radikal – Fremdwort der Woche

„Radikal“ ist so eins von den Wörtern, das wir vielleicht auch zu oft verwenden, um zu sagen, dass wir etwas sehr krass finden. Es hat aber außerdem auch ganz schön viele unterschiedliche Bedeutungen. Im menschlichen Körper schwimmen „freie Radikale“ rum. In der Mathematik erhält sie, wenn man die Wurzel zieht. Und nicht zuletzt bestehen hebräische Wörter aus Radikalen. Die werfen aber selten mit Steinen auf Polizist*innen oder laufen in Springerstiefeln durch die Gegend. 

Ein vielseitiger Ursprung

Auch wenn man es kaum glaubt: Alle diese Bedeutungen lassen sich eigentlich leicht erklären. Das Wort „radikal“ stammt vom lateinischen „radix“, was so viel bedeutet wie „Wurzel“. Übrigens kommt daher auch das „Radieschen“. Das ist so was wie „eine kleine Wurzel“. Etwas, was „radikal“ ist, bedeutet also erst mal „etwas, das eine Wurzel betrifft“ oder „bis auf die Wurzel geht“. 

So kann man schon mal ziemlich schnell die mathematische Bedeutung abfrühstücken. Wenn ich aus einer Zahl die Wurzel ziehe (das nennen wir ja sogar auf Deutsch so), dann kommt eben logischerweise die „Wurzel“ dabei raus, lateinisch ein „Radikal“. Und hebräische Wörter bestehen (meist) aus drei Konsonanten, die man auch „Wurzelkonsonanten“ nennt. Auch hier: „Radikal“ ist nur die lateinische Variante davon. 

Schwieriger wird es da schon mit den „freien Radikalen“ in der Biologie oder überhaupt mit den „Radikalen“ in der Chemie. Dabei handelt es sich, vereinfacht gesprochen, um besondere Arten von Molekülen. Die sind besonders reaktionsfreudig, weil sie „unvollständig“ sind. Sie bilden sozusagen den Kern oder die „Wurzel“ für andere Molekülketten. Die Chemiker*innen unter euch möchte ich an der Stelle um Verzeihung für diese starke Vereinfachung bitten. Aber hier mit „ungepaarten Valenzelektronen“ und so um die Ecke zu kommen, ist leider etwas drüber. 

Radikale in der Politik

So weit, so gut. Das lässt sich alles eigentlich noch recht einfach erklären. Tatsächlich ist die häufigste Verwendung des Worts „radikal“ die, bei der man noch am ehesten ein bisschen um die Ecke denken muss. Meistens meinen wir damit Ansichten, die wir als extrem empfinden. Auch Personen, die diese Ansichten vertreten oder dafür eintreten, können als „radikal“ bezeichnet werden. Und meistens ist die Bezeichnung negativ gemeint. Wir lehnen „radikale Absichten“ ab oder „distanzieren uns in aller Deutlichkeit“ davon. 

Dabei ist das von der Wortbedeutung her nicht nötig, zumindest nicht unbedingt. Mit dem Wort „radikal“ sagt man aus, dass sich Personen sehr tief (eben „bis zur Wurzel“) in eine Ideologie oder ein Gedankengebäude eingegraben haben. Das kann grundsätzlich auch harmlos oder sogar erwünscht sein, zum Beispiel wenn man radikal für die Verwirklichung von Menschenrechten eintritt. 

Alles subjektiv?

Natürlich ist die Einschätzung subjektiv, ab wann man davon sprechen kann, dass eine Ansicht oder eine Person „radikal“ ist. Und die eigene Perspektive hat bei der Beurteilung auch eine große Bedeutung. Für manche FDP-Wähler*innen mögen einige Ansichten innerhalb der SPD beispielsweise „radikal“ sein. Ein*e Wähler*in der Linken sieht das aber vermutlich wiederum ganz anders und empfindet manche Ansichten innerhalb der SPD überhaupt nicht als radikal, sondern im Gegenteil als nicht weitgehend genug. Das alles gilt umgekehrt natürlich genauso.

Aber Radikalität hat – ganz objektiv betrachtet – sicherlich zwei entscheidende Fallstricke: Sie macht unter Umständen blind dafür, Probleme lösungsorientiert anzugehen. Und in nicht wenigen Fällen geht Radikalität leider auch mit Gewaltbereitschaft einher. Und insbesondere Letzteres ist für den gesellschaftlichen Frieden gefährlich. Diese Art von Radikalität brauchen wir wirklich nicht. 

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