shirt und Jeans den Mittelschicht-Bewerber nicht abgenommen hätte, hat das in Rom bei einem Caesar auch niemand getan. Jede*r wusste, welcher der Kandidaten schon im Senat saß oder ein großes Vermögen mitbrachte.

Und welches Mittel verwenden Sie für strahlend weiße Kleidung?

Chancengleichheit brachte die toga candida also eher nicht. Ein weiterer Grund, warum man vielleicht darauf verzichten könnte, heute wieder eine authentische toga candida hervorzukramen, ist die eher unschöne Herstellungsweise. Denn eine ganz weiße Toga musste damals wie heute mit Bleichmitteln behandelt werden. Und das beliebteste Bleichmittel, wenn es um Kleidung geht, war in der Antike Urin, meistens von Kühen. Lassen wir das also vielleicht bleiben. So viel antike Authentizität brauchen wir dann heute auch nicht.

Also kein Wahlkampf heutzutage in der toga candida bitte. Darauf können wir verzichten. Aber immerhin hat  sie uns das Wort „Kandidat“ beschert, das sich bis heute erhalten hat.

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