Pensum – Fremdwort der Woche

Diesen Blog jede Woche mit einem neuen Fremdwort zu füttern, das ist ein ganz schönes Pensum. Dazu jede Woche ein Video, Podcasts und Insta-Postings… ja, zugegeben: Das summiert sich schon alles irgendwie. Aber zum Glück können wir uns die Arbeit ja einteilen und müssen nicht alles auf einmal erledigen. Ein „Pensum“ sollte ausgewogen sein – eigentlich ganz wörtlich.

Wenn Dinge über einem hängen

Denn der Begriff stammt ursprünglich aus einem Bereich, mit dem man vielleicht nicht rechnen würde. „Pensum“ ist das lateinische Partizip zu „pendere“ („hängen“ oder „aufhängen“). Ein „Pensum“ ist also etwas Aufgehängtes. 

Gut, bei einem Pensum an Aufgaben kann man schon das Gefühl haben, dass sie irgendwie bedrohlich über einem hängen. Man hat sie die ganze Zeit im Hinterkopf, kann sich gar nicht richtig entspannen und möchte sie einfach „erledigt haben“. 

Diese metaphorische Bedeutung ist aber nicht der Ursprung des Begriffs. Er stammt aus einem ganz praktischen und alltäglichen Bereich – der für uns heute aber gar nicht mehr so alltäglich ist, nämlich dem Spinnen.

Nein, mit „Spinnen“ ist hier nicht die Angst gemeint, aus einem Helikopter per Sprühnebel zwangsgeimpft zu werden. Es geht wirklich um die Verarbeitung von Rohwolle (oder ggf. auch anderen Naturstoffen) zu Fäden. Das erledigen heute normalerweise Maschinen, aber in früheren Epochen, bis in die Neuzeit hinein, war das Handarbeit. 

Textilproduktion war Handarbeit

Man kann sich vorstellen, dass das Spinnen eine recht zeitaufwendige Tätigkeit ist. Letztlich muss ja eine ganze Menge Woll- oder Garnfäden hergestellt werden, um daraus im nächsten Schritt Kleidung herstellen zu können. Daher ist es kein Wunder, dass das Spinnen in der Antike (aber auch in späteren Epochen) eine weit verbreitete Tätigkeit war. 

Ein kurzer Abstecher dazu: In der griechischen Mythologie gibt es die drei Moiren (Schicksalsgöttinnen), die unter anderem den Lebensfaden spinnen – und auch am Ende abschneiden. Es kommt nicht von ungefähr, dass ausgerechnet eine uns so fremd gewordene Tätigkeit wie das Spinnen einen so bedeutenden Platz in der Mythologie eingenommen hat. 

Und dieses Spinnen erledigten in einem antiken Haushalt nicht selten Sklavinnen, die damit dann auch eine ganze Weile beschäftigt waren. Und wie immer, wenn man Arbeit möglichst ökonomisch organisieren will, teilte man eine bestimmte Menge Wolle (bestenfalls) auf mehrere Sklavinnen auf. 

Da Wolle aber nun mal ein Material ist, das sich schwer mit einem Lineal vermessen lässt, wurde sie natürlich abgewogen. Waagen sahen in der Antike aber noch etwas anders aus als die Dinger mit der Digitalanzeige, die wir heute in der Küche haben und bei denen wir uns dauernd darüber ärgern, dass die Batterie wieder mal leer ist. 

Wie man in der Antike Sachen abwog

Die einfachste Form einer Waage sind zwei Schalen oder Gefäße, die an einem frei schwingenden Balken hängen. In die eine Waagschale kommt das abzuwiegende Gut (in diesem Fall die Wolle), in die andere die Gegengewichte. Beide Schalen hängen frei (lateinisch pendere). Da sind wir nun also endlich fast bei unserem Fremdwort angekommen. 

Indem man nun Gegengewichte zufügt (oder wieder entfernt), bringt man beide Schalen ins Gleichgewicht. Und dieses Gewicht kann man an den gekennzeichneten Gegengewichten ablesen. 

Die Menge, die man durch Aufhängen und Austarieren abgemessen hatte, war das Pensum, das eine Sklavin zu erledigen hatte. Dementsprechend hat das lateinische Wort „pensum“ auch die Bedeutung „abgewogen“ oder „zugeteilt“.

Ausgewogen oder nicht?

Und in dieser Bedeutung verwenden wir es noch heute. Ein Pensum ist ein eingeteiltes Stück Arbeit oder eine Liste an Aufgaben, die innerhalb einer bestimmten Zeit erledigt werden müssen oder sollen. 

Allerdings denken die wenigsten von uns dabei ans Spinnen. Überhaupt findet man den Begriff eher selten im handwerklichen Bereich. Man spricht kaum von einem Pensum an Steinen, die abtransportiert werden müssen, oder von einem Pensum an Holz, das gehackt werden soll. 

Meistens geht es bei einem Pensum heute eher um Aufgaben in einem Bürojob. Oder auch um kognitive Aufgaben, wie das berühmt-berüchtigte Lernpensum. Aber gerade da schließt sich dann doch wieder irgendwie der Kreis, denn so was hängt ja gern wie eine graue Gewitterwolke über dem eigenen Kopf. Schlechtes Gewissen inklusive. 

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