Oase – Fremdwort der Woche

Oasen – Orte der Ruhe und der Entspannung. Das galt vor 5000 Jahren in Ägypten auch schon. Unser Fremdwort der Woche „Oase“ stammt diese Woche nämlich ausnahmsweise einmal aus dem Altägyptischen.

Die Germanen in der römischen Auxiliareinheit mussten sich wohl fragen, ob ihr römischer Vorgesetzter das ernst meinte. Ein Land weit im Süden, in dem es unerträglich heiß war, nie regnete und in dem es so gut wie nur Sand und Gestein gab. Außer wenn der Fluss über die Ufer trat. Dann wuchsen auch ein paar Pflanzen. Aber Bäume, also Palmen, gab es in diesem ganzen riesigen Gebiet nur an wenigen Orten, nämlich nur direkt am Uferstreifen oder in sogenannten Oasen. Was auch immer das sein mochte. Dieses Ägypten war ein komisches Land.

Natürlich wird das Wort „Oase“ nicht genau so seinen Weg in die Gebiete nördlich der Alpen gefunden haben. Aber es verdeutlicht, wie es sein kann, dass wir noch heute ein Wort aus dem Altägyptischen verwenden. Denn Oasen gab es weder bei den Griechen, die das Wort aus dem Ägyptischen übernahmen, noch bei den Römern, die es aus dem Griechischen kopierten, noch bei allen anderen westeuropäischen Völkern, die es aus dem Lateinischen entlehnten. Es gab keine Oasen und damit keine Notwendigkeit für ein Wort dafür. Man übernahm also einfach direkt das ägyptische Wort.

Konsonantengewirr

Da alle altägyptischen Schriften bis in die christliche Zeit reine Konsonantenschriften waren, lässt sich nicht mehr genau sagen, wie die Ägypter ihre Oase ausgesprochen haben. Die geschriebenen Konsonanten waren jedenfalls wḥ3.t. Hierbei handelt es sich um eine wissenschaftliche Transkription, die versucht, die einzelnen Laute möglichst präzise abzubilden. Ägyptologinnen und Ägyptologen können mit diesem Buchstabengewirr tatsächlich etwas anfangen. Die Schulaussprache für dieses Wort würde „uchat“ lauten, auch wenn wir uns ziemlich sicher sein können, dass es im Ägyptischen anders vokalisiert war. Wir wissen eben nur nicht wie und behelfen uns deshalb mit Ausspracheregelungen, auf die sich die moderne Wissenschaft geeinigt hat. Eine Sprache mit einer Konsonantenschrift, bei der die native speakers ausgestorben sind, ist wissenschaftlich betrachtet leider etwas blöd.

Was wir dagegen sicher wissen, ist dass im Koptischen, also der spätesten Sprachstufe des Altägyptischen und der einzigen mit Vokalen, das Wort ouahé lautete. 

Vom Kochgerät zur Landschaft

wḥ3.t bedeutet auf Ägyptisch aber nicht nur „Oase“, sondern auch „Kessel“. Denn Oasen sind meistens annähernd rund und liegen immer etwas tiefer als das sie umgebende Ödland. Von oben betrachtet, sieht eine Oase also tatsächlich wie ein Kessel aus.

Nach Europa kam die Oase über das Griechische. Hier zeigt sich dasselbe Problem, das wir auch bei altägyptischen Eigennamen im Griechischen finden: Die ägyptische Sprache lässt sich mit griechischen Buchstaben nur sehr unzureichend wiedergeben. Denn das Ägyptische hat eine Reihe von Lauten, die es im Griechischen nicht gibt und für die es deshalb auch keinen Buchstaben gibt. Dass man im Deutschen die chinesische Hauptstadt mal Peking, mal Beijing schreibt, ist übrigens dasselbe Phänomen: Chinesisch hat Laute, für die Deutsch keine Zeichen hat. Die Wiedergabe funktioniert nur annähernd. So konnten auch die Griechen ägyptische Wörter nur näherungsweise übertragen und aus wḥ3.t bzw. ouahé wurde óasis. Das konnten Griechen wenigstens aussprechen.

Aus dem Griechischen kam óasis auch als Fremdwort ins Lateinische. Von dort verteilte es sich in viele moderne Sprachen, die bis dahin weder das Phänomen noch das Wort kannten. So hat das altägyptische Wort für „Kessel“ tatsächlich in der deutschen Sprache bis heute überlebt. Auch heute assoziieren wir mit einer Oase noch einen idyllischen Ort, der von Ödland umgeben ist, auch im übertragenen Sinn. Nun gibt es in Europa weder Wüsten noch Oasen, aber man hat sehr wohl verstanden, warum eine Oase für Menschen in Nordafrika etwas Tolles ist. Und so ist der Begriff bei uns bis heute positiv besetzt. 

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